1. Einführung in die Methode
Dies ist wahrscheinlich die am schwierigsten zu befolgende
Empfehlung. Der Grund hierfür dürfte darin liegen,
dass die Empfehlung 3 die Übertragung einer neuen Aufgabe
auf unser Bewusstsein beinhaltet.
Aus der Schwierigkeit folgt, dass wir nicht mit schnellen
Erfolgen rechnen dürfen. Auch muss man immer wieder
zeitweilige Rückschläge hinnehmen. Am Treffendsten
finde ich dabei den Vergleich mit dem Erlernen eines Instruments:
auch hierbei gibt es Phasen, in denen es überraschend
schnell vorangeht, und andere, in denen nichts vorwärts
zu gehen scheint. Aber ganz so langwierig wie das Erlernen
eines Instruments soll es denn doch nicht werden: 3 bis
4 Wochen können Sie schon sehr weit bringen.
Das Erlernen der Empfehlung 3 lässt sich in drei Schritte
zerlegen:
- Bewusstmachung der Grunderfahrung des Zeiterlebens;
- Erlernen eines Mechanismus' zur Erinnerung an diese Grunderfahrung
in einer wenig arbeitsintensiven, also relativ freien Zeit;
- Übertragung des Mechanismus' in eine Zeit mit stärkerer
Zeit- und Konzentrationsbeanspruchung.
Die ersten beiden Schritte sollten nach Möglichkeit
in einem mindestens zweiwöchigen Urlaub getan werden,
auch wenn sie nur einen Bruchteil der Zeit im Urlaub beanspruchen.
Denn im Urlaub kann man sich am leichtesten an neue geistige
Aufgaben gewöhnen. Da nicht jeder unter Ihnen die Möglichkeit
haben werden, einen Urlaub auch für die Erlernung der
Zeitbewusstseinstechnik zu verwenden, wird nach dem "Urlaubslernplan"
ein Lernplan vorgestellt, der nur ein freies Wochenende
voraussetzt. Dies allerdings mit dem Hinweis, dass die Technik
besser und sicherer im Urlaub erlernt wird.
2. Der Urlaubslernplan
1. Tag:
Lesen Sie nochmals die wichtigsten Passagen des Buches
(insbesondere zu Empfehlung 3) bis zu dieser Stelle.
2. Tag:
Übung 1:
-
Begeben Sie sich an einen
ruhigen Ort, an dem Sie ungestört sind. Setzen
Sie sich auf einen geraden Stuhl oder legen Sie sich
bequem hin. Atmen Sie ruhig.
-
Nach einer Weile richten
Sie Ihr Augenmerk auf den Zeitpunkt, an dem Sie anfangen
auszuatmen. Lassen Sie eventuell aufkommende Gedanken
lassen Sie vorbeiziehen und kehren Sie zu Ihrem Atem
zurück.
-
Wiederum nach einer Weile
versuchen Sie, sich auf die Zeit zwischen den Momenten
des Ausatmens zu konzentrieren. Versuchen Sie zu spüren,
wie lang diese Zeit doch ist! Versuchen Sie zu spüren,
wie die Zeit langsam strömt. Versuchen Sie bitte
auch zu bemerken, wie viele kleine Zeiteinheiten in
der Zeit zwischen zwei "Ausatmungen" versteckt
sind.
-
Beenden Sie die Übung
nach 5-10 Minuten, indem Sie zunächst noch eine
Weile liegen bzw. sitzen und dann langsam aufstehen.
-
Wiederholen Sie bitte diese
Übung über den Tag verteilt alle 2-3 Stunden!
3. Tag:
Übung 2:
-
Begeben Sie sich an einen
ruhigen Ort. Legen oder setzen Sie sich bequem hin.
Atmen Sie ruhig.
-
Stellen Sie sich vor, Sie
seien am Meer und hörten den Wellen zu (wenn Sie
tatsächlich am Meer sind: umso besser!). Die Wellen
kommen lautlos auf die Küste zu. Dann hören
Sie die sich überschlagende Welle aufschlagen.
Das Rauschen verklingt recht gleichmäßig
und hinterlässt Stille. Dann kommt die nächste
Welle, überschlägt sich, verursacht wieder
ein Rauschen und läuft in der Stille aus …
-
Wenn Sie sich an diese Abfolge
gewöhnt haben: konzentrieren Sie sich auf das Aufschlagen
der Welle. Achten Sie darauf, wie kurz dieser Moment
doch ist.
