III. Zeit und Ziele
"Länger anhaltendes Glück
setzt voraus, dass man sich Ziele setzt, die nicht so schnell
zu erreichen sind. Da kann man von einer Herausforderung
zur anderen, von einer Unsicherheit zur nächsten gelangen
und dabei beobachten, wie man bei der Bewältigung von
Problemen immer besser, immer sicherer, vielleicht auch
immer vollkommener wird. Der Weg ist dann das Ziel."
Prof. Dr. Gerald Hüther, Professor
für Neurobiologie, Universität Göttingen,
FR 27.3.2001, S. 26
"Doch sei nicht auch er, der Vernehmende,
einer, der - wie jeder - ständig hinter etwas her sei,
das er möglicherweise nicht oder doch nur schwerlich
bekommen könne, etwa die Beförderung vom Justizinspektor
zum Oberjustizinspektor, nur um festzustellen, dass das
Erreichen eines solchen Ziels einen völlig ratlos mit
der Frage zurücklasse, warum man dieses Ziel so unbedingt
habe erreichen wollen - was einen Tag und Nacht getrieben
habe, dieses Ziel zu erreichen? Und die einzige Antwort,
die man wisse, sei die, dem erreichten Ziel die Schuld zu
geben ... , weswegen es darauf ankomme, nunmehr das richtige
Ziel zu finden, dem hinterher zu jagen sich lohne, wirklich
lohne, so dass, wenn man es erreiche, die ganze Sucherei
ein Ende habe und man schließlich Ruhe finde. Bis
in den Tod treibe man dieses Spiel, vielleicht begreife
man das in der Stunde des Todes, gewiss aber nicht, bevor
es nicht endgültig zu spät sei."
Georg M. Oswald, "Lichtenbergs
Fall"
1. Die beiden Zitate zeigen ein Spannungsverhältnis
auf: Zwar können Ziele Sinn geben. Andererseits läuft
man Gefahr, ein Ziel nach dem anderen aufzustellen, zu verfolgen,
zu verwerfen und zu ersetzen. Durch den Verfall des Wertekanons
im 19. und 20. Jahrhundert ist die stetige Suche nach Zielen
sogar zum Massenphänomen geworden. Aber immerhin: Solange
man an ein bestimmtes Ziel glaubt, kann es Sinn stiften,
dieses Ziel zu verfolgen. Zeit für Ziele einzusetzen
kann somit im wahrsten Sinne des Wortes sinnvoll sein. Das
Erlebnis von Sinn gehört mit zu den höchsten Gütern
des menschlichen Lebens. Es lohnt sich daher zu untersuchen,
welche Ziele Menschen üblicherweise verfolgen und wie
sie das tun; nur so kann das Spannungsverhältnis zwischen
den beiden Eingangszitaten sinnvoll aufgelöst werden:
- Wohlstand, Reichtum etc.: siehe dazu die Ausführungen
unter "Zeit und Geld".
- Ruhm: Viele Menschen meinen, ihr Leben wäre erfüllt,
wenn sie berühmt wären. Der Grund für die
Annahme ist vielleicht, dass sie ihrerseits berühmte
Leute bewundern. Berühmte Leute haben in unserer säkularisierten
Gesellschaft teilweise fast den Status von griechischen
Göttern. Indessen zeigt eine genauere Betrachtung,
dass berühmte Menschen keineswegs immer glücklicher
als normale Menschen sind. Vielmehr sind sie zusätzlich
zu den Gefahren der normalen Menschen weiteren Gefahren
für ihre persönliche Sicherheit und ihr Glück
ausgesetzt.
- Macht: Wie Ruhm so gibt auch Macht das Gefühl wichtig
zu sein. Jedoch ist es nicht bei allen Menschen Voraussetzung
für das Gefühl der Macht, dass andere Menschen
davon wissen. Macht kann auch heimlich ausgeübt werden.
Entscheidend ist das Gefühl, über etwas Wichtiges
entscheiden zu können. Das Gefühl der Erfüllung
durch Macht kann unabhängig von dem ethischen Wert
der konkreten Ausübung der Macht entstehen: sowohl
der Sadist als auch der Altruist können es haben. Bei
einigen Menschen kommt Erfüllung durch Macht nur in
der Variante vor, dass nur der Einsatz der Macht für
einen positiven Zweck (um etwas Gutes zu tun) Befriedigung
mit sich bringt.
