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  05.09.2010   
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V. Die Empfehlung 3: Sich das Verfließen der Zeit in Erinnerung rufen - Zeit im Jetzt wahrnehmen

1. Einführung in die Methode
2. Der Urlaubslernplan
3. Die Übergangszeit nach dem Urlaub
4. Im Alltag
5. Das Wochenendübungsprogramm

1. Einführung in die Methode

Dies ist wahrscheinlich die am schwierigsten zu befolgende Empfehlung. Der Grund hierfür dürfte darin liegen, dass die Empfehlung 3 die Übertragung einer neuen Aufgabe auf unser Bewusstsein beinhaltet.

Aus der Schwierigkeit folgt, dass wir nicht mit schnellen Erfolgen rechnen dürfen. Auch muss man immer wieder zeitweilige Rückschläge hinnehmen. Am Treffendsten finde ich dabei den Vergleich mit dem Erlernen eines Instruments: auch hierbei gibt es Phasen, in denen es überraschend schnell vorangeht, und andere, in denen nichts vorwärts zu gehen scheint. Aber ganz so langwierig wie das Erlernen eines Instruments soll es denn doch nicht werden: 3 bis 4 Wochen können Sie schon sehr weit bringen.

Das Erlernen der Empfehlung 3 lässt sich in drei Schritte zerlegen:

- Bewusstmachung der Grunderfahrung des Zeiterlebens;

- Erlernen eines Mechanismus' zur Erinnerung an diese Grunderfahrung in einer wenig arbeitsintensiven, also relativ freien Zeit;

- Übertragung des Mechanismus' in eine Zeit mit stärkerer Zeit- und Konzentrationsbeanspruchung.

Die ersten beiden Schritte sollten nach Möglichkeit in einem mindestens zweiwöchigen Urlaub getan werden, auch wenn sie nur einen Bruchteil der Zeit im Urlaub beanspruchen. Denn im Urlaub kann man sich am leichtesten an neue geistige Aufgaben gewöhnen. Da nicht jeder unter Ihnen die Möglichkeit haben werden, einen Urlaub auch für die Erlernung der Zeitbewusstseinstechnik zu verwenden, wird nach dem "Urlaubslernplan" ein Lernplan vorgestellt, der nur ein freies Wochenende voraussetzt. Dies allerdings mit dem Hinweis, dass die Technik besser und sicherer im Urlaub erlernt wird.

2. Der Urlaubslernplan

1. Tag:

Lesen Sie nochmals die wichtigsten Passagen des Buches (insbesondere zu Empfehlung 3) bis zu dieser Stelle.

2. Tag:

Übung 1:

  • Begeben Sie sich an einen ruhigen Ort, an dem Sie ungestört sind. Setzen Sie sich auf einen geraden Stuhl oder legen Sie sich bequem hin. Atmen Sie ruhig.

  • Nach einer Weile richten Sie Ihr Augenmerk auf den Zeitpunkt, an dem Sie anfangen auszuatmen. Lassen Sie eventuell aufkommende Gedanken lassen Sie vorbeiziehen und kehren Sie zu Ihrem Atem zurück.

  • Wiederum nach einer Weile versuchen Sie, sich auf die Zeit zwischen den Momenten des Ausatmens zu konzentrieren. Versuchen Sie zu spüren, wie lang diese Zeit doch ist! Versuchen Sie zu spüren, wie die Zeit langsam strömt. Versuchen Sie bitte auch zu bemerken, wie viele kleine Zeiteinheiten in der Zeit zwischen zwei "Ausatmungen" versteckt sind.

  • Beenden Sie die Übung nach 5-10 Minuten, indem Sie zunächst noch eine Weile liegen bzw. sitzen und dann langsam aufstehen.

  • Wiederholen Sie bitte diese Übung über den Tag verteilt alle 2-3 Stunden!

3. Tag:

Übung 2:

  • Begeben Sie sich an einen ruhigen Ort. Legen oder setzen Sie sich bequem hin. Atmen Sie ruhig.

  • Stellen Sie sich vor, Sie seien am Meer und hörten den Wellen zu (wenn Sie tatsächlich am Meer sind: umso besser!). Die Wellen kommen lautlos auf die Küste zu. Dann hören Sie die sich überschlagende Welle aufschlagen. Das Rauschen verklingt recht gleichmäßig und hinterlässt Stille. Dann kommt die nächste Welle, überschlägt sich, verursacht wieder ein Rauschen und läuft in der Stille aus …

  • Wenn Sie sich an diese Abfolge gewöhnt haben: konzentrieren Sie sich auf das Aufschlagen der Welle. Achten Sie darauf, wie kurz dieser Moment doch ist.