-
Konzentrieren Sie sich nach
einiger Zeit auf das Rauschen. Versuchen Sie, seiner
Dauer nachzuspüren. Wie viele Wellen könnten
nicht in der Zeit hintereinander aufschlagen, in der
eine einzige Welle ausklingt?
-
Konzentrieren Sie sich dann
auf die Stille nach dem Rauschen. Versuchen Sie, seiner
Dauer nachzuspüren. Wie viele Wellen könnten
während dieser Stille eine nach der anderen aufschlagen?
-
Versuchen Sie zu spüren,
wie lange die Zeit zwischen dem Aufschlagen der Wellen
insgesamt ist. Spüren Sie also dem langsamen Zeitfluss
zwischen dem Aufschlagen der Wellen nach. Versuchen
Sie zu merken, wie viele kleine Zeiteinheiten doch in
der langen Zeit zwischen zwei Wellen versteckt sind.
3. - 7. Tag
Morgens: Vergleichen Sie die beiden Übungen: Welche
hat Ihnen besser gefallen? Welche fiel Ihnen leichter? Bei
welcher Übung kam Ihnen die Zeit länger vor?
Wiederholen Sie sodann in Abständen von 2 - 3 Stunden
(wenn Sie wollen auch kürzer) die Übung, welche
Ihnen besser gefallen hat oder bei der die Zeit Ihnen langsamer
verstreichend vorkam. Ersetzen Sie ab und zu diese Übung
durch die jeweils andere Übung.
Versuchen Sie zu beobachten, wie Ihre Zeitwahrnehmung während
der Übungen ist und ob Ihnen die Zeit zwischen den
Übungen auch schon länger (also langsamer verstreichend)
vorkommt. Tragen Sie diese Beobachtungen in Ihrem Zeitwahrnehmungsnotizbuch
ein.
Die Erfahrung von der Länge der Zeit bei den Übungen
1 und 2 wollen wir im folgenden
"Zeitgrunderfahrung"
nennen. Dabei mögen Sie ruhig unter diesem Begriff
noch genauer die Zeiterfahrung bei der von Ihnen vorgezogenen
Übung verstehen: "Zeitgrunderfahrung" soll
kein objektiver Begriff sein, sondern bei Ihnen die Erinnerung
an die Zeitwahrnehmung bei der Übung hervorrufen, bei
der "Ihre" Zeit am langsamsten verstreicht.
8. Tag
Fahren Sie mit den Übungen 1 und 2 nach Ihrem Gutdünken
fort (jedoch mindestens zwei Übungen pro Tag).
Daneben starten Sie bitte folgendes "Programm"
für die Übung 3.
Übung 3:
-
Suchen Sie sich eine relativ
ruhige Urlaubsbeschäftigung
-
Überlegen Sie sich,
wie Sie die Zeit während dieser Tätigkeit
in "natürliche" Zeiteinheiten von 3 -
20 Sekunden einteilen können. Z.B.:
-
beim Essen: jeder neue Bissen;
-
Denken Sie zu Beginn einer
jeden natürlichen Zeiteinheit für ein bis
zwei Sekunden an Ihre "Zeitgrunderfahrung".
Versuchen Sie gerade das Gefühl von Zeit zu haben,
welches Sie normalerweise bei der von Ihnen bevorzugten
Übung (1 oder 2) haben. Spüren Sie, wie lang
doch die Zeit ist, während der Sie noch an Ihre
Zeitgrunderfahrung denken.
-
Gehen Sie im übrigen
Ihren Tätigkeiten und Gedanken nach. Wichtig ist
nur, dass Sie sich in dem von Ihnen gewählten Rhythmus
für ein bis zwei Sekunden an die Zeitgrunderfahrung
erinnern, diese also wachrufen.
-
Wiederholen Sie die Übung
3 so oft Sie können während des Tages. Probieren
Sie dabei die Übung bei verschiedenen Tätigkeiten
aus. Sie werden sich wundern, wie viele Ihrer Tätigkeiten
einen natürlichen Rhythmus haben, so dass Sie leicht
Ihnen angenehme Zeiteinheiten finden können. Versuchen
Sie aber am Anfang bitte nicht, die Übung bei Tätigkeiten
anzuwenden, welche ein hohes Maß an Konzentration
erfordern!
9. Tag
Wie beim 8. Tag; erstrecken Sie die Übung 3 jedoch
auf Tätigkeiten, die eine mittlere Konzentration erfordern
(z.B. Kochen, Zeitung oder leichte Literatur lesen).
