Impressum - Haftungsausschluss - Copyright Über uns - Die Macher dieser Website Disclaimer - Wir nehmen Abstand Sie wollen uns etwas mitteilen? Dann geht's hier entlang!  

 


 

  07.02.2012   
Sie sind gerade hier: / Inhaltsverzeichnis / 2. Kapitel / 6. Unterkapitel

VI. Empfehlungen zur Zeitwahrnehmung in der Gegenwart

Wir können alle mehr oder weniger bestimmen, wie wir unsere Zeit verbringen. Wir können damit auch in gewissem Umfang zwischen verschiedenen Tätigkeiten uns diejenigen aussuchen, welche zu einem langsamen Zeitfluss und damit zu einem intensiven Zeiterleben führen. Berücksichtigen Sie diesen Zusammenhang, wenn Sie über Ihre Freizeit verfügen! Verzichten Sie aber natürlich auch nicht auf die Tätigkeiten, die Ihnen besonderen Spaß machen, sondern berücksichtigen Sie beides: Freude und Zeitintensität.

Nun werden Sie vielleicht einwenden, dass Sie wegen der Zwänge in Ihrem Alltag, durch Ihren Beruf, durch Ihre Kinder etc. nur eine geringe Wahl haben. Dies kann ich als Autor, der Ihr Leben konkret nicht kennt, schwerlich widerlegen. Allerdings habe ich bei mir und bei anderen Menschen festgestellt, dass der Umfang der Festlegung der Zeitverwendung durch "äußere Zwänge" nicht immer so groß ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Diesen Spielraum zu nutzen, ist allein schon ein erheblicher Gewinn.

2. Empfehlung: Wahl der Lebensform in Hinblick auf die Zeitwahrnehmung

Wir haben gesehen, dass verschiedene Tätigkeiten auch eine verschiedene Zeitwahrnehmung ermöglichen. Ebenfalls wurde schon erwähnt, dass die Lebensform und die damit einhergehenden Zwänge die Wahl bestimmter Tätigkeiten erschweren oder erleichtern. So wird ein Spitzenmanager zwangsläufig wenig Zeit für mußevolle Tätigkeiten haben.

Die Zahl der Menschen, welche ähnlich wie ein Manager unter einem sehr engen Zeitbudget leiden, dürfte parallel zu der allgemeinen Beschleunigung unseres Lebens zunehmen. Da die intensive Beschäftigung kein Selbstwert ist, muss die Frage gestattet sein: Ist das, was wir in dieser Zeit des aktiven, schnellen Handelns machen, tatsächlich den Verlust an Zeiterfahrung wert?

Selbstverständlich muss diese Frage jeder für sich beantworten. Und genauso selbstverständlich muss die Antwort auf die Frage nicht zwangsläufig darin bestehen, dass man sein Leben umorientiert auf eine Lebensform, die zeitwahrnehmungsintensive Tätigkeiten in größerem Umfang ermöglicht. Aber es kann bestimmt nicht schaden, sein Leben so zu hinterfragen.

Bei der Beantwortung der Frage, ob sich die "hektische" Lebensform lohnt, wird zu berücksichtigen sein, inwieweit diese hektische Lebensform die einzig mögliche zur Bestreitung des Lebensunterhalts ist oder zumindest einen Luxus ermöglicht, der den Verlust an Zeitwahrnehmung kompensiert. Weiterhin ist natürlich zu klären, ob diese Lebensform erforderlich für eine andere, tiefere (z.B. ethische) Erfüllung ist. Es kann sein, dass bestimmte ethische Werte den Verlust an Zeitwahrnehmung als hinnehmbar erscheinen lassen.

