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Ich wird Ichlosigkeit
Schauen wir uns zunächst diese beiden, zusammenhängenden Elemente und ihre Verwandlung etwas genauer an. Die Ichlosigkeit ist zunächst nur negativ dadurch gekennzeichnet, dass ein feststehendes Ich verneint wird. Das mag Ihnen zunächst als unbefriedigend wenig erscheinen. Es ist aber schon der Stein des Weisen: Welche Sorge hat noch Bestand, wenn es ehedem kein feststehendes Ich gibt? Die befreiende Kraft der Ichlosigkeit ist also enorm.
Tritt etwas anderes an die Stelle des Ichs? Die Befreiungslehren im weiteren Sinne (also Yoga, Taosimus, Buddhismus, Sufismus, christliche Mystik, Kabbalah) verwenden zur Annäherung verschiedene Beschreibungen, die sie allesamt natürlich nur für mangelhaft halten. Vereinfachend lassen sich drei Pole dieser Beschreibungen ausmachen. Der eine Pol kreist um den Begriff der Leere. Der andere um den Begriff des Alles, der Vollständigkeit, der Gesamtheit. Manchmal werden die Begriffspole kombiniert. Z.B. kann man in meditativen Zuständen eine Leerheit erfahren, die die Gesamtheit aller Dinge in sich einschließt. Der dritte Begriffspol, nämlich “Gott” bzw. “göttlicher Zustand” überlagert das Alles, die Gesamtheit oder manchmal auch die Leere. “Gott” ist nach diesen Vorstellungen aber in jedem Menschen und somit keine nach außen projizierte Einheit, sondern eine innere Erfahrung.
Das Hinterhältige ist, dass alle Befreiungslehren im weiteren Sinne (also Yoga, Taoismus, Buddhismus, Sufismus, christliche Mystik, Kabbalah, oder auch Psychoanalyse nach Jung oder Assaglioli, Gestalttherapie) diese Komponenten leicht unterschiedlich mixen. Daneben werden in allen Richtungen noch andere Begriffe für diesen Zustand der Ichlosigkeit verwendet (wie zum Beispiel das auf als Steuerungsinstanz arbeitende “Selbst” bei Jung oder das “höhere Selbst” in einem Teil des Esoterikspektrums. Beide haben nur wenig mit dem "Selbst" des umgangssprachlich verwendeten Wortes "Selbstverwirklichung" zu tun. Es geht nämlich nicht um die Verwirklichung irgendwelcher einmaligen persönlichen Gegebenheiten: das "Selbst" ist in jedem Menschen grundsätzlich gleich. Es äußert sich freilich nach verschiedenen Mustern.
Selbstredend ist diese Darstellung etwas vereinfachend. Die begriffliche Annäherung stößt schnell an ihre Grenzen – und kein Versuch einer Annäherung gleicht dem anderen. Eine ausgesprochen einfühlsame und vielschichtige Beschreibung dieses Zielzustands finden Sie auf Seite 102ff des schwer verdaulichen Klassikers “Yoga” von Mircea Eliade. Natürlich finden sich auch hier die drei genannten Schlüsselbegriffe. Eliade verwebt folgende Merkmale:
- totale Leere ohne sinnlich erfassbaren Gehalt und ohne intellektuelle Struktur,
- das Aufheben des (normalen) Bewusstseins und Auflösung der gewöhnlichen Beziehung zur Welt,
- Zeitlosigkeit im Sinne eines Verweilens im ewig gleichen Jetzt,
- “Erkenntnis” fällt mit dem Erkannten zusammen und wird zur faktischen “Aneignung” der eigenen Existenz,
- und darüber hinaus “des ganzen Seins”.
In dieser Darstellung Eliade's spiegelt sich wieder, dass die Ichlosigkeit eigentlich eine Art Zone ist. Sie hat Verbindungen vor allem zur Welt hinter der Welt und zu dem gewöhnlichen Ich und - über die Gleichsetzung des Ichs mit der ganzen restlichen Welt - auch zum Mitgefühl mit anderen. Vielleicht kann Ihnen der Begriff der Zone auch verdeutlichen, dass man sich an leicht unterschiedlichen Orten in der Zone aufhalten kann. Und sich vielleicht auch nie hundertprozentig an demselben Ort wie andere Menschen aufhält. Weswegen die Beschreibungen des Erlebten zwangsläufig etwas von einander abweichen müssen. Dabei stimmen die Beschreibungen darin überein, dass der "Aufenthalt" in der Zone glücklich macht und Freude sowie Gefühle von Leichtigkeit und Gelöstheit hervorruft. Dieser Zusammenhang wird übrigens gerade naturwissenschaftlich erforscht.
Welche Methoden werden von den Schulen angewandt, um das Ich zur Ichlosigkeit zu transformieren? Einerseits wird das Ich intellektuell auseinander genommen. Andererseits setzen die Schulen körperliche Übungen, Meditation und teilweise auch Extremsituationen ein, die nicht selten der Auseinandersetzung mit Sterblichkeit dienen sollen. Nicht selten wird eine extatische Erfahrung als Ausgangspunkt genommen. Diese kann Teil eines Einweihungsrituals sein. Das Spektrum der Methoden ist sehr breit, lässt sich jedoch auf einige wenige Wirkungsprinzipien zurückführen. Vor allem aber wird die Transformation des Ichs zur Ichlosigkeit zu verschiedenen Zeitpunkten in der Ausbildung angegangen. Bei einigen Schulen steht es am Anfang, bei anderen ist die Transformation eines oder mehrerer Eckpunkte vorgeschaltet. Beispiele finden sich am Ende dieses Kapitels.
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