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  09.09.2010   
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III. Zeit und Ziele

"Länger anhaltendes Glück setzt voraus, dass man sich Ziele setzt, die nicht so schnell zu erreichen sind. Da kann man von einer Herausforderung zur anderen, von einer Unsicherheit zur nächsten gelangen und dabei beobachten, wie man bei der Bewältigung von Problemen immer besser, immer sicherer, vielleicht auch immer vollkommener wird. Der Weg ist dann das Ziel."
Prof. Dr. Gerald Hüther, Professor für Neurobiologie, Universität Göttingen, FR 27.3.2001, S. 26

"Doch sei nicht auch er, der Vernehmende, einer, der - wie jeder - ständig hinter etwas her sei, das er möglicherweise nicht oder doch nur schwerlich bekommen könne, etwa die Beförderung vom Justizinspektor zum Oberjustizinspektor, nur um festzustellen, dass das Erreichen eines solchen Ziels einen völlig ratlos mit der Frage zurücklasse, warum man dieses Ziel so unbedingt habe erreichen wollen - was einen Tag und Nacht getrieben habe, dieses Ziel zu erreichen? Und die einzige Antwort, die man wisse, sei die, dem erreichten Ziel die Schuld zu geben ... , weswegen es darauf ankomme, nunmehr das richtige Ziel zu finden, dem hinterher zu jagen sich lohne, wirklich lohne, so dass, wenn man es erreiche, die ganze Sucherei ein Ende habe und man schließlich Ruhe finde. Bis in den Tod treibe man dieses Spiel, vielleicht begreife man das in der Stunde des Todes, gewiss aber nicht, bevor es nicht endgültig zu spät sei."
Georg M. Oswald, "Lichtenbergs Fall"

1. Die beiden Zitate zeigen ein Spannungsverhältnis auf: Zwar können Ziele Sinn geben. Andererseits läuft man Gefahr, ein Ziel nach dem anderen aufzustellen, zu verfolgen, zu verwerfen und zu ersetzen. Durch den Verfall des Wertekanons im 19. und 20. Jahrhundert ist die stetige Suche nach Zielen sogar zum Massenphänomen geworden. Aber immerhin: Solange man an ein bestimmtes Ziel glaubt, kann es Sinn stiften, dieses Ziel zu verfolgen. Zeit für Ziele einzusetzen kann somit im wahrsten Sinne des Wortes sinnvoll sein. Das Erlebnis von Sinn gehört mit zu den höchsten Gütern des menschlichen Lebens. Es lohnt sich daher zu untersuchen, welche Ziele Menschen üblicherweise verfolgen und wie sie das tun; nur so kann das Spannungsverhältnis zwischen den beiden Eingangszitaten sinnvoll aufgelöst werden:

- Wohlstand, Reichtum etc.: siehe dazu die Ausführungen unter "Zeit und Geld".

- Ruhm: Viele Menschen meinen, ihr Leben wäre erfüllt, wenn sie berühmt wären. Der Grund für die Annahme ist vielleicht, dass sie ihrerseits berühmte Leute bewundern. Berühmte Leute haben in unserer säkularisierten Gesellschaft teilweise fast den Status von griechischen Göttern. Indessen zeigt eine genauere Betrachtung, dass berühmte Menschen keineswegs immer glücklicher als normale Menschen sind. Vielmehr sind sie zusätzlich zu den Gefahren der normalen Menschen weiteren Gefahren für ihre persönliche Sicherheit und ihr Glück ausgesetzt.

- Macht: Wie Ruhm so gibt auch Macht das Gefühl wichtig zu sein. Jedoch ist es nicht bei allen Menschen Voraussetzung für das Gefühl der Macht, dass andere Menschen davon wissen. Macht kann auch heimlich ausgeübt werden. Entscheidend ist das Gefühl, über etwas Wichtiges entscheiden zu können. Das Gefühl der Erfüllung durch Macht kann unabhängig von dem ethischen Wert der konkreten Ausübung der Macht entstehen: sowohl der Sadist als auch der Altruist können es haben. Bei einigen Menschen kommt Erfüllung durch Macht nur in der Variante vor, dass nur der Einsatz der Macht für einen positiven Zweck (um etwas Gutes zu tun) Befriedigung mit sich bringt.

