Nur wer nicht in der Zeit, sondern in
der Gegenwart lebt, ist glücklich.
Ludwig Wittgenstein
Wir
sind in diesem Buch von einer nüchternen Analyse der
Wertigkeit von erlebter Zeit im Verhältnis zu anderen
Werten unserer westlichen Kultur ausgegangen (1. Kapitel).
Wir haben dabei festgestellt, dass in unserer Lebenspraxis
der erlebten Zeit nicht immer der Stellenwert zukommt, der
ihr eigentlich gebührt: Nur zu oft drängen sich
unhinterfragt andere Werte in den Vordergrund, obwohl doch
unsere Lebenszeit eines unserer wichtigsten, wenn nicht
das wichtigste Gut ist. Sodann haben wir auf abstrakter
und konkreter Ebene Methoden untersucht, mit denen der erlebten
Lebenszeit eine zentralere Bedeutung eingeräumt werden
kann (2. und 3. Kapitel). Dabei sind wir stets von einem
einfachen, materialistischen Zeitverständnis ausgegangen,
demzufolge wir "Zeit haben" und die erlebte Lebenszeit
durch intensivere Zeitwahrnehmung "vermehren" können.
Im 4. Kapitel haben wir kurz Folgen und Erweiterungsformen
einer intensiveren Zeitwahrnehmung beleuchtet, um sodann
im 5. Kapitel unter Rückgriff auf Theorien und Schilderungen
anderer Autoren darzulegen, dass
-
einerseits die Idee intensiver Zeitwahrnehmung mindestens
seit einigen Jahrhunderten existiert;
-
andererseits ein Spektrum alternativer Zeit- und Zeitwahrnehmungskonzepte
existiert, in denen der intensiven Wahrnehmung des Jetzt
auch eine Schlüsselrolle für einen anderen,
möglicherweise umfassenderen Zugang zu unserer
Welt zukommt.
Dieses letzte, etwas theoretische Kapitel mag Ihnen folgende
Gewissheit geben: Sollten Sie manchmal bei sich eine extreme
Streckung der erlebten Zeit beobachten, besteht kein Anlass
zur Beunruhigung. Denn wie insbesondere die aufgeführten
Quellen belegen, wären Sie damit in bester Gesellschaft.
Auch ist nicht ausgemacht, ob diese auch wissenschaftlich
erforschte
andere Zeitwahrnehmung nicht ihre Vorteile oder sogar Berechtigung
hat. Ganz abgesehen davon geht die gegenwärtige wissenschaftliche
Diskussion über Zeit derart wild in alle Richtungen
,
dass die im 5. Kapitel wiedergegebenen alternativen subjektiven
Zugänge zum Phänomen Zeit nachgerade konventionell
erscheinen.
Trotzdem empfehle ich Ihnen, nun zu dem eher handfesten
und materialistischen Zeitverständnis der ersten drei
Kapitel zurückzukehren. Denn nur auf einer (relativ)
festen Grundlage für die Beurteilung von Fortschritten
kann die Zeitwahrnehmung intensiviert werden. Nur so werden
Sie ein Mehr an erlebter Lebenszeit erfahren und einen besseren
Zugang zur Zeit bekommen. Darauf kommt es an.
Zeit ist nicht die Hauptsache. Sie ist
das einzige.
Miles Davis, zitiert nach DIE ZEIT
7.5.98 S.39