  • Konzentrieren Sie sich nach einiger Zeit auf das Rauschen. Versuchen Sie, seiner Dauer nachzuspüren. Wie viele Wellen könnten nicht in der Zeit hintereinander aufschlagen, in der eine einzige Welle ausklingt?

  • Konzentrieren Sie sich dann auf die Stille nach dem Rauschen. Versuchen Sie, seiner Dauer nachzuspüren. Wie viele Wellen könnten während dieser Stille eine nach der anderen aufschlagen?

  • Versuchen Sie zu spüren, wie lange die Zeit zwischen dem Aufschlagen der Wellen insgesamt ist. Spüren Sie also dem langsamen Zeitfluss zwischen dem Aufschlagen der Wellen nach. Versuchen Sie zu merken, wie viele kleine Zeiteinheiten doch in der langen Zeit zwischen zwei Wellen versteckt sind.

  • Beenden Sie die Übung nach 5-10 Minuten, indem Sie zunächst noch eine Weile liegen bzw. sitzen und dann langsam aufstehen.

  • Wiederholen Sie diese Übung alle 2 - 3 Stunden.

3. - 7. Tag

Morgens: Vergleichen Sie die beiden Übungen: Welche hat Ihnen besser gefallen? Welche fiel Ihnen leichter? Bei welcher Übung kam Ihnen die Zeit länger vor?

Wiederholen Sie sodann in Abständen von 2 - 3 Stunden (wenn Sie wollen auch kürzer) die Übung, welche Ihnen besser gefallen hat oder bei der die Zeit Ihnen langsamer verstreichend vorkam. Ersetzen Sie ab und zu diese Übung durch die jeweils andere Übung.

Versuchen Sie zu beobachten, wie Ihre Zeitwahrnehmung während der Übungen ist und ob Ihnen die Zeit zwischen den Übungen auch schon länger (also langsamer verstreichend) vorkommt. Tragen Sie diese Beobachtungen in Ihrem Zeitwahrnehmungsnotizbuch ein.

Die Erfahrung von der Länge der Zeit bei den Übungen 1 und 2 wollen wir im folgenden

"Zeitgrunderfahrung"

nennen. Dabei mögen Sie ruhig unter diesem Begriff noch genauer die Zeiterfahrung bei der von Ihnen vorgezogenen Übung verstehen: "Zeitgrunderfahrung" soll kein objektiver Begriff sein, sondern bei Ihnen die Erinnerung an die Zeitwahrnehmung bei der Übung hervorrufen, bei der "Ihre" Zeit am langsamsten verstreicht.

8. Tag

Fahren Sie mit den Übungen 1 und 2 nach Ihrem Gutdünken fort (jedoch mindestens zwei Übungen pro Tag).

Daneben starten Sie bitte folgendes "Programm" für die Übung 3.

Übung 3:

  • Suchen Sie sich eine relativ ruhige Urlaubsbeschäftigung

  • Überlegen Sie sich, wie Sie die Zeit während dieser Tätigkeit in "natürliche" Zeiteinheiten von 3 - 20 Sekunden einteilen können. Z.B.:

  • beim Essen: jeder neue Bissen;

  • bei der Unterhaltungslektüre: jede 2.-12. Zeile, jeder kleine Absatz;

  • beim Schwimmen: jeder 3.-5. Zug;

  • beim Wandern oder Spazierengehen: jeder 4.-12. Schritt;

  • beim In-der-Sonne-Liegen: jeder 2.-12. Atemzug;

  • beim Musikhören: jeder 2.-12. Takt.

  • Denken Sie zu Beginn einer jeden natürlichen Zeiteinheit für ein bis zwei Sekunden an Ihre "Zeitgrunderfahrung". Versuchen Sie gerade das Gefühl von Zeit zu haben, welches Sie normalerweise bei der von Ihnen bevorzugten Übung (1 oder 2) haben. Spüren Sie, wie lang doch die Zeit ist, während der Sie noch an Ihre Zeitgrunderfahrung denken.

  • Gehen Sie im übrigen Ihren Tätigkeiten und Gedanken nach. Wichtig ist nur, dass Sie sich in dem von Ihnen gewählten Rhythmus für ein bis zwei Sekunden an die Zeitgrunderfahrung erinnern, diese also wachrufen.

  • Wiederholen Sie die Übung 3 so oft Sie können während des Tages. Probieren Sie dabei die Übung bei verschiedenen Tätigkeiten aus. Sie werden sich wundern, wie viele Ihrer Tätigkeiten einen natürlichen Rhythmus haben, so dass Sie leicht Ihnen angenehme Zeiteinheiten finden können. Versuchen Sie aber am Anfang bitte nicht, die Übung bei Tätigkeiten anzuwenden, welche ein hohes Maß an Konzentration erfordern!

