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  05.09.2010   
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IV. Zeit und Glück

"Mit der Erfindung des Glücks, so Lichtenberg zu Olga, habe sich die Menschheit selbst das allerschlimmste Unglück zugefügt. Die Eltern verhießen es ihren Kindern, die Geliebten ihren Liebhabern und die Ehegatten ihren Ehegatten, stets in der besten Absicht und stets mit den verheerendsten Folgen."
Georg M. Oswald, "Lichtenbergs Fall"

"Manchmal, in einer Schlange gebeugter Gefangener, unter den Rufen der Wachen mit ihren Maschinengewehren spürte ich einen solchen Ansturm von Rhythmen und Bildern, dass ich über ihnen zu schweben schien. In solchen Momenten war ich zugleich frei und glücklich ... Für mich gab es keinen Stacheldraht. Beim Appell stimmte zwar die Zahl, aber ich war weit fort auf einem fernen Flug."
Alexander Solschenizyn, Archipel Gulag


Wie wir soeben gesehen haben, können wir Sinn und auch Glück empfinden, wenn wir Ziele verfolgen und erreichen. Es gibt vielleicht jedoch noch eine weitere Art des Sinns und auf alle Fälle noch eine andere Art des Glücks: die Erfüllung durch den Moment oder auch im Moment. Bei dieser Art des Glücks geht es nicht darum, dass wir ein Ziel erreicht haben und deshalb Glück empfinden. Vielmehr entsteht diese Art des Glücks meist spontan. In diesem Glück gibt es kein zu verfolgendes oder erreichtes Ziel, sondern der gegenwärtige Moment wird als ideal empfunden. Wichtigstes Kennzeichen ist: Man will in diesen Momenten nirgendwo anders sein und mit niemandem tauschen. Man geht also voll in dem Moment auf und ist im Hier und Jetzt. Es stellt sich ein Gefühl innerer Erfüllung ein, das - je nach Begriffsdefinition - jeglichen Sinn einschließt oder aber die Frage und das Bedürfnis nach Sinn hinfällig macht.

Beispiele für solche Zustände lassen sich nicht für alle Personen gleichermaßen benennen: Bei dem einen können gute Konzerte oder Kunstwerke derartige Zustände auslösen. Bei anderen Menschen werden derartige Empfindungen bei zwischenmenschlichen Kontakten [9] der einen oder anderen Art wach gerufen. Wieder andere erleben es in religiösen Kontexten. So schreibt Ricarda Winterswyl [10]:

"Das Glück, so träumen wir dann, wäre die Einheit, die Überwindung aller Trennungen, das Zusammenfallen aller Gegensätze im Unendlichen oder im Anfang. Und wir machen uns auf den Weg "ins Reich der Ungeschiedenheit", wie Laotse lehrte. Dieses Glück ist, wenn auch nicht herstellbar, so doch in kurzen Augenblicken erfahrbar, vor allem in mystischer Meditation. Es wird als eine Art Erleuchtung, als großer Zusammenhang, als Einfachheit, Klarheit und Einheit beschrieben. Wir brauchen nicht zu entscheiden, ob wir dies der Chemie im Kopf oder der Metaphysik des Seins zuordnen wollen. Aus diesem möglichen Glücks- und Einheitserlebnis nimmt das gnostische Märchen vom gestohlenen und wiederzugewinnenden Glück seine Gewissheit, ebenso die Sage vom Paradies und vom goldenen Zeitalter, ..."

Gemeinsames Element vieler dieser Glückszustände ist die Entgrenzung der eigenen Persönlichkeit: Ich bin Teil einer größeren Einheit, daher geborgen und kann von jeglichem individuellen Manifestationsanspruch ablassen.

Meine These ist nun: Es besteht eine beidseitige Wechselwirkung zwischen dem Im-Hier-und-Jetzt-Sein und dem Glücksempfinden. Nicht nur sind solche Glücksmomente dadurch gekennzeichnet, dass man nirgendwo anders und kein anderer sein möchte. Auch umgekehrt ist man öfter und intensiver glücklich, wenn man konzentriert im Hier und Jetzt weilt. Hierfür gibt es wohl zweierlei Gründe: Erstens verlieren - noch nicht erfüllte und daher Unzufriedenheit stiftende - Ziele und Wünsche automatisch an Bedeutung, wenn man auf den gegenwärtigen Moment in der gegenwärtigen Umgebung konzentriert ist. Zweitens erschließt sich der Reichtum und die Schönheit einer jeden gegenwärtigen Situation leichter. Selbstverständlich gilt dies nur eingeschränkt, wenn man gerade leidet [11].

Aber die Konzentration auf das Hier und Jetzt kann auch dann segensreich sein, wenn man sich schlecht fühlt: Oft ist das Unwohlsein nämlich das Ergebnis einer schlechten Erfahrung in der näheren oder ferneren Vergangenheit oder einer Furcht vor einem Ereignis, welches noch nicht präsent ist. Daraus folgt: in dem Maß, wie man es schafft, sich trotz negativer Erfahrungen oder Ängsten auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren, vergisst man die negativen Erfahrungen und nimmt die Ängste nicht mehr war. Anders gesagt: Negative Erfahrungen und befürchtete Ereignisse in der Zukunft sind für uns nur in dem Maß real, wie wir uns damit beschäftigen. Konzentrieren wir uns auf das unmittelbare Hier und Jetzt, schneiden wir negative Erinnerungen und Ängste ab.

 


[9] Vgl. Ricarda Winterswyl: Glück: eine Spurensuche, Beck München 1995, ISBN 3 406 39220 2, S. 229: "Liebe und Sexualität sind die erfolgreichsten Animatoren und Glücksauslöser im Menschenhirn, allerdings nützen sich gerade diese Stimulantien besonders schnell ab, es kann die bleierne Ödnis und ein zum Scheitern prädestiniertes Zwangsmiteinander daraus werden oder die Umwandlung gelingen. Die Umwandlung zu dem schönen, ruhigen Glück, das Epikur der freundschaftlichen Gemeinsamkeit von Menschen zugeschrieben hat."

[10] S. die vorherige Fußnote; vgl. auch die Quellen bei Hartmut Kasten, Wie die Zeit vergeht - Zeitbewusstsein in Alltag und Lebenslauf, Primus Verlag, Darmstadt 2001, ISBN 3-89678-403-X, S. 173ff.

[11] Dass es überhaupt nicht gilt, kann man umgekehrt auch nicht sagen: In Situationen extremen, aus einer negativen zukünftigen Entwicklung oder der Vergangenheit herrührenden Leides ist es eine relativ erfolgreiche Haltung, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren. Dann jedoch, wenn das Leid von gegenwärtigen körperlichen Schmerzen herrührt, funktioniert die Methode nicht.

 

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Aktualisiert am: 16.07.2008
 
         
 

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