So kann es durchaus einsichtig sein, dass man sein Leben nicht in der Form organisiert, dass eine möglichst intensive Zeitwahrnehmung ermöglicht wird. Daher bin ich der Meinung, dass es notwendig ist, einen weiteren Weg in dem Neuland Zeitwahrnehmung zu suchen. Der Weg müsste es ermöglichen, bei allen oder möglichst vielen Tätigkeiten trotz der Konzentration, die sie erfordern, eine intensivere Zeitwahrnehmung zu haben. Damit kommen wir zur 3. Empfehlung:

3. Empfehlung: Sich das Verfließen der Zeit in Erinnerung rufen

Es gibt ein sehr probates Mittel,
die Zeit zu halten am Schlawittel:
Man nimmt die Taschenuhr zur Hand
und folgt dem Zeiger unverwandt.
"Die Zeit" von Christian Morgenstern

Ausgangspunkt meiner Überlegung ist die Erfahrung, dass wir das Verfließen der Zeit sehr gut wahrnehmen können, wenn wir uns darauf konzentrieren. Wenn man sich hinlegt oder -setzt und sich vornimmt, die Zeit wahrzunehmen, gelingt das in erheblichem Masse. Nur kann und will man sein leben praktisch kaum damit verbringen, ausschließlich Zeit wahrzunehmen. Wir müssen uns daher bemühen, das Zeitbewusstsein bzw. die intensivere Zeitwahrnehmung in den Alltag zu integrieren.

Das Hauptproblem dabei ist: Wenn wir uns auf etwas anderes konzentrieren, können wir uns nicht auf die Zeit konzentrieren. An diesem Punkt setzt die 3. Empfehlung ein: Wenn es nicht möglich ist, auf zwei Dinge zugleich konzentriert zu sein, so ist es doch möglich, auf zwei Dinge hintereinander konzentriert zu sein. Es hindert uns nichts daran, abwechselnd an die Zeit und an unsere Alltagsangelegenheiten zu denken. Oder anders ausgedrückt: man kann sein Bewusstsein abwechselnd auf die Zeitwahrnehmung und die sonst anstehende Tätigkeit lenken.

So einfach dieser Grundgedanke auch ist, so sensationell waren für mich nach seiner Entdeckung und der mehrtägigen Einübung dieser Parallelwahrnehmung deren Wirkungen:

- Es entwickelte sich zusätzlich zu dem normalen Bewusstseinsstrom (der auf meine Aktivitäten gerichtet war) eine Art paralleler Zeitbewusstseinsstrom. Dieser Zeitbewusstseinsstrom bewirkte, dass die subjektiv empfundene Zeit nicht unmerklich verstrich und sich daher extrem verlangsamte (dazu a)).

- Nicht nur meine Zeitwahrnehmung wurde intensiver und die Zeit damit langsam; zusätzlich bemerkte ich, dass auch meine übrigen Gefühle sich intensivierten (dazu b)).

Beides bedarf wohl der Erläuterung.

a) Der Zeitbewusstseinsstrom

Sie kennen vielleicht die Erfahrung, dass man irgend etwas konzentriert tut und zwischendurch feststellt, dass ein bestimmter Umstand doch untergründig die Stimmung trübt. Dabei legt sich (bildlich gesprochen) die Normalbefindlichkeit über die getrübte Stimmung. Diese schlechte Stimmung bricht in Abständen durch. Sie ist aber letztlich ständig da und wird nur überdeckt. Das Bewusstsein von dem misslichen Umstand verläuft somit parallel zu ihrem Tätigkeitsbewusstsein und verdrängt es nur punktuell. Gleichzeitig beeinflusst es eine tiefere Schicht ihrer Stimmungslage durchgängig. Da die Gefühle mit einem bestimmten Gedanken verbunden sind, könnte man davon sprechen, dass zusätzlich zu dem Tätigkeitsbewusstsein eine zweite Bewusstseinslinie (ein zweiter Bewusstseinsstrom) entstanden ist.

Ähnlich geht es mir mit der 3. Empfehlung: Durch ein Wachrufen der Zeitwahrnehmung in kurzen Abständen entsteht so etwas wie eine zweite Bewusstseinslinie. Diese Bewusstseinslinie hat die Zeit und ihre Wahrnehmung zum Gegenstand. Damit ist auch so etwas wie ein Zeitbewusstsein in den Augenblicken vorhanden, in denen ich die Zeitwahrnehmungsfunktion meines Gehirnes gar nicht "antippte"! Es entstand eine Art ständigen Zeitbewusstseins (welches allerdings in den Augenblicken des "Antippens" intensiver ist und dann langsam abflaut).

