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  06.02.2012   
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II. Mögliche Fortentwicklungen

Ich glaube, dass die geschilderte Form der Entwicklung einer intensiven Zeitwahrnehmung unabhängig davon ist, ob man materialistisch, religiös oder spirituell eingestellt ist. Insbesondere schließt die Methode eine Lücke für nicht-spirituell eingestellte Personen. Andere Menschen werden über Meditationstechniken teilweise indirekt auch an eine stärkere Wahrnehmung des Jetzt herangeführt, auch wenn die meisten Meditationstechniken eine intensivere Zeitwahrnehmung nicht gezielt anstreben.

Vielleicht wollen Sie jedoch auch in Zukunft den Weg zu einem umfassenderen mentalen Training suchen, welches im Regelfall freilich nicht mehr die weltanschauliche Neutralität haben kann, auf die in diesem Buch Wert gelegt wird. Dann könnten für Sie die folgenden Hinweise zu dem Zusammenhang zwischen unserer Zeitwahrnehmungstechnik und traditionellen meditativen Techniken hilfreich sein.

Wie kann der Weg in diesem Sinne sinnvoll fortgesetzt werden? Ich sehe - mit verschiedenen Abwandlungen - im Wesentlichen zwei Erweiterungsmöglichkeiten:

1. Die erste ließe sich am ehesten als Öffnung in Richtung des in vielen Traditionen, am deutlichsten jedoch im Buddhismus kultivierten meditativen Idealzustandes der Leere beschreiben. Der Begriff der Leere muss hier jedoch als Kurzform für ein Spektrum an Attributen dienen, die einzeln und in ihrer Gesamtheit nur eine unzureichende Näherungsformel für einen letztlich sprachlich nicht zu fassenden Zustand darstellen. Dieser Zustand wird mittlerweile auch naturwissenschaftlich erklärt [25]. Weitere für die Beschreibung des Zustands verwendete Begriffe oder Bilder sind:

- geistige Ruhe,

- die Freiheit von Gedanken,

- der natürliche, nicht durch Begriffe und Konzepte beeinflusste Geisteszustand,

- die Erfahrung von Licht [26],

- die Erfahrung des reinen, von Objekten und Gedanken freien Raumes

- die Auflösung des Egos bzw. Selbst,

- die Auflösung des Egos bzw. Selbst in einen größeren Zusammenhang, einen Logos oder den offenen Raum,

- das Verweilen im Hier und Jetzt.

Das zuletzt genannte Attribut hat eine offenkundige Nähe zu der hier empfohlenen Technik der intensiven Zeitwahrnehmung. Aus der Perspektive der Lehren, die zu dem meditativen Idealzustand führen sollen, könnte man möglicherweise sagen: Die intensive Zeitwahrnehmung ist ein Teilaspekt, eine Facette des beschriebenen meditativen Idealzustands [27]. Dies ist jedoch nur eine Mutmaßung, die ich nicht aus der Perspektive der Lehren selbst überprüfen kann.

Auch von dem Zustand der intensiven Zeitwahrnehmung aus besteht ein Zugang zu diesem (ersten) meditativem Idealzustand. Der eine Weg ist schwieriger, aber direkt: Man versucht von der intensiven Zeitwahrnehmung aus die genannten Attribute - ohne innere Verkrampfung - zusätzlich zu erreichen, die intensive Zeitwahrnehmung sozusagen anzureichern. Leichter ist es indessen, zunächst traditionelle Übungen zur Beförderung des angestrebten Idealzustands zu praktizieren und später beides zu verbinden. Am einfachsten dürfte dieser Weg mit der in verschiedensten Kulturen praktizierten Atemmeditation gelingen. Bei dieser konzentriert man sich ausschließlich auf das Ein- und Ausströmen von Luft beim - je nach Tradition natürlich belassenen oder in besonderer Weise kultivierten - Atmen.

Ein Beispiel zum Selbstversuch:

- Setzen Sie sich aufrecht, z.B. auf einen geraden Stuhl, an einen ruhigen Ort. Stellen Sie sich vor, in der Mitte Ihres Kopfes ist eine Lichtkugel, die etwa die Größe eines Tischtennisballs hat. Bei jedem Einatmen wird die Kugel etwas kleiner. Bei jedem Ausatmen wird sie größer und sendet Licht in alle Richtungen aus. Lassen Sie dabei evt. aufkommende Gedanken einfach vorbeiziehen und kehren Sie zu der Lichtkugel zurück. Nach 20 Atemzügen sollten Sie eine kurze Pause einlegen. Wenn die Gedanken Sie gelegentlich zu weit von Ihrem Atem entfernen, so dass Sie "den Faden verloren haben", fangen Sie einfach wieder bei 0 an. Machen Sie diese Übung mehrmals täglich, bis Sie sich einige Minuten ununterbrochen darauf konzentrieren können.

