Bis
jetzt haben wir uns mit der Dauer und Wahrnehmung
der Gegenwart beschäftigt. Dabei haben wir eines
außer Acht gelassen: Streng genommen können
wir gar nicht von Dauer reden, ohne die Funktionsweise
unseres Gedächtnisses zu betrachten. Denn Dauer
kann unser Gehirn nur wahrnehmen, wenn es die Vergangenheit
registriert. Genau das macht das sogenannte Gedächtnis,
welches nach gegenwärtigem Wissensstand wohl
keinen bestimmten Ort im Gehirn besetzt hält,
sondern eine wie ein Netzwerk arbeitende Gehirnfunktion
ist.
Das Gedächtnis konnten wir bisher deshalb außer
Acht lassen, weil wir hinsichtlich der "Wahrnehmung
der Gegenwart" den Gegenwartsbegriff unseres Gedächtnisses
benutzten: Unser Gedächtnis sieht die Zeitspanne
von ca. 1 1/2 bis 3 Sekunden vor dem Jetzt bis zum Jetzt
als Gegenwart an .
Die Manipulationen des Gedächtnisses innerhalb
dieser Zeitspanne sind sehr begrenzt. Später wird
das anders: Die Erinnerung verblasst zunehmend, die
gelebte Zeit löst sich zum allergrößten
Teil in ein Nichts auf. Machen Sie die Probe: versuchen
Sie herauszufinden, an wie viele "Momente"
der letzten 24 Stunden Sie sich jetzt noch erinnern.
Addieren Sie die Momente. Wenn Sie auf mehr als 1 Stunde
kommen, haben Sie entweder ein phänomenal gutes
Gedächtnis oder einen ganz außergewöhnlichen
Tag erlebt.
Da das Gedächtnis mit der Registrierung einer
fast unendlichen Zahl von Momenten in einer bewussten,
d.h. jederzeit abrufbaren Form überfordert wäre,
fasst es gleichartige Momente zusammen zu einer Phase.
Liegt die Phase eine Weile zurück, wird Sie zu
den anderen, schon registrierten gleichartigen Phasen
gepackt, die z.B. jeweils den Inhalt "Arbeit im
Büro" haben. Dadurch werden die einzelnen
Phasen ununterscheidbar. So verkürzen sich selbst
lange Phasen extrem und bleiben nur noch als fast unbedeutende
Notiz (z.B. "im Büro gearbeitet") haften.
Interessanterweise meinen nun viele Zeitforscher, ein
sogenanntes Zeitparadoxon beobachten zu können:
Zeiten, die uns in der Gegenwart sehr lang vorkommen,
werden im Rückblick als kurz empfunden und umgekehrt
.
Dies liege daran, dass uns eine bestimmte Gegenwartszeit
dann lang vorkomme, wenn sie gleichförmig sei;
anschließend wird sie im Gedächtnis auf eine
"Notiz" verkürzt. Umgekehrt seien abwechslungsreiche
Gegenwartszeiten schnell vergänglich, würden
jedoch wegen der Veränderungen mehr Spuren im Gedächtnis
hinterlassen und damit länger wirken.
Ich meine, dass diese Aussage grundsätzlich stimmt.
Allerdings denke ich, dass es auch lange Gegenwartserlebnisse
geben kann, die im Rückblick / im Gedächtnis
als lang verbucht werden. Diese Auffassung stützt
sich darauf, dass es m.E. darauf ankommt, wie viel Konzentration
zur Erledigung meiner anstehenden Tätigkeiten erforderlich
ist: Ist viel Konzentration erforderlich, vergeht die
Zeit schnell; ist wenig Konzentration erforderlich,
vergeht sie langsam. Nun ist es aber so, dass sich schnell
ändernde Situationen und damit abwechslungsreiche
Zeiten nicht immer auch ein hohes Maß an Konzentration
erfordern. In diesen Ausnahmefällen greift das
sogenannte Zeitparadoxon nicht.
Egal, ob Sie der klassischen Lehre vom Zeitparadoxon
folgen oder aber meiner Variante: Es dürfte jedenfalls
feststehen, dass Zeit in der Erinnerung nur dann lang
erscheinen kann, wenn das Gedächtnis die verschiedenen
gelebten Zeitphasen unterscheidet, sie "dingfest"
macht. Es muss daher daran gehindert werden, seiner
größten Leidenschaft zu frönen: nämlich
ähnliche Ereignisse sowie ähnliche Phasen
"in einen Topf zu werfen" und damit vergessen
zu machen. Diesem Zweck dienen die Empfehlungen 7-9.
Ob es wichtig ist, die Gegenwartszeit als "lang"
zu empfinden, muss jeder für sich entscheiden.
Gleiches gilt natürlich auch hinsichtlich der Frage,
ob es wichtig ist, dass gelebte Zeit in der Erinnerung
als lang erscheint. Die Antwort hängt dabei maßgeblich
davon ab, inwieweit Sie für sich eine in der Zeit
unveränderliche, feststehende Persönlichkeit,
also ein Selbst oder Ich, annehmen. Menschen im europäischen
Kulturkreis tun dies üblicherweise unhinterfragt,
auch wenn andere Kulturen das Ich "nur" als
Ausprägung eines größeren Ganzen ansehen.
Auch immer mehr Philosophen, Psychologen und Neurologen
bewerten das Ich nur als -evolutionär vorteilhafte
- Fiktion ansehen. Falls aber die Vergangenheit für
Sie von Bedeutung ist, mögen Ihnen die folgenden
vier Empfehlungen vielleicht eine Hilfestellung sein:
7. Empfehlung: Die soeben vergangene
Gegenwart, unmittelbare Vergangenheit möglichst
zeitnah protokollieren!
Dies ist natürlich die Funktion des klassischen
Tagebuchs! Es gibt nichts Besseres. Machen Sie den Versuch:
Schreiben Sie eine Woche lang Tagebuch, legen Sie es
weg, holen Sie es nach einem Monat wieder heraus, und
versuchen Sie zunächst, sich an die Woche vor dem
Tagebuchschreiben zu erinnern. Wenn es eine gewöhnliche
Woche war, wird Ihnen nicht viel einfallen. Lesen Sie
sodann Ihr Tagebuch und versuchen Sie zusätzlich
sich noch an andere Begebenheiten zu erinnern. Sie werden
sehen, dass Ihnen das Tagebuch über das Niedergeschriebene
hinaus auch Zugang zu anderen Erinnerungen eröffnet.
8. Empfehlung: Erinnerungsgegenstände
aufbewahren!
Auch Erinnerungsstücke wie Fotos, Briefe, alte
Kalender etc. können selbstredend dazu führen,
dass die Erinnerung an vergangene Zeiten wachgehalten
werden kann.
9. Empfehlung: Leben Sie abwechslungsreich!
In der Tat erlauben abwechslungsreiche Zeitabschnitte
ein besseres Erinnern und verhindern so, dass Zeit in
der Erinnerung verloren geht. An was erinnert man sich
besser als an den Wechsel, das Neue und das vom Alltag
Abweichende? Außerdem: Abwechslung steigert im
Regelfall auch das Lebensgefühl im Hier und Jetzt
!
In dem nun folgenden praktischen Teil werden wir auf
den Aspekt der Wahrnehmung der Zeit in der Vergangenheit
nicht weiter eingehen. Denn die Empfehlungen 7-9 sind
Ihnen sicher unmittelbar eingängig.