II. Mögliche Fortentwicklungen
Ich glaube, dass die geschilderte Form der Entwicklung
einer intensiven Zeitwahrnehmung unabhängig davon
ist, ob man materialistisch, religiös oder spirituell
eingestellt ist. Insbesondere schließt die Methode
eine Lücke für nicht-spirituell eingestellte
Personen. Andere Menschen werden über Meditationstechniken
teilweise indirekt auch an eine stärkere Wahrnehmung
des Jetzt herangeführt, auch wenn die meisten Meditationstechniken
eine intensivere Zeitwahrnehmung nicht gezielt anstreben.
Vielleicht wollen Sie jedoch auch in Zukunft den Weg
zu einem umfassenderen mentalen Training suchen, welches
im Regelfall freilich nicht mehr die weltanschauliche
Neutralität haben kann, auf die in diesem Buch Wert
gelegt wird. Dann könnten für Sie die folgenden
Hinweise zu dem Zusammenhang zwischen unserer Zeitwahrnehmungstechnik
und traditionellen meditativen Techniken hilfreich sein.
Wie kann der Weg in diesem Sinne sinnvoll fortgesetzt
werden? Ich sehe - mit verschiedenen Abwandlungen - im
Wesentlichen zwei Erweiterungsmöglichkeiten:
1. Die erste ließe sich am ehesten als Öffnung
in Richtung des in vielen Traditionen, am deutlichsten
jedoch im Buddhismus kultivierten meditativen Idealzustandes
der Leere beschreiben. Der Begriff der Leere muss hier
jedoch als Kurzform für ein Spektrum an Attributen
dienen, die einzeln und in ihrer Gesamtheit nur eine unzureichende
Näherungsformel für einen letztlich sprachlich
nicht zu fassenden Zustand darstellen. Dieser Zustand
wird mittlerweile auch naturwissenschaftlich erklärt
.
Weitere für die Beschreibung des Zustands verwendete
Begriffe oder Bilder sind:
- geistige Ruhe,
- die Freiheit von Gedanken,
- der natürliche, nicht durch Begriffe und Konzepte
beeinflusste Geisteszustand,
- die Erfahrung von Licht ,
- die Erfahrung des reinen, von Objekten und Gedanken
freien Raumes
- die Auflösung des Egos bzw. Selbst,
- die Auflösung des Egos bzw. Selbst in einen größeren
Zusammenhang, einen Logos oder den offenen Raum,
- das Verweilen im Hier und Jetzt.
Das zuletzt genannte Attribut hat eine offenkundige Nähe
zu der hier empfohlenen Technik der intensiven Zeitwahrnehmung.
Aus der Perspektive der Lehren, die zu dem meditativen
Idealzustand führen sollen, könnte man möglicherweise
sagen: Die intensive Zeitwahrnehmung ist ein Teilaspekt,
eine Facette des beschriebenen meditativen Idealzustands
.
Dies ist jedoch nur eine Mutmaßung, die ich nicht
aus der Perspektive der Lehren selbst überprüfen
kann.
Auch von dem Zustand der intensiven Zeitwahrnehmung aus
besteht ein Zugang zu diesem (ersten) meditativem Idealzustand.
Der eine Weg ist schwieriger, aber direkt: Man versucht
von der intensiven Zeitwahrnehmung aus die genannten Attribute
- ohne innere Verkrampfung - zusätzlich zu erreichen,
die intensive Zeitwahrnehmung sozusagen anzureichern.
Leichter ist es indessen, zunächst traditionelle
Übungen zur Beförderung des angestrebten Idealzustands
zu praktizieren und später beides zu verbinden. Am
einfachsten dürfte dieser Weg mit der in verschiedensten
Kulturen praktizierten Atemmeditation gelingen. Bei dieser
konzentriert man sich ausschließlich auf das Ein-
und Ausströmen von Luft beim - je nach Tradition
natürlich belassenen oder in besonderer Weise kultivierten
- Atmen.
Ein Beispiel zum Selbstversuch:
- Setzen Sie sich aufrecht, z.B. auf einen geraden Stuhl,
an einen ruhigen Ort. Stellen Sie sich vor, in der Mitte
Ihres Kopfes ist eine Lichtkugel, die etwa die Größe
eines Tischtennisballs hat. Bei jedem Einatmen wird die
Kugel etwas kleiner. Bei jedem Ausatmen wird sie größer
und sendet Licht in alle Richtungen aus. Lassen Sie dabei
evt. aufkommende Gedanken einfach vorbeiziehen und kehren
Sie zu der Lichtkugel zurück. Nach 20 Atemzügen
sollten Sie eine kurze Pause einlegen. Wenn die Gedanken
Sie gelegentlich zu weit von Ihrem Atem entfernen, so
dass Sie "den Faden verloren haben", fangen
Sie einfach wieder bei 0 an. Machen Sie diese Übung
mehrmals täglich, bis Sie sich einige Minuten ununterbrochen
darauf konzentrieren können.
- Variieren Sie in den folgenden Tagen die Übung,
in dem Sie im Anschluss an die Vorstellung von der Lichtkugel
die Lichtkugel verblassen lassen, bis sie verschwunden
ist. Lassen Sie "Ihren Geist bewegungslos und frei in
sich selbst ruhen", solange dies ohne Verkrampfung möglich
ist.
- Verbinden Sie einige Tage später die Schritte
1 und 2 mit der Übung 1 zur Zeitgrunderfahrung. Achten
sie darauf, dass beide Rhythmen identisch sind oder sich
stützen.
Vielleicht werden Sie dabei folgendes feststellen: Intensive
Zeitwahrnehmung und die traditionelle Meditationspraxis
können sich wechselseitig stärken. Dies erstaunt
dann nicht, wenn man sich in Erinnerung ruft, was die
heutige Gehirnforschung einerseits zum Bewusstsein ,
andererseits zu Glückszuständen
sagt: Beides entstehe durch die Synchronisierung, das
gleichzeitige Aussenden von Impulsen in sehr verschiedenen
Hirnregionen. Die Zeitgrunderfahrung wie auch traditionelle
Meditationsformen tragen beide zur Synchronisierung von
Hirnaktivitäten bei. In der Wirkung der Synchronisierung
dürfte die wechselseitige Stütze ihre Erklärung
finden.
2. Die zweite mögliche Fortentwicklung besteht in
einer gezielten Schärfung der allgemeinen Wahrnehmung.
Die Schärfung der Wahrnehmung ist wichtiger Bestandteil
anderer geistiger Schulungssysteme. Mehr noch als in Bezug
auf die erste Fortentwicklungsmöglichkeit fehlt es
mir an ausreichender Kenntnis dieses Weges. Ich habe allerdings
die Vermutung, dass dort ähnliche Maximen wie unsere
Empfehlungen 5 und 6 verwendet werden.
3. Diese Erweiterungsformen muss man natürlich nicht
suchen: Intensivere Zeiterfahrung trägt sich aus
sich selbst heraus, da sie als solche das Leben ungemein
bereichert. Daher besteht nicht im geringsten die Notwendigkeit,
eine solche Erweiterung anzustreben.