I. Was ist
Zeit?
Wir wissen es nicht .
Wir als Menschen mit einem naturgemäß beschränkten
Erfahrungs- und Verständnishintergrund werden es wahrscheinlich
auch nie vollständig wissen können. Aber vielleicht
hilft es uns weiter, dass Verständnis anderer Menschen
von Zeit (auch in anderen Zeiten und Kulturen) zu untersuchen.
Es könnte sein, dass es uns nach dem Studium anderer
Zeitvorstellungen nicht mehr so unumstößlich
zwingend erscheint, von einem einfachen linienförmigen
Verlauf der Zeit auszugehen. Wenn wir verschiedene Erklärungsmodelle
zur Verfügung haben, verstehen wir vielleicht insgesamt
mehr:
In den meisten von frühen Religionen bestimmten Weltauffassungen
und auch zahlreichen sogenannten Hochkulturen (z.B. der
alt-indischen oder denen der Antike) wird von einer zyklischen,
also kreisförmigen Zeitstruktur ausgegangen. Die Zeit
ist rund wie das Jahr, der Mondzyklus, der Tag oder auch
der Lebenszyklus (Geburt, Jugend, Erwachsensein und Nachwuchszeugen,
Alter, Tod, Geburt...). In dieser Auffassung ist das Moment
der Veränderung auf das natürlichste integriert.
Erst im europäischen Mittelalter entwickelt sich mit
der Erfindung der mechanischen Uhr langsam ein Zeitbegriff,
in dem die Zeit als eine - unendliche - Linie angesehen
wird. Daraus wiederum entwickelte sich bis zum 19. Jahrhundert
vor allem durch die Physik Newtons der Begriff der absoluten
Zeit. Absolute Zeit besteht nach dieser Lehre unabhängig
von dem Vorgang der Messung und auch unabhängig von
Veränderungen, sozusagen als vierte Dimension. Ähnlich
sah Kant in der Zeit eine vor aller Erfahrung ("a priori")
liegende formale Bedingung aller Erscheinungen / aller Wahrnehmung.
Der absolute Zeitbegriff wurde zunächst durch die
spezielle und die allgemeine Relativitätstheorie in
Frage gestellt. Nach ihr kann Zeit nur relativ zu einem
bestimmten Bezugssystem definiert werden und wird durch
Geschwindigkeit verändert. Zugleich wies Einstein nach,
dass die Zeit auch von der Materieverteilung abhängig
ist. In einer von verschiedenen Autoren kolportierten Äußerung
soll Einstein Zeit sogar als Illusion bezeichnet haben.
Auch wenn der Zeitbegriff Einsteins revolutionär war,
gibt es in der heutigen Physik atemberaubende Fortentwicklungen:
So wurde entsprechend der Neigung der Physiker zu symmetrischen
Modellbildungen auch eine negative Zeit zunächst theoretisch
behauptet und möglicherweise auch schon durch erste
Experimente "belegt". Die Physik-Gurus streiten
sich noch über die Interpretation dieser Experimente.
Auch diese Modelle werden sicher noch in der Zukunft fortentwickelt,
überformt oder verworfen worden, während andere
Kulturen an ihrem nicht-linearen Zeitverständnis festhalten.
Möglicherweise bildet sich sogar ein die verschiedenen
Vorstellungen integrierendes Zeitmodell heraus. Wichtig
erscheint mir in diesem Zusammenhang nur, dass der Gedanke
einer absoluten Zeit, also einer Zeit, die ohne Veränderungsprozess
existiert und der alle Menschen gleich unterworfen sind,
menschheitsgeschichtlich nur eine kurze Epoche Bestand hatte.
Es spricht erst einmal nichts dafür, dass wir damit
beim Stein des Weisen angekommen sind.
Der Streit zwischen den verschiedenen Zeittheorien braucht
an dieser Stelle
nicht weiter vertieft zu werden, da es für die folgende
Darstellung nur auf das subjektive menschliche Empfinden
der Zeit und den Umgang des Menschen mit der Zeit ankommt.
Sie können daher für die Lektüre des Buches
das Zeitverständnis zugrunde legen, welches Sie schon
haben.