Schellenbaums Lebendigkeit
Peter Schellenbaum, Abschied von der Selbstzerstörung – Befreiung der Lebensenergie, dtb München 2004, ISBN 3-7831-0854-3, 223 S.
Schellenbaums Titel ist ambivalent: in seinem ersten Teil geht es um Therapie, in seinem zweiten um ein positives Leitbild. Beide Teile gehören natürlich zusammen. Trotzdem soll es – entsprechend unserer Konzeption – hier nur um das positive Leitbild gehen.
Schon in den “diagnostischen” ersten zwei Dritteln des Buches lässt der Autor sein Leitbild durchblicken: Es geht darum,
Es gibt eine schöne Passage im letzten Drittel des Buches, die dieses Anliegen zusammenfasst: “Tiefgreifende Veränderungen der Persönlichkeit geschehen nur in der Hingabe an einen Menschen oder ein Werk. In der ungeteilten Hingabe werden Sie selbst zu einem einheitlichen Menschen. Die Erfahrung der Ganzheit ist immer eine dynamische Erfahrung der Bewegung. Sich ganz einer Tätigkeit hinzugeben, sei diese geistig oder körperlich, heißt, zu einer einzigen strömenden Bewegung zu werden. Das Selbst befindet sich immer am Punkt der intensivsten Hingabe. Dabei verschwindet die Subjekt-Objekt-Spaltung auf natürlichem Wege: Sie sind, was Sie gerade tun. Sie sind die Bewegung, durch die Sie gleichzeitig sich und ein Stückchen Welt verändern.” (149f)
Der Autor befürwortet den Übergang von der Psychoanalyse zur Psychoenergetik. Der Übergang vom “pragmatischen” zum “energetischen” Menschen löst festgefahrene Situationen (149). Die Psychoenergetik geht nicht wie die Bioenergetik von Muskelverspannungen aus und schließt auf emotionale Hemmungen; vielmehr sucht sie “nach dem passenden sprachlichen Ausdruck für eine bisher sprachlose Emotion” (115). Mit der Benennung löse sich “eine körperlich deutlich spürbare innere Bewegung aus”.
Das Buch ist anschaulich und lebendig geschrieben, da es viele konkrete Beispiele und auch Bezüge zu geistigen Strömungen enthält. Es eignet sich daher sehr gut als Einstieg in eine innere Ausbildung. Auch kann man mithilfe dieses Buches ganz gut überprüfen, ob nicht zunächst ein therapeutischer Ansatz angezeigt ist.
Schellenbaums Leitbild ist zwischen dem Richard Perls’ (dem Erfinder der Gestalttherapie) und dem C.G. Jungs anzusiedeln, wobei einzelne Elemente des Religionsphilosophen Martin Buber integriert werden. Es geht Schellenbaum letztlich sehr stark um emotionale Authentizität und Dynamik, also Lebendigkeit. Er gibt dem Ausdruck innerer Empfindung Vorrang vor einem direkten Ansteuern von Ganzheit und letztlich innerer Befreiung, auch wenn das letztendliche Ziel sich nicht sehr stark von dem Jungs und des Buddhismus unterscheiden dürfte. Anders ausgedrückt: der Lebendigkeit nachzugehen wird als Weg anempfohlen. Deshalb ist das Buch vor allem für Menschen gut, die nicht auf das Leitbild der Authentizität und innerer Dynamik verzichten wollen oder dies noch nicht können oder - was natürlich legitim ist - weiter gehende Leitbilder ablehnen. Authentizität und innere Dynamik führen aber sicher nicht in jedem Fall automatisch zu einem umfassenderen Bewusstsein. Deshalb sollten Schellenbaums Leser nach einiger Zeit überprüfen, wie weit sie gekommen sind und ob nicht letztlich umfassendere Ausbildungssysteme eine Alternative geworden sind.
Aktualisiert am: 16.07.2008 |