Vielleicht werden Sie jetzt schon wissen wollen, wie häufig das Wachrufen der Zeitwahrnehmung bzw. Antippen der Zeitwahrnehmungsfunktion des Bewusstseins am besten geschieht. Es ist meines Erachtens am besten, wenn man sich an den "natürlichen" Rhythmus der Tätigkeit hält, die man gerade ausübt. Dies kann in der Trainingsphase der Schritt oder jeder 4. Schritt beim Gehen, jeder oder jeder 4. Takt beim Musikhören, jede Zeile oder jeder Absatz beim Lesen, jeder Bissen beim Essen etc. sein.

Nach der Trainingsphase wird sich meist schon so etwas wie ein natürlicher Rhythmus einstellen. Sie werden automatisch in gewissen Abständen an die Zeitwahrnehmungsfunktion erinnert und setzen damit automatisch einen Impuls zur Zeitwahrnehmung, der dann die Kontinuität des Zeitbewusstseins herstellt.

b) Die Intensivierung der Gefühle

Überraschenderweise beobachtete ich zusätzlich das Phänomen, dass die intensivere Zeitwahrnehmung auch zu einer besseren Wahrnehmung und damit Intensivierung der Gefühle führte. Heute vermutet man, dass das Bewusstsein nicht an einem bestimmten Ort im Gehirn "ist", sondern aus der Netzstruktur des Gehirns entsteht. Daher wäre es wenig verwunderlich, wenn es eine örtliche Überlappung bzw. parallele Aktivierung von Gefühlsbewusstsein und normalem Bewusstsein gäbe.

Dass die Aktivierung einer bestimmten Funktion auf andere Funktionen ausstrahlt, ist nichts Ungewöhnliches: Die meisten Impulse (z.B. ein lautes Geräusch) beeinträchtigen nicht nur das Zentrum ihrer Wahrnehmung, sondern auch die übrigen Gehirnfunktionen.

4. Empfehlung: Schneiden Sie Gedanken an Vergangenheit und Zukunft ab!

Bei jeder Witterung, zu jeder Stunde, ob tags oder nachts, war ich bestrebt, die Zeit zu nutzen und an meinen Wanderstab einzukerben, immer gerne da zu stehen und zu gehen, wo zwei Ewigkeiten - Vergangenheit und Zukunft - zusammenkommen, also im gegenwärtigen Augenblick zu leben.
Henry David Thoreau

Diese Empfehlung birgt Chancen und Risiken. Viele Menschen verbringen einen Großteil ihrer Zeit damit, sich gedanklich in der Vergangenheit oder in der Zukunft aufzuhalten. Sie denken an für sie wichtige Ereignisse der Vergangenheit, die sie nicht vollständig bearbeitet haben; oder sie hängen einfach Erinnerungen nach. Andere Menschen neigen dazu, viel an ihre Zukunft zu denken. Sie spielen verschiedenste Gedankenmodelle durch: "Wie wäre es, wenn ich mich nach einem anderen Arbeitsplatz in einer anderen Stadt umsehen werde? Was werde ich alles machen, wenn die Kinder aus dem Haus sind?" So schrieb schon Michel de Montaigne um 1600:

Man bedauert die Vergangenheit, man macht sich sorgen um die Zukunft, aber man vergisst die Gegenwart.

Nachsinnen über die Vergangenheit oder Überlegungen zur Zukunft sind in unserem Kulturkreis für ein gelungenes Leben notwendig. Nach meiner persönlichen Erfahrung und bestätigt durch die einiger Freunde ist dieses Nachsinnen allerdings über weite Strecken eher diffus, verschwommen. Die Überlegungen für die Zukunft gleiten mithin in ein "In-der-Zukunft-Träumen" ab. Beides nimmt sehr viel Zeit in Anspruch und überlagert die Wahrnehmung der Gegenwart. Das Leben im Hier und Jetzt wird weniger intensiv, allein weil weniger vom Hier und Jetzt wahrgenommen wird.