- Variieren Sie in den folgenden Tagen die Übung, in dem Sie im Anschluss an die Vorstellung von der Lichtkugel die Lichtkugel verblassen lassen, bis sie verschwunden ist. Lassen Sie "Ihren Geist bewegungslos und frei in sich selbst ruhen", solange dies ohne Verkrampfung möglich ist.

- Verbinden Sie einige Tage später die Schritte 1 und 2 mit der Übung 1 zur Zeitgrunderfahrung. Achten sie darauf, dass beide Rhythmen identisch sind oder sich stützen.

Vielleicht werden Sie dabei folgendes feststellen: Intensive Zeitwahrnehmung und die traditionelle Meditationspraxis können sich wechselseitig stärken. Dies erstaunt dann nicht, wenn man sich in Erinnerung ruft, was die heutige Gehirnforschung einerseits zum Bewusstsein [28], andererseits zu Glückszuständen [29] sagt: Beides entstehe durch die Synchronisierung, das gleichzeitige Aussenden von Impulsen in sehr verschiedenen Hirnregionen. Die Zeitgrunderfahrung wie auch traditionelle Meditationsformen tragen beide zur Synchronisierung von Hirnaktivitäten bei. In der Wirkung der Synchronisierung dürfte die wechselseitige Stütze ihre Erklärung finden.

2. Die zweite mögliche Fortentwicklung besteht in einer gezielten Schärfung der allgemeinen Wahrnehmung. Die Schärfung der Wahrnehmung ist wichtiger Bestandteil anderer geistiger Schulungssysteme. Mehr noch als in Bezug auf die erste Fortentwicklungsmöglichkeit fehlt es mir an ausreichender Kenntnis dieses Weges. Ich habe allerdings die Vermutung, dass dort ähnliche Maximen wie unsere Empfehlungen 5 und 6 verwendet werden.

3. Diese Erweiterungsformen muss man natürlich nicht suchen: Intensivere Zeiterfahrung trägt sich aus sich selbst heraus, da sie als solche das Leben ungemein bereichert. Daher besteht nicht im geringsten die Notwendigkeit, eine solche Erweiterung anzustreben.

 


[25] Jacques Brosse, Zen et Occident, Albin Michel Paris 1992 und 1999, ISBN 2-226-10729-0, S. 32:

Der amerikanische Neurophysiologe Gellhorn hat gezeigt, dass die Muskelentspannung zusammen mit der Atemkontrolle die kortikale Erregung senkt und die Dominanz des parasympathischen Systems hervorruft. Diese Phänomene setzt er mit einem "Zustand der Leerheit des Buwusstseins ohne Verlust des Bewusstseins" gleich - was (wiederum) dem entspricht, was der Zen "hi-shiry" nennt.

[26] Licht wird dabei manchmal konkret, meistens jedoch nur als Bild verstanden. Wenn es als Bild verstanden wird, darf es jedoch vermutlich nach theologischer Auffassung nicht mit der christlichen Verwendung dieses Begriffes im Sinne von "Gottes Wort" gleichgesetzt werden.

[27]
a) Nach den "Conclusions" der akribischen Analyse des französischen Indologen Lilian Silburn in Instant et cause dans la pensée philosophique de l’Inde (S. 408 der Neuauflage von De Boccard, Paris 1989, ISBN 2-7018-0045-5) besteht nicht nur eine teilweise Überlappung, sondern sogar eine völlige Deckungsgleichheit zwischen absoluter Wahrnehmung des Hier und Jetzt und dem zu erreichenden Idealzustand in der indischen Tradition: "…; car l’instant qui est source de tourment en raison de son évanescence est également la seule voie d’accès à l’apaisement définitif." und andere Passagen der S. 408. In die gleiche Richtung gehend der Aufsatz Enlightenment and time: an examination of Nagarjuna’s concept of time von Anthony Birch, s. http://www.gis.net/~tbirch/nagar2fiu.htm
b) Der beschriebene meditative Idealzustand wird in einigen und insbesondere in den buddhistischen Traditionen mit einer emotionalen Komponente ergänzt. Diese emotionale Komponente lässt sich als uneigennütziges Mitfühlen oder auch Empathie bezeichnen und hat - je nach Richtung und Schule - ein mehr oder weniger großes Gewicht.

[28] Katrin Jäger "Seele gesucht", taz 8.6.2001, S. 18:"Bewusstsein entsteht, indem unterschiedliche Hirnareale etwa 40-mal pro Sekunde ihre Aktivitäten in die Hirnrinde projizieren. Das Ich-Zentrum bündelt die Einzeleindrücke zu einem einheitlichen Gesamtbild, das wir als Ich-Erlebnis wahrnehmen."

[29] Prof. Dr. Gerald Hüther, Professor für Neurobiologie un der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen, FR 27.3.2001, S. 26: "Freude ist ein Gefühl, das sich einstellt, wenn es uns gelingt, die vielen im Gehirn parallel laufenden und sich häufig gegenseitig störenden Verarbeitungsprozesse zu harmonisieren."

 

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Aktualisiert am: 16.07.2008
 
         
 

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