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  06.02.2012   
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I. Intensive Zeitwahrnehmung im Langzeittest

Mittlerweile praktiziere ich die Techniken zur Intensivierung der Zeitwahrnehmung seit über sieben Jahren. In dieser Zeit gelang es mir nicht immer, eine intensive Zeitwahrnehmung aufrecht zu erhalten. Insbesondere in Zeiten starker Stressbelastung ist mir dies nach wie vor nicht immer möglich. Allerdings kann ich mittlerweile selbst zu Zeiten mittlerer Arbeitsbelastung die genannten Technik anwenden. Insgesamt habe ich den Eindruck, meine Lebenszeit in erster Linie durch die Empfehlung 3 vervielfacht zu haben. Und das, obwohl ich die Technik aufgrund beruflicher und familiärer Verpflichtungen beileibe nicht permanent angewendet habe. Das Potential der Technik dürfte ich also noch nicht ausgeschöpft haben.

Obwohl die Zeitwahrnehmung also noch intensiviert werden könnte, lassen sich einige interessante, aber leider nur mit subjektiven Empfindungskategorien beschreibbare Phänomene bemerken. Die Schilderung dieser Phänomene beansprucht keine Allgemeingültigkeit im Sinne wissenschaftlicher Überprüfbarkeit. Wie in dem gesamten Buch geht es in diesem Kapitel weniger um die Darstellung einer unveränderlichen Wirklichkeit, als um die Beschreibung einer sinnvollen Form ihrer bewussten Gestaltung. Andererseits lassen sich für jedes der Phänomene auch anderenorts zumindest ähnliche Beschreibungen finden (siehe auch das 5. Kapitel).

"Das Bewusstsein ist wesentlich Zeitbewusstsein; nicht allein Bewusstsein von Zeit, von äußerer, objektiver, mit Uhren messbarer Zeit; sondern es hat zuvor schon selbst eine zeitliche Struktur. Und alles, was im Bewusstsein vorkommt, bewegt sich in dieser Zeit und ist dadurch in sich selbst zeitlich."
Manfred Sommer, Lebenswelt und Zeitbewusstsein
[23]

1. Die Intensivierung der Zeitwahrnehmung strahlt auf die sonstige Wahrnehmung und das allgemeine Bewusstsein aus. Ich wurde in den Jahren aufmerksamer und empfänglicher für äußere Wahrnehmung. Sinneseindrücke haben ein stärkeres Gewicht. Mir fallen mittlerweile einfach mehr Sachen auf. Ich bemerke es auch leichter, wenn ein anderer Mensch Hilfe oder auch nur Rücksicht nötig hat oder mir nur mit einem Blick ein Signal geben will. Ich glaube nicht, dass dies irgendetwas Übernatürliches ist. Vielmehr erlaubt die mittlerweile zu beobachtende innere Ruhe und die - zeitweilige - Abwesenheit von Gedanken an Vergangenheit und Zukunft einen besseren Zugang zu normalerweise "verdeckten" Hirnaktivitäten.

... quia tempus non erit amplius.
... dass Zeit hinfort keine Ausdehnung haben soll.
Offenbarung 10,6

2. Die Konzentration auf die Gegenwart lässt die Bedeutung von Vergangenheit und Zukunft bzw. das Gewicht der Gedanken daran schrumpfen. Vergangenheit und Zukunft werden in der Jetzt-Zeit aufgehoben.

Während unsere Gedanken normalerweise ständig um vorgestellte vergangene oder vorgestellte zukünftige Ereignisse kreisen, stellt sich bei fortgesetzter Zeitintensivierung sehr viel Ruhe und Bezug zur Gegenwart ein. Vergangene Ereignisse, die oft noch sehr stark mit Gefühlen besetzt sind, geraten zwar nicht in Vergessenheit; sie verlieren jedoch ihren emotionalen Gehalt und damit teilweise ihre Bedeutung. Es ist deshalb nicht mehr so wichtig, sich mit ihnen gedanklich zu beschäftigen. Da es nicht mehr so wichtig ist, tut man es dementsprechend weniger.