- Ethisch sinnvoll handeln: Manche Menschen ziehen ihr
Lebensglück ganz oder zum Teil daraus, dass sie "Gutes
tun". Diese Menschen fühlen sich gut und / oder
als guter Mensch, wenn sie nach ihren Maßstäben
ethisch sinnvoll handeln. Sie ziehen aus ihrem Handeln eine
Bestätigung für sich selber. Aber nicht alle Menschen,
die ihr Leben ganz oder zum Teil dem ethisch sinnvollen
Handeln widmen, gehören zu dieser Gruppe: Es gibt auch
Menschen, die einfach so, ohne weitere Hintergedanken und
spontan Gutes tun; meist nehmen sich diese Menschen nicht
so wichtig, so dass die Grenze zwischen Eigen- und Fremdinteresse
verwischt. Und natürlich gibt es Mischformen von beiden
Typen.
- Kinder bekommen und großziehen: Dieses Ziel ist
insofern interessant und attraktiv, als man nicht nur Gene,
sondern auch Werte, Ansichten und Charakterelemente an seinen
Nachwuchs weitergibt. Und dies im Regelfall über den
eigenen Tod hinaus! Zugleich ist es natürlich eine
besondere, nicht durch andere ersetzbare Erfahrung, ein
Kind zu bekommen und aufzuziehen. Kinder bereichern auch
das Sozialleben der Eltern und verhindern meist Vereinsamung
in höherem Alter. Kinder groß zu ziehen erfüllt
damit im Regelfall mehrere Zwecke, die getrennt oder zusammen
Erfüllung vermitteln können.
- Wissensmehrung: In unserer Kultur bringt es seit vielen
Jahrhunderten konkrete Vorteile, Wissen zu haben: Andere
Berufe und bessere Erwerbsmöglichkeiten stehen einem
offen; bestimmte Gefahren lassen sich durch Wissen vermeiden
oder reduzieren; teilweise bringt es auch gesellschaftliches
Ansehen. Dadurch ist die Wissensmehrung bei vielen Menschen
zum Selbstzweck geworden, wie sich bei vielen Quiz-Sendungen
auf das Groteskeste bemerken lässt. Teilweise betreiben
Menschen ihre Wissensmehrung jedoch auch aus einem existenziellen
Bedürfnis heraus: Sie wollen verstehen, "was die
Welt im innersten Zusammenhält"; oder: sie wollen
sich durch Wissen neue Erfahrungen erschließen (siehe
unten). Zwischen beiden Motivationen ist sicher keine scharfe
Trennlinie zu ziehen. Wohl aber kann man die beiden Extrempole
benennen und im konkreten Fall feststellen, ob sich ein
Mensch bei seiner Wissensmehrung von der einen oder der
anderen Motivation leiten lässt.
- Leistung (als Selbstzweck): Vielen Menschen erscheint
Leistung attraktiv. Was ist der Grund dafür? Ich vermute,
dass Gemeinschaften besser überleben können, wenn
ihre Mitglieder ihre Fähigkeiten unabhängig von
einer konkreten Bedarfssituation fortentwickeln. Denn dann
können die Mitglieder der Gemeinschaft deren Interessen
im Bedarfsfall besser verteidigen. Deshalb gibt es in fast
allen menschlichen Gemeinschaften Turniere, Wettkämpfe,
Spiele und Anreize für besondere Leistungen. Auf welche
Bereiche sich die Leistungen beziehen müssen, um prämiert
zu werden, hängt von dem Bedarf der jeweiligen Gemeinschaft
und von ihren historischen Erfahrungen ab. Prämiensysteme
beziehen sich nicht selten auf Leistungen, die nur vor langer
Zeit für die Gemeinschaft von Bedeutung waren. Jedenfalls
besteht bei vielen Menschen die Neigung, (hohe) Leistung
als solche gut zu heißen. Dabei wird typischerweise
nicht mehr gefragt, ob die Leistung überhaupt noch
gebraucht wird, ob sie noch sinnvoll ist, welche schädlichen
Nebenwirkungen die Leistung für alle Betroffenen mit
sich bringt und ob der Betreffende nicht besser etwas anderes
oder nichts geleistet hätte. So wird die Sekundärtugend
Leistung zum Selbstzweck.
