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  09.09.2010   
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VI. Buddhistisches Zeitverständnis für den Okzident umformuliert

Das ist freilich Spekulation, die den hier gesetzten Rahmen sprengt. Für diejenigen unter Ihnen, die gleichwohl in diese Richtung weiter forschen wollen, noch ein Hinweis auf einen ungewöhnlichen und in seiner Begrifflichkeit leider schwer zugänglichen Zeitforscher: Tarthang Tulku, einer der nach der Einverleibung Tibets durch China in den Westen emigrierten Linienhalter der ältesten tibetischen Überlieferungstradition des Buddhismus, verbrachte mehrere Jahrzehnte mit der Erforschung von Grundlagen und Zusammenhängen zwischen Zeit, Raum und Wissen, wobei er diesen Begriffen bei näherem Hinsehen eine buddhistisch eingefärbte Bedeutung zuschreibt. Mehrere auf Englisch erschienene Bücher tragen denn auch in wechselnder Zusammensetzung diese drei Begriffe im Titel. Hier sei kurz vorgestellt: Knowledge of Time and Space [43].

Tarthang Tulku teilt unsere Ausgangsdiagnose, dass wir in unserer Kultur trotz nominell längerer Lebensdauer durch die anhaltende Beschleunigung einen ständigen Mangel an Zeit erfahren (28). Dies mache unzufrieden und führe dazu, dass in unserer Wahrnehmung die Zeit gegen uns arbeite (28). Dies wiederum sei das Ergebnis eines falschen Verständnisses, welches Zeit als linear ausgerichtet und starr ansieht (29f). Dem setzt Tarthang Tulku die Vision eines direkten, unmittelbaren Zugangs zur Zeit entgegen.

Wie für westliche Autoren auch, entsteht für Tarthang Tulku das Wissen um Zeit in der Zeit selbst (13). Die Wahrnehmung von Zeit als Kontinuum erfolge üblicherweise aus der Perspektive eines "Außenstehenden" (13) und setzte irrigerweise (25) ein feststehendes Ich voraus (15). Unsere Fähigkeit, das Sich-Entfalten von Zeit wahrzunehmen, sei durch unsere Phantasie begrenzt (16). Als Beleg dafür stellt er die Frage (16): Können wir uns den Ablauf eines Jahrhunderts vorstellen? Daran schließt er die Folgerung an, dass es denkbar ist, dass Äonen nur als Momente wahrgenommen werden (16). Aus dieser Perspektive mache die Unterscheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wenig Sinn: alle Ereignisse, Formen, Gedanken und Gefühle seien gleichermaßen zugänglich. In Fortführung dieses Gedankenexperiments kommt Tarthang Tulku zu dem hypothetischen Zwischen-Schluss, dass alle Zeiten in dem gegenwärtigen Moment enthalten seien (18). Dieses Zwischenergebnis hält er noch für zu sehr an konventionelle Vorstellungen gebunden (18).

Der Zugang zu einem alternativen Zeitverständnis setze die Aufgabe der Fiktion eines feststehenden Ichs als Außenstehendem voraus (38ff). In diesem alternativen Zeitverständnis sei Zeit etwas Dynamisches, Bewegtes (44ff) [44]. Um sich dieses Verständnis von Zeit zu erschließen, sei eine andere Sprache von Nöten (52), die die Selbstbezüglichkeit üblicher sprachlicher Systeme hinter sich lässt (53). Sprache solle dabei benutzt werden, ohne sich an die Grenzen der Sprache zu binden (54). Tarthang Tulku befürwortet eine "einfache Wahrnehmung / Wertschätzung (appreciation) von Zeit und ihren Erscheinungsformen, frei von Bedürfnissen" als Ausdruck von Weisheit und Wissen um eine dynamische Zeit [45].

Er beendet diese Heranführung an ein alternatives Zeitverständnis mit einem Plädoyer für eine engere Tuchfühlung zwischen Bewusstsein und Zeit: "Wenn Bewusstsein und der Rhythmus der Zeit enger miteinander kommunizieren, wird der Geist schneller und wacher – oder aber die Bewegung (der Zeit) wird langsamer. Diese beiden Prozesse sind komplementär, ja sogar ununterscheidbar" [46]. Fast scheint es, als hätte Tarthang Tulku mit diesen Sätzen das Programm für Teile dieses Buches beschrieben.

 


[43] Dharma Press, Oakland 1990, ISBN 0-89800-205-2; 0-89899-206-0.

[44] Dieser Zeitbegriff ist vielleicht dem westlichen Begriff des Logos nicht unähnlich, wie auch die Verwendung dieses Begriffs an anderer Stelle (56) nahe legt.

[45] "Simple appreciation for time and its presentations, free from the demands of need, is itself knowledge." (58)

[46] "As awareness and time's rhythm enter into more intimate communication, the mind becomes quicker and more alert, or else momentum slows down - the two processes are complementary, even indistinguishable." (61)

 

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Aktualisiert am: 16.07.2008
 
         
 

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