Wir können alle mehr oder weniger bestimmen, wie
wir unsere Zeit verbringen. Wir können damit auch
in gewissem Umfang zwischen verschiedenen Tätigkeiten
uns diejenigen aussuchen, welche zu einem langsamen Zeitfluss
und damit zu einem intensiven Zeiterleben führen.
Berücksichtigen Sie diesen Zusammenhang, wenn Sie
über Ihre Freizeit verfügen! Verzichten Sie
aber natürlich auch nicht auf die Tätigkeiten,
die Ihnen besonderen Spaß machen, sondern berücksichtigen
Sie beides: Freude und Zeitintensität.
Nun werden Sie vielleicht einwenden, dass Sie wegen der
Zwänge in Ihrem Alltag, durch Ihren Beruf, durch
Ihre Kinder etc. nur eine geringe Wahl haben. Dies kann
ich als Autor, der Ihr Leben konkret nicht kennt, schwerlich
widerlegen. Allerdings habe ich bei mir und bei anderen
Menschen festgestellt, dass der Umfang der Festlegung
der Zeitverwendung durch "äußere Zwänge"
nicht immer so groß ist, wie es auf den ersten Blick
scheint. Diesen Spielraum zu nutzen, ist allein schon
ein erheblicher Gewinn.
2. Empfehlung: Wahl der Lebensform
in Hinblick auf die Zeitwahrnehmung
Wir haben gesehen, dass verschiedene Tätigkeiten
auch eine verschiedene Zeitwahrnehmung ermöglichen.
Ebenfalls wurde schon erwähnt, dass die Lebensform
und die damit einhergehenden Zwänge die Wahl bestimmter
Tätigkeiten erschweren oder erleichtern. So wird
ein Spitzenmanager zwangsläufig wenig Zeit für
mußevolle Tätigkeiten haben.
Die Zahl der Menschen, welche ähnlich wie ein Manager
unter einem sehr engen Zeitbudget leiden, dürfte
parallel zu der allgemeinen Beschleunigung unseres Lebens
zunehmen. Da die intensive Beschäftigung kein Selbstwert
ist, muss die Frage gestattet sein: Ist das, was wir in
dieser Zeit des aktiven, schnellen Handelns machen, tatsächlich
den Verlust an Zeiterfahrung wert?
Selbstverständlich muss diese Frage jeder für
sich beantworten. Und genauso selbstverständlich
muss die Antwort auf die Frage nicht zwangsläufig
darin bestehen, dass man sein Leben umorientiert auf eine
Lebensform, die zeitwahrnehmungsintensive Tätigkeiten
in größerem Umfang ermöglicht. Aber es
kann bestimmt nicht schaden, sein Leben so zu hinterfragen.
Bei der Beantwortung der Frage, ob sich die "hektische"
Lebensform lohnt, wird zu berücksichtigen sein, inwieweit
diese hektische Lebensform die einzig mögliche zur
Bestreitung des Lebensunterhalts ist oder zumindest einen
Luxus ermöglicht, der den Verlust an Zeitwahrnehmung
kompensiert. Weiterhin ist natürlich zu klären,
ob diese Lebensform erforderlich für eine andere,
tiefere (z.B. ethische) Erfüllung ist. Es kann sein,
dass bestimmte ethische Werte den Verlust an Zeitwahrnehmung
als hinnehmbar erscheinen lassen.
So kann es durchaus einsichtig sein, dass man sein Leben
nicht in der Form organisiert, dass eine möglichst
intensive Zeitwahrnehmung ermöglicht wird. Daher
bin ich der Meinung, dass es notwendig ist, einen weiteren
Weg in dem Neuland Zeitwahrnehmung zu suchen. Der Weg
müsste es ermöglichen, bei allen oder möglichst
vielen Tätigkeiten trotz der Konzentration, die sie
erfordern, eine intensivere Zeitwahrnehmung zu haben.
Damit kommen wir zur 3. Empfehlung:
3. Empfehlung: Sich das Verfließen
der Zeit in Erinnerung rufen
Es gibt ein sehr probates Mittel,
die Zeit zu halten am Schlawittel:
Man nimmt die Taschenuhr zur Hand
und folgt dem Zeiger unverwandt.
