I. Zeit und Tod
Ich habe für nichts gelebt, und ich
nehme nichts mit. Ich gebe alles an der Garderobe ab.
Eugène Ionesco
Ich bin in den Wald gegangen, weil mir
daran lag, mit Bedacht zu leben, es nur mit den Grundtatsachen
des Daseins zu tun zu haben und zu sehen, ob ich nicht lernen
könne, was es zu lernen gibt, damit mir in der Stunde
des Todes die Entdeckung erspart bleibe, nicht gelebt zu
haben.
Henry David Thoreau
Alle Menschen sind sterblich. So banal diese Aussage auf
den ersten Blick scheint und vielleicht auch ist, so sehr
besteht doch Anlass, sie zu wiederholen. Denn die allermeisten
Menschen haben in ihrem Alltag kein Bewusstsein davon, dass
sie sterblich sind.
Dass die meisten Menschen den Tod derart verdrängen
oder verdrängt haben, ist vielleicht auch nicht so
schlimm. Bloß: weil wir den Tod verdrängen, leben
wir eben in der irrigen Annahme, unbegrenzt Zeit zu haben.
Und genau dies haben wir nicht.
Zugleich wollen wir jedoch, sofern wir nicht lebensmüde
sind, möglichst viel und somit lange leben. Dies schlägt
sich unter anderem in amerikanischen Meinungsumfragen nieder,
in denen "Langlebigkeit" von den meisten Befragten
als höchstes Ziel bezeichnet wird. Besonders deutlich
wird diese Wertung natürlich dann, wenn unser Leben
akut gefährdet ist. Dann setzen wir alles daran, die
Gefahr zu beseitigen und so unser Leben zu verlängern.
Alle sonstigen Werte und Ziele, insbesondere das Ziel des
Reichtums, verlieren dann an Bedeutung. Gerne opfern wir
die mühsam angehäuften Ersparnisse für eine
Lebensverlängerung. Und vielleicht dämmert uns
auch: Wir verwenden in unserer Kultur ungleich mehr Lebenszeit
darauf, Ersparnisse anzuhäufen, als wir durch die Auflösung
der Ersparnisse an Lebenszeit gewinnen können. Deshalb
ist unsere Lebensführung im Kern fragwürdig.