- Neue oder bestimmte wiederholbare Erfahrungen machen:
Die hier gemeinten Erfahrungen können höchst unterschiedlich
sein. Für die einen Menschen ist es ein Sport, der
ihnen das gewünschte Gefühl vermittelt. Für
andere ist es eine bestimmte, Konzentration erfordernde
praktische oder geistige Tätigkeit, die sie glücklich
macht und die sie deshalb immer wieder ausüben wollen.
Für wiederum andere ist es die aktive, passive oder
wechselseitige Liebeserfahrung oder einfach nur die Sexualität.
Die Liste der Beispiele ließe sich beliebig verlängern
und könnte ein ganzes Buch füllen. Nur ein Aspekt
muss unbedingt erwähnt werden: Viele Menschen suchen
ständig nach neuen Erfahrungen. Sie erleben Erfüllung
nur dann, wenn sie etwas Neues erleben. Dadurch sind sie
fast immer auf der Jagd nach Neuem. Die Suche nach neuen
Erfahrungen kann innerhalb eines Bereiches erfolgen (z.B.
des Sports); sie kann jedoch auch dazu veranlassen, sich
in immer neue Bereiche hineinzubegeben. Dann "surfen"
sie durch die verschiedenen Welten beziehungsweise durch
die verschiedenen Ausprägungen der einen Welt und projizieren
nicht selten die Erfüllung stets aufs Neue in das gerade
aktuelle Erfahrungsziel. Manchmal reift dadurch ein tiefergehendes
Verständnis, sozusagen auf der Metaebene. Meistens
bleiben diese Menschen jedoch dem ewigen Suchen unterworfen
(vgl. erneut das Eingangszitat dieses Abschnitts von Oswald).
Oder sie verlieren alle Hoffnung, weil alle ihre Heilserwartungen
über kurz oder lang enttäuscht wurden.
- Sozialkontakte: welche Sozialkontakte als erfüllend
gelten, hängt von den jeweiligen persönlichen
oder gesellschaftlichen Auffassungen ab. Jedoch gibt es
kaum eine menschliche Gesellschaft, in der soziale Kontakte
nicht von den Individuen der Gesellschaft als erfüllend
empfunden werden.
- Gesellschaftliches Ansehen: Dies ist eigentlich kein
Ziel an sich, sondern eine Ableitung von anderen Zielen.
Denn was Ansehen bringt, hängt davon ab, welche Ziele
in einer bestimmten Gesellschaft für gut geheißen
werden. Das kann ethisches Handeln genauso wie Weisheit,
Macht oder Reichtum sein. Trotzdem macht es Sinn, diese
Kategorie getrennt aufzuführen. Denn viele Menschen
richten sich danach, was gesellschaftliches Ansehen bringt,
ohne wahrzunehmen, welche Ziele sich mittelbar dahinter
verbergen.
Wozu habe ich die möglichen Ziele aufgeführt?
Erstens belegen sie, dass es nicht ein allgemein gültiges
und allseits akzeptiertes Lebensziel gibt, sondern sehr
verschiedene. Das bewahrt uns vielleicht davor, unsere eigenen
Ziele absolut zu setzen. Zweitens zeigen die kurzen Absätze
einige Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen möglichen
Zielen auf. Drittens legt die Auflistung zweierlei nahe:
Es ist kaum möglich, in Bezug auf jedes der aufgeführten
Lebensziele gleichzeitig erfolgreich zu sein. Deshalb wird
jeder Mensch, der in einer oder mehreren Hinsichten "top"
ist, noch immer neidvoll auf andere Menschen blicken können,
die in anderer Hinsicht "top" sind oder es wenigstens
besser haben. So ist es möglich, dass gemeinhin beneidete
Menschen ihrerseits neidvoll auf andere Menschen blicken
und deswegen unzufrieden sind. Ich habe die starke Vermutung,
dass wir in unserer Kultur des ständigen Strebens diese
einfachen, aber grundlegenden Zusammenhänge nicht mehr
durchschauen. Kaum jemand scheint mit seinem Leben noch
vollkommen zufrieden und mit sich im Reinen zu sein. Fast
alle beneiden eine oder mehrere andere Personen, so dass
ein Neid-Geflecht, bestehend aus unendlichen einzelnen Neidketten
entsteht .
Was stattdessen Not täte, ist zweierlei:
- Einerseits sollten die Menschen lernen, ihr Leben soweit
möglich aktiv in ihrem persönlichen Sinne zu gestalten
- auch gegen die herrschenden Konventionen. Hier geht es
also darum, die tatsächlichen Möglichkeiten zu
nutzen. In dieser Hinsicht haben wir in unserem Kulturraum
in den letzten Jahrhunderten im historischen und geographischen
Vergleich enorme Fortschritte gemacht und ein hohes Niveau
erzielt.
