Lebenskünstlerin Cameron

Julia Cameron, Der Weg des Künstlers, Knaur, München, 3-42686102-X

Julia Camerons Buch hat ein Ziel: die Freilegung der eigenen Kreativität und damit die Entfaltung der angelegten Persönlichkeit – übrigens nicht nur von Künstlern im engeren Sinne. Es hat nicht das Ziel der Befreiung (von Leiden und Ich-Anhaftung), wie etwa der Buddhismus, Yoga oder mystische Lehren. Aus der Sicht dieser Lehren führt Camerons Weg nur dazu, dass eine gute Ausgangsbasis geschaffen wird. Aus der Sicht westlicher Individualitätskultur hingegen erscheint das Buch zunächst genial: Es zeigt den Weg zur Selbstverwirklichung im besten Sinne des Wortes. Es geht darum, “unsere eigene Identität zu entdecken” (41). Das ist ein klangvolles Leitbild mit einem Jahrhunderte zurück reichenden Resonanzkörper. Und es wird von Cameron entschieden verfolgt.

Was muss geschehen, damit die eigene Identität zum Vorschein kommt und Kreativität freigesetzt wird? Unter anderem vermittels konsequenter Selbstbeobachtung müssen:

Soweit so gut, aber worin unterscheidet sich dieses Programm von anderen Selbstfindungsratgebern? Cameron entwickelt ein hartes und umfassendes Arbeitsprogramm, um diese Ziele zu erreichen. Sie vermittelt unter anderem folgende Techniken:

  1. Anstelle von Meditation im üblichen Sinne ein allmorgendliches Protokoll der eigenen Gedanken und Träume, denn: “All dies wütende, weinerliche, kleinliche Zeug, das Sie in den Morgenseiten aufschreiben, steht zwischen Ihnen und Ihrer Kreativität.”
  2. Regelmäßige “Treffen mit dem inneren Künstler” bzw. dem inneren Kind.
  3. Wünsche regelmäßig an der Realität zu messen.
  4. Auftauchende Gefühle ernst zu nehmen.
  5. Sich Gefahren auf dem Weg bewusst zu werden.

Camerons durch viele Beispiele griffige Programm ist pädagogisch optimal aufbereitet; dies einerseits durch die Struktur und andererseits durch Überprüfungen, “Check-ins”. Leider nur sind die für das Programm veranschlagten 12 Wochen eher eine Geburt des Marketing-Denkens von Verlagen als denn eine realistische Einschätzung für die Dauer des Prozesses, um den es geht: schon wer in weniger als 12 Monaten Camerons Programm komplett verinnerlicht hat, hat sich sehr schnell entwickelt.

Allerdings rutscht die Schriftstellerin Cameron ab Seite 121 überraschend in ein Weltbild ab, welches über die westliche Individualitätskultur hinaus geht: Sie verweist (wie C.G. Jung) auf das Phänomen der Synchronizität, um die Existenz eines Schöpfer-Gotts und eines intelligenten Universums zu postulieren. Davon sollte sich jedoch niemand abschrecken lassen: Camerons Methoden sind von dem Weltbild unabhängig. Man sollte diese Passagen eher als mögliche Anknüpfungspunkte für bestimmte Leser als denn als Hindernis auffassen.

Fazit:
Wenn Sie mit Meditation im üblichen Sinne nichts zu tun haben wollen,
oder wenn Sie noch nicht wissen, in welche Richtung Ihr Weg langfristig gehen soll,
oder wenn Sie ohne weitere Präzisierung an das westliche Ideal der Persönlichkeitsentwicklung glauben,
oder wenn Sie wie Cameron ein Weltbild haben, welches von einem Schöpfer-Gott, der Idee eines intelligenten Universums geprägt ist oder das gar dem Taoismus verwandt ist, und Sie “nur” eine diesem Weltbild gemäße Lebenshaltung lernen wollen,

- und damit verdammt oft -

ist Der Weg des Künstlers eine klasse Sache. Mit ihm kann man nicht viel falsch machen und einen Grundstein für alle möglichen Entwicklungswege legen. Und ganz nebenbei tun Sie viel für Ihre psychische und damit auch körperliche Gesundheit. Also ein rundum empfehlenswertes Buch zu einem ebensolchen Weg.

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Aktualisiert am: 16.07.2008