III. Je weniger Ich, desto
mehr Zeitbewusstsein. Wer aber dekonstruiert das Ich?
Eine intensivere Zeitwahrnehmung wird, wie in den vorherigen
Kapiteln ausgeführt, dadurch erleichtert, dass man
sich weniger Sorgen um die eigene Zukunft macht. Weniger
Sorgen um die eigene Zukunft können sich vor allem
diejenigen Menschen machen, die nicht daran glauben, dass
sie in Zukunft derselbe Mensch sind. Anzunehmen, dass
man in der Zukunft nicht derselbe Mensch wie jetzt ist,
erscheint auf den ersten Blick sonderbar: Haben wir doch
trotz aller Alterungsprozesse, der ständigen Veränderung
unserer Interessen und einzelner Gedanken durch unsere
Kultur vermittelt bekommen, dass wir eine im Kern gleichbleibende
Persönlichkeit haben. Indessen hat vielleicht auch
die Gegenansicht eine gewisse Berechtigung und Legitimität.
Denjenigen Lesern, die dies überprüfen möchten,
sei das Buch Reasons and Persons
von Derek Parfit empfohlen. Es ist eine intellektuell
höchst anspruchsvolle Widerlegung der Grundannahme
der Identität von Personen in der Zeit. Daraus leitet
Parfit weitreichende Folgen für die ethische - eigennützige
oder altruistische - Ausrichtung des eigenen Lebens ab.
Auch Gehirnforscher stellen die für unumstößlich
gehaltene Annahme eines festen "Ichs" in Frage
.
Der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther will
einem Zeitungsbericht zufolge nachgewiesen haben, dass
das Gehirn sogar ständig neue Zellen schafft, um
sich veränderten äußeren Anforderungen
anzupassen. Andere Forscher belegen, dass der Hippocampus
bei traumatisierten Personen schrumpfe, hingegen bei -
ständig ihr räumliches Denken beanspruchenden
- Taxifahrern wachse. Was ist angesichts solcher Feststellungen
noch ein "Ich"? Für den Bonner Professor
für Klinische Neurophysiologie Detlef Linke ist in
seinem Buch Das Gehirn
das Ich nur eine Funktion: "Die "Ich-Rede"
ist nur eine von vielen Softwares, die innerhalb des funktionell
dissoziierbaren Gehirnes realisiert werden können"
(12). Und wenig später (13): "Das Ich ist nur
eine der vielen möglichen kulturellen Realisationen
von Kognition im Gehirn." Freilich plädiert
Linke für die Aufrechterhaltung des Ich-Konzepts
"auf der Software-Ebene" und insbesondere zur
Bewahrung geisteswissenschaftlicher Konzepte wie der Menschenrechte
(14f).
Linke stützt auch die meinem Buch zu Grunde liegende
These, dass Zeit intensiver wahrgenommen wird, wenn sie
bewusst gemacht wird: Ausgehend von Narkosefällen,
die belegen, dass die rechte Hirnhälfte Zeit langsamer
wahrnimmt als die begrifflich arbeitende linke Hirnhälfte
(84f), vertritt er die Auffassung, dass "die Beschäftigung
mit den stärker von der nichtdominanten (rechten)
Hirnhälfte getragenen musischen Funktionen"
... "einen Zeitgewinn mit sich führen"
könnte (85). Sodann mutmaßt er, "dass
besonders die Reflexion über die Zeit einen Gewinn
von erlebter Zeit mit sich führen könnte. In
diesem Sinne würde die Hirnforschung die philosophische
Lebensweise als etwas auszeichnen, das die Tiefendimension
der Zeit besonders erfahren lässt" (85).
Ähnliche Aussagen finden sich zumindest in Ansätzen
auch in dem ansonsten wenig ergiebigen Buch der Soziologen
Karl H. Hörning, Daniela Ahrens und Anette Gerhard
mit dem treffenden Titel Zeitpraktiken .
Sie beschreiben (146) und befürworten (166) einen
Umgang mit Zeit, der die Zeit selbst als Spielraum und
gestaltbare Form und damit nicht mehr als etwas Unveränderliches
ansieht. Die Gestaltungsfähigkeit von Zeit hebe ihre
eindimensionale, lineare Struktur auf: Nicht nur würden
"Rekurrenzen", also Bezugnahmen auf Vergangenes
und Zukünftiges möglich; sondern Vergangenheit
und Zukunft würden bei dieser Zeitpraxis auch verändert.