IV. Die Langsamkeit der Zeit
im Angesicht des Todes
Es gibt existenzielle Situationen, in denen Zeit extrem
langsam vergeht. Dies wird z.B. berichtet von Leuten, die
kurz vor dem Tod stehen. Auch Krebs- oder Aidskranke berichten
zu einem großen Teil von einer gestreckten Zeitwahrnehmung.
Diese extreme Streckung der Zeit ist vollkommen sinnvoll;
gleicht sie doch teilweise aus, was diesen Menschen am meisten
fehlt: Lebenszeit.
Diese Beispiele zeigen uns zweierlei:
- Wir finden in ihnen eine weitere Bestätigung unserer
Vermutung, dass man Zeit als verschieden schnell wahrnimmt.
- Das Bewusstsein vom nahen Ende, dem Tod und damit von
der Begrenztheit der uns zur Verfügung stehenden Zeit
fördert eine gestreckte Zeitwahrnehmung, in der die
Zeit als langsam vergehend erscheint.
Damit erreichen wir unvermittelt den ersten inhaltlichen
Punkt, mit Hilfe dessen sich die Wahrnehmung der Zeit strecken
lässt: Machen wir uns die Begrenztheit der uns zur
Verfügung stehenden Lebenszeit bewusst, strecken wir
zugleich die Wahrnehmung. Zugegeben: es missfällt vielen
Menschen, sich die Endlichkeit der Lebenszeit und damit
den Tod stets oder auch nur öfter vor Augen zu führen.
Sie mögen selbst entscheiden, ob Sie bereit sind und
es für notwendig erachten, diesen Punkt mit in den
Ratgeberteil des Buches zu übernehmen. Um diejenigen
unter Ihnen, die dies nicht wollen, nicht zu einer erneuten
Auseinandersetzung mit dem Thema Tod zu zwingen, habe ich
diesen an sich wichtigen Punkt nicht in meine praktischen
Empfehlungen integriert.
Wer diesen Schritt zu tun in der Lage ist, hat die zusätzliche
Chance, vielleicht leichter das in unserer Kultur tabuisierte
und gestörte Verhältnis zum Tod für sich
selbst aufarbeiten zu können. Wie eine Aufarbeitung
in unserer verweltlichten Kultur aussehen könnte, kann
hier nicht weiter erörtert werden. Gestattet sei jedoch
zunächst der Hinweis auf Simone de Beauvoirs Buch "Alle
Menschen sind sterblich", welches eindringlich zeigt,
dass Unsterblichkeit als eine Art Fluch zu sehen wäre;
diese Erkenntnis stärkt wiederum die Akzeptierbarkeit
des Todes.
Weiterhin möchte ich noch die eher platte Vermutung
äußern, dass - wer den Tod akzeptieren will -
das Leben ausschöpfen muss. Dies nicht nur in dem Sinne,
dass man viel tut bzw. das tut, was einem Vergnügen
oder Erfüllung bereitet; vielmehr sollte das Leben
auch in dem Sinne ausgeschöpft werden, dass das Leben
und die Lebenszeit intensiv wahrgenommen werden. Intensive
Zeitwahrnehmung spielt dabei eine essentielle Rolle: Wenn
man ein Leben lang im Angesicht des Todes den jetzigen Moment
wahrgenommen hat, kann man vielleicht direkt vor dem Tod
ohne Angst vor dem Tod den dann gegebenen Moment wahrnehmen.
Ein tieferer Grund hierfür liegt darin, dass das stetige
Wahrnehmen des Hier und Jetzt auf die Dauer das Bedürfnis
nach einem auf die Zukunft bezogenen Ich (-Konstrukt) absterben
lässt. Es wird so etwas wie ein natürlicher, vorkultureller
Bewusstseinszustand erreicht, in dem es nicht darauf ankommt,
was war oder sein wird.