"Die Zeit" von Christian
Morgenstern
Ausgangspunkt meiner Überlegung ist
die Erfahrung, dass wir das Verfließen der Zeit
sehr gut wahrnehmen können, wenn wir uns darauf konzentrieren.
Wenn man sich hinlegt oder -setzt und sich vornimmt, die
Zeit wahrzunehmen, gelingt das in erheblichem Masse. Nur
kann und will man sein leben praktisch kaum damit verbringen,
ausschließlich Zeit wahrzunehmen. Wir müssen
uns daher bemühen, das Zeitbewusstsein bzw. die intensivere
Zeitwahrnehmung in den Alltag zu integrieren.
Das Hauptproblem dabei ist: Wenn wir uns auf etwas anderes
konzentrieren, können wir uns nicht auf die Zeit
konzentrieren. An diesem Punkt setzt die 3. Empfehlung
ein: Wenn es nicht möglich ist, auf zwei Dinge zugleich
konzentriert zu sein, so ist es doch möglich, auf
zwei Dinge hintereinander konzentriert zu sein. Es hindert
uns nichts daran, abwechselnd an die Zeit und an unsere
Alltagsangelegenheiten zu denken. Oder anders ausgedrückt:
man kann sein Bewusstsein abwechselnd auf die Zeitwahrnehmung
und die sonst anstehende Tätigkeit lenken.
So einfach dieser Grundgedanke auch ist, so sensationell
waren für mich nach seiner Entdeckung und der mehrtägigen
Einübung dieser Parallelwahrnehmung deren Wirkungen:
- Es entwickelte sich zusätzlich zu dem normalen
Bewusstseinsstrom (der auf meine Aktivitäten gerichtet
war) eine Art paralleler Zeitbewusstseinsstrom. Dieser
Zeitbewusstseinsstrom bewirkte, dass die subjektiv empfundene
Zeit nicht unmerklich verstrich und sich daher extrem
verlangsamte (dazu a)).
- Nicht nur meine Zeitwahrnehmung wurde intensiver und
die Zeit damit langsam; zusätzlich bemerkte ich,
dass auch meine übrigen Gefühle sich intensivierten
(dazu b)).
Beides bedarf wohl der Erläuterung.
a) Der Zeitbewusstseinsstrom
Sie kennen vielleicht die Erfahrung, dass man irgend
etwas konzentriert tut und zwischendurch feststellt, dass
ein bestimmter Umstand doch untergründig die Stimmung
trübt. Dabei legt sich (bildlich gesprochen) die
Normalbefindlichkeit über die getrübte Stimmung.
Diese schlechte Stimmung bricht in Abständen durch.
Sie ist aber letztlich ständig da und wird nur überdeckt.
Das Bewusstsein von dem misslichen Umstand verläuft
somit parallel zu ihrem Tätigkeitsbewusstsein und
verdrängt es nur punktuell. Gleichzeitig beeinflusst
es eine tiefere Schicht ihrer Stimmungslage durchgängig.
Da die Gefühle mit einem bestimmten Gedanken verbunden
sind, könnte man davon sprechen, dass zusätzlich
zu dem Tätigkeitsbewusstsein eine zweite Bewusstseinslinie
(ein zweiter Bewusstseinsstrom) entstanden ist.
Ähnlich geht es mir mit der 3. Empfehlung: Durch
ein Wachrufen der Zeitwahrnehmung in kurzen Abständen
entsteht so etwas wie eine zweite Bewusstseinslinie. Diese
Bewusstseinslinie hat die Zeit und ihre Wahrnehmung zum
Gegenstand. Damit ist auch so etwas wie ein Zeitbewusstsein
in den Augenblicken vorhanden, in denen ich die Zeitwahrnehmungsfunktion
meines Gehirnes gar nicht "antippte"! Es entstand
eine Art ständigen Zeitbewusstseins (welches allerdings
in den Augenblicken des "Antippens" intensiver
ist und dann langsam abflaut).
