IV. Zeit und
Glück
"Mit der Erfindung des Glücks,
so Lichtenberg zu Olga, habe sich die Menschheit selbst
das allerschlimmste Unglück zugefügt. Die Eltern
verhießen es ihren Kindern, die Geliebten ihren Liebhabern
und die Ehegatten ihren Ehegatten, stets in der besten Absicht
und stets mit den verheerendsten Folgen."
Georg M. Oswald, "Lichtenbergs
Fall"
"Manchmal, in einer Schlange gebeugter
Gefangener, unter den Rufen der Wachen mit ihren Maschinengewehren
spürte ich einen solchen Ansturm von Rhythmen und Bildern,
dass ich über ihnen zu schweben schien. In solchen
Momenten war ich zugleich frei und glücklich ... Für
mich gab es keinen Stacheldraht. Beim Appell stimmte zwar
die Zahl, aber ich war weit fort auf einem fernen Flug."
Alexander Solschenizyn, Archipel Gulag
Wie wir soeben gesehen haben, können wir Sinn und auch
Glück empfinden, wenn wir Ziele verfolgen und erreichen.
Es gibt vielleicht jedoch noch eine weitere Art des Sinns
und auf alle Fälle noch eine andere Art des Glücks:
die Erfüllung durch den Moment oder auch im Moment.
Bei dieser Art des Glücks geht es nicht darum, dass
wir ein Ziel erreicht haben und deshalb Glück empfinden.
Vielmehr entsteht diese Art des Glücks meist spontan.
In diesem Glück gibt es kein zu verfolgendes oder erreichtes
Ziel, sondern der gegenwärtige Moment wird als ideal
empfunden. Wichtigstes Kennzeichen ist: Man will in diesen
Momenten nirgendwo anders sein und mit niemandem tauschen.
Man geht also voll in dem Moment auf und ist im Hier und
Jetzt. Es stellt sich ein Gefühl innerer Erfüllung
ein, das - je nach Begriffsdefinition - jeglichen Sinn einschließt
oder aber die Frage und das Bedürfnis nach Sinn hinfällig
macht.
Beispiele für solche Zustände lassen sich nicht
für alle Personen gleichermaßen benennen: Bei
dem einen können gute Konzerte oder Kunstwerke derartige
Zustände auslösen. Bei anderen Menschen werden
derartige Empfindungen bei zwischenmenschlichen Kontakten
der einen oder anderen Art wach gerufen. Wieder andere erleben
es in religiösen Kontexten. So schreibt Ricarda Winterswyl
:
"Das Glück, so träumen wir dann, wäre
die Einheit, die Überwindung aller Trennungen, das
Zusammenfallen aller Gegensätze im Unendlichen oder
im Anfang. Und wir machen uns auf den Weg "ins Reich
der Ungeschiedenheit", wie Laotse lehrte. Dieses Glück
ist, wenn auch nicht herstellbar, so doch in kurzen Augenblicken
erfahrbar, vor allem in mystischer Meditation. Es wird als
eine Art Erleuchtung, als großer Zusammenhang, als
Einfachheit, Klarheit und Einheit beschrieben. Wir brauchen
nicht zu entscheiden, ob wir dies der Chemie im Kopf oder
der Metaphysik des Seins zuordnen wollen. Aus diesem möglichen
Glücks- und Einheitserlebnis nimmt das gnostische Märchen
vom gestohlenen und wiederzugewinnenden Glück seine
Gewissheit, ebenso die Sage vom Paradies und vom goldenen
Zeitalter, ..."
Gemeinsames Element vieler dieser Glückszustände
ist die Entgrenzung der eigenen Persönlichkeit: Ich
bin Teil einer größeren Einheit, daher geborgen
und kann von jeglichem individuellen Manifestationsanspruch
ablassen.
Meine These ist nun: Es besteht eine beidseitige Wechselwirkung
zwischen dem Im-Hier-und-Jetzt-Sein und dem Glücksempfinden.
Nicht nur sind solche Glücksmomente dadurch gekennzeichnet,
dass man nirgendwo anders und kein anderer sein möchte.
Auch umgekehrt ist man öfter und intensiver glücklich,
wenn man konzentriert im Hier und Jetzt weilt. Hierfür
gibt es wohl zweierlei Gründe: Erstens verlieren -
noch nicht erfüllte und daher Unzufriedenheit stiftende
- Ziele und Wünsche automatisch an Bedeutung, wenn
man auf den gegenwärtigen Moment in der gegenwärtigen
Umgebung konzentriert ist. Zweitens erschließt sich
der Reichtum und die Schönheit einer jeden gegenwärtigen
Situation leichter. Selbstverständlich gilt dies nur
eingeschränkt, wenn man gerade leidet .
Aber die Konzentration auf das Hier und Jetzt kann auch
dann segensreich sein, wenn man sich schlecht fühlt:
Oft ist das Unwohlsein nämlich das Ergebnis einer schlechten
Erfahrung in der näheren oder ferneren Vergangenheit
oder einer Furcht vor einem Ereignis, welches noch nicht
präsent ist. Daraus folgt: in dem Maß, wie man
es schafft, sich trotz negativer Erfahrungen oder Ängsten
auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren, vergisst man die
negativen Erfahrungen und nimmt die Ängste nicht mehr
war. Anders gesagt: Negative Erfahrungen und befürchtete
Ereignisse in der Zukunft sind für uns nur in dem Maß
real, wie wir uns damit beschäftigen. Konzentrieren
wir uns auf das unmittelbare Hier und Jetzt, schneiden wir
negative Erinnerungen und Ängste ab.