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  09.09.2010   
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I. Eine umfassende Anthologie zum Thema

Wir beginnen unseren Streifzug mit dem Sammelband Zeitwahrnehmung und Zeitbewusstsein der Moderne [30] der Kölner Literaturwissenschaftlerinnen Annette und Linda Simonis. Er enthält Beiträge, welche die Geistesgeschichte eines alternativen objektiven wie subjektiven Zeitverständnisses nachzeichnen. Wir gruppieren im Folgenden die zentralen Aussagen zunächst um den Begriffspol der "objektiven" Zeit (1.), um sodann auf das subjektive Empfindungselement (2.) einzugehen:

"Augustinus kam angesichts der Unfassbarkeit der Zeit auf den Gedanken, dass die drei uns bekannten Zeitformen womöglich nur ein "Versteck" seien, "aus dem die Gegenwart hervorkommt, wenn Zukünftiges gegenwärtig wird, und in das sie zurückweicht, wenn Gegenwärtiges zu Vergangenheit wird.""
Michael Jeismann,
FAZ 27.2.1999 S. II

1. Neben der Einsteinschen Relativitätstheorie (dazu aaO 70ff) sei die Entdeckung der Umkehrbarkeit des Zeitpfeils durch Ludwig Boltzmann Ende des 19. Jahrhunderts Anstoß für weitreichende naturwissenschaftliche Mutmaßungen über die Zeit gewesen (13). Doch schon für die griechischen Vorsokratiker Heraklit und Zenon sei Zeit eine Illusion gewesen (78ff). Heraklit stelle diesem Verständnis den Begriff des ständigen Werdens gegenüber (aaO). Nietzsche nehme auf beide Bezug und fordere "Zeit als Eigenschaft des Raumes zu denken" (82). Raum sei für ihn freilich nur ein Substrat der Kraft, statt Raum und Zeit gebe es eigentlich nur Veränderungen (82). Die durch den Raum wirkende Kraft gestalte die Zeit (83). Selbst die Veränderungen seien nur perspektivisch wahrnehmbar (83). Und: "Statt von einer gleichbleibenden Identität der Zeit auszugehen, erscheint es innerhalb von Nietzsches Konzept vielmehr einzig sinnvoll und angemessen, in genauer Entsprechung zur unendlichen Vielheit der physikalischen (Beobachtungs-) Perspektiven auch eine Pluralität der Zeiten bzw. Zeitmessungen anzunehmen, die sich nicht mehr unter dem Begriff eines einheitlichen und universalen Zeitkonzepts subsumieren und zur Deckung bringen lassen" (87).

An anderer Stelle wird das Newtonsche Zeitverständnis - diesmal von der Autorin Annette Simonis selbst - noch weitergehend in Richtung Multi-Perspektivismus aufgelöst: "Das neue imaginaire scientifique, dem die modernen Zeitvorstellungen entstammen, wird durch das Faszinosum der Bewegung im vierdimensionalen Raum-Zeit-Kontinuum inspiriert. Wie ersichtlich, konstruiert die relativistische Zeittheorie ein Universum, in dem es tendenziell ebenso viele Zeitwahrnehmungen wie unterschiedliche Beobachterpositionen gibt. Da die Leibnizsche Vorstellung einer Pluralität möglicher Welten nun um ein immenses Spektrum denkmöglicher Zeiten ergänzt wird, scheinen der naturwissenschaftlichen Beobachtung, der Konstruktion und gedanklichen Simulation keine Grenzen mehr gesetzt." Die geistesgeschichtlichen Analysen der Schwestern Simonis stützen somit die These der Subjektivität von Zeitvorstellungen selbst auf "objektiver", äußerer und vom subjektiven Empfinden losgelöster Ebene. Wie wir im Folgenden sehen werden, ist der Befund für die subjektive Empfindungsebene noch radikaler.

Nur dem Anschein nach ist die Zeit ein Fluss. Sie ist eher eine grenzenlose Landschaft, und was sich bewegt, ist das Auge des Betrachters.
Thornton Wilder

2. In seinen Tagebüchern habe Baudelaire notiert: "Man sagt, ich sei dreißig Jahre alt; wenn ich aber drei Minuten in einer gelebt habe ... bin ich dann nicht neunzig Jahre alt?" (94). Auch Paul Valéry halte das klassische Zeitverständnis in seinen Cahiers (Heften) für verfehlt (94). Er sehe es als seine vornehmlichste Aufgabe an, "den dauernden Augenblick zu beschreiben", ohne sich dabei um "die philosophischen Vorstellungen und verbrauchten Begriffe zu kümmern" (92). Der französische Philosoph Bergson begab sich auf die Suche nach der wahren Natur der Zeit und prägte so den Schlüsselbegriff der durée (Dauer), die von Andreas Hoeschen, Ko-Autor der Schwestern Simonis, als ununterbrochener Fluss des Selbsterlebens definiert wird (374). Die Zeiterfahrung erschließe sich nach Bergson weniger durch die exakte Beobachtung äußerer Vorgänge bei der empirischen Wahrnehmung als vielmehr dem nach innen gewendeten Blick (98). Bergson habe so die "Elastizität" der Zeit entdeckt (100). Das Bild der (geraden) Linie als Inbegriff des gleichförmigen Zeitverlaufs ... sei durch ein ruckartig fließendes, verschlungenes, mehrdimensionales Gebilde abgelöst worden (101).

Auch in der Literatur schlug sich das veränderte subjektive Zeitverständnis nieder. Annette Simonis zitiert (115) eine Passage des expressionistischen Dichters Carl Einstein aus dessen Buch Bebuquin [31]: "Die Uhr tönte die Sekunden, jede Sekunde war plastisch deutlich, das Auge sah den Klang." Weiterhin erwähnt sie eine Passage aus dem Roman Tubutsch des Literaten Albert Ehrenstein, in der sich "die individuelle Zeit- und Lebensspanne plötzlich über Jahrhunderte erstreckt" (118); die Zeitausdehnung in Thomas Mann’s Zauberberg kann da sicher nicht mithalten [32].

Ein ganzes Kapitel (227ff) über "Tales about time - Zeitstrukturen in der zeitgenössischen englischen ErzählLiteratur/" von Ansgar Nünning belegt, wie massiv sich das alternative Zeitverständnis in der modernen Literatur niederschlägt.

 


[30] Bielefeld 2000, Aisthesis Verlag, ISBN 3-89528-282-0.

[31] Hg. Erich Kleinschmidt, Stuttgart 1985, S. 27

[32] Zum Zeiterleben in den Romanen von Thomas Mann siehe auch: Lothar Baier "Keine Zeit", Verlag Antje Kunstmann, München 2000, ISBN 3-88897-249-3, S. 153 – 153

 

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Aktualisiert am: 16.07.2008
 
         
 

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