Vielleicht werden Sie jetzt schon wissen wollen, wie
häufig das Wachrufen der Zeitwahrnehmung bzw. Antippen
der Zeitwahrnehmungsfunktion des Bewusstseins am besten
geschieht. Es ist meines Erachtens am besten, wenn man
sich an den "natürlichen" Rhythmus der
Tätigkeit hält, die man gerade ausübt.
Dies kann in der Trainingsphase der Schritt oder jeder
4. Schritt beim Gehen, jeder oder jeder 4. Takt beim Musikhören,
jede Zeile oder jeder Absatz beim Lesen, jeder Bissen
beim Essen etc. sein.
Nach der Trainingsphase wird sich meist schon so etwas
wie ein natürlicher Rhythmus einstellen. Sie werden
automatisch in gewissen Abständen an die Zeitwahrnehmungsfunktion
erinnert und setzen damit automatisch einen Impuls zur
Zeitwahrnehmung, der dann die Kontinuität des Zeitbewusstseins
herstellt.
b) Die Intensivierung der Gefühle
Überraschenderweise beobachtete ich zusätzlich
das Phänomen, dass die intensivere Zeitwahrnehmung
auch zu einer besseren Wahrnehmung und damit Intensivierung
der Gefühle führte. Heute vermutet man, dass
das Bewusstsein nicht an einem bestimmten Ort im Gehirn
"ist", sondern aus der Netzstruktur des Gehirns
entsteht. Daher wäre es wenig verwunderlich, wenn
es eine örtliche Überlappung bzw. parallele
Aktivierung von Gefühlsbewusstsein und normalem Bewusstsein
gäbe.
Dass die Aktivierung einer bestimmten Funktion auf andere
Funktionen ausstrahlt, ist nichts Ungewöhnliches:
Die meisten Impulse (z.B. ein lautes Geräusch) beeinträchtigen
nicht nur das Zentrum ihrer Wahrnehmung, sondern auch
die übrigen Gehirnfunktionen.
4. Empfehlung: Schneiden Sie Gedanken
an Vergangenheit und Zukunft ab!
Bei jeder Witterung, zu jeder Stunde,
ob tags oder nachts, war ich bestrebt, die Zeit zu nutzen
und an meinen Wanderstab einzukerben, immer gerne da zu
stehen und zu gehen, wo zwei Ewigkeiten - Vergangenheit
und Zukunft - zusammenkommen, also im gegenwärtigen
Augenblick zu leben.
Henry David Thoreau
Diese Empfehlung birgt Chancen und Risiken. Viele Menschen
verbringen einen Großteil ihrer Zeit damit, sich
gedanklich in der Vergangenheit oder in der Zukunft aufzuhalten.
Sie denken an für sie wichtige Ereignisse der Vergangenheit,
die sie nicht vollständig bearbeitet haben; oder
sie hängen einfach Erinnerungen nach. Andere Menschen
neigen dazu, viel an ihre Zukunft zu denken. Sie spielen
verschiedenste Gedankenmodelle durch: "Wie wäre
es, wenn ich mich nach einem anderen Arbeitsplatz in einer
anderen Stadt umsehen werde? Was werde ich alles machen,
wenn die Kinder aus dem Haus sind?" So schrieb schon
Michel de Montaigne um 1600:
Man bedauert die Vergangenheit, man
macht sich sorgen um die Zukunft, aber man vergisst die
Gegenwart.
Nachsinnen über die Vergangenheit oder Überlegungen
zur Zukunft sind in unserem Kulturkreis für ein gelungenes
Leben notwendig. Nach meiner persönlichen Erfahrung
und bestätigt durch die einiger Freunde ist dieses
Nachsinnen allerdings über weite Strecken eher diffus,
verschwommen. Die Überlegungen für die Zukunft
gleiten mithin in ein "In-der-Zukunft-Träumen"
ab. Beides nimmt sehr viel Zeit in Anspruch und überlagert
die Wahrnehmung der Gegenwart. Das Leben im Hier und Jetzt
wird weniger intensiv, allein weil weniger vom Hier und
Jetzt wahrgenommen wird.