Dabei ist mir auch klar: Es kann sehr bereichernd sein, die Fantasie in die Vergangenheit oder die Zukunft abgleiten zu lassen. Es soll auch nicht verkannt werden, dass das strikte Leben in der Gegenwart das Wachhalten der Erinnerung und damit den Erhalt der Lebenszeit der Vergangenheit beeinträchtigt. Vielleicht ist es eine Lösung, einerseits auf das eher unproduktive In-die-Vergangenheit-Abgleiten zu verzichten und andererseits konzentriert Erinnerungsreisen zu unternehmen.

5. Empfehlung: Achten sie auf den Zustand von Erscheinungen, ihre Veränderungen und das "Wie" der Veränderungen!

Diese Empfehlung können Sie auf das visuelle Beobachten, akustische Eindrücke und das Körperempfinden beziehen. Mehr als 98% aller Informationen nehmen wir allerdings über unsere Augen auf.

Naturgemäß lenken wir unsere Aufmerksamkeit in erster Linie auf Veränderungen, also zum Beispiel Bewegungen von Personen. Wenn wir auf das "Wie" dieser Veränderungen achten, nehmen wir meistens viele Teil-Veränderungen war, aus denen sich die gesamte Veränderung zusammensetzt. Mit diesen Teilveränderungen bildet sich eine zeitliche Unterstruktur: jeder Teilveränderung entspricht ein bestimmter, kleiner Zeitabschnitt. So kann uns einfaches Beobachten näher an die Zeit heranführen, wenn es bewusst getan wird.

Bei - scheinbarer oder tatsächlicher -Veränderungslosigkeit liegen die Dinge etwas anders. Wenn wir es schaffen, einen (veränderungslosen) Zustand als solchen wahrzunehmen oder zu betrachten, machen wir uns die Veränderungslosigkeit des Objekts unserer Wahrnehmung zu eigen. Diese Veränderungslosigkeit streckt das Empfinden für die Zeit, die für die Wahrnehmung eingesetzt wird. In begrenztem Umfang kann die Wahrnehmung eines Zustands so einen (subjektiven) Stillstand der Zeit verursachen.

6. Empfehlung: Hören Sie konzentriert Musik! Achten Sie dabei auf die zeitliche Gliederung!

"Ich sehe mich, den DJ, als modernen Schamanen. Ich schlage die Trommel. Menschen entdecken Spiritualität durch das Fallenlassen in Musik, in die monotone Rhythmik. In Asien und Afrika gibt es solche Rituale seit Jahrtausenden."
Sven Väth "Ich habe einen Traum", DIE ZEIT 6.4.2000

Musik ist neben anderem künstlerische Gestaltung von Zeit. Wie kann nun Musik dazu genutzt werden, sich das von das Musik verwendete "Rohmaterial" Zeit anzueignen?

Das Wichtigste hierfür scheint mir die Konzentration und das damit einhergehende Ausblenden von Gedanken zu sein. Schon die Erfüllung dieser Bedingung führt uns an die Wahrnehmung der durch Musik gestalteten Zeit heran. Natürlich spielt die Auswahl der Musik eine nicht unerhebliche Rolle: nicht jede Musik eignet sich gleichermaßen zur Wahrnehmung der durch Musik gestalteten Zeit.

Außerdem sollte die Aufmerksamkeit zumindest in gewissen Abständen auf den jeweiligen Beginn der zeitlich-musikalischen Perioden wie Sequenz, Motiv, Takt, Note gerichtet werden. In der nächsten Stufe kann man sich die auf die an den Beginn anschließende Dauer einer solchen Periode konzentrieren: gewinnt man hierfür ein intensives Gefühl, ist man der Zeit sowohl in ihrem kurzzeitig-statischen als auch in ihrem dynamischen Aspekt extrem nah. Es entwickelt sich so ein Gefühl für die Zeit in der Musik und ein Gefühl für Zeit über die Musik.

 

«

Aktualisiert am: 16.07.2008
 
         
 

[ Home | Ethik+Lebensführung | ZeitLeben | Buddhismus | Psychologie | Sonstige Wege ]

© yourlife.info 2002-2008