Impressum - Haftungsausschluss - Copyright Über uns - Die Macher dieser Website Disclaimer - Wir nehmen Abstand Sie wollen uns etwas mitteilen? Dann geht's hier entlang!  

 


 

  07.02.2012   
Sie sind gerade hier: / Inhaltsverzeichnis / 2. Kapitel / 1. Unterkapitel
I. Was ist Zeit?

Wir wissen es nicht [16]. Wir als Menschen mit einem naturgemäß beschränkten Erfahrungs- und Verständnishintergrund werden es wahrscheinlich auch nie vollständig wissen können. Aber vielleicht hilft es uns weiter, dass Verständnis anderer Menschen von Zeit (auch in anderen Zeiten und Kulturen) zu untersuchen. Es könnte sein, dass es uns nach dem Studium anderer Zeitvorstellungen nicht mehr so unumstößlich zwingend erscheint, von einem einfachen linienförmigen Verlauf der Zeit auszugehen. Wenn wir verschiedene Erklärungsmodelle zur Verfügung haben, verstehen wir vielleicht insgesamt mehr:

In den meisten von frühen Religionen bestimmten Weltauffassungen und auch zahlreichen sogenannten Hochkulturen (z.B. der alt-indischen oder denen der Antike) wird von einer zyklischen, also kreisförmigen Zeitstruktur ausgegangen. Die Zeit ist rund wie das Jahr, der Mondzyklus, der Tag oder auch der Lebenszyklus (Geburt, Jugend, Erwachsensein und Nachwuchszeugen, Alter, Tod, Geburt...). In dieser Auffassung ist das Moment der Veränderung auf das natürlichste integriert.

Erst im europäischen Mittelalter entwickelt sich mit der Erfindung der mechanischen Uhr langsam ein Zeitbegriff, in dem die Zeit als eine - unendliche - Linie angesehen wird. Daraus wiederum entwickelte sich bis zum 19. Jahrhundert vor allem durch die Physik Newtons der Begriff der absoluten Zeit. Absolute Zeit besteht nach dieser Lehre unabhängig von dem Vorgang der Messung und auch unabhängig von Veränderungen, sozusagen als vierte Dimension. Ähnlich sah Kant in der Zeit eine vor aller Erfahrung ("a priori") liegende formale Bedingung aller Erscheinungen / aller Wahrnehmung.

Der absolute Zeitbegriff wurde zunächst durch die spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie in Frage gestellt. Nach ihr kann Zeit nur relativ zu einem bestimmten Bezugssystem definiert werden und wird durch Geschwindigkeit verändert. Zugleich wies Einstein nach, dass die Zeit auch von der Materieverteilung abhängig ist. In einer von verschiedenen Autoren kolportierten Äußerung soll Einstein Zeit sogar als Illusion bezeichnet haben.

Auch wenn der Zeitbegriff Einsteins revolutionär war, gibt es in der heutigen Physik atemberaubende Fortentwicklungen: So wurde entsprechend der Neigung der Physiker zu symmetrischen Modellbildungen auch eine negative Zeit zunächst theoretisch behauptet und möglicherweise auch schon durch erste Experimente "belegt". Die Physik-Gurus streiten sich noch über die Interpretation dieser Experimente.

Auch diese Modelle werden sicher noch in der Zukunft fortentwickelt, überformt oder verworfen worden, während andere Kulturen an ihrem nicht-linearen Zeitverständnis festhalten. Möglicherweise bildet sich sogar ein die verschiedenen Vorstellungen integrierendes Zeitmodell heraus. Wichtig erscheint mir in diesem Zusammenhang nur, dass der Gedanke einer absoluten Zeit, also einer Zeit, die ohne Veränderungsprozess existiert und der alle Menschen gleich unterworfen sind, menschheitsgeschichtlich nur eine kurze Epoche Bestand hatte. Es spricht erst einmal nichts dafür, dass wir damit beim Stein des Weisen angekommen sind.

Der Streit zwischen den verschiedenen Zeittheorien braucht an dieser Stelle [17] nicht weiter vertieft zu werden, da es für die folgende Darstellung nur auf das subjektive menschliche Empfinden der Zeit und den Umgang des Menschen mit der Zeit ankommt. Sie können daher für die Lektüre des Buches das Zeitverständnis zugrunde legen, welches Sie schon haben.

 


[16] So schreibt Michael Jeismann in der FAZ 27.2.1999, S. II, treffend: "Am rätselhaften Wesen der Zeit hat sich trotz aller Forschung und literarischer Zeitbeschwörungen nichts geändert; man weiß heute mehr und weiß doch nicht Bescheid. Augustinus traf es genau, als er feststellte, dass er wisse, was Zeit sei, solange er nicht darüber nachdenke; sobald er aber zu sagen versuche, was Zeit sei, wisse er es nicht mehr."

[17] Weitere Möglichkeiten, Zeit zu verbildlichen und so zu verstehen, finden sich im 5. Kapitel.

 

«

Aktualisiert am: 16.07.2008
 
         
 

[ Home | Ethik+Lebensführung | ZeitLeben | Buddhismus | Psychologie | Sonstige Wege ]

© yourlife.info 2002-2008