Dabei ist mir auch klar: Es kann sehr bereichernd sein,
die Fantasie in die Vergangenheit oder die Zukunft abgleiten
zu lassen. Es soll auch nicht verkannt werden, dass das
strikte Leben in der Gegenwart das Wachhalten der Erinnerung
und damit den Erhalt der Lebenszeit der Vergangenheit
beeinträchtigt. Vielleicht ist es eine Lösung,
einerseits auf das eher unproduktive In-die-Vergangenheit-Abgleiten
zu verzichten und andererseits konzentriert Erinnerungsreisen
zu unternehmen.
5. Empfehlung: Achten sie auf den
Zustand von Erscheinungen, ihre Veränderungen und
das "Wie" der Veränderungen!
Diese Empfehlung können Sie auf das visuelle Beobachten,
akustische Eindrücke und das Körperempfinden
beziehen. Mehr als 98% aller Informationen nehmen wir
allerdings über unsere Augen auf.
Naturgemäß lenken wir unsere Aufmerksamkeit
in erster Linie auf Veränderungen, also zum Beispiel
Bewegungen von Personen. Wenn wir auf das "Wie"
dieser Veränderungen achten, nehmen wir meistens
viele Teil-Veränderungen war, aus denen sich die
gesamte Veränderung zusammensetzt. Mit diesen Teilveränderungen
bildet sich eine zeitliche Unterstruktur: jeder Teilveränderung
entspricht ein bestimmter, kleiner Zeitabschnitt. So kann
uns einfaches Beobachten näher an die Zeit heranführen,
wenn es bewusst getan wird.
Bei - scheinbarer oder tatsächlicher -Veränderungslosigkeit
liegen die Dinge etwas anders. Wenn wir es schaffen, einen
(veränderungslosen) Zustand als solchen wahrzunehmen
oder zu betrachten, machen wir uns die Veränderungslosigkeit
des Objekts unserer Wahrnehmung zu eigen. Diese Veränderungslosigkeit
streckt das Empfinden für die Zeit, die für
die Wahrnehmung eingesetzt wird. In begrenztem Umfang
kann die Wahrnehmung eines Zustands so einen (subjektiven)
Stillstand der Zeit verursachen.
6. Empfehlung: Hören Sie konzentriert
Musik! Achten Sie dabei auf die zeitliche Gliederung!
"Ich sehe mich, den DJ, als modernen
Schamanen. Ich schlage die Trommel. Menschen entdecken
Spiritualität durch das Fallenlassen in Musik, in
die monotone Rhythmik. In Asien und Afrika gibt es solche
Rituale seit Jahrtausenden."
Sven Väth "Ich habe einen
Traum", DIE ZEIT 6.4.2000
Musik ist neben anderem künstlerische Gestaltung
von Zeit. Wie kann nun Musik dazu genutzt werden, sich
das von das Musik verwendete "Rohmaterial" Zeit
anzueignen?
Das Wichtigste hierfür scheint mir die Konzentration
und das damit einhergehende Ausblenden von Gedanken zu
sein. Schon die Erfüllung dieser Bedingung führt
uns an die Wahrnehmung der durch Musik gestalteten Zeit
heran. Natürlich spielt die Auswahl der Musik eine
nicht unerhebliche Rolle: nicht jede Musik eignet sich
gleichermaßen zur Wahrnehmung der durch Musik gestalteten
Zeit.
Außerdem sollte die Aufmerksamkeit zumindest in
gewissen Abständen auf den jeweiligen Beginn der
zeitlich-musikalischen Perioden wie Sequenz, Motiv, Takt,
Note gerichtet werden. In der nächsten Stufe kann
man sich die auf die an den Beginn anschließende
Dauer einer solchen Periode konzentrieren: gewinnt man
hierfür ein intensives Gefühl, ist man der Zeit
sowohl in ihrem kurzzeitig-statischen als auch in ihrem
dynamischen Aspekt extrem nah. Es entwickelt sich so ein
Gefühl für die Zeit in der Musik und ein Gefühl
für Zeit über die Musik.