10. Tag
Wählen Sie zusätzlich einige ruhige Tätigkeiten
aus, um die Übung 4 zu machen.
Übung 4:
Wie
Übung 3. Versuchen Sie jedoch zusätzlich ein Gefühl
dafür zu bekommen, wie lang die letzte Zeiteinheit
insgesamt war. Denken Sie also auch an die Zeit zwischen
dem letzten Denken an die Zeitgrunderfahrung und dem jetzigen.
Versuchen Sie, dieser Zeit nachzufühlen!
11.-14. Tag
Wenn Ihnen Übung 4 gelungen ist, bleiben Sie bei Übung
4; wenn nicht, fahren Sie mit der Übung 3 fort und
versuchen Übung 4 erst wieder gegen Ende Ihres Urlaubs.
In jedem Fall sollten Sie versuchen, die Übungen 3
und 4 während verschiedener Tätigkeiten durchzuführen.
Dabei steigern Sie langsam die Schwierigkeit dieser Tätigkeiten,
so dass Sie die Technik der Übungen 3 oder 4 auch auf
Tätigkeiten mit höherer Konzentration durchführen
können.
Wichtig ist, dass Sie während der ganzen Übungstage
auch stets die Übung 1 oder 2 mehrmals täglich
wiederholen, um so Ihre Zeitgrunderfahrung lebendig zu halten.
Führen Sie bitte Ihr Zeitwahrnehmungsnotizbuch weiter!
Notieren Sie, ob Ihnen die Zeit während der Übungen
langsam verstreichend vorkommt! Halten Sie fest, inwieweit
Ihnen Übung 3 und 4 gelingt! Schaffen Sie es, jeweils
die ganze Zeiteinheit "zu spüren"? Und was
ist mit der Zeit zwischen den Übungen: Färbt die
Langsamkeit des Zeitflusses während der Übungen
auf die Zeit zwischen den Übungen ab?
3. Die Übergangszeit nach dem Urlaub
Nach dem Urlaub beginnt vielleicht die schwierigste Phase:
Sie kommen zurück nach Hause und an Ihren Arbeitsplatz;
die angehäufte Arbeit wartet auf Sie. Sie wissen nicht,
wo Sie zuerst anpacken sollen. In dieser Lage laufen Sie
natürlich Gefahr, das soeben zur Zeitwahrnehmung Gelernte
wieder zu vergessen.
Um nicht die erlangte Fähigkeit Zeit intensiv wahrzunehmen
aufs Spiel zu setzen, sollten Sie bewusst gegensteuern.
Daher sollten Sie versuchen, relativ leere, ruhige Zeiten
und Arbeitsrhythmen (z.B. einfache Lektüre oder manuelle
Tätigkeiten, Fahrten) als Gelegenheit für die
Übung 3 oder 4 zu nutzen. Wenn Sie sich dies fest vornehmen,
werden Sie sicher entsprechende Gelegenheiten finden. Morgens
oder abends sollten Sie mindestens einmal täglich die
Übung 1 oder 2 machen, um Ihre Zeitgrunderfahrung wach
zu halten. Ohne die gelegentliche Aktivierung dieser Grunderfahrung
scheint mir die sinnvolle Anwendung der Technik der Übungen
3 oder 4 zumindest in der Anfangsphase unmöglich.
Gehören Sie zu den Menschen, welche in ihrem ganzen
Arbeitsablauf keine relativ ruhigen Phasen haben, können
Sie noch folgendes tun: Nutzen Sie kurze Pausen (Kaffee
trinken, Besuch der Toilette, kurze Fußwege) dazu,
sich in relativ kurzen Abständen (z.B. jeder vierter
Schritt oder Atemzug) an die Zeitgrunderfahrung zu erinnern.
Wenn Sie in Ihrem Arbeitsprozess keine solchen Kurzpausen
haben, sollten Sie unbedingt welche einbauen! Sie sind für
den inneren Ausgleich unabdingbar und steigern letztlich
auch Ihre Arbeitseffizienz.
Auf alle Fälle sollten Sie die Übungstechniken
3 und 4 umso mehr außerhalb der Arbeit anwenden, je
konzentrierter Sie bei der Arbeit sein müssen. Den
Einstieg in die Reaktivierung der Zeitwahrnehmungstechnik
kann z.B. der Heimweg sein.
4. Im Alltag
Im Alltag werden äußerst vielfältige, vereinnahmende
Anforderungen an uns gestellt. Dies macht die Schwierigkeit
aus, eine Bewusstseinstechnik wie die unsere in den Alltag
zu integrieren und sie wach zu halten.
