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  06.02.2012   
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II. Zeit und Geld

Müssen wir denn immer danach trachten, noch mehr vom Bisherigen zu erringen; können wir uns nicht zur Abwechslung einmal mit weniger begnügen? Soll denn der angesehene Bürger dem jungen Mann durch Lehre und Beispiel weiterhin eintrichtern, dass er vor seinem Tode unbedingt soundsoviele Galoschen und Regenschirme und leerstehende Gastzimmer für den Leerlauf des geselligen Verkehrs bereithalten muss?
Henry David Thoreau

Wir haben mit der Verkopplung von Zeit und Geld die Zeit maschinisiert und vertaktet. Die kosmische Perspektive aber ist zyklisch, die Natur vollzieht sich in Rhythmen. Das ist den Menschen von heute fremd. Sie können heute nicht mehr am Stand der Sonne ablesen, wie spät es ist. Ihr Gehör hat sich verändert: Die horchen nicht mehr auf, wenn eine Blaumeise pfeift, aber sie registrieren, wenn ein Markstück auf die Straße fällt. Danach dreht sich jeder um.
Karl-Heinz Geißler, Brandeins 6/2000 S. 112

Lebenszeit können die meisten Menschen in Geld umwandeln, indem sie arbeiten. Noch so große Geldmengen lassen sich jedoch nur im Rahmen der medizinischen Möglichkeiten in Zeit umwandeln. Trotzdem verwenden selbst die Menschen, die eigentlich gut von ihrem Vermögen leben könnten, ihre Zeit für Erwerbstätigkeit oder Vermögensvermehrung. Spricht man sie darauf an, hört man nicht selten Sätze wie: "Es ist ja noch nicht genug, was ich besitze!" [7]. Meine These ist: Bei den meisten Menschen wird es nie genug sein. Der Grund dafür ist:

- Sie haben Angst vor dem Tod, verdrängen ihn, können sich daher der Endlichkeit ihres Lebens nicht bewusst sein; damit rücken materielle Interessen in den Vordergrund.

- Sie haben nicht realisiert, dass sich ihr durch Einsatz von Lebenszeit aufgebautes Vermögen nur sehr begrenzt in Lebenszeit zurückverwandeln lässt.

- Sie sind übertrieben ängstlich und meinen, sich mit ihrem Vermögen gegen alle Gefahren wappnen zu können; das ist bekanntlich nicht möglich.

- Sie haben Angst vor der Sinnleere, die entstehen würde, wenn sie an die Sinnhaltigkeit der Geld- und Vermögensvermehrung nicht mehr glauben könnten.

Kurz: Es gibt viele Gründe dafür, warum Menschen nicht davon ablassen, über ihren eigentlichen Bedarf hinaus Vermögen anzuhäufen und Geld zu verdienen.

Kann dies vernünftig sein? Unter Umständen schon; nämlich dann, wenn mit der Anhäufung mittelbar ein Sinn stiftendes Ziel verfolgt werden soll. Man wird es schlecht kritisieren können, wenn Menschen z. B. zum Aufbau einer wohltätigen Stiftung Geld anhäufen: Ihr Leben gewinnt dadurch einen über sie hinaus gehenden Sinn, der ihnen Erfüllung verspricht und sie glücklich macht. Leider ist diese Art der Geldanhäufung zur Verfolgung eines weitergehenden, nicht-materiellen Zwecks jedoch die absolute Ausnahme. Die Regel ist hingegen die unüberlegte, nicht hinterfragte Geldvermehrung als Selbstzweck. Bei dieser wird das kostbarste Gut unseres Lebens, die Lebenszeit, gegen ein weit weniger wertvolles eingetauscht.

In vielen Religionen und Kulturen wird vor einem übermäßigen Vermögenserwerb gewarnt. Manchmal werden sogar feste Regeln aufgestellt, die den Vermögenserwerb und das dadurch entstandene Reichtumsgefälle begrenzen sollen. Das hat meines Erachtens nicht nur eine soziale Funktion; vielmehr soll auch verhindert werden, dass Vermögensvermehrung zum Selbstzweck wird. Durch die Umverteilung wird der Blick frei für das, was im Leben eigentlich wichtig ist: die Art und Weise, wie wir unser Leben führen und gestalten.

Leben Sie. Wir kümmern uns um die Details.
HypoVereinsbank-Werbekampagne aus dem Jahr 2000

Sicher ist es in der Praxis schwierig, den für die Sicherung des Lebensunterhalts notwendigen Gelderwerb von dem eben genannten, unsinnigen Gelderwerb abzugrenzen. Manchmal mag es helfen, sich vor Augen zu führen, dass z. B. Angehörige der Mittelschicht im westlichen Europa sowieso zu den reichsten 2 % der Weltbevölkerung gehören. Aber diese Erkenntnis gibt uns nur eine begrenzte individuelle Richtschnur für die Beurteilung von Lebens- und Handlungsalternativen. Um auf dieser Ebene weiter zu kommen, sollte man sich zwei Fragen stellen:

- Was würde ich tun, wenn ich finanziell sorgenfrei leben könnte? Welche Lebensziele hätte ich dann? Wie würde ich meine Zeit dann verwenden?

- Kann ich nicht teilweise schon jetzt, wo ich meinen Lebensunterhalt sichern muss, diese Lebensziele verfolgen und die Zeit so verwenden, wie ich es täte, wenn ich keiner Erwerbstätigkeit nachgehen müsste?

Lassen Sie sich für die Beantwortung dieser Fragen einige Tage und Wochen Zeit! Denken Sie einfach von Zeit zu Zeit an diese Fragen und suchen Sie für Sie gültige Antworten darauf! Und vielleicht stoßen Sie so auf das, was Ihnen eigentlich in Ihrem Leben wichtig ist, z. B. weil es Ihnen Sinn gibt.

 


[7] Vgl. z.B.: Von Lojewski, jetzt Nr. 17 2000 v. 25.4.2000 S. 29: "Wir denken zu wenig über die Chancen nach, die der Einzelne hätte, dieses Leben als ein Abenteuer zu begreifen. Wir aber tun alles, um dieses Leben miserabel zu gestalten. Ich habe mal im amerikanischen Fernsehen ein Interview gesehen. Mit einem Mann, der gerade die Fluggesellschaft TWA übernommen hatte. Der hatte zwei Milliarden Dollar Privatvermögen. Die Reporterin fragte den Mann: "Zwei Milliarden Dollar. Was wollen Sie damit machen?" Und der Mann guckte verschüchtert und sagte: "Die dritte Milliarde." Das muss man sich mal vorstellen: die dritte Milliarde. Was hat er denn davon?"

 

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Aktualisiert am: 16.07.2008
 
         
 

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