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  09.09.2010   
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III. Je weniger Ich, desto mehr Zeitbewusstsein. Wer aber dekonstruiert das Ich?

Eine intensivere Zeitwahrnehmung wird, wie in den vorherigen Kapiteln ausgeführt, dadurch erleichtert, dass man sich weniger Sorgen um die eigene Zukunft macht. Weniger Sorgen um die eigene Zukunft können sich vor allem diejenigen Menschen machen, die nicht daran glauben, dass sie in Zukunft derselbe Mensch sind. Anzunehmen, dass man in der Zukunft nicht derselbe Mensch wie jetzt ist, erscheint auf den ersten Blick sonderbar: Haben wir doch trotz aller Alterungsprozesse, der ständigen Veränderung unserer Interessen und einzelner Gedanken durch unsere Kultur vermittelt bekommen, dass wir eine im Kern gleichbleibende Persönlichkeit haben. Indessen hat vielleicht auch die Gegenansicht eine gewisse Berechtigung und Legitimität. Denjenigen Lesern, die dies überprüfen möchten, sei das Buch Reasons and Persons [34] von Derek Parfit empfohlen. Es ist eine intellektuell höchst anspruchsvolle Widerlegung der Grundannahme der Identität von Personen in der Zeit. Daraus leitet Parfit weitreichende Folgen für die ethische - eigennützige oder altruistische - Ausrichtung des eigenen Lebens ab.

Auch Gehirnforscher stellen die für unumstößlich gehaltene Annahme eines festen "Ichs" in Frage [35]. Der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther will einem Zeitungsbericht zufolge nachgewiesen haben, dass das Gehirn sogar ständig neue Zellen schafft, um sich veränderten äußeren Anforderungen anzupassen. Andere Forscher belegen, dass der Hippocampus bei traumatisierten Personen schrumpfe, hingegen bei - ständig ihr räumliches Denken beanspruchenden - Taxifahrern wachse. Was ist angesichts solcher Feststellungen noch ein "Ich"? Für den Bonner Professor für Klinische Neurophysiologie Detlef Linke ist in seinem Buch Das Gehirn [36] das Ich nur eine Funktion: "Die "Ich-Rede" ist nur eine von vielen Softwares, die innerhalb des funktionell dissoziierbaren Gehirnes realisiert werden können" (12). Und wenig später (13): "Das Ich ist nur eine der vielen möglichen kulturellen Realisationen von Kognition im Gehirn." Freilich plädiert Linke für die Aufrechterhaltung des Ich-Konzepts "auf der Software-Ebene" und insbesondere zur Bewahrung geisteswissenschaftlicher Konzepte wie der Menschenrechte (14f).

Linke stützt auch die meinem Buch zu Grunde liegende These, dass Zeit intensiver wahrgenommen wird, wenn sie bewusst gemacht wird: Ausgehend von Narkosefällen, die belegen, dass die rechte Hirnhälfte Zeit langsamer wahrnimmt als die begrifflich arbeitende linke Hirnhälfte (84f), vertritt er die Auffassung, dass "die Beschäftigung mit den stärker von der nichtdominanten (rechten) Hirnhälfte getragenen musischen Funktionen" ... "einen Zeitgewinn mit sich führen" könnte (85). Sodann mutmaßt er, "dass besonders die Reflexion über die Zeit einen Gewinn von erlebter Zeit mit sich führen könnte. In diesem Sinne würde die Hirnforschung die philosophische Lebensweise als etwas auszeichnen, das die Tiefendimension der Zeit besonders erfahren lässt" (85).

Ähnliche Aussagen finden sich zumindest in Ansätzen auch in dem ansonsten wenig ergiebigen Buch der Soziologen Karl H. Hörning, Daniela Ahrens und Anette Gerhard mit dem treffenden Titel Zeitpraktiken [37]. Sie beschreiben (146) und befürworten (166) einen Umgang mit Zeit, der die Zeit selbst als Spielraum und gestaltbare Form und damit nicht mehr als etwas Unveränderliches ansieht. Die Gestaltungsfähigkeit von Zeit hebe ihre eindimensionale, lineare Struktur auf: Nicht nur würden "Rekurrenzen", also Bezugnahmen auf Vergangenes und Zukünftiges möglich; sondern Vergangenheit und Zukunft würden bei dieser Zeitpraxis auch verändert.

 


[34] N.Y. 1984, Oxford University Press, ISBN 0-19-824615-3.

[35] Fast gleiches lässt sich für die Jahrhunderte lang mit Zähnen und Klauen verteidigte Annahme der Willensfreiheit sagen. Dazu nur ein Zitat: "Ich halte sie (die Freiheit) für eine kulturelle Konstruktion. Sie ist, was ihren Einfluss auf unser Verhalten anlangt, ebenso real wie Glaubens- und Wertesysteme. Aber sie ist inkompatibel mit dem, was wir über die Funktion unserer Gehirne gelernt haben. Und dennoch beruht die Vorstellung, frei zu sein, auf Vorgängen im Gehirn. Sie muss sich also irgendwann im Laufe der kulturellen Evolution ausgebildet haben." – vermutlich, weil sie soziale Verantwortung zurechenbar macht, was die Überlebensfähigkeit einer Gemeinschaft steigert, lässt sich in Fortführung der Gedanken des Direktors am Max-Planck-Institut für Gehirnforschung in Frankfurt .a.M. Wolf Singer (DIE ZEIT 7.12.2000, S. 43) vermuten; vgl. auch dessen ausführliches Interview in DER SPIEGEL 1/2001 S. 154ff.

[36] München 1999, C.H.Beck, ISBN 3 406 44721 X

[37] Frankfurt a.M. 1997, Suhrkamp, ISBN 3-518-28935-7

 

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Aktualisiert am: 16.07.2008
 
         
 

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