V. Gibt es überhaupt drei Zeiten?
Wir sprechen üblicherweise von den "drei Zeiten"
Verhangenheit, Gegenwart und Zukunft. Können wir
das unhinterfragt tun? Schon der phänomenologische
Philosoph Husserl habe, so Manfred Sommer in Lebenswelt
und Zeitbewusstsein ,
auf der Suche nach der "Urempfindung" genannten
unmittelbaren Gegenwartserfahrung folgendes unfreiwillig
nachgewiesen: Es gibt keine echte Wahrnehmung von Gegenwart,
sondern nur Erinnerung an mehr oder weniger entfernte
Ereignisse; dies gelte jedenfalls dann, wenn sich das
Bewusstsein nicht "in ein Gewühl von sinnlosen
Empfindungen, ... ein so sinnloses Gewühl, dass es
kein Ich gibt und kein Du gibt und dass es keine physische
Welt gibt" (S. 162) auflösen soll. Die sich
an dieses Husserl-Zitat anschließenden Überlegungen
von Sommer sind bemerkenswert, bewerten sie doch als negativ
oder illusionär, was man auch als Ideal einer intensiven
Zeitwahrnehmung - oder gar eines meditativen Idealzustands?
- verstehen kann: "Die Urempfindung ist ein Erlebnis,
das sich selbst zerstört; deshalb erleben wir sie
nicht. Der Jetzt-Punkt enthält zwar eine Art Such-Anweisung:
gesucht ist diejenige Empfindung, die einerseits nicht
mehr protentional bloß erwartet, andererseits aber
noch nicht retentional schon erinnert wird; gesucht wird
der absolute Augenblick, das rein präsentische Erlebnis."
Weiter heißt es: "Im Jetzt, bildhaft als Punkt
vorgestellt, berühren sich die Strukturen von Protention
und Retention: es ist eine formale synthetische Größe;
es ist in sich selbst zeitlich und selbst in der Zeit;
es ist als kontinuitätssichernde Grenze das Sowohl-als-Auch
von Protention und Retention. Ganz anders die Urempfindung
oder Urimpression. Sie sei, wo sie erlebt werde, jenes
Plötzliche, das amorph und intentionsfrei aufblitzt;
sie sei ein weder retentional noch protentional geformtes
Erlebnis: Für dieses Weder-Noch aber gibt es im Bewusstsein
keinen Ort: der reine Augenblick ist ein Atopon."
Was aber nun, wenn es die "Urempfindung" doch
gäbe und sie bloß - insofern hätte Sommer
auf alle Fälle Recht - jede Vorstellung von Zeit
und Raum aufhöbe? Was Sommer beschreibt, ist Beschreibungen
mystischer Erfahrungen in verschiedensten Kulturen (des
christlichen Mittelalters, der islamischen Sufi-Tradition,
des Buddhismus )
sowie zahlreichen Protokollen über Nahtoderfahrungen
ähnlich. Diese Parallelität wird ausführlich
durch eine Studie des Theologen M. von Brück belegt
.
Diese mystischen Erfahrungen waren immer nur Minderheiten
zugänglich. Gleichwohl kann man ihnen als subjektive
Empfindung schwerlich jegliche Realität absprechen;
denn dazu ist die Ähnlichkeit der Beschreibungen
zu groß. Wenn dem aber so ist, könnte es dann
nicht einfach sein, dass es zwei (oder mehr) verschiedene
Grundeinstellungen menschlichen Empfindens gibt? Und dass
diese vielleicht auch verschiedene Evolutionsvorteile
in sich bergen, so dass sie beide sinnvoll nebeneinander
existieren können? Und könnte es nicht sein,
dass sich durch diese andere, vielleicht sogar historisch
ältere Grundeinstellung menschlichen Empfindens das
eine oder andere erschließt, was mit dem "Normalmodus"
nicht zu verstehen ist, so vielleicht auch die tiefere
Struktur der Zeit?