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  06.02.2012   
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Nur wer nicht in der Zeit, sondern in der Gegenwart lebt, ist glücklich.
Ludwig Wittgenstein

Wir sind in diesem Buch von einer nüchternen Analyse der Wertigkeit von erlebter Zeit im Verhältnis zu anderen Werten unserer westlichen Kultur ausgegangen (1. Kapitel). Wir haben dabei festgestellt, dass in unserer Lebenspraxis der erlebten Zeit nicht immer der Stellenwert zukommt, der ihr eigentlich gebührt: Nur zu oft drängen sich unhinterfragt andere Werte in den Vordergrund, obwohl doch unsere Lebenszeit eines unserer wichtigsten, wenn nicht das wichtigste Gut ist. Sodann haben wir auf abstrakter und konkreter Ebene Methoden untersucht, mit denen der erlebten Lebenszeit eine zentralere Bedeutung eingeräumt werden kann (2. und 3. Kapitel). Dabei sind wir stets von einem einfachen, materialistischen Zeitverständnis ausgegangen, demzufolge wir "Zeit haben" und die erlebte Lebenszeit durch intensivere Zeitwahrnehmung "vermehren" können.

Im 4. Kapitel haben wir kurz Folgen und Erweiterungsformen einer intensiveren Zeitwahrnehmung beleuchtet, um sodann im 5. Kapitel unter Rückgriff auf Theorien und Schilderungen anderer Autoren darzulegen, dass

  • einerseits die Idee intensiver Zeitwahrnehmung mindestens seit einigen Jahrhunderten existiert;

  • andererseits ein Spektrum alternativer Zeit- und Zeitwahrnehmungskonzepte existiert, in denen der intensiven Wahrnehmung des Jetzt auch eine Schlüsselrolle für einen anderen, möglicherweise umfassenderen Zugang zu unserer Welt zukommt.

Dieses letzte, etwas theoretische Kapitel mag Ihnen folgende Gewissheit geben: Sollten Sie manchmal bei sich eine extreme Streckung der erlebten Zeit beobachten, besteht kein Anlass zur Beunruhigung. Denn wie insbesondere die aufgeführten Quellen belegen, wären Sie damit in bester Gesellschaft. Auch ist nicht ausgemacht, ob diese auch wissenschaftlich erforschte [47] andere Zeitwahrnehmung nicht ihre Vorteile oder sogar Berechtigung hat. Ganz abgesehen davon geht die gegenwärtige wissenschaftliche Diskussion über Zeit derart wild in alle Richtungen [48], dass die im 5. Kapitel wiedergegebenen alternativen subjektiven Zugänge zum Phänomen Zeit nachgerade konventionell erscheinen.

Trotzdem empfehle ich Ihnen, nun zu dem eher handfesten und materialistischen Zeitverständnis der ersten drei Kapitel zurückzukehren. Denn nur auf einer (relativ) festen Grundlage für die Beurteilung von Fortschritten kann die Zeitwahrnehmung intensiviert werden. Nur so werden Sie ein Mehr an erlebter Lebenszeit erfahren und einen besseren Zugang zur Zeit bekommen. Darauf kommt es an.

Zeit ist nicht die Hauptsache. Sie ist das einzige.
Miles Davis, zitiert nach DIE ZEIT 7.5.98 S.39

 


[47] Einige Quellen zu dieser Forschung finden sich z.B. bei Hartmut Kasten, Wie die Zeit vergeht - Zeitbewusstsein in Alltag und Lebenslauf, Primus Verlag, Darmstadt 2001, ISBN 3-89678-403-X, S. 173ff.

[48] Man spricht u.a. von Zeittunneln und -löchern.

 

 
 

Aktualisiert am: 16.07.2008
 
         
 

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