II. Zeit und Geld
Müssen wir denn immer danach trachten,
noch mehr vom Bisherigen zu erringen; können wir uns
nicht zur Abwechslung einmal mit weniger begnügen?
Soll denn der angesehene Bürger dem jungen Mann durch
Lehre und Beispiel weiterhin eintrichtern, dass er vor seinem
Tode unbedingt soundsoviele Galoschen und Regenschirme und
leerstehende Gastzimmer für den Leerlauf des geselligen
Verkehrs bereithalten muss?
Henry David Thoreau
Wir haben mit der Verkopplung von Zeit
und Geld die Zeit maschinisiert und vertaktet. Die kosmische
Perspektive aber ist zyklisch, die Natur vollzieht sich
in Rhythmen. Das ist den Menschen von heute fremd. Sie können
heute nicht mehr am Stand der Sonne ablesen, wie spät
es ist. Ihr Gehör hat sich verändert: Die horchen
nicht mehr auf, wenn eine Blaumeise pfeift, aber sie registrieren,
wenn ein Markstück auf die Straße fällt.
Danach dreht sich jeder um.
Karl-Heinz Geißler, Brandeins
6/2000 S. 112
Lebenszeit können die meisten Menschen in Geld umwandeln,
indem sie arbeiten. Noch so große Geldmengen lassen
sich jedoch nur im Rahmen der medizinischen Möglichkeiten
in Zeit umwandeln. Trotzdem verwenden selbst die Menschen,
die eigentlich gut von ihrem Vermögen leben könnten,
ihre Zeit für Erwerbstätigkeit oder Vermögensvermehrung.
Spricht man sie darauf an, hört man nicht selten Sätze
wie: "Es ist ja noch nicht genug, was ich besitze!"
.
Meine These ist: Bei den meisten Menschen wird es nie genug
sein. Der Grund dafür ist:
- Sie haben Angst vor dem Tod, verdrängen ihn, können
sich daher der Endlichkeit ihres Lebens nicht bewusst sein;
damit rücken materielle Interessen in den Vordergrund.
- Sie haben nicht realisiert, dass sich ihr durch Einsatz
von Lebenszeit aufgebautes Vermögen nur sehr begrenzt
in Lebenszeit zurückverwandeln lässt.
- Sie sind übertrieben ängstlich und meinen,
sich mit ihrem Vermögen gegen alle Gefahren wappnen
zu können; das ist bekanntlich nicht möglich.
- Sie haben Angst vor der Sinnleere, die entstehen würde,
wenn sie an die Sinnhaltigkeit der Geld- und Vermögensvermehrung
nicht mehr glauben könnten.
Kurz: Es gibt viele Gründe dafür, warum Menschen
nicht davon ablassen, über ihren eigentlichen Bedarf
hinaus Vermögen anzuhäufen und Geld zu verdienen.
Kann dies vernünftig sein? Unter Umständen schon;
nämlich dann, wenn mit der Anhäufung mittelbar
ein Sinn stiftendes Ziel verfolgt werden soll. Man wird
es schlecht kritisieren können, wenn Menschen z. B.
zum Aufbau einer wohltätigen Stiftung Geld anhäufen:
Ihr Leben gewinnt dadurch einen über sie hinaus gehenden
Sinn, der ihnen Erfüllung verspricht und sie glücklich
macht. Leider ist diese Art der Geldanhäufung zur Verfolgung
eines weitergehenden, nicht-materiellen Zwecks jedoch die
absolute Ausnahme. Die Regel ist hingegen die unüberlegte,
nicht hinterfragte Geldvermehrung als Selbstzweck. Bei dieser
wird das kostbarste Gut unseres Lebens, die Lebenszeit,
gegen ein weit weniger wertvolles eingetauscht.
In vielen Religionen und Kulturen wird vor einem übermäßigen
Vermögenserwerb gewarnt. Manchmal werden sogar feste
Regeln aufgestellt, die den Vermögenserwerb und das
dadurch entstandene Reichtumsgefälle begrenzen sollen.
Das hat meines Erachtens nicht nur eine soziale Funktion;
vielmehr soll auch verhindert werden, dass Vermögensvermehrung
zum Selbstzweck wird. Durch die Umverteilung wird der Blick
frei für das, was im Leben eigentlich wichtig ist:
die Art und Weise, wie wir unser Leben führen und gestalten.
Leben Sie. Wir kümmern uns um die
Details.
HypoVereinsbank-Werbekampagne aus
dem Jahr 2000
Sicher ist es in der Praxis schwierig, den für die
Sicherung des Lebensunterhalts notwendigen Gelderwerb von
dem eben genannten, unsinnigen Gelderwerb abzugrenzen. Manchmal
mag es helfen, sich vor Augen zu führen, dass z. B.
Angehörige der Mittelschicht im westlichen Europa sowieso
zu den reichsten 2 % der Weltbevölkerung gehören.
Aber diese Erkenntnis gibt uns nur eine begrenzte individuelle
Richtschnur für die Beurteilung von Lebens- und Handlungsalternativen.
Um auf dieser Ebene weiter zu kommen, sollte man sich zwei
Fragen stellen:
- Was würde ich tun, wenn ich finanziell sorgenfrei
leben könnte? Welche Lebensziele hätte ich dann?
Wie würde ich meine Zeit dann verwenden?
- Kann ich nicht teilweise schon jetzt, wo ich meinen Lebensunterhalt
sichern muss, diese Lebensziele verfolgen und die Zeit so
verwenden, wie ich es täte, wenn ich keiner Erwerbstätigkeit
nachgehen müsste?
Lassen Sie sich für die Beantwortung dieser Fragen
einige Tage und Wochen Zeit! Denken Sie einfach von Zeit
zu Zeit an diese Fragen und suchen Sie für Sie gültige
Antworten darauf! Und vielleicht stoßen Sie so auf
das, was Ihnen eigentlich in Ihrem Leben wichtig ist, z.
B. weil es Ihnen Sinn gibt.