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  09.09.2010   
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V. Gibt es überhaupt drei Zeiten?

Wir sprechen üblicherweise von den "drei Zeiten" Verhangenheit, Gegenwart und Zukunft. Können wir das unhinterfragt tun? Schon der phänomenologische Philosoph Husserl habe, so Manfred Sommer in Lebenswelt und Zeitbewusstsein [39], auf der Suche nach der "Urempfindung" genannten unmittelbaren Gegenwartserfahrung folgendes unfreiwillig nachgewiesen: Es gibt keine echte Wahrnehmung von Gegenwart, sondern nur Erinnerung an mehr oder weniger entfernte Ereignisse; dies gelte jedenfalls dann, wenn sich das Bewusstsein nicht "in ein Gewühl von sinnlosen Empfindungen, ... ein so sinnloses Gewühl, dass es kein Ich gibt und kein Du gibt und dass es keine physische Welt gibt" (S. 162) auflösen soll. Die sich an dieses Husserl-Zitat anschließenden Überlegungen von Sommer sind bemerkenswert, bewerten sie doch als negativ oder illusionär, was man auch als Ideal einer intensiven Zeitwahrnehmung - oder gar eines meditativen Idealzustands? - verstehen kann: "Die Urempfindung ist ein Erlebnis, das sich selbst zerstört; deshalb erleben wir sie nicht. Der Jetzt-Punkt enthält zwar eine Art Such-Anweisung: gesucht ist diejenige Empfindung, die einerseits nicht mehr protentional bloß erwartet, andererseits aber noch nicht retentional schon erinnert wird; gesucht wird der absolute Augenblick, das rein präsentische Erlebnis." Weiter heißt es: "Im Jetzt, bildhaft als Punkt vorgestellt, berühren sich die Strukturen von Protention und Retention: es ist eine formale synthetische Größe; es ist in sich selbst zeitlich und selbst in der Zeit; es ist als kontinuitätssichernde Grenze das Sowohl-als-Auch von Protention und Retention. Ganz anders die Urempfindung oder Urimpression. Sie sei, wo sie erlebt werde, jenes Plötzliche, das amorph und intentionsfrei aufblitzt; sie sei ein weder retentional noch protentional geformtes Erlebnis: Für dieses Weder-Noch aber gibt es im Bewusstsein keinen Ort: der reine Augenblick ist ein Atopon." Was aber nun, wenn es die "Urempfindung" doch gäbe und sie bloß - insofern hätte Sommer auf alle Fälle Recht - jede Vorstellung von Zeit und Raum aufhöbe? Was Sommer beschreibt, ist Beschreibungen mystischer Erfahrungen in verschiedensten Kulturen (des christlichen Mittelalters, der islamischen Sufi-Tradition, des Buddhismus [40]) sowie zahlreichen Protokollen über Nahtoderfahrungen [41] ähnlich. Diese Parallelität wird ausführlich durch eine Studie des Theologen M. von Brück belegt [42]. Diese mystischen Erfahrungen waren immer nur Minderheiten zugänglich. Gleichwohl kann man ihnen als subjektive Empfindung schwerlich jegliche Realität absprechen; denn dazu ist die Ähnlichkeit der Beschreibungen zu groß. Wenn dem aber so ist, könnte es dann nicht einfach sein, dass es zwei (oder mehr) verschiedene Grundeinstellungen menschlichen Empfindens gibt? Und dass diese vielleicht auch verschiedene Evolutionsvorteile in sich bergen, so dass sie beide sinnvoll nebeneinander existieren können? Und könnte es nicht sein, dass sich durch diese andere, vielleicht sogar historisch ältere Grundeinstellung menschlichen Empfindens das eine oder andere erschließt, was mit dem "Normalmodus" nicht zu verstehen ist, so vielleicht auch die tiefere Struktur der Zeit?

 


[39] Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1990, S. 155ff.

[40] Vgl. z.B.: Jacques Brosse, Zen et Occident, Albin Michel Paris 1992 und 1999, ISBN 2-226-10729-0:
S. 64: "L'instant par excellence, sans passé ni avenir, qui échappe totalement au temps est celui de l'éveil. A partir de cet instant-là…, le délivré demeure dans l'éternel Présent. Il est en permanence "ici et maintenant"; il peut donc "… chaque instant se situer dans l'initiative de l'acte sans l'achever ni se l'approprier."
S. 103: "L'éveil est en dehors de l'espace et du temps. Il abolit l'espace-temps."

[41] Vgl. www.nahtod.de/magister

[42] Wo endet Zeit? Erfahrungen zeitloser Gleichzeitigkeit in der Mystik der Weltreligionen. In: Weiss, K. (Hrsg.), Was ist Zeit? Zeit und Verantwortung in Wissenschaft, Technik und Religion. Band 6 der Reihe "Faktum" der TU München, München 1994

 

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Aktualisiert am: 16.07.2008
 
         
 

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