I. Eine umfassende Anthologie zum
Thema
Wir beginnen unseren Streifzug mit dem Sammelband Zeitwahrnehmung
und Zeitbewusstsein der Moderne
der Kölner Literaturwissenschaftlerinnen Annette
und Linda Simonis. Er enthält Beiträge, welche
die Geistesgeschichte eines alternativen objektiven wie
subjektiven Zeitverständnisses nachzeichnen. Wir
gruppieren im Folgenden die zentralen Aussagen zunächst
um den Begriffspol der "objektiven" Zeit (1.),
um sodann auf das subjektive Empfindungselement (2.) einzugehen:
"Augustinus kam angesichts der
Unfassbarkeit der Zeit auf den Gedanken, dass die drei
uns bekannten Zeitformen womöglich nur ein "Versteck"
seien, "aus dem die Gegenwart hervorkommt, wenn Zukünftiges
gegenwärtig wird, und in das sie zurückweicht,
wenn Gegenwärtiges zu Vergangenheit wird.""
Michael Jeismann, FAZ
27.2.1999 S. II
1. Neben der Einsteinschen Relativitätstheorie (dazu
aaO 70ff) sei die Entdeckung der Umkehrbarkeit des Zeitpfeils
durch Ludwig Boltzmann Ende des 19. Jahrhunderts Anstoß
für weitreichende naturwissenschaftliche Mutmaßungen
über die Zeit gewesen (13). Doch schon für die
griechischen Vorsokratiker Heraklit und Zenon sei Zeit
eine Illusion gewesen (78ff). Heraklit stelle diesem Verständnis
den Begriff des ständigen Werdens gegenüber
(aaO). Nietzsche nehme auf beide Bezug und fordere "Zeit
als Eigenschaft des Raumes zu denken" (82). Raum
sei für ihn freilich nur ein Substrat der Kraft,
statt Raum und Zeit gebe es eigentlich nur Veränderungen
(82). Die durch den Raum wirkende Kraft gestalte die Zeit
(83). Selbst die Veränderungen seien nur perspektivisch
wahrnehmbar (83). Und: "Statt von einer gleichbleibenden
Identität der Zeit auszugehen, erscheint es innerhalb
von Nietzsches Konzept vielmehr einzig sinnvoll und angemessen,
in genauer Entsprechung zur unendlichen Vielheit der physikalischen
(Beobachtungs-) Perspektiven auch eine Pluralität
der Zeiten bzw. Zeitmessungen anzunehmen, die sich nicht
mehr unter dem Begriff eines einheitlichen und universalen
Zeitkonzepts subsumieren und zur Deckung bringen lassen"
(87).
An anderer Stelle wird das Newtonsche Zeitverständnis
- diesmal von der Autorin Annette Simonis selbst - noch
weitergehend in Richtung Multi-Perspektivismus aufgelöst:
"Das neue imaginaire scientifique, dem die
modernen Zeitvorstellungen entstammen, wird durch das
Faszinosum der Bewegung im vierdimensionalen Raum-Zeit-Kontinuum
inspiriert. Wie ersichtlich, konstruiert die relativistische
Zeittheorie ein Universum, in dem es tendenziell ebenso
viele Zeitwahrnehmungen wie unterschiedliche Beobachterpositionen
gibt. Da die Leibnizsche Vorstellung einer Pluralität
möglicher Welten nun um ein immenses Spektrum denkmöglicher
Zeiten ergänzt wird, scheinen der naturwissenschaftlichen
Beobachtung, der Konstruktion und gedanklichen Simulation
keine Grenzen mehr gesetzt." Die geistesgeschichtlichen
Analysen der Schwestern Simonis stützen somit die
These der Subjektivität von Zeitvorstellungen selbst
auf "objektiver", äußerer und vom
subjektiven Empfinden losgelöster Ebene. Wie wir
im Folgenden sehen werden, ist der Befund für die
subjektive Empfindungsebene noch radikaler.
Nur dem Anschein nach ist die Zeit ein
Fluss. Sie ist eher eine grenzenlose Landschaft, und was
sich bewegt, ist das Auge des Betrachters.
Thornton Wilder
2. In seinen Tagebüchern habe Baudelaire notiert:
"Man sagt, ich sei dreißig Jahre alt; wenn
ich aber drei Minuten in einer gelebt habe ... bin ich
dann nicht neunzig Jahre alt?" (94). Auch Paul Valéry
halte das klassische Zeitverständnis in seinen Cahiers
(Heften) für verfehlt (94). Er sehe es als seine
vornehmlichste Aufgabe an, "den dauernden Augenblick
zu beschreiben", ohne sich dabei um "die philosophischen
Vorstellungen und verbrauchten Begriffe zu kümmern"
(92). Der französische Philosoph Bergson begab sich
auf die Suche nach der wahren Natur der Zeit und prägte
so den Schlüsselbegriff der durée
(Dauer), die von Andreas Hoeschen, Ko-Autor der Schwestern
Simonis, als ununterbrochener Fluss des Selbsterlebens
definiert wird (374). Die Zeiterfahrung erschließe
sich nach Bergson weniger durch die exakte Beobachtung
äußerer Vorgänge bei der empirischen Wahrnehmung
als vielmehr dem nach innen gewendeten Blick (98). Bergson
habe so die "Elastizität" der Zeit entdeckt
(100). Das Bild der (geraden) Linie als Inbegriff des
gleichförmigen Zeitverlaufs ... sei durch ein ruckartig
fließendes, verschlungenes, mehrdimensionales Gebilde
abgelöst worden (101).
Auch in der Literatur schlug sich das veränderte
subjektive Zeitverständnis nieder. Annette Simonis
zitiert (115) eine Passage des expressionistischen Dichters
Carl Einstein aus dessen Buch Bebuquin :
"Die Uhr tönte die Sekunden, jede Sekunde war
plastisch deutlich, das Auge sah den Klang." Weiterhin
erwähnt sie eine Passage aus dem Roman Tubutsch
des Literaten Albert Ehrenstein, in der sich "die
individuelle Zeit- und Lebensspanne plötzlich über
Jahrhunderte erstreckt" (118); die Zeitausdehnung
in Thomas Mann’s Zauberberg kann da sicher
nicht mithalten .
Ein ganzes Kapitel (227ff) über "Tales
about time - Zeitstrukturen in der zeitgenössischen
englischen ErzählLiteratur/" von Ansgar Nünning
belegt, wie massiv sich das alternative Zeitverständnis
in der modernen Literatur niederschlägt.