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  09.09.2010   
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8. Kritik an Jung

Wie eingangs angedeutet, wird Jung heftig kritisiert. Hauptsächlich wirft man ihm Unwissenschaftlichkeit vor. Jung hat in seinen Texten einen eher unsystematischen Angang und verwendet Begriffe synonym (1), obwohl er sie an verschiedenen Stellen unterschiedlich definiert (2). Er führt in einigen wenigen Fragen mehrere philosophischen Grundeinstellungen parallel durch seine Texte, was als Widerspruch verstanden werden kann, vielleicht aber nur den verschiedenen Lesergruppen pragmatisch den Einstieg erleichtern soll. Jung ging es ja nicht um philosophische oder, wie er sagte, metaphysische Lehren, sondern um die Vermittlung des Verständnisses psychischer Zusammenhänge. Das Alles lässt den Schluss zu, dass Jungs Texte nicht den üblichen Ansprüchen an Wissenschaftlichkeit genügen, die freilich kein Garant für inhaltliche Richtigkeit ist. Deshalb muss man sich auch fragen, ob allein der Mangel an wissenschaftlicher Strenge dem Wahrheitsgehalt (im Sinne von empirisch gedeckter Erklärungsmächtigkeit) Abbruch tun kann. Lesen Sie im Zweifel selber die Originaltexte – was zugegebenermaßen mühsam ist.

Mit dieser meiner Einschätzung ist freilich nicht die Behauptung verbunden, Jungs Psychoanalyse sei in therapeutischer Hinsicht die beste oder auch nur eine gute psychologische Methode. Die Frage der therapeutischen Wirksamkeit ist nicht Gegenstand dieses Textes. Vielmehr geht es nur darum, was Jung uns für Wege zu einem erfüllten Leben aufzeigt.

Schließlich kann man Jung vorhalten, dass seine Ansichten frauenfeindlich sind (indem er Frauen bestimmte regelmäßig auftretende Eigenschaften zuschreibt). Zugleich vertritt er jedoch ein Leitbild, welches die Dominanz männlicher Vorstellungen in unserer Kultur durch Verstärkung der unterdrückten weiblichen Elemente des Menschen beseitigen will. Ähnlich könnte man den Schluss ziehen, dass Jung andere Kulturen abwertet, so zum Beispiel wenn er von bestimmten typischen Eigenschaften der ”Neger” oder der ”primitiven Kulturen” spricht (3). Indessen ist nicht nur wegen der epochenbedingten Prägung jeder Sprache – es gab früher z.B. kein anderes Wort als ”Neger” - hier Vorsicht geboten. ”Primitiv” verwendet er im Sinne von wenig ausdifferenziert, nicht im Sinne von minderwertig gemäß den für ihn entscheidenden Kriterien wie Verwirklichung des Selbst. Gerade in dieser Hinsicht sieht er viele ”primitive” Kulturen als der unseren überlegen an. Er hat definitiv mit der üblichen Überschätzung der gegenwärtigen europäischen Kultur nichts am Hut, verweist er doch auf zahlreiche ihrer Defizite und hält er die großen asiatischen Kulturen dem heute dominanten westlichen wissenschaftlichen Denken für überlegen (4). Einige wenige Stellen sind jedoch sicher nicht nur im Sinne der Political Correctness, sondern auch empirisch fraglos daneben, so z. B. die Erwähnung von ”Rasse” in einem 1925 und damit wohl vor seinen Afrika-Reisen erschienen Text: ”Es gibt Stufen, die nur die wenigsten erreichen, - eine Frage von Rasse, Familie, Erziehung, Begabung und Leidenschaft” (5).

 

 

(1) explizit Psychologie der Übertragung 154

(2) s. z. B. Fn 72 in Typologie 180

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(3) für mich ist die bedenklichste Stelle: Seelenprobleme der Gegenwart 130ff

 

 

 

(4) z. B. Seelenprobleme der Gegenwart 244

 

 

(5) Seelenprobleme der Gegenwart 183


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Aktualisiert am: 16.07.2008
 
         
 

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