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  06.02.2012   
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I. Warum dieses Buch?

"Wir haben nicht gemessen an der Zahl der Jahre gelebt, die wir auf der Erde verbringen, sondern in dem Ausmaß, in dem wir diese genossen haben."
Henry David Thoreau

Das Thema Zeit hat seit den neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts viel Interesse gefunden. Immer mehr Menschen beschleicht seitdem das Gefühl, dass sie aufgrund der fortwährenden Beschleunigung unseres Alltagslebens über ihre Lebenszeit nicht so verfügen können, wie sie es eigentlich wünschen [1]. Viele Bücher erscheinen zu der Frage, wie man Zeit sinnvoller einteilen und verwenden kann. Sie sollen bewirken, dass wir trotz des sich in unserer Kultur beschleunigenden Lebens [2] noch Zeit für uns selbst finden. Die meisten dieser Bücher sind Zeit-Management-Ratgeber. Sie helfen, durch bessere Planung Zeitabschnitte für das frei zu halten, was uns eigentlich wichtig ist. Das ist eine gute Sache, auch wenn uns John Steinbeck schon warnte: „Man verliert die meiste Zeit damit, dass man Zeit gewinnen will.“

Es muss jedoch bezweifelt werden, dass durch bewusste Planung freigehaltene Zeitabschnitte ausreichen, uns die durch Beschleunigung unseres Lebens verloren gegangene Zeit zurückzugeben [3]. Zu massiv sind die stetig wachsenden Anforderungen, die vor allem das berufliche Umfeld, daneben aber auch der in immer breiteren Kreisen gehegte und sogar von der Werbeindustrie gepflegte Anspruch der Selbstverwirklichung an uns stellen. Die vorherrschende Kultur suggeriert uns, dass zu einem vollwertigen Leben ein komfortables Auto, ein Eigenheim, Urlaube in exotischen Ländern, und je nach Bildungsschicht auch die Teilnahme an gesellschaftlichen oder künstlerischen Ereignissen gehört. Wenn wir einen Partner oder Kinder haben, sehen wir uns weiteren - legitimen - Ansprüchen ausgesetzt. Nur leider führt die Kombination von all diesen Ansprüchen zu einem erheblichem Maß an Überforderung. So rennen wir durch die Stunden, Tage, Wochen und Monate und nehmen unsere Lebenszeit nicht mehr wahr. Und wir wundern uns, wenn wieder ein Jahr vergangen ist.

Ist dies unvermeidlich? Nun, manche Menschen schaffen es auszusteigen. Sie ziehen z. B. aufs Land oder verlegen ihr Leben in eine Gegend der Welt, in dem der Rhythmus noch langsamer ist [4]. Andere reisen ohne Zeitplanung durch die Welt. Wieder andere verzichten bewusst auf berufliches Fortkommen, "um ihre Ruhe zu haben". Meine Vermutung ist, dass die Zahl dieser Menschen beständig wächst. Ein neues Leitbild schickt sich an, das bisher herrschende Leitbild des erfolgreichen, auf Selbstverwirklichung durch Konsum, das Verfolgen von Zielen oder ausgeübte Tätigkeiten bedachten westlichen Menschen in Frage zu stellen [5]. Allerdings ist noch nicht klar, ob dieses neue Leitbild das bisher herrschende wirklich ablösen wird. Darauf kommt es uns jedoch nicht an. Entscheidend ist vielmehr: Wir sind nicht allein auf der Suche nach der verlorenen Zeit und haben gute Gründe für diese Suche!

Bevor wir etwas genauer auf die Gründe eingehen, hier eine kurze Erläuterung des Ansatzes dieses Buches: Es hat nicht zum Ziel, durch Zeit-Management Freiräume zu schaffen. Es geht vielmehr einerseits auf die verschiedenen Möglichkeiten ein, durch eine den eigenen Werten entsprechende Lebensgestaltung mehr Zeit wahrzunehmen. Andererseits soll das Buch auch Möglichkeiten aufzeigen, ohne Änderung des äußeren Lebens durch ein mentales Training mehr von unserer Lebenszeit wahrzunehmen. Wir werden also zwei nebeneinander stehende Instrumente kennen lernen, durch die (mehr) Zeit intensiv wahrgenommen werden kann. Unser wichtigstes Gut, unsere Lebenszeit, kann so eine deutlich größere und damit angemessene Rolle einnehmen.

Mentales Training als Weg zu einer intensiveren Zeitwahrnehmung? Hier werden Sie vielleicht stutzen. Doch vergessen Sie nicht: Wir haben schon viele Möglichkeiten des mentalen Trainings kennengelernt. In jeder Bahnhofsbuchhandlung finden Sie viele Bücher zu diesem Thema, und in größeren Buchkaufhäusern oder spezialisierten kleineren Läden sind es gleich Tausende. Alles Mögliche kann durch eine veränderte geistige Haltung verbessert werden: das Gedächtnis, das Glücksempfinden, das Partnerschafts- oder Familienleben, der berufliche Erfolg. Auch die Zeitwahrnehmung kann dadurch intensiviert werden.

Durch das in diesem Buch im zweiten und dritten Kapitel beschriebene mentale Training ist es möglich, die subjektiv empfundene Zeit zwar nicht beliebig, aber doch extrem zu strecken. Ein Tag dauert dann länger, als ein Zeitraum von drei Tagen oder sogar einer Woche normalerweise. Durch die Intensivierung der Zeitwahrnehmung verliert das Leben nicht etwa an Qualität. Vielmehr strahlt die intensivere Zeitwahrnehmung auch auf die übrige Wahrnehmungswelt aus. Auch diese wird intensiver und das Leben damit reicher.

 


[1] Siehe hierzu die lesenswerte Analyse von Lothar Baier "Keine Zeit", Verlag Antje Kunstmann, München 2000, ISBN 3-88897-249-3.

[2] Die Geschichte dieser Beschleunigung und vor allem die entscheidenden Schübe seit der Industrialisierung werden treffend skizziert von Hartmut Kasten, Wie die Zeit vergeht - Zeitbewusstsein in Alltag und Lebenslauf, Primus Verlag, Darmstadt 2001, ISBN 3-89678-403-X, S. 127ff.

[3] So auch Lothar Baier, aaO.

[4] S. dazu Kasten, aaO S. 134ff und 179f.

[5] Vgl. z.B. Neue Bilder vom guten Leben von Ulrich Grober in taz v. 9./10.3.2002.
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Aktualisiert am: 16.07.2008
 
         
 

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