Impressum - Haftungsausschluss - Copyright Über uns - Die Macher dieser Website Disclaimer - Wir nehmen Abstand Sie wollen uns etwas mitteilen? Dann geht's hier entlang!  

 


 

  05.09.2010   
Sie sind gerade hier: / Inhaltsverzeichnis / 1. Kapitel / 5. Unterkapitel

V. Zeit und Identität

Du bist ja nicht das, was du scheinst, sondern eine Vorstellung.
Epiktet

Seltsamerweise kann Zeit umso intensiver wahrgenommen werden, je weniger man sich an die Idee eines feststehenden, in der Zeit unveränderlichen Ichs klammert [12]. Menschen glauben aber üblicherweise, dass sie eine feststehende Identität haben. Sie meinen damit, dass sie zu verschiedenen Zeitpunkten im Wesentlichen gleich sind. Zwar sehen sie manchmal, dass sie sich äußerlich, in ihren Verhaltensweisen und Ansichten, Vorlieben und Beziehungen zur Umwelt im Laufe der Jahre etwas verändern. Sie halten ihren "Kern" jedoch für stabil.

Demgegenüber behaupten eine Reihe von antiken, westlichen, asiatischen oder islamischen Autoren, dass es eine solche feste Identität nicht gebe [13]. Identität ist nach dieser Vorstellung eine Fiktion. Diese Auffassung wird nicht nur dadurch gestützt, dass wir ständig die Atome und Moleküle austauschen oder umbauen, aus denen wir bestehen. Auch die moderne Hirnforschung und die Psychologie stellen die Identitätsfiktion zunehmend in Frage [14].

Durch diese Auffassung wird übrigens nicht die Möglichkeit und Sinnhaltigkeit von Ethik in Frage gestellt: In dem Maß, in dem man im Laufe der Zeit nicht mehr mit sich identisch ist, ist man ein anderer. Hat mein derzeitiges Verhalten Auswirkungen auf mich in der Zukunft, ist es nach den selben ethischen Kriterien zu behandeln wie mein Verhalten anderen Personen gegenüber: Ich muss mein zukünftiges, nicht-identisches Ich genauso wie die anderen wertschätzen und sollte ihm wie den anderen Menschen Gutes tun. So lässt sich sogar eine der Grundfragen der Ethik, der Ausgleich zwischen Eigen- und Fremdinteressen lösen.

Aber zurück zum Verhältnis von Identität und Zeit: Je mehr Sie an Ihre Identität in der Zeit glauben, desto mehr macht für Sie die Beschäftigung mit Vergangenheit und Zukunftsplanung Sinn. Je weniger Sie daran glauben, desto eher werden Sie sich auf das Hier und Jetzt konzentrieren können. Auch dieser Zusammenhang funktioniert in beide Richtungen: Je mehr Sie sich auf das Hier und Jetzt konzentrieren, desto weniger Bedeutung werden Sie Ihrer Vergangenheit und Ihrer Zukunft beimessen, desto eher werden Sie auch die Identitätsfiktion für verzichtbar erachten.

Vielleicht sollte man auch einen Mittelweg anstreben: sich Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft gleichermaßen vorstellen, sich also gleichzeitig ein Bild von sich selbst in verschiedenen Lebensabschnitten machen und diesem Bild einen gewissen Wahrheitsgehalt beimessen.

Jedenfalls hat ein Mittelweg zwischen Gegenwartsorientierung einerseits, Vergangenheits- und Zukunftsgedanken andererseits ganz handfeste Vorteile: Er hält Erfahrungswissen der Vergangenheit wach und ermöglicht die - stets auf die Zukunft gerichtete - Teilnahme an gesellschaftlichen Entwicklungen. Ein solcher Mittelweg könnte auch die Krankheit unserer hiesigen Kultur, die ständige Fixierung auf die Vergangenheit und vor allem auf die Zukunftsplanung lindern. Von Politik und Forschung bis hin zu den konkret zur Auswahl stehenden Lebensmodellen hin lässt sich eine im historischen Vergleich nachgerade wahnwitzige Zukunftsorientierung feststellen - die notgedrungen vor dem Tod kapituliert und ihn daher verdrängen muss. Diese allgegenwärtige Zukunftsorientierung hat unseren Zugang zu unserer Gegenwart, das Wissen um die Kultur wirklich erlebter Gegenwart aufgefressen [15].

 


[12] Nicht zufällig gehen Erfahrungen extrem intensiver Zeitwahrnehmung stets mit einer Einschränkung der Kontrolle durch ein "Ich" oder "Selbst" einher, vgl. Hartmut Kasten, Wie die Zeit vergeht - Zeitbewusstsein in Alltag und Lebenslauf, Primus Verlag, Darmstadt 2001, ISBN 3-89678-403-X, S. 175.

[13] Siehe die Nachweise im 5. Kapitel und das obige Zitat von Epiktet; auch der Buddhismus und der Taoismus leugnen die Existenz eines feststehenden Ichs.

[14] Katrin Jäger "Seele gesucht", taz 8.6.2001, S. 18: "Der Neurophilosoph Thomas Mentzinger, Professor für theoretische Philosophie an der Universität Mainz, charakterisiert das erlebte Ich-Gefühl als ein "Resultat von Informationsverarbeitungsvorgängen im zentralen Nervensystem". Diese Vorgänge erschaffen das Ich quasi als virtuelles Organ. Eine zentrale Eigenschaft des Ich ist es, nicht zu bemerken, dass das Gehirn es produziert. Es verleugnet seinen eigenen Hersteller konsequent. Deshalb hat das Ich den Eindruck, die Welt um sich herum direkt mit seinen Sinnesorganen wahrzunehmen und seine eigenen Gedanken zu produzieren. Es hält sich für den großen Steuermann des Körpers, der die oberste Kontrollinstanz von Denken, Planen und Handeln ist.

Neurobiologen haben herausgefunden, dass nicht bewusstseinsfähige Hirnareale wie die Basalkerne und der Thalamus das Ich-Bewusstsein steuern. Aus ihnen kommen die Signale dafür, dass wir beispielsweise willentlich den Arm heben. Professor Gerhart Roth, Neurobiologe am Hirnforschungszentrum der Universität Bremen, ist es gelungen, experimentell nachzuweisen, dass die willkürlichen Handlungen auf "Einflüsterungen des Unbewussten" zurückgehen. "Der Willensakt tritt auf, nachdem das Gehirn bereits entschieden hat, welche Bewegung es ausführen wird", so der Hirnforscher."- "Bewusstsein entsteht, indem unterschiedliche Hirnareale etwa 40-mal pro Sekunde ihre Aktivitäten in die Hirnrinde projizieren. Das Ich-Zentrum bündelt die Einzeleindrücke zu einem einheitlichen Gesamtbild, das wir als Ich-Erlebnis wahrnehmen."

[15] Diese Zukunftsorientierung ist üblicherweise recht oberflächlich, insofern sie sich darauf beschränkt, die Zukunft zu planen oder zu träumen. Sie verpasst die Chance, durch eine intensivere Verbindung zum gegenwärtigen Moment auch den Keim für eine besser gestaltete und empfundene Zukunft zu setzen.

 

«

Aktualisiert am: 16.07.2008
 
         
 

[ Home | Ethik+Lebensführung | ZeitLeben | Buddhismus | Psychologie | Sonstige Wege ]

© yourlife.info 2002-2008