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  06.02.2012   
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VII. Zeitdauer in der Vergangenheit: vier Empfehlungen

7. Empfehlung: Die soeben vergangene Gegenwart, unmittelbare Vergangenheit möglichst zeitnah protokollieren!
8. Empfehlung: Erinnerungsgegenstände aufbewahren!
9. Empfehlung: Leben Sie abwechslungsreich!

Bis jetzt haben wir uns mit der Dauer und Wahrnehmung der Gegenwart beschäftigt. Dabei haben wir eines außer Acht gelassen: Streng genommen können wir gar nicht von Dauer reden, ohne die Funktionsweise unseres Gedächtnisses zu betrachten. Denn Dauer kann unser Gehirn nur wahrnehmen, wenn es die Vergangenheit registriert. Genau das macht das sogenannte Gedächtnis, welches nach gegenwärtigem Wissensstand wohl keinen bestimmten Ort im Gehirn besetzt hält, sondern eine wie ein Netzwerk arbeitende Gehirnfunktion ist.

Das Gedächtnis konnten wir bisher deshalb außer Acht lassen, weil wir hinsichtlich der "Wahrnehmung der Gegenwart" den Gegenwartsbegriff unseres Gedächtnisses benutzten: Unser Gedächtnis sieht die Zeitspanne von ca. 1 1/2 bis 3 Sekunden vor dem Jetzt bis zum Jetzt als Gegenwart an [20]. Die Manipulationen des Gedächtnisses innerhalb dieser Zeitspanne sind sehr begrenzt. Später wird das anders: Die Erinnerung verblasst zunehmend, die gelebte Zeit löst sich zum allergrößten Teil in ein Nichts auf. Machen Sie die Probe: versuchen Sie herauszufinden, an wie viele "Momente" der letzten 24 Stunden Sie sich jetzt noch erinnern. Addieren Sie die Momente. Wenn Sie auf mehr als 1 Stunde kommen, haben Sie entweder ein phänomenal gutes Gedächtnis oder einen ganz außergewöhnlichen Tag erlebt.

Da das Gedächtnis mit der Registrierung einer fast unendlichen Zahl von Momenten in einer bewussten, d.h. jederzeit abrufbaren Form überfordert wäre, fasst es gleichartige Momente zusammen zu einer Phase. Liegt die Phase eine Weile zurück, wird Sie zu den anderen, schon registrierten gleichartigen Phasen gepackt, die z.B. jeweils den Inhalt "Arbeit im Büro" haben. Dadurch werden die einzelnen Phasen ununterscheidbar. So verkürzen sich selbst lange Phasen extrem und bleiben nur noch als fast unbedeutende Notiz (z.B. "im Büro gearbeitet") haften.

Interessanterweise meinen nun viele Zeitforscher, ein sogenanntes Zeitparadoxon beobachten zu können: Zeiten, die uns in der Gegenwart sehr lang vorkommen, werden im Rückblick als kurz empfunden und umgekehrt [21]. Dies liege daran, dass uns eine bestimmte Gegenwartszeit dann lang vorkomme, wenn sie gleichförmig sei; anschließend wird sie im Gedächtnis auf eine "Notiz" verkürzt. Umgekehrt seien abwechslungsreiche Gegenwartszeiten schnell vergänglich, würden jedoch wegen der Veränderungen mehr Spuren im Gedächtnis hinterlassen und damit länger wirken.

Ich meine, dass diese Aussage grundsätzlich stimmt. Allerdings denke ich, dass es auch lange Gegenwartserlebnisse geben kann, die im Rückblick / im Gedächtnis als lang verbucht werden. Diese Auffassung stützt sich darauf, dass es m.E. darauf ankommt, wie viel Konzentration zur Erledigung meiner anstehenden Tätigkeiten erforderlich ist: Ist viel Konzentration erforderlich, vergeht die Zeit schnell; ist wenig Konzentration erforderlich, vergeht sie langsam. Nun ist es aber so, dass sich schnell ändernde Situationen und damit abwechslungsreiche Zeiten nicht immer auch ein hohes Maß an Konzentration erfordern. In diesen Ausnahmefällen greift das sogenannte Zeitparadoxon nicht.