- Ethisch sinnvoll handeln: Manche Menschen ziehen ihr Lebensglück ganz oder zum Teil daraus, dass sie "Gutes tun". Diese Menschen fühlen sich gut und / oder als guter Mensch, wenn sie nach ihren Maßstäben ethisch sinnvoll handeln. Sie ziehen aus ihrem Handeln eine Bestätigung für sich selber. Aber nicht alle Menschen, die ihr Leben ganz oder zum Teil dem ethisch sinnvollen Handeln widmen, gehören zu dieser Gruppe: Es gibt auch Menschen, die einfach so, ohne weitere Hintergedanken und spontan Gutes tun; meist nehmen sich diese Menschen nicht so wichtig, so dass die Grenze zwischen Eigen- und Fremdinteresse verwischt. Und natürlich gibt es Mischformen von beiden Typen.

- Kinder bekommen und großziehen: Dieses Ziel ist insofern interessant und attraktiv, als man nicht nur Gene, sondern auch Werte, Ansichten und Charakterelemente an seinen Nachwuchs weitergibt. Und dies im Regelfall über den eigenen Tod hinaus! Zugleich ist es natürlich eine besondere, nicht durch andere ersetzbare Erfahrung, ein Kind zu bekommen und aufzuziehen. Kinder bereichern auch das Sozialleben der Eltern und verhindern meist Vereinsamung in höherem Alter. Kinder groß zu ziehen erfüllt damit im Regelfall mehrere Zwecke, die getrennt oder zusammen Erfüllung vermitteln können.

- Wissensmehrung: In unserer Kultur bringt es seit vielen Jahrhunderten konkrete Vorteile, Wissen zu haben: Andere Berufe und bessere Erwerbsmöglichkeiten stehen einem offen; bestimmte Gefahren lassen sich durch Wissen vermeiden oder reduzieren; teilweise bringt es auch gesellschaftliches Ansehen. Dadurch ist die Wissensmehrung bei vielen Menschen zum Selbstzweck geworden, wie sich bei vielen Quiz-Sendungen auf das Groteskeste bemerken lässt. Teilweise betreiben Menschen ihre Wissensmehrung jedoch auch aus einem existenziellen Bedürfnis heraus: Sie wollen verstehen, "was die Welt im innersten Zusammenhält"; oder: sie wollen sich durch Wissen neue Erfahrungen erschließen (siehe unten). Zwischen beiden Motivationen ist sicher keine scharfe Trennlinie zu ziehen. Wohl aber kann man die beiden Extrempole benennen und im konkreten Fall feststellen, ob sich ein Mensch bei seiner Wissensmehrung von der einen oder der anderen Motivation leiten lässt.

- Leistung (als Selbstzweck): Vielen Menschen erscheint Leistung attraktiv. Was ist der Grund dafür? Ich vermute, dass Gemeinschaften besser überleben können, wenn ihre Mitglieder ihre Fähigkeiten unabhängig von einer konkreten Bedarfssituation fortentwickeln. Denn dann können die Mitglieder der Gemeinschaft deren Interessen im Bedarfsfall besser verteidigen. Deshalb gibt es in fast allen menschlichen Gemeinschaften Turniere, Wettkämpfe, Spiele und Anreize für besondere Leistungen. Auf welche Bereiche sich die Leistungen beziehen müssen, um prämiert zu werden, hängt von dem Bedarf der jeweiligen Gemeinschaft und von ihren historischen Erfahrungen ab. Prämiensysteme beziehen sich nicht selten auf Leistungen, die nur vor langer Zeit für die Gemeinschaft von Bedeutung waren. Jedenfalls besteht bei vielen Menschen die Neigung, (hohe) Leistung als solche gut zu heißen. Dabei wird typischerweise nicht mehr gefragt, ob die Leistung überhaupt noch gebraucht wird, ob sie noch sinnvoll ist, welche schädlichen Nebenwirkungen die Leistung für alle Betroffenen mit sich bringt und ob der Betreffende nicht besser etwas anderes oder nichts geleistet hätte. So wird die Sekundärtugend Leistung zum Selbstzweck.