Wichtig für eine erfolgreiche Integration ist zunächst
einmal, dass wir oft an unser Ziel der intensiveren Zeitwahrnehmung
denken. Denn wenn wir nicht daran denken, können wir
nicht einmal prüfen, ob wir Gelegenheit zu der Anwendung
der Übungen haben.
Die gelegentliche (bewusste) Anwendung der Übungstechniken
1 - 4 ist wiederum Voraussetzung dafür, dass der unbewusste
Teil unseres Gehirns die Zeitwahrnehmungsfunktion wach hält.
Nach einiger Zeit kommt es dazu, dass auch außerhalb
der Übungszeiten eine intensivere Zeitwahrnehmung besteht,
wenn der Abstand zwischen den Übungen nicht allzu groß
ist.
Aus dieser logischen Verbindung lässt sich folgendes
Schema ableiten:
- Denken Sie möglichst oft an die Zeit und ihre Wahrnehmung,
z.B. regelmäßig, wenn Sie auf die Uhr schauen!
Bringen Sie in Ihrer sichtbaren Umgebung möglichst
einen Gegenstand an, der Sie an die Zeit erinnert.
- Prüfen Sie dann jedes Mal, ob Sie nicht Gelegenheit
zur Anwendung zumindest der Übungen 3 und 4 haben!
Denken Sie dabei daran, dass Sie die Übungen 3 und
4 ja letztlich keine Zeit kosten, da Sie Ihre normale Tätigkeit
fortführen können.
- Verfolgen Sie insbesondere in dieser Zeit genau durch
Ihr Zeitwahrnehmungsnotizbuch den Erfolg Ihrer Bemühungen!
5. Das Wochenendübungsprogramm
Bereiten Sie sich unter der Woche durch die Lektüre
der wichtigsten Passagen des Buches auf das "Zeitwahrnehmungswochenende"
vor!
Am Freitag Abend:
Wie 2. Tag (Übung 1) und 3. Tag (Übung 2); beide
Übungen jeweils zweimal (abwechselnd).
Samstag:
Fahren Sie an diesem Tag vormittags mit derjenigen der
beiden Übungen (1 oder 2) fort, bei der Ihnen die Zeit
länger vorkam; kamen Ihnen beide gleich lang vor, nehmen
Sie die Übung, die Ihnen besser gefällt!
Die Abstände zwischen den Übungen sollten ca.
eine halbe Stunde betragen.
Versuchen Sie zu beobachten, wie Ihre Zeitwahrnehmung während
und zwischen den Übungen ist.
Fahren Sie auch nachmittags mit der Übung 1 und 2 fort.
Probieren Sie jedoch zusätzlich die Übung 3 (siehe
8. Tag) in Verbindung mit einer sehr wenig Konzentration
erfordernden Tätigkeit aus.
Sonntag:
Steigern Sie langsam den Konzentrationsgrad der Tätigkeit,
während der Sie die Übung 3 machen. Gehen Sie
dabei jedoch nicht über einen mittleren Konzentrationsgrad
hinaus.
Entspannen Sie sich zwischendurch durch Übung 1 oder
2.
Gegen Abend können Sie vielleicht schon mit der Übung
4 beginnen.
Das Wochenendübungsprogramm kann unmöglich so
erfolgreich sein wie das langsame Urlaubsübungsprogramm.
Die Technik kann sich nicht so tief und nachhaltig einprägen.
Deshalb ist es umso wichtiger, dass Sie die Ratschläge
unter der Überschrift "Im Alltag" besonders
beherzigen. Nehmen Sie sich außerdem gelegentlich
Zeit, um die Übung 1 oder 2 und 3 oder 4 zu wiederholen.
Und: wiederholen Sie nach Möglichkeit gelegentlich
das ganze Wochenendübungsprogramm!
Beide Übungsprogramme sollen Ihnen natürlich nicht
den Spaß an Ihren Ferien beziehungsweise Wochenenden
verderben. Sie sollten also nicht jeden Augenblick sklavisch
für das Zeitwahrnehmungstraining aufwenden. Das Training
soll Ihren Urlaub bzw. Ihr Wochenende bereichern. Allerdings
kann das Übungsprogramm nicht zum Erfolg führen,
wenn Sie vollkommen absorbiert von anderen Gedanken oder
Tätigkeiten in den Urlaub bzw. in das Wochenende gehen.