Egal, ob Sie der klassischen Lehre vom Zeitparadoxon folgen oder aber meiner Variante: Es dürfte jedenfalls feststehen, dass Zeit in der Erinnerung nur dann lang erscheinen kann, wenn das Gedächtnis die verschiedenen gelebten Zeitphasen unterscheidet, sie "dingfest" macht. Es muss daher daran gehindert werden, seiner größten Leidenschaft zu frönen: nämlich ähnliche Ereignisse sowie ähnliche Phasen "in einen Topf zu werfen" und damit vergessen zu machen. Diesem Zweck dienen die Empfehlungen 7-9.

Ob es wichtig ist, die Gegenwartszeit als "lang" zu empfinden, muss jeder für sich entscheiden. Gleiches gilt natürlich auch hinsichtlich der Frage, ob es wichtig ist, dass gelebte Zeit in der Erinnerung als lang erscheint. Die Antwort hängt dabei maßgeblich davon ab, inwieweit Sie für sich eine in der Zeit unveränderliche, feststehende Persönlichkeit, also ein Selbst oder Ich, annehmen. Menschen im europäischen Kulturkreis tun dies üblicherweise unhinterfragt, auch wenn andere Kulturen das Ich "nur" als Ausprägung eines größeren Ganzen ansehen. Auch immer mehr Philosophen, Psychologen und Neurologen bewerten das Ich nur als -evolutionär vorteilhafte - Fiktion ansehen. Falls aber die Vergangenheit für Sie von Bedeutung ist, mögen Ihnen die folgenden vier Empfehlungen vielleicht eine Hilfestellung sein:

7. Empfehlung: Die soeben vergangene Gegenwart, unmittelbare Vergangenheit möglichst zeitnah protokollieren!

Dies ist natürlich die Funktion des klassischen Tagebuchs! Es gibt nichts Besseres. Machen Sie den Versuch: Schreiben Sie eine Woche lang Tagebuch, legen Sie es weg, holen Sie es nach einem Monat wieder heraus, und versuchen Sie zunächst, sich an die Woche vor dem Tagebuchschreiben zu erinnern. Wenn es eine gewöhnliche Woche war, wird Ihnen nicht viel einfallen. Lesen Sie sodann Ihr Tagebuch und versuchen Sie zusätzlich sich noch an andere Begebenheiten zu erinnern. Sie werden sehen, dass Ihnen das Tagebuch über das Niedergeschriebene hinaus auch Zugang zu anderen Erinnerungen eröffnet.

8. Empfehlung: Erinnerungsgegenstände aufbewahren!

Auch Erinnerungsstücke wie Fotos, Briefe, alte Kalender etc. können selbstredend dazu führen, dass die Erinnerung an vergangene Zeiten wachgehalten werden kann.

9. Empfehlung: Leben Sie abwechslungsreich!

In der Tat erlauben abwechslungsreiche Zeitabschnitte ein besseres Erinnern und verhindern so, dass Zeit in der Erinnerung verloren geht. An was erinnert man sich besser als an den Wechsel, das Neue und das vom Alltag Abweichende? Außerdem: Abwechslung steigert im Regelfall auch das Lebensgefühl im Hier und Jetzt [22]!

In dem nun folgenden praktischen Teil werden wir auf den Aspekt der Wahrnehmung der Zeit in der Vergangenheit nicht weiter eingehen. Denn die Empfehlungen 7-9 sind Ihnen sicher unmittelbar eingängig.

 


[20] S. z.B. Hartmut Kasten, Wie die Zeit vergeht - Zeitbewusstsein in Alltag und Lebenslauf, Primus Verlag, Darmstadt 2001, ISBN 3-89678-403-X, S. 21.

[21] S. z.B. Hartmut Kasten, aaO, S. 27f.

[22] a) Freilich kommt es neben dem Maß an Abwechslung auch immer auf die Intensität des inneren Bezuges an, den man zu einer bestimmten Tätigkeit oder einem bestimmten Lebensabschnitt aufbaut. b) Abwechslung in dem äußeren Leben ist allerdings für Menschen, die sich gerade in Meditation üben und darin noch nicht sehr weit fortgeschritten sind, eher schädlich: Abwechslung stört eher die innere Ausrichtung (z.B. auf ein bestimmtes Meditationsobjekt).

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Aktualisiert am: 16.07.2008
 
         
 

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