- Neue oder bestimmte wiederholbare Erfahrungen machen: Die hier gemeinten Erfahrungen können höchst unterschiedlich sein. Für die einen Menschen ist es ein Sport, der ihnen das gewünschte Gefühl vermittelt. Für andere ist es eine bestimmte, Konzentration erfordernde praktische oder geistige Tätigkeit, die sie glücklich macht und die sie deshalb immer wieder ausüben wollen. Für wiederum andere ist es die aktive, passive oder wechselseitige Liebeserfahrung oder einfach nur die Sexualität. Die Liste der Beispiele ließe sich beliebig verlängern und könnte ein ganzes Buch füllen. Nur ein Aspekt muss unbedingt erwähnt werden: Viele Menschen suchen ständig nach neuen Erfahrungen. Sie erleben Erfüllung nur dann, wenn sie etwas Neues erleben. Dadurch sind sie fast immer auf der Jagd nach Neuem. Die Suche nach neuen Erfahrungen kann innerhalb eines Bereiches erfolgen (z.B. des Sports); sie kann jedoch auch dazu veranlassen, sich in immer neue Bereiche hineinzubegeben. Dann "surfen" sie durch die verschiedenen Welten beziehungsweise durch die verschiedenen Ausprägungen der einen Welt und projizieren nicht selten die Erfüllung stets aufs Neue in das gerade aktuelle Erfahrungsziel. Manchmal reift dadurch ein tiefergehendes Verständnis, sozusagen auf der Metaebene. Meistens bleiben diese Menschen jedoch dem ewigen Suchen unterworfen (vgl. erneut das Eingangszitat dieses Abschnitts von Oswald). Oder sie verlieren alle Hoffnung, weil alle ihre Heilserwartungen über kurz oder lang enttäuscht wurden.

- Sozialkontakte: welche Sozialkontakte als erfüllend gelten, hängt von den jeweiligen persönlichen oder gesellschaftlichen Auffassungen ab. Jedoch gibt es kaum eine menschliche Gesellschaft, in der soziale Kontakte nicht von den Individuen der Gesellschaft als erfüllend empfunden werden.

- Gesellschaftliches Ansehen: Dies ist eigentlich kein Ziel an sich, sondern eine Ableitung von anderen Zielen. Denn was Ansehen bringt, hängt davon ab, welche Ziele in einer bestimmten Gesellschaft für gut geheißen werden. Das kann ethisches Handeln genauso wie Weisheit, Macht oder Reichtum sein. Trotzdem macht es Sinn, diese Kategorie getrennt aufzuführen. Denn viele Menschen richten sich danach, was gesellschaftliches Ansehen bringt, ohne wahrzunehmen, welche Ziele sich mittelbar dahinter verbergen.

Wozu habe ich die möglichen Ziele aufgeführt? Erstens belegen sie, dass es nicht ein allgemein gültiges und allseits akzeptiertes Lebensziel gibt, sondern sehr verschiedene. Das bewahrt uns vielleicht davor, unsere eigenen Ziele absolut zu setzen. Zweitens zeigen die kurzen Absätze einige Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen möglichen Zielen auf. Drittens legt die Auflistung zweierlei nahe: Es ist kaum möglich, in Bezug auf jedes der aufgeführten Lebensziele gleichzeitig erfolgreich zu sein. Deshalb wird jeder Mensch, der in einer oder mehreren Hinsichten "top" ist, noch immer neidvoll auf andere Menschen blicken können, die in anderer Hinsicht "top" sind oder es wenigstens besser haben. So ist es möglich, dass gemeinhin beneidete Menschen ihrerseits neidvoll auf andere Menschen blicken und deswegen unzufrieden sind. Ich habe die starke Vermutung, dass wir in unserer Kultur des ständigen Strebens diese einfachen, aber grundlegenden Zusammenhänge nicht mehr durchschauen. Kaum jemand scheint mit seinem Leben noch vollkommen zufrieden und mit sich im Reinen zu sein. Fast alle beneiden eine oder mehrere andere Personen, so dass ein Neid-Geflecht, bestehend aus unendlichen einzelnen Neidketten entsteht [8]. Was stattdessen Not täte, ist zweierlei:

- Einerseits sollten die Menschen lernen, ihr Leben soweit möglich aktiv in ihrem persönlichen Sinne zu gestalten - auch gegen die herrschenden Konventionen. Hier geht es also darum, die tatsächlichen Möglichkeiten zu nutzen. In dieser Hinsicht haben wir in unserem Kulturraum in den letzten Jahrhunderten im historischen und geographischen Vergleich enorme Fortschritte gemacht und ein hohes Niveau erzielt.

