Assagiolis Willen
Roberto Assagioli: Die Schulung des Willens
Jungfermann-Verlag, Paderborn 1994, 3-87387-202-1, 239 Seiten
Assagioli ist Analytiker der ersten Generation. Vieles erinnert an Jung. Wie Jung hat Assagioli zu einer “Transzendenz” des Ichs zu einem überpersonalen Selbst (106ff). Wie Jung unterscheidet er zwischen verschiedenen Ebenen des Unbewussten, die mehr oder weniger persönlich geprägt sind. Wie Jung bezieht er Erkenntnisse der Weltreligionen in das Verständnis der höchsten erreichbaren Zustände mit ein (z.B. 116ff). Und wie viele andere Autoren erläutert Assagioli elementare psychische Gesetze (z.B. 49ff).
Das Buch analysiert die verschiedenen Wege zur Schulung des Willens der Vergangenheit. Vor allem aber wird das Entstehen und die Mechanismen des Willens beleuchtet. Die Objekte des Willens können dabei zwar nicht ganz außen vor bleiben; aber viel mehr geht es darum, wie unsere Psyche mit ihnen umgeht.
Die Analyse geht größtenteils Hand in Hand mit der Entwicklung von Empfehlungen (ab 121 bis 175). Allerdings ist es nicht leicht, diesen abstrakten Text zu verinnerlichen.
Das wird sich vielleicht auch Assagioli oder sein Lektor gedacht haben. Denn am Ende des Buches findet sich ein Anhang mit konkreten Übungen. In diesen Übungen wird das Leitbild Assagiolis deutlich:
- Übung 1 in Anhang 1 dient dazu, die Identifikation mit dem eigenen Körper, den Gefühlen und den Rollen abzubauen (“Desidentifikation”).
- Anhang 2 beinhaltet drei Übungen: eine Einführung in die Meditation und eine Basismeditation, die freilich so alleinstehend kaum funktionieren kann; eine Anleitung zu einer "rezeptiven Meditation", die auf ein “inneres Hören” hinzielt, bzw. auf einen Kontakt zu dem “höheren Selbst”; sodann eine “schöpferische Meditation, die Assagioli schon wieder als vom Willen gesteuerte Handlung ansieht.
Die schöpferische Meditation dient vor allem der “Selbst-Erschaffung” (198): Man soll sich ein Leitbild entwickeln, dieses mit Symbolen belegen und letztlich emotional verstärken. Mit einer beispielhaften Abfolge dieser drei Übungen wird der Leser angehalten, aus diesen Elementen eine geeignete Meditationsabfolge zu entwickeln.
In Anhang 3 schließlich findet der Leser eine vergleichsweise prosaischen Fragebogen zur Selbstanalyse in Sachen Willen.
Gesamtbewertung: Das Buch schlägt einen weiten Bogen von der klassischen Psychologie hin zur Erfahrung eines höheren Selbst, welches an C.G. Jung und die Mystiker erinnert. Alles unter dem Blickwinkel des Willens, versteht sich. Assagioli schafft damit eine neue Perspektive auf diese Bereiche. Das ist sicher verdienstvoll und vor allem für diejenigen Leserinnen und Leser von Interesse, bei denen Willen und Wünschen ein Thema ist. Allerdings dürfte es schwer fallen, sich ohne weitere Anleitung allein mit dem Buch auf Assagiolis Entwicklungsreise zu machen. Denn dafür sind die praktischen Anteile des Buches zu dürftig. Wenn man nicht schon in erheblichen Umfang geistige Erfahrungen gemacht hat, wird man mit den dürren Hinweisen von Assagioli noch nicht operationell vorgehen können. Wenn man solche geistigen Erfahrungen jedoch schon hat, wird man sich vielleicht nicht mehr mit Assagiolis Fokussierung auf das Thema Willen zufrieden geben. Deshalb hat das Buch m.E. nur eine wichtige Funktion: Menschen, die das Thema Willen schon bearbeitet haben, werden viele nützliche Ableichungs- und Fortentwicklungsmöglichkeiten finden; dies unabhängig davon, ob sie etwas mit dem Begriff des “höheren Selbst” anzufangen wissen oder nicht.