9. Tag

Wie beim 8. Tag; erstrecken Sie die Übung 3 jedoch auf Tätigkeiten, die eine mittlere Konzentration erfordern (z.B. Kochen, Zeitung oder leichte Literatur lesen).

10. Tag

Wählen Sie zusätzlich einige ruhige Tätigkeiten aus, um die Übung 4 zu machen.

Übung 4:

Wie Übung 3. Versuchen Sie jedoch zusätzlich ein Gefühl dafür zu bekommen, wie lang die letzte Zeiteinheit insgesamt war. Denken Sie also auch an die Zeit zwischen dem letzten Denken an die Zeitgrunderfahrung und dem jetzigen. Versuchen Sie, dieser Zeit nachzufühlen!

11.-14. Tag

Wenn Ihnen Übung 4 gelungen ist, bleiben Sie bei Übung 4; wenn nicht, fahren Sie mit der Übung 3 fort und versuchen Übung 4 erst wieder gegen Ende Ihres Urlaubs.

In jedem Fall sollten Sie versuchen, die Übungen 3 und 4 während verschiedener Tätigkeiten durchzuführen. Dabei steigern Sie langsam die Schwierigkeit dieser Tätigkeiten, so dass Sie die Technik der Übungen 3 oder 4 auch auf Tätigkeiten mit höherer Konzentration durchführen können.

Wichtig ist, dass Sie während der ganzen Übungstage auch stets die Übung 1 oder 2 mehrmals täglich wiederholen, um so Ihre Zeitgrunderfahrung lebendig zu halten.

Führen Sie bitte Ihr Zeitwahrnehmungsnotizbuch weiter! Notieren Sie, ob Ihnen die Zeit während der Übungen langsam verstreichend vorkommt! Halten Sie fest, inwieweit Ihnen Übung 3 und 4 gelingt! Schaffen Sie es, jeweils die ganze Zeiteinheit "zu spüren"? Und was ist mit der Zeit zwischen den Übungen: Färbt die Langsamkeit des Zeitflusses während der Übungen auf die Zeit zwischen den Übungen ab?

3. Die Übergangszeit nach dem Urlaub

Nach dem Urlaub beginnt vielleicht die schwierigste Phase: Sie kommen zurück nach Hause und an Ihren Arbeitsplatz; die angehäufte Arbeit wartet auf Sie. Sie wissen nicht, wo Sie zuerst anpacken sollen. In dieser Lage laufen Sie natürlich Gefahr, das soeben zur Zeitwahrnehmung Gelernte wieder zu vergessen.

Um nicht die erlangte Fähigkeit Zeit intensiv wahrzunehmen aufs Spiel zu setzen, sollten Sie bewusst gegensteuern. Daher sollten Sie versuchen, relativ leere, ruhige Zeiten und Arbeitsrhythmen (z.B. einfache Lektüre oder manuelle Tätigkeiten, Fahrten) als Gelegenheit für die Übung 3 oder 4 zu nutzen. Wenn Sie sich dies fest vornehmen, werden Sie sicher entsprechende Gelegenheiten finden. Morgens oder abends sollten Sie mindestens einmal täglich die Übung 1 oder 2 machen, um Ihre Zeitgrunderfahrung wach zu halten. Ohne die gelegentliche Aktivierung dieser Grunderfahrung scheint mir die sinnvolle Anwendung der Technik der Übungen 3 oder 4 zumindest in der Anfangsphase unmöglich.

Gehören Sie zu den Menschen, welche in ihrem ganzen Arbeitsablauf keine relativ ruhigen Phasen haben, können Sie noch folgendes tun: Nutzen Sie kurze Pausen (Kaffee trinken, Besuch der Toilette, kurze Fußwege) dazu, sich in relativ kurzen Abständen (z.B. jeder vierter Schritt oder Atemzug) an die Zeitgrunderfahrung zu erinnern. Wenn Sie in Ihrem Arbeitsprozess keine solchen Kurzpausen haben, sollten Sie unbedingt welche einbauen! Sie sind für den inneren Ausgleich unabdingbar und steigern letztlich auch Ihre Arbeitseffizienz.

Auf alle Fälle sollten Sie die Übungstechniken 3 und 4 umso mehr außerhalb der Arbeit anwenden, je konzentrierter Sie bei der Arbeit sein müssen. Den Einstieg in die Reaktivierung der Zeitwahrnehmungstechnik kann z.B. der Heimweg sein.


