V. Zeit und Identität
Du bist ja nicht das, was du scheinst,
sondern eine Vorstellung.
Epiktet
Seltsamerweise kann Zeit umso intensiver wahrgenommen werden,
je weniger man sich an die Idee eines feststehenden, in
der Zeit unveränderlichen Ichs klammert .
Menschen glauben aber üblicherweise, dass sie eine
feststehende Identität haben. Sie meinen damit, dass
sie zu verschiedenen Zeitpunkten im Wesentlichen gleich
sind. Zwar sehen sie manchmal, dass sie sich äußerlich,
in ihren Verhaltensweisen und Ansichten, Vorlieben und Beziehungen
zur Umwelt im Laufe der Jahre etwas verändern. Sie
halten ihren "Kern" jedoch für stabil.
Demgegenüber behaupten eine Reihe von antiken, westlichen,
asiatischen oder islamischen Autoren, dass es eine solche
feste Identität nicht gebe .
Identität ist nach dieser Vorstellung eine Fiktion.
Diese Auffassung wird nicht nur dadurch gestützt, dass
wir ständig die Atome und Moleküle austauschen
oder umbauen, aus denen wir bestehen. Auch die moderne Hirnforschung
und die Psychologie stellen die Identitätsfiktion zunehmend
in Frage .
Durch diese Auffassung wird übrigens nicht die Möglichkeit
und Sinnhaltigkeit von Ethik in Frage gestellt: In dem Maß,
in dem man im Laufe der Zeit nicht mehr mit sich identisch
ist, ist man ein anderer. Hat mein derzeitiges Verhalten
Auswirkungen auf mich in der Zukunft, ist es nach den selben
ethischen Kriterien zu behandeln wie mein Verhalten anderen
Personen gegenüber: Ich muss mein zukünftiges,
nicht-identisches Ich genauso wie die anderen wertschätzen
und sollte ihm wie den anderen Menschen Gutes tun. So lässt
sich sogar eine der Grundfragen der Ethik, der Ausgleich
zwischen Eigen- und Fremdinteressen lösen.
Aber zurück zum Verhältnis von Identität
und Zeit: Je mehr Sie an Ihre Identität in der Zeit
glauben, desto mehr macht für Sie die Beschäftigung
mit Vergangenheit und Zukunftsplanung Sinn. Je weniger Sie
daran glauben, desto eher werden Sie sich auf das Hier und
Jetzt konzentrieren können. Auch dieser Zusammenhang
funktioniert in beide Richtungen: Je mehr Sie sich auf das
Hier und Jetzt konzentrieren, desto weniger Bedeutung werden
Sie Ihrer Vergangenheit und Ihrer Zukunft beimessen, desto
eher werden Sie auch die Identitätsfiktion für
verzichtbar erachten.
Vielleicht sollte man auch einen Mittelweg anstreben: sich
Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft gleichermaßen
vorstellen, sich also gleichzeitig ein Bild von sich selbst
in verschiedenen Lebensabschnitten machen und diesem Bild
einen gewissen Wahrheitsgehalt beimessen.
Jedenfalls hat ein Mittelweg zwischen Gegenwartsorientierung
einerseits, Vergangenheits- und Zukunftsgedanken andererseits
ganz handfeste Vorteile: Er hält Erfahrungswissen der
Vergangenheit wach und ermöglicht die - stets auf die
Zukunft gerichtete - Teilnahme an gesellschaftlichen Entwicklungen.
Ein solcher Mittelweg könnte auch die Krankheit unserer
hiesigen Kultur, die ständige Fixierung auf die Vergangenheit
und vor allem auf die Zukunftsplanung lindern. Von Politik
und Forschung bis hin zu den konkret zur Auswahl stehenden
Lebensmodellen hin lässt sich eine im historischen
Vergleich nachgerade wahnwitzige Zukunftsorientierung feststellen
- die notgedrungen vor dem Tod kapituliert und ihn daher
verdrängen muss. Diese allgegenwärtige Zukunftsorientierung
hat unseren Zugang zu unserer Gegenwart, das Wissen um die
Kultur wirklich erlebter Gegenwart aufgefressen .