- Andererseits sollten sie die unverrückbaren oder
nur begrenzt verrückbaren Grenzen ihrer Gestaltung
wieder akzeptieren lernen. Man sollte also die eigene Machtlosigkeit
und Unbedeutendheit im kosmischen Gefüge zur Kenntnis
nehmen und sich mit ihr abfinden. Mittelbar geht es auch
darum, die ständig übertriebene Wertschätzung
des "Ichs" im Verhältnis zum "unbedeutenden
Rest der Welt" abzubauen. Es läuft auf die althergebrachte
Demut hinaus. Wie schon der altertümliche Charakter
des Wortes zeigt, haben wir in unserer Kultur in den letzten
Jahrhunderten zu einem Großteil verlernt, unsere eigenen
Grenzen anzuerkennen und zu billigen. Die entsprechende
Haltung ist interessanterweise noch am ehesten in niedrigen
Bildungsschichten vorhanden, die ja umgekehrt meist nicht
sehr viele Gestaltungsmöglichkeiten haben. Die meisten
heutigen Menschen berauschen sich hingegen an dem, was sie
können, sind, machen oder auch nur träumen; bis
die Seifenblase platzt.
2. Unsere Ziele mögen mehr oder weniger sinnvoll,
wertvoll, erstrebenswert, vernünftig oder was auch
immer sein. Gemein ist allen Zielen, dass sie uns sehr gut
davon ablenken können, die Zeit und damit unser wichtigstes
Lebensgut wahrzunehmen. Wir sollten uns deshalb immer die
Frage stellen, ob ein bestimmtes Ziel uns so wichtig ist,
dass es die dafür eingesetzte Zeit wert ist; die Frage
muss umso schärfer geprüft werden, je weniger
man während der Verfolgung des Zieles die Zeit wahrnehmen
kann.
Hierzu ein Beispiel: Wenn ich ein Bild male, kann ich nebenher
noch immer die Zeit gut wahrnehmen; wenn ich hingegen konzentriert
arbeiten muss, um ein bestimmtes Ziel zu verfolgen, kann
ich dies nicht mehr. Eine Stunde konzentrierte Arbeit kostet
mich also letztlich mehr erlebte Zeit als eine Stunde zu
malen. Deshalb sollte ich kritischer hinterfragen, ob das
Ziel der Arbeit den Einsatz einer Stunde wert ist.
Sicher werden wir in vielen Fällen das Zeitopfer gerne
erbringen. Wir sollten es bloß nicht unreflektiert,
aus einem Automatismus heraus tun. Zeit und ihre Wahrnehmung
sollten wir nur für solche Ziele hergeben, die es uns
wert sind.
Wie beim Verhältnis von Zeit und Geld können
wir uns auch hinsichtlich des Verhältnisses von Zeit
und Zielen eine wirksame Test-Frage stellen: Wie würde
ich leben, wenn ich wüsste, dass ich in
- drei Tagen,
- drei Monaten,
- drei Jahren
sterben müsste? Welche Ziele würde ich dann noch
verfolgen? Würde ich in diesem Fall nicht wesentlich
mehr Aufmerksamkeit auf die Gestaltung und Wahrnehmung des
Hier und Jetzt legen? Oder wären mir dann die derzeit
von mir verfolgten Ziele noch immer so wichtig, dass ich
sie trotz der dann offenkundigen Knappheit des kostbarsten
Guts Lebenszeit noch immer verfolgen würde?
Normalerweise gehen Menschen in ihren Entscheidungen unbewusst
davon aus, dass sie unbegrenzt leben. Denn ihr Tod erscheint
ihnen in so unbestimmter Ferne, dass sie das Gefühl
unbegrenzter Lebenszeit haben. Der Sinn der Testfragen ist
es, die Begrenztheit der eigenen Lebensdauer in Erinnerung
zu rufen. Meine These ist: Erst im Bewusstsein der Begrenztheit
der eigenen Lebensdauer treten die eigentlich wichtigen
Ziele zu Tage; und die uns kulturell oder durch unsere Lebensgeschichte
aufgeprägten, aber innerlich nicht nachvollzogenen
Ziele werden in den Hintergrund gedrängt.