4. Im Alltag

Im Alltag werden äußerst vielfältige, vereinnahmende Anforderungen an uns gestellt. Dies macht die Schwierigkeit aus, eine Bewusstseinstechnik wie die unsere in den Alltag zu integrieren und sie wach zu halten.

Wichtig für eine erfolgreiche Integration ist zunächst einmal, dass wir oft an unser Ziel der intensiveren Zeitwahrnehmung denken. Denn wenn wir nicht daran denken, können wir nicht einmal prüfen, ob wir Gelegenheit zu der Anwendung der Übungen haben.

Die gelegentliche (bewusste) Anwendung der Übungstechniken 1 - 4 ist wiederum Voraussetzung dafür, dass der unbewusste Teil unseres Gehirns die Zeitwahrnehmungsfunktion wach hält. Nach einiger Zeit kommt es dazu, dass auch außerhalb der Übungszeiten eine intensivere Zeitwahrnehmung besteht, wenn der Abstand zwischen den Übungen nicht allzu groß ist.

Aus dieser logischen Verbindung lässt sich folgendes Schema ableiten:

- Denken Sie möglichst oft an die Zeit und ihre Wahrnehmung, z.B. regelmäßig, wenn Sie auf die Uhr schauen! Bringen Sie in Ihrer sichtbaren Umgebung möglichst einen Gegenstand an, der Sie an die Zeit erinnert.

- Prüfen Sie dann jedes Mal, ob Sie nicht Gelegenheit zur Anwendung zumindest der Übungen 3 und 4 haben! Denken Sie dabei daran, dass Sie die Übungen 3 und 4 ja letztlich keine Zeit kosten, da Sie Ihre normale Tätigkeit fortführen können.

- Verfolgen Sie insbesondere in dieser Zeit genau durch Ihr Zeitwahrnehmungsnotizbuch den Erfolg Ihrer Bemühungen!

5. Das Wochenendübungsprogramm

Bereiten Sie sich unter der Woche durch die Lektüre der wichtigsten Passagen des Buches auf das "Zeitwahrnehmungswochenende" vor!

Am Freitag Abend:

Wie 2. Tag (Übung 1) und 3. Tag (Übung 2); beide Übungen jeweils zweimal (abwechselnd).

Samstag:

Fahren Sie an diesem Tag vormittags mit derjenigen der beiden Übungen (1 oder 2) fort, bei der Ihnen die Zeit länger vorkam; kamen Ihnen beide gleich lang vor, nehmen Sie die Übung, die Ihnen besser gefällt!
Die Abstände zwischen den Übungen sollten ca. eine halbe Stunde betragen.
Versuchen Sie zu beobachten, wie Ihre Zeitwahrnehmung während und zwischen den Übungen ist.
Fahren Sie auch nachmittags mit der Übung 1 und 2 fort. Probieren Sie jedoch zusätzlich die Übung 3 (siehe 8. Tag) in Verbindung mit einer sehr wenig Konzentration erfordernden Tätigkeit aus.

Sonntag:

Steigern Sie langsam den Konzentrationsgrad der Tätigkeit, während der Sie die Übung 3 machen. Gehen Sie dabei jedoch nicht über einen mittleren Konzentrationsgrad hinaus.
Entspannen Sie sich zwischendurch durch Übung 1 oder 2.
Gegen Abend können Sie vielleicht schon mit der Übung 4 beginnen.
Das Wochenendübungsprogramm kann unmöglich so erfolgreich sein wie das langsame Urlaubsübungsprogramm. Die Technik kann sich nicht so tief und nachhaltig einprägen. Deshalb ist es umso wichtiger, dass Sie die Ratschläge unter der Überschrift "Im Alltag" besonders beherzigen. Nehmen Sie sich außerdem gelegentlich Zeit, um die Übung 1 oder 2 und 3 oder 4 zu wiederholen.
Und: wiederholen Sie nach Möglichkeit gelegentlich das ganze Wochenendübungsprogramm!
Beide Übungsprogramme sollen Ihnen natürlich nicht den Spaß an Ihren Ferien beziehungsweise Wochenenden verderben. Sie sollten also nicht jeden Augenblick sklavisch für das Zeitwahrnehmungstraining aufwenden. Das Training soll Ihren Urlaub bzw. Ihr Wochenende bereichern. Allerdings kann das Übungsprogramm nicht zum Erfolg führen, wenn Sie vollkommen absorbiert von anderen Gedanken oder Tätigkeiten in den Urlaub bzw. in das Wochenende gehen.

 

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Aktualisiert am: 16.07.2008
 
         
 

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