Gleiches gilt für die Zukunft. Sie ist normalerweise ständig Gegenstand von planenden Überlegungen, von Ängsten und Hoffnungen. Doch auch die Zukunft kann an Bedeutung verlieren, wenn man sich auf die Gegenwart konzentriert und die gegenwärtige Zeit wahrnimmt. Zukunft wird dann mit wesentlich mehr Gelassenheit und Gleichmut gesehen: sie wird schon kommen, so oder so. Weshalb soll ich mich jetzt mit ihr beschäftigen und die Gegenwart verdrängen? Ist die Gegenwart nicht die einzige Zeit, auf die ich unmittelbar Zugriff habe?

Dabei kann gelegentlich ein kurioses Phänomen auftreten: Ähnlich wie in einigen religiösen Überlieferungen berichtet kann das Gefühl entstehen, dass Gegenwart und Vergangenheit in der Jetzt-Zeit präsent sind. Auch das ist nicht übernatürlich, sondern lässt sich erklären: In dem Maß, wie ich mich absolut auf die Gegenwart konzentrieren kann, ist es unwichtig, an welchem Punkt der Zeitlinie, als welche die Zeit ja üblicherweise gedacht wird, ich mich befinde. Die chronologische Einordnung im Rahmen des üblichen Zeitverständnisses entfällt teilweise, nämlich insoweit, als ich für die intensive Wahrnehmung der Zeit die chronologische Einordnung nicht brauche bzw. sie mir sogar hinderlich ist. Es entwickelt sich so in Ansätzen ein über-chronologisches Zeitgefühl, welches Vergangenheit und Zukunft aufhebt bzw. in sich einschließt.

Ist das beschriebene Gefühl nur auf eine Illusion zurückzuführen? Wahrscheinlich. Allerdings dürfte es diese Eigenschaft mit unserem gewöhnlichen Zeitverständnis gemein haben. Bewerten wir das Phänomen daher einfach nur als interessant.

3. Der Charakter der Zeitwahrnehmung verändert sich mit zunehmender Praxis. Die Zeit wird fast eine andere.

Während die Entwicklung des Zeitbewusstseins in der Anfangszeit noch dem Versuch ähnelt, die Zeit anzuhalten, verändert sich der Charakter des durch die Empfehlung 3 bewirkten Zustands nach einiger Zeit dahingehend, dass man einfach in der Zeit ist. Zeit ist dann eine wesentliche Empfindungs- und Daseinsdimension. Der Fluss der Zeit wirkt natürlich auch dann noch auf die Lebenswirklichkeit. Er ist jedoch dermaßen verlangsamt bzw. wird als so verlangsamt wahrgenommen, dass sich - bildlich gesprochen - der Raum über und unter, links und rechts der Zeitlinie erschließt.

Welchen Inhalt hat dieser Raum? Diese Frage lässt sich nicht allgemein beantworten. Denn es kommt immer darauf an, womit man zu einem bestimmten Zeitpunkt seinen Geist beschäftigt und welche Gefühle man gerade hat. Beides steht natürlich in engem Wechselverhältnis zueinander. Und beides lässt sich durch mentale Kulturtechniken beeinflussen [24].

 


[23] Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1990, S. 157.

[24] Die mitteleuropäischen mentalen Kulturtechniken sind freilich fast verschüttet und werden nur noch von Minderheiten gepflegt. Deshalb wenden sich immer mehr Menschen im Westen nicht-europäischen Traditionen zu. Ironischerweise ließ gerade das auf Machbarkeit und Gestaltung ausgerichtete Europa und seine amerikanische Potenzierung die Techniken der Erfahrungs- und Geistesgestaltung auf dem Weg in die Moderne zurück. Das so entstandene Defizit moralisch tragfähig zu füllen, wird eine der wichtigsten Herausforderungen Europas und Nord-Amerikas im 21. Jahrhundert sein. Diese Herausforderung anzugehen ist umso dringlicher, als sich unser Kulturbereich anschickt, durch medizinisch-technischen Fortschritt einen mechanistischen Zugriff auf die menschliche Psyche zu nehmen und so etwas wie ein "Mentaldesign" zu entwickeln.

 

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Aktualisiert am: 16.07.2008
 
         
 

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