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  05.09.2010   
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5. Jungs zweite Methode: Projektionen zurücknehmen

Nur vermeintlich ist die Welt und sind die anderen Menschen so, wie wir sie uns in unserem Tages- oder Nachtbewusstsein vorstellen. Wir übertragen insbesondere unsere eigene Psychologie, die eigenen unbewussten Inhalte in die Mitmenschen. Und dies nicht im Sinne einer widerlegbaren Vermutung, sondern in der festen Annahme: Der X ist so. Das nennt Jung Projektion oder auch Übertragung (1).

Das Drama beginnt damit, dass wir uns dessen nicht bewusst sind: ”Wer nicht ein ungewöhnliches Maß an Selbstbesinnung besitzt, wird nicht über seinen Projektionen stehen, sondern meistens darunter, denn der natürliche geistige Zustand setzt das Vorhandensein dieser Projektionen voraus” (2). Deshalb führen die Projektionen ein Eigenleben. Nicht selten beschäftigen wir uns stundenlang gedanklich mit einem Menschen, manchmal auch mit einer Sache – in Jungs Sprache: einem Objekt. Die Beziehung zu diesem Objekt entwickelt leicht Zwangscharakter, etwas ”Magisches” oder ”Mystisch-Zwingendes” (aaO).

Sie glauben, Sie seien frei von Projektionen? Dazu schreibt Ihnen Jung: ”Die Häufigkeit solcher Projektionen ist ebenso sicher wie die Tatsache, dass deren Charakter nie eingesehen wird” (3). Und wie oft mussten Sie, gewiss wie jeder andere, Ihr vermeintlich feststehendes Bild von einem anderen Menschen nicht revidieren? Wie oft wurde ein jeder von uns nicht ”positiv überrascht” oder im wahrsten Sinne des Wortes ”ent-täuscht”?

Das Hinterhältige ist, dass wir viele Projektionen angenehm empfinden: ist mein Freund nicht ein toller Mensch, weil er soundso ist? Dadurch sind wir den Projektionen mit Gefühlen verbunden, die wir nicht missen wollen: Wir erwarten, dass unser Freund sich weiter soundso verhält und uns damit Heil bringt. Schon die Erwartung löst ein positives Gefühl aus. Nun kann es aber zu einer Störung der angenehmen Projektion kommen:

  • Wir entdecken, dass unser Bild von dem anderen von Anfang an falsch war.
  • Wir entdecken, dass unser Bild von dem anderen falsch wurde, weil er sich verändert hat.
  • Wir bewerten die jeweilige Eigenschaft anders: Was ich vor kurzem noch toll fand, kann mich heute schon stören.

Wenn die Projektionen nicht (mehr) als angenehm empfunden werden, werden sie zum Hindernis. Da der Projizierende häufig einen Teil von sich, nämlich seines Unterbewussten in den anderen interpretiert hat, kommt er nicht so leicht los. Typisches Beispiel ist der Versuch, ein Objekt der Liebe oder des Begehrens herabzuwürdigen, nachdem man von ihm enttäuscht wurde. Dies funktioniert nur selten als Weg der Loslösung. Die Loslösung braucht vielmehr die Erkenntnis, dass man Inhalte auf das Objekt projiziert hat. Erst wenn man sieht dass man dem anderen einen Symbolwert zugeschrieben hat, erhält man das Bild von dem Objekt zurück (4). Und erst dann, so ließe sich in Zusammenschau mit anderen Aussagen von Jung folgern, erhält man die ausgelagerten Teile des Selbst zurück und wird wieder vollständig, ein Ganzes.

Von negativen Gefühlen kann man sich noch schwerer lösen – und dementsprechend ist der Widerstand gegen jede Läuterung noch heftiger (5): Muss man doch erkennen, dass man die Gemeinheit aus sich geschöpft und dem anderen zugeschrieben hat – gerade für Moralisten und Weltverbesserer eine bittere Erkenntnis! Deswegen überdauern massenpsychologische und individuelle Feindbilder.

