9. Unterschiede zum Buddhismus
Für Jung hat das bewusste Verstehen der psychischen Zusammenhänge - neben dem inneren Empfinden selbst - zentrale Bedeutung (1). Dieses Element scheint mir bei Jung etwas expliziter zu sein. Bei den buddhistischen Unterweisungen, die mir als nicht organisatorisch eingebundenem Besucher zugänglich waren, gab es entweder nichts oder nur Anspielungen auf zentrale Elemente wie Gegensatzvereinigung, Ichauflösung etc. zu hören. Das theoretische Gesamtverständnis musste ich mir induktiv aus einzelnen Unterweisungen und Büchern selber erschließen. Bei Jung ist das intellektuelle Verständnis Teil des Weges, auch wenn es in seinen Büchern nicht systematisch aufbereitet ist. Hier wie dort muss jedoch auch eine emotionale Integration erfolgen (2).
Jung will ein Gleichgewicht zwischen und höhere Verbindung von Bewusstsein und Unterbewusstsein, ohne völlige Aufgabe des Ich (3): ”Die Integration des Unbewussten ist aber nur möglich, wenn das Ich standhält.” Das Ich bzw. Bewusstsein soll nicht von dem Unbewussten ”kontaminiert” werden. Im Buddhismus hört man nur andeutungsweise davon, dass die normale, ich-gestützte Weltwahrnehmung auch bestehen bleiben soll, so z.B. in der Zwei-Wahrheitsebenen-Metaphorik. Möglicherweise ist der Unterschied jedoch nur ein pragmatischer: Es kann sein, dass die buddhistischen Lehrer als selbstverständlich voraussetzen, dass die ich-gestützte Wahrnehmung bestehen bleibt.
Jungs Weg will ausdrücklich auch Negatives annehmen. Es gibt ”kein Licht ohne Schatten” und ”keine seelische Ganzheit ohne Unvollkommenheit. Das Leben bedarf zu seiner Vollendung nicht der Vollkommenheit im Sinne von steriler Perfektion, sondern der Vollständigkeit (4). Dazu gehört der ”Pfahl im Fleisch”, das Erleiden der Mangelhaftigkeit, ohne welche es kein Vorwärts und kein Aufwärts gibt” (5).
Dieses Element ist bei Jung erstens deutlich stärker als im Buddhismus. Es wird zweitens durchgängig auf dem Weg mitgeführt, während es in den buddhistischen Ausbildungen nach meinem Kenntnisstand erst in fortgeschrittenem Stadium – und da auch eher sublimiert – eingeflochten und bearbeitet wird. Jungs Vision ist daher näher an einem einfachen ”Das-Leben-Ausleben”, dem ich als Ziel bei vielen Menschen jedweder Bildungsschicht begegnet bin. Jungs Weg böte sich also eigentlich ideal denjenigen westlichen Menschen an, die vor einem zeitweiligen mindestens geistigen Rückzug vor der Welt zurückschrecken und lieber ”durch das Leben durch gehen” wollen. Allein, es gibt kein entsprechendes Angebot einer ”Jung’schen Lebenschule”, sondern nur vereinzelt die Psychoanalyse nach Jung. Immerhin werden wir in einem weiteren Kapitel sehen, dass einige von Jung Beeinflusste nach so etwas wie einer praktischen Umsetzung seiner Gedanken gesucht haben.