IV. Die Empfehlung 2: Wahl der
Lebensform in Hinblick auf die Zeitwahrnehmung
Vielleicht werden Sie zumindest vorläufig keine Veranlassung
sehen, Ihre Lebensform insgesamt in Hinblick auf eine intensivere
Zeitwahrnehmung umzustellen. Das spricht dafür, dass
Sie mit Ihrem Leben zufrieden sind und gute Gründe
dafür haben, es weiterhin so zu führen. Allerdings
könnte sich dies in Zukunft einmal ändern. Deshalb
empfehle ich Ihnen, Ihre Lebensform in Jahresabständen
(am einfachsten zu Beginn eines jeden Jahres) zu hinterfragen.
Auf diese Art und Weise vermeiden Sie das Risiko, dass Sie
größere Veränderungen Ihrer Persönlichkeit
und Lebensumstände nicht berücksichtigen. Sie
laufen nicht mehr Gefahr, eine Lebensform zu praktizieren,
welche Ihnen zwar früher einmal entsprach, jedoch in
der Gegenwart nicht mehr angemessen ist. Selbst wenn Sie
jährlich zu dem Ergebnis kommen, dass Ihre Lebensform
Ihnen voll entspricht, war die aufgewendete Zeit nicht umsonst:
Sie werden nämlich ein äußerst positives
Gefühl bei dieser Feststellung empfinden.
Falls Sie sich jedoch entschließen sollten, Ihr Leben
in Hinblick auf die Zeitwahrnehmungsintensität der
darin enthaltenen Tätigkeiten (oder sogar darüber
hinaus) ändern zu wollen, stehen Sie vor einer Phase
schwieriger und vielschichtiger Überlegungen: Gäbe
es Ihnen zugängliche Lebensformen, die eine intensivere
Zeitwahrnehmung ermöglichen? Was spricht sonst für
diese Lebensform und was für die jetzige? Als eine
der möglichen Hilfestellungen biete ich Ihnen die folgenden
Fragen an:
1. Welche ethischen Ziele habe ich?
2. Was macht mir Spaß, was macht mich glücklich,
was "erfüllt" mich? Ist es ein Ziel für
mich, auf die erwähnten Arten Spaß, Glück
und Erfüllung zu empfinden? Was möchte ich erleben?
3. Habe ich ein (sonstiges) globales Lebensziel? Welches?
(die Fragen 1. - 3. können sich überschneiden)
4. Wird sich meine Einstellung zu Frage 1., 2. und 3. in
den mir verbleibenden Lebensjahren voraussichtlich ändern?
Lässt sich schon erahnen, in welche Richtung die Entwicklung
gehen wird?
5. Welche Priorität haben die genannten Ziele untereinander?
Welche werden sie in Zukunft haben? (Möglichst aufschreiben!)
6. Wie sähe ein Leben aus, welches unter Berücksichtigung
meiner Prioritäten die genannten Ziele verwirklicht?
Berücksichtigen Sie dabei den Zeitaspekt: Bestimmte
Ziele kann man nur in bestimmten Lebensabschnitten erreichen,
so dass eine gute Lebensplanung immer auch eine Lebenszeitplanung
sein muss!
7. Wie zeitwahrnehmungsintensiv sind die Tätigkeiten,
die ich bei dieser Lebensform ausüben würde?
8. Wie wichtig ist mir die Wahrnehmung meiner Lebenszeit
im Verhältnis zu den anderen Lebenszielen?
9. Habe ich die Möglichkeit, mit verhältnismäßig
geringen Einbußen bei der Zielverwirklichung einen
verhältnismäßig großen Gewinn an wahrgenommener
Lebenszeit zu erreichen? Wie? Ist mir der Gewinn an Zeit
die Einbußen wert?
Gerade bei Frage 9 müssen Sie eine Vielzahl von Möglichkeiten
gedanklich durchspielen. Machen Sie sich dabei klar, dass
man fast jedes Ziel auf viele verschiedene Arten erreichen
kann. Nicht immer ist z.B. eine hektische und damit tendenziell
zeitwahrnehmungsarme Arbeitsweise Voraussetzung für
die erfolgreiche Ausübung eines Berufes oder die Verfolgung
eines materiellen oder ideellen Zieles.
Voraussetzung für eine sinnvolle Beantwortung der
Fragen ist natürlich, dass Sie die Frage 7 gut beantworten
konnten. Im Zweifel können Sie auf die Frage 7 besser
eingehen, wenn Sie vorher empirisch durch das Zeitwahrnehmungsnotizbuch
festgestellt haben, welche Tätigkeiten Ihnen eine intensive
Zeitwahrnehmung ermöglichen. Auch das zeigt uns wieder:
Wenn Sie ernsthaft eine Umstellung Ihres Lebens in Angriff
nehmen wollen, müssen Sie jedenfalls mehrere Tage allein
für die anzustellenden Überlegungen veranschlagen.
In einem persönlichen Gespräch würden Sie
mir vielleicht entgegenhalten: "Viele der Fragen kann
ich nicht genau beantworten!" Meine Antwort darauf
wäre: "Gewiss. Aber versuchen Sie, die Fragen
immerhin so genau wie möglich schriftlich zu beantworten.
Legen Sie die Antworten für einige Tage weg und überdenken
Sie die Fragen ab und an. Nach einigen Tagen beantworten
Sie die Fragen erneut schriftlich. Sie werden überrascht
sein, wie viel mehr Sie schon zu den einzelnen Fragen sagen
können. Auch kann es hilfreich sein, mit einem guten
Freund darüber zu sprechen.
Im übrigen ist es besser, eine ungefähre Ahnung
von den eigenen Lebenszielen und ihrer jeweiligen Wichtigkeit
zu haben, als gar keine. Denn wenn man die Lebensziele überhaupt
nicht benennt, läuft man eher Gefahr, sie zu verfehlen."
Auch wenn Sie eine Änderung Ihrer Lebensform durchgeführt
haben, sollten Sie nicht davon ausgehen, dass es ein für
alle Mal die richtige ist. Überprüfen Sie daher
mindestens jährlich, ob Veranlassung zu einer weiteren
Veränderung besteht.