- Andererseits sollten sie die unverrückbaren oder nur begrenzt verrückbaren Grenzen ihrer Gestaltung wieder akzeptieren lernen. Man sollte also die eigene Machtlosigkeit und Unbedeutendheit im kosmischen Gefüge zur Kenntnis nehmen und sich mit ihr abfinden. Mittelbar geht es auch darum, die ständig übertriebene Wertschätzung des "Ichs" im Verhältnis zum "unbedeutenden Rest der Welt" abzubauen. Es läuft auf die althergebrachte Demut hinaus. Wie schon der altertümliche Charakter des Wortes zeigt, haben wir in unserer Kultur in den letzten Jahrhunderten zu einem Großteil verlernt, unsere eigenen Grenzen anzuerkennen und zu billigen. Die entsprechende Haltung ist interessanterweise noch am ehesten in niedrigen Bildungsschichten vorhanden, die ja umgekehrt meist nicht sehr viele Gestaltungsmöglichkeiten haben. Die meisten heutigen Menschen berauschen sich hingegen an dem, was sie können, sind, machen oder auch nur träumen; bis die Seifenblase platzt.

2. Unsere Ziele mögen mehr oder weniger sinnvoll, wertvoll, erstrebenswert, vernünftig oder was auch immer sein. Gemein ist allen Zielen, dass sie uns sehr gut davon ablenken können, die Zeit und damit unser wichtigstes Lebensgut wahrzunehmen. Wir sollten uns deshalb immer die Frage stellen, ob ein bestimmtes Ziel uns so wichtig ist, dass es die dafür eingesetzte Zeit wert ist; die Frage muss umso schärfer geprüft werden, je weniger man während der Verfolgung des Zieles die Zeit wahrnehmen kann.

Hierzu ein Beispiel: Wenn ich ein Bild male, kann ich nebenher noch immer die Zeit gut wahrnehmen; wenn ich hingegen konzentriert arbeiten muss, um ein bestimmtes Ziel zu verfolgen, kann ich dies nicht mehr. Eine Stunde konzentrierte Arbeit kostet mich also letztlich mehr erlebte Zeit als eine Stunde zu malen. Deshalb sollte ich kritischer hinterfragen, ob das Ziel der Arbeit den Einsatz einer Stunde wert ist.

Sicher werden wir in vielen Fällen das Zeitopfer gerne erbringen. Wir sollten es bloß nicht unreflektiert, aus einem Automatismus heraus tun. Zeit und ihre Wahrnehmung sollten wir nur für solche Ziele hergeben, die es uns wert sind.

Wie beim Verhältnis von Zeit und Geld können wir uns auch hinsichtlich des Verhältnisses von Zeit und Zielen eine wirksame Test-Frage stellen: Wie würde ich leben, wenn ich wüsste, dass ich in

- drei Tagen,
- drei Monaten,
- drei Jahren

sterben müsste? Welche Ziele würde ich dann noch verfolgen? Würde ich in diesem Fall nicht wesentlich mehr Aufmerksamkeit auf die Gestaltung und Wahrnehmung des Hier und Jetzt legen? Oder wären mir dann die derzeit von mir verfolgten Ziele noch immer so wichtig, dass ich sie trotz der dann offenkundigen Knappheit des kostbarsten Guts Lebenszeit noch immer verfolgen würde?

Normalerweise gehen Menschen in ihren Entscheidungen unbewusst davon aus, dass sie unbegrenzt leben. Denn ihr Tod erscheint ihnen in so unbestimmter Ferne, dass sie das Gefühl unbegrenzter Lebenszeit haben. Der Sinn der Testfragen ist es, die Begrenztheit der eigenen Lebensdauer in Erinnerung zu rufen. Meine These ist: Erst im Bewusstsein der Begrenztheit der eigenen Lebensdauer treten die eigentlich wichtigen Ziele zu Tage; und die uns kulturell oder durch unsere Lebensgeschichte aufgeprägten, aber innerlich nicht nachvollzogenen Ziele werden in den Hintergrund gedrängt.

 


[8] Peter Sloterdijk bezeichnete auf dem siebten Deutschen Trendtag die modernen Gesellschaften als "große Neidkraftwerke", in der eine "medial inszenierte Konsumpanik" herrsche (Spiegel online 16.5.2002.Computernutzer werden zu Sklaventreibern). Dies greift freilich zu kurz, insofern die festgestellten Neidmechanismen sich mittlerweile auch auf immaterielle Güter erstrecken.

 

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Aktualisiert am: 16.07.2008
 
         
 

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