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  05.09.2010   
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IV. Die Langsamkeit der Zeit im Angesicht des Todes

Es gibt existenzielle Situationen, in denen Zeit extrem langsam vergeht. Dies wird z.B. berichtet von Leuten, die kurz vor dem Tod stehen. Auch Krebs- oder Aidskranke berichten zu einem großen Teil von einer gestreckten Zeitwahrnehmung. Diese extreme Streckung der Zeit ist vollkommen sinnvoll; gleicht sie doch teilweise aus, was diesen Menschen am meisten fehlt: Lebenszeit.

Diese Beispiele zeigen uns zweierlei:

- Wir finden in ihnen eine weitere Bestätigung unserer Vermutung, dass man Zeit als verschieden schnell wahrnimmt.

- Das Bewusstsein vom nahen Ende, dem Tod und damit von der Begrenztheit der uns zur Verfügung stehenden Zeit fördert eine gestreckte Zeitwahrnehmung, in der die Zeit als langsam vergehend erscheint.

Damit erreichen wir unvermittelt den ersten inhaltlichen Punkt, mit Hilfe dessen sich die Wahrnehmung der Zeit strecken lässt: Machen wir uns die Begrenztheit der uns zur Verfügung stehenden Lebenszeit bewusst, strecken wir zugleich die Wahrnehmung. Zugegeben: es missfällt vielen Menschen, sich die Endlichkeit der Lebenszeit und damit den Tod stets oder auch nur öfter vor Augen zu führen. Sie mögen selbst entscheiden, ob Sie bereit sind und es für notwendig erachten, diesen Punkt mit in den Ratgeberteil des Buches zu übernehmen. Um diejenigen unter Ihnen, die dies nicht wollen, nicht zu einer erneuten Auseinandersetzung mit dem Thema Tod zu zwingen, habe ich diesen an sich wichtigen Punkt nicht in meine praktischen Empfehlungen integriert.

Wer diesen Schritt zu tun in der Lage ist, hat die zusätzliche Chance, vielleicht leichter das in unserer Kultur tabuisierte und gestörte Verhältnis zum Tod für sich selbst aufarbeiten zu können. Wie eine Aufarbeitung in unserer verweltlichten Kultur aussehen könnte, kann hier nicht weiter erörtert werden. Gestattet sei jedoch zunächst der Hinweis auf Simone de Beauvoirs Buch "Alle Menschen sind sterblich", welches eindringlich zeigt, dass Unsterblichkeit als eine Art Fluch zu sehen wäre; diese Erkenntnis stärkt wiederum die Akzeptierbarkeit des Todes.

Weiterhin möchte ich noch die eher platte Vermutung äußern, dass - wer den Tod akzeptieren will - das Leben ausschöpfen muss. Dies nicht nur in dem Sinne, dass man viel tut bzw. das tut, was einem Vergnügen oder Erfüllung bereitet; vielmehr sollte das Leben auch in dem Sinne ausgeschöpft werden, dass das Leben und die Lebenszeit intensiv wahrgenommen werden. Intensive Zeitwahrnehmung spielt dabei eine essentielle Rolle: Wenn man ein Leben lang im Angesicht des Todes den jetzigen Moment wahrgenommen hat, kann man vielleicht direkt vor dem Tod ohne Angst vor dem Tod den dann gegebenen Moment wahrnehmen.

Ein tieferer Grund hierfür liegt darin, dass das stetige Wahrnehmen des Hier und Jetzt auf die Dauer das Bedürfnis nach einem auf die Zukunft bezogenen Ich (-Konstrukt) absterben lässt. Es wird so etwas wie ein natürlicher, vorkultureller Bewusstseinszustand erreicht, in dem es nicht darauf ankommt, was war oder sein wird.

 

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Aktualisiert am: 16.07.2008
 
         
 

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