6. Jungs dritte Methode: Innere Bilder der Vollständigkeit vorstellen oder malen
Ist das wirklich ein Weg Jungs oder nur eine von ihm für gut befundene Methode anderer Traditionen? Jedenfalls schätzt er die in östlichen wie westlichen religiösen Ausbildungen häufig anzutreffende ”Imagination”, das aktive hervorrufen von inneren Bildern in der Vorstellung (1). Ein anderer Begriff hierfür ist ”visualisieren”. Jung zieht dabei sogar über den Begriff des Werks/Opus (für das vorgestellte Bild) eine Parallele zu dem Opus als geschaffenes Ziel der Alchimisten (aaO). Das Opus ist übrigens ”synthetischer Natur” und symmetrisch (2). Es ist um einen Pol herum angeordnet, der das Selbst darstellt (3); und natürlich zugleich das Ganze ist.
Ihnen sind diese Aussagen zu abgehoben? Dann schauen Sie sich die Wirkung an, die das Malen oder Ausmalen von Mandalas auf Kinder hat. Oder testen Sie es selber. Es ist faszinierend. Man wird davon ausgeglichen, zentriert. Ich habe diese Wirkung an meinen Kindern beobachtet, lange bevor ich mich mit den geistigen Hintergründen beschäftigte, geschweige denn gelernt habe, selbst zu visualisieren, was letztlich eine Meditationsform ist. Jung behauptet übrigens, dass im Prozess der Verwirklichung des Selbst immer häufiger mandala-artige Gebilde in Träumen auftauchen (4).
An anderer Stelle
(5) schildert Jung, wie tatsächliches Malen innerer Bilder auf seine Patienten wirkt, dies freilich im Zusammenhang mit dem Thema Traumdeutung. Letztlich geht es jedoch um dasselbe: das Selbst anders als intellektuell zu erfahren. Wir dürfen vermuten, dass er auch ein gezieltes Malen von Bildern der inneren Vollständigkeit für heilend hält und damit die innere Entwicklung fördernd hält.