III. Die subjektive
Zeit
"Man sagt, ich sei dreißig
Jahre alt; wenn ich aber drei Minuten in einer gelebt habe
... bin ich dann nicht neunzig Jahre alt?"
Charles Baudelaire
Unser Leben lässt sich durch medizinische Methoden
und ein gesünderes Leben um einiges ausdehnen. Dies
begrüßen wir durchweg und streben die Lebensverlängerung
an. Aber damit begnügen wir uns denn auch. Dabei verkennen
wir einen sehr wichtigen Umstand: Unser Leben ist nämlich
genau so lang, wie es uns vorkommt.
Dieser Satz mag Ihren Widerspruch herausfordern: Ist die
Länge eines Lebens nicht objektiv in Jahren, Monaten
und Tagen messbar? Aber sicher; darum geht es mir jedoch
nicht. Vielmehr möchte ich nur darauf hinweisen, dass
es neben der sogenannten objektiven Länge eines Lebens
auch eine subjektive Länge gibt. Das heißt, auch
ein objektiv kurzes Leben kann für denjenigen, der
es lebt oder gelebt hat, sehr lang sein.
Der französische Philosoph Bergson unterschied schon
in Anlehnung an John Locke zwischen "temps" =
Zeit und "durée" = Dauer als subjektivem
Zeitbegriff, so dass wir uns mit unserer Vermutung in bester
Gesellschaft befinden (weitere Belege finden sich im letzten
Kapitel). Diese Annahme wird durch unsere Alltagserfahrung
bestätigt: kennen wir nicht alle Situationen, in denen
die Zeit zu stehen scheint? Und andere, in denen sie rast?
Sagen wir nicht oft genug: "Schon wieder ist ein Tag
vorbei!"? Wenn Sie eine Weile überlegen, fällt
Ihnen sicher eine Tätigkeit ein, bei der Ihnen die
Zeit normalerweise sehr lang oder sehr kurz vorkommt. Wenn
nicht, prüfen Sie bitte die Beispiele in Kapitel IV
durch.