Freilich ist, wenn man sich die Projektion bewusst macht, zunächst vieles schwerer: Die ”Illusionsbrücke”, über die Liebe, Hass und andere Gefühle ”befreiend abströmen können” bricht ja weg (6)! Es droht ein Stau der ”Lebensenergie” oder ”Libido”, wie Jung sagt (7). Man kann niemanden mehr verantwortlich machen, belehren, bessern und strafen, meint Jung sogar (8). Und die Ahnung hiervon lässt den Widerstand gegen die Auflösung der Identität von ”Imago” (Bild) und ”Objekt” (der andere) natürlich erst recht anwachsen.

Übrigens sind nicht einmal diejenigen Menschen laut Jung gegen diese Mechanismen gefeit, die tatsächlich mit ihrer Einschätzung des anderen immer richtig liegen: Das zunächst zutreffende Bild von dem anderen verselbständigt sich. Es beginnt unbemerkt ein Eigenleben, so dass letztlich auch dem ”Objekt”, also typischerweise dem anderen Menschen, eine übertriebene Wertigkeit zukommt. Dadurch wird der Projizierende unfrei und an das ”Objekt” gebunden. Das ”Objekt” übt somit eine Art magischer Herrschaft über den Projizierenden aus. Kurz: Sie entkommen dem von Jung beschriebenen Mechanismus nicht.

Selbst der Tod ist laut Jung keine Grenze für den Mechanismus (9): ”Die unbewusste Imago, der kein Objekt mehr entspricht, wird zum Totengeist und übt nun Wirkungen auf das Subjekt aus, die man zunächst nicht anders denn als psychologische Phänomene auffassen kann. Die unbewussten Projektionen des Subjektes, welches unbewusste Inhalte in die Objektimago überführt und diese mit dem Objekt identifiziert haben, überdauern den realen Verlust des Objektes und spielen eine bedeutende Rolle im Leben der Primitiven sowohl wie auch bei allen Kulturvölkern ältester wie neuester Zeit” (10). Gleiches ließe sich selbstredend auch von Scheidungen und anderen Beziehungstrennungen sagen, selbst wenn sich die ehemaligen Partner nicht mehr sehen.

Hier wie anderenorts lässt sich eine gewisse Parallelität zu den Lehren der großen Religionen wie zum Beispiel des Christentums oder auch des Buddhismus ziehen: Stets wird davor gewarnt, sich ein feststehendes Bild von dem anderen zu machen und dem anderen eine bestimmte Eigenschaft fix zuzuschreiben, also eine Identität von Bild und Objekt anzunehmen. Es geht um die Dekonstruktion von feststehenden Annahmen und der gewöhnlichen ”Erkenntnis”, die auf der fingierten Übereinstimmung von Bild und Objekt beruht. Erst die Auflösung dieser Identität schafft die Freiheit,

  • Menschen und Ereignisse unbefangen auf sich zukommen zu lassen,
  • nicht voreilig zu bewerten,
  • nicht durch das Objekt ”magisch”, z.B. durch immer im Kreis drehende Gedanken an das Objekt gebunden zu werden,
  • frei von üblichen Reaktionsmustern zu handeln,
  • und sich fortzuentwickeln.

Bevor ich Jung so verstanden habe, beobachtete ich verwundert die wenigen Menschen, die in diesem Sinne bewusst sind. Sie hatten oft, aber nicht immer, eine geistige Schulung durchlaufen. Sie zeichnen sich durch eine gleich bleibende Ruhe, ausgesprochene Freundlichkeit oder gar Warmherzigkeit, Offenheit oder gar Neugier aus. Sie handeln zwangsläufig aus der Situation heraus, haben sie doch kein fest stehendes Bild von dem anderen. Sie nehmen den jetzigen Augenblick umfassender und intensiver wahr, sind hellwach. Die Kehrