VI. Buddhistisches Zeitverständnis
für den Okzident umformuliert
Das ist freilich Spekulation, die den hier gesetzten
Rahmen sprengt. Für diejenigen unter Ihnen, die gleichwohl
in diese Richtung weiter forschen wollen, noch ein Hinweis
auf einen ungewöhnlichen und in seiner Begrifflichkeit
leider schwer zugänglichen Zeitforscher: Tarthang
Tulku, einer der nach der Einverleibung Tibets durch China
in den Westen emigrierten Linienhalter der ältesten
tibetischen Überlieferungstradition des Buddhismus,
verbrachte mehrere Jahrzehnte mit der Erforschung von
Grundlagen und Zusammenhängen zwischen Zeit, Raum
und Wissen, wobei er diesen Begriffen bei näherem
Hinsehen eine buddhistisch eingefärbte Bedeutung
zuschreibt. Mehrere auf Englisch erschienene Bücher
tragen denn auch in wechselnder Zusammensetzung diese
drei Begriffe im Titel. Hier sei kurz vorgestellt: Knowledge
of Time and Space .
Tarthang Tulku teilt unsere Ausgangsdiagnose, dass wir
in unserer Kultur trotz nominell längerer Lebensdauer
durch die anhaltende Beschleunigung einen ständigen
Mangel an Zeit erfahren (28). Dies mache unzufrieden und
führe dazu, dass in unserer Wahrnehmung die Zeit
gegen uns arbeite (28). Dies wiederum sei das Ergebnis
eines falschen Verständnisses, welches Zeit als linear
ausgerichtet und starr ansieht (29f). Dem setzt Tarthang
Tulku die Vision eines direkten, unmittelbaren Zugangs
zur Zeit entgegen.
Wie für westliche Autoren auch, entsteht für
Tarthang Tulku das Wissen um Zeit in der Zeit selbst (13).
Die Wahrnehmung von Zeit als Kontinuum erfolge üblicherweise
aus der Perspektive eines "Außenstehenden"
(13) und setzte irrigerweise (25) ein feststehendes Ich
voraus (15). Unsere Fähigkeit, das Sich-Entfalten
von Zeit wahrzunehmen, sei durch unsere Phantasie begrenzt
(16). Als Beleg dafür stellt er die Frage (16): Können
wir uns den Ablauf eines Jahrhunderts vorstellen? Daran
schließt er die Folgerung an, dass es denkbar ist,
dass Äonen nur als Momente wahrgenommen werden (16).
Aus dieser Perspektive mache die Unterscheidung zwischen
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wenig Sinn: alle
Ereignisse, Formen, Gedanken und Gefühle seien gleichermaßen
zugänglich. In Fortführung dieses Gedankenexperiments
kommt Tarthang Tulku zu dem hypothetischen Zwischen-Schluss,
dass alle Zeiten in dem gegenwärtigen Moment enthalten
seien (18). Dieses Zwischenergebnis hält er noch
für zu sehr an konventionelle Vorstellungen gebunden
(18).
Der Zugang zu einem alternativen Zeitverständnis
setze die Aufgabe der Fiktion eines feststehenden Ichs
als Außenstehendem voraus (38ff). In diesem alternativen
Zeitverständnis sei Zeit etwas Dynamisches, Bewegtes
(44ff) .
Um sich dieses Verständnis von Zeit zu erschließen,
sei eine andere Sprache von Nöten (52), die die Selbstbezüglichkeit
üblicher sprachlicher Systeme hinter sich lässt
(53). Sprache solle dabei benutzt werden, ohne sich an
die Grenzen der Sprache zu binden (54). Tarthang Tulku
befürwortet eine "einfache Wahrnehmung / Wertschätzung
(appreciation) von Zeit und ihren Erscheinungsformen,
frei von Bedürfnissen" als Ausdruck von Weisheit
und Wissen um eine dynamische Zeit .
Er beendet diese Heranführung an ein alternatives
Zeitverständnis mit einem Plädoyer für
eine engere Tuchfühlung zwischen Bewusstsein und
Zeit: "Wenn Bewusstsein und der Rhythmus der Zeit enger
miteinander kommunizieren, wird der Geist schneller und
wacher – oder aber die Bewegung (der Zeit) wird
langsamer. Diese beiden Prozesse sind komplementär,
ja sogar ununterscheidbar" .
Fast scheint es, als hätte Tarthang Tulku mit diesen
Sätzen das Programm für Teile dieses Buches
beschrieben.