I. Intensive Zeitwahrnehmung im
Langzeittest
Mittlerweile praktiziere ich die Techniken zur Intensivierung
der Zeitwahrnehmung seit über sieben Jahren. In dieser
Zeit gelang es mir nicht immer, eine intensive Zeitwahrnehmung
aufrecht zu erhalten. Insbesondere in Zeiten starker Stressbelastung
ist mir dies nach wie vor nicht immer möglich. Allerdings
kann ich mittlerweile selbst zu Zeiten mittlerer Arbeitsbelastung
die genannten Technik anwenden. Insgesamt habe ich den
Eindruck, meine Lebenszeit in erster Linie durch die Empfehlung
3 vervielfacht zu haben. Und das, obwohl ich die Technik
aufgrund beruflicher und familiärer Verpflichtungen
beileibe nicht permanent angewendet habe. Das Potential
der Technik dürfte ich also noch nicht ausgeschöpft
haben.
Obwohl die Zeitwahrnehmung also noch intensiviert werden
könnte, lassen sich einige interessante, aber leider
nur mit subjektiven Empfindungskategorien beschreibbare
Phänomene bemerken. Die Schilderung dieser Phänomene
beansprucht keine Allgemeingültigkeit im Sinne wissenschaftlicher
Überprüfbarkeit. Wie in dem gesamten Buch geht
es in diesem Kapitel weniger um die Darstellung einer
unveränderlichen Wirklichkeit, als um die Beschreibung
einer sinnvollen Form ihrer bewussten Gestaltung. Andererseits
lassen sich für jedes der Phänomene auch anderenorts
zumindest ähnliche Beschreibungen finden (siehe auch
das 5. Kapitel).
"Das Bewusstsein ist wesentlich
Zeitbewusstsein; nicht allein Bewusstsein von Zeit, von
äußerer, objektiver, mit Uhren messbarer Zeit;
sondern es hat zuvor schon selbst eine zeitliche Struktur.
Und alles, was im Bewusstsein vorkommt, bewegt sich in
dieser Zeit und ist dadurch in sich selbst zeitlich."
Manfred Sommer, Lebenswelt und
Zeitbewusstsein
1. Die Intensivierung der Zeitwahrnehmung strahlt auf
die sonstige Wahrnehmung und das allgemeine Bewusstsein
aus. Ich wurde in den Jahren aufmerksamer und empfänglicher
für äußere Wahrnehmung. Sinneseindrücke
haben ein stärkeres Gewicht. Mir fallen mittlerweile
einfach mehr Sachen auf. Ich bemerke es auch leichter,
wenn ein anderer Mensch Hilfe oder auch nur Rücksicht
nötig hat oder mir nur mit einem Blick ein Signal
geben will. Ich glaube nicht, dass dies irgendetwas Übernatürliches
ist. Vielmehr erlaubt die mittlerweile zu beobachtende
innere Ruhe und die - zeitweilige - Abwesenheit von Gedanken
an Vergangenheit und Zukunft einen besseren Zugang zu
normalerweise "verdeckten" Hirnaktivitäten.
... quia tempus non erit amplius.
... dass Zeit hinfort keine Ausdehnung haben soll.
Offenbarung 10,6
2. Die Konzentration auf die Gegenwart lässt die
Bedeutung von Vergangenheit und Zukunft bzw. das Gewicht
der Gedanken daran schrumpfen. Vergangenheit und Zukunft
werden in der Jetzt-Zeit aufgehoben.
Während unsere Gedanken normalerweise ständig
um vorgestellte vergangene oder vorgestellte zukünftige
Ereignisse kreisen, stellt sich bei fortgesetzter Zeitintensivierung
sehr viel Ruhe und Bezug zur Gegenwart ein. Vergangene
Ereignisse, die oft noch sehr stark mit Gefühlen
besetzt sind, geraten zwar nicht in Vergessenheit; sie
verlieren jedoch ihren emotionalen Gehalt und damit teilweise
ihre Bedeutung. Es ist deshalb nicht mehr so wichtig,
sich mit ihnen gedanklich zu beschäftigen. Da es
nicht mehr so wichtig ist, tut man es dementsprechend
weniger.
Gleiches gilt für die Zukunft. Sie ist normalerweise
ständig Gegenstand von planenden Überlegungen,
von Ängsten und Hoffnungen. Doch auch die Zukunft
kann an Bedeutung verlieren, wenn man sich auf die Gegenwart
konzentriert und die gegenwärtige Zeit wahrnimmt.
Zukunft wird dann mit wesentlich mehr Gelassenheit und
Gleichmut gesehen: sie wird schon kommen, so oder so.
Weshalb soll ich mich jetzt mit ihr beschäftigen
und die Gegenwart verdrängen? Ist die Gegenwart nicht
die einzige Zeit, auf die ich unmittelbar Zugriff habe?
Dabei kann gelegentlich ein kurioses Phänomen auftreten:
Ähnlich wie in einigen religiösen Überlieferungen
berichtet kann das Gefühl entstehen, dass Gegenwart
und Vergangenheit in der Jetzt-Zeit präsent sind.
Auch das ist nicht übernatürlich, sondern lässt
sich erklären: In dem Maß, wie ich mich absolut
auf die Gegenwart konzentrieren kann, ist es unwichtig,
an welchem Punkt der Zeitlinie, als welche die Zeit ja
üblicherweise gedacht wird, ich mich befinde. Die
chronologische Einordnung im Rahmen des üblichen
Zeitverständnisses entfällt teilweise, nämlich
insoweit, als ich für die intensive Wahrnehmung der
Zeit die chronologische Einordnung nicht brauche bzw.
sie mir sogar hinderlich ist. Es entwickelt sich so in
Ansätzen ein über-chronologisches Zeitgefühl,
welches Vergangenheit und Zukunft aufhebt bzw. in sich
einschließt.
Ist das beschriebene Gefühl nur auf eine Illusion
zurückzuführen? Wahrscheinlich. Allerdings dürfte
es diese Eigenschaft mit unserem gewöhnlichen Zeitverständnis
gemein haben. Bewerten wir das Phänomen daher einfach
nur als interessant.
3. Der Charakter der Zeitwahrnehmung verändert sich
mit zunehmender Praxis. Die Zeit wird fast eine andere.
Während die Entwicklung des Zeitbewusstseins in
der Anfangszeit noch dem Versuch ähnelt, die Zeit
anzuhalten, verändert sich der Charakter des durch
die Empfehlung 3 bewirkten Zustands nach einiger Zeit
dahingehend, dass man einfach in der Zeit ist.
Zeit ist dann eine wesentliche Empfindungs- und Daseinsdimension.
Der Fluss der Zeit wirkt natürlich auch dann noch
auf die Lebenswirklichkeit. Er ist jedoch dermaßen
verlangsamt bzw. wird als so verlangsamt wahrgenommen,
dass sich - bildlich gesprochen - der Raum über und
unter, links und rechts der Zeitlinie erschließt.
Welchen Inhalt hat dieser Raum? Diese Frage lässt
sich nicht allgemein beantworten. Denn es kommt immer
darauf an, womit man zu einem bestimmten Zeitpunkt seinen
Geist beschäftigt und welche Gefühle man gerade
hat. Beides steht natürlich in engem Wechselverhältnis
zueinander. Und beides lässt sich durch mentale Kulturtechniken
beeinflussen .