I. Warum dieses Buch?
"Wir haben nicht gemessen an der
Zahl der Jahre gelebt, die wir auf der Erde verbringen,
sondern in dem Ausmaß, in dem wir diese genossen
haben."
Henry David Thoreau
Das Thema Zeit hat seit den neunziger Jahren des 20.
Jahrhunderts viel Interesse gefunden. Immer mehr Menschen
beschleicht seitdem das Gefühl, dass sie aufgrund
der fortwährenden Beschleunigung unseres Alltagslebens
über ihre Lebenszeit nicht so verfügen können,
wie sie es eigentlich wünschen [1].
Viele Bücher erscheinen zu der Frage, wie man Zeit
sinnvoller einteilen und verwenden kann. Sie sollen bewirken,
dass wir trotz des sich in unserer Kultur beschleunigenden
Lebens
noch Zeit für uns selbst finden. Die meisten dieser
Bücher sind Zeit-Management-Ratgeber. Sie helfen,
durch bessere Planung Zeitabschnitte für das frei
zu halten, was uns eigentlich wichtig ist. Das ist eine
gute Sache, auch wenn uns John Steinbeck schon warnte:
„Man verliert die meiste Zeit damit, dass man Zeit
gewinnen will.“
Es muss jedoch bezweifelt werden, dass durch bewusste
Planung freigehaltene Zeitabschnitte ausreichen, uns die
durch Beschleunigung unseres Lebens verloren gegangene
Zeit zurückzugeben .
Zu massiv sind die stetig wachsenden Anforderungen, die
vor allem das berufliche Umfeld, daneben aber auch der
in immer breiteren Kreisen gehegte und sogar von der Werbeindustrie
gepflegte Anspruch der Selbstverwirklichung an uns stellen.
Die vorherrschende Kultur suggeriert uns, dass zu einem
vollwertigen Leben ein komfortables Auto, ein Eigenheim,
Urlaube in exotischen Ländern, und je nach Bildungsschicht
auch die Teilnahme an gesellschaftlichen oder künstlerischen
Ereignissen gehört. Wenn wir einen Partner oder Kinder
haben, sehen wir uns weiteren - legitimen - Ansprüchen
ausgesetzt. Nur leider führt die Kombination von
all diesen Ansprüchen zu einem erheblichem Maß
an Überforderung. So rennen wir durch die Stunden,
Tage, Wochen und Monate und nehmen unsere Lebenszeit nicht
mehr wahr. Und wir wundern uns, wenn wieder ein Jahr vergangen
ist.
Ist dies unvermeidlich? Nun, manche Menschen schaffen
es auszusteigen. Sie ziehen z. B. aufs Land oder verlegen
ihr Leben in eine Gegend der Welt, in dem der Rhythmus
noch langsamer ist .
Andere reisen ohne Zeitplanung durch die Welt. Wieder
andere verzichten bewusst auf berufliches Fortkommen,
"um ihre Ruhe zu haben". Meine Vermutung ist,
dass die Zahl dieser Menschen beständig wächst.
Ein neues Leitbild schickt sich an, das bisher herrschende
Leitbild des erfolgreichen, auf Selbstverwirklichung durch
Konsum, das Verfolgen von Zielen oder ausgeübte Tätigkeiten
bedachten westlichen Menschen in Frage zu stellen .
Allerdings ist noch nicht klar, ob dieses neue Leitbild
das bisher herrschende wirklich ablösen wird. Darauf
kommt es uns jedoch nicht an. Entscheidend ist vielmehr:
Wir sind nicht allein auf der Suche nach der verlorenen
Zeit und haben gute Gründe für diese Suche!
Bevor wir etwas genauer auf die Gründe eingehen,
hier eine kurze Erläuterung des Ansatzes dieses Buches:
Es hat nicht zum Ziel, durch Zeit-Management Freiräume
zu schaffen. Es geht vielmehr einerseits auf die verschiedenen
Möglichkeiten ein, durch eine den eigenen Werten
entsprechende Lebensgestaltung mehr Zeit wahrzunehmen.
Andererseits soll das Buch auch Möglichkeiten aufzeigen,
ohne Änderung des äußeren Lebens durch
ein mentales Training mehr von unserer Lebenszeit wahrzunehmen.
Wir werden also zwei nebeneinander stehende Instrumente
kennen lernen, durch die (mehr) Zeit intensiv wahrgenommen
werden kann. Unser wichtigstes Gut, unsere Lebenszeit,
kann so eine deutlich größere und damit angemessene
Rolle einnehmen.
Mentales Training als Weg zu einer intensiveren Zeitwahrnehmung?
Hier werden Sie vielleicht stutzen. Doch vergessen Sie
nicht: Wir haben schon viele Möglichkeiten des mentalen
Trainings kennengelernt. In jeder Bahnhofsbuchhandlung
finden Sie viele Bücher zu diesem Thema, und in größeren
Buchkaufhäusern oder spezialisierten kleineren Läden
sind es gleich Tausende. Alles Mögliche kann durch
eine veränderte geistige Haltung verbessert werden:
das Gedächtnis, das Glücksempfinden, das Partnerschafts-
oder Familienleben, der berufliche Erfolg. Auch die Zeitwahrnehmung
kann dadurch intensiviert werden.
Durch das in diesem Buch im zweiten und dritten Kapitel
beschriebene mentale Training ist es möglich, die
subjektiv empfundene Zeit zwar nicht beliebig, aber doch
extrem zu strecken. Ein Tag dauert dann länger, als
ein Zeitraum von drei Tagen oder sogar einer Woche normalerweise.
Durch die Intensivierung der Zeitwahrnehmung verliert
das Leben nicht etwa an Qualität. Vielmehr strahlt
die intensivere Zeitwahrnehmung auch auf die übrige
Wahrnehmungswelt aus. Auch diese wird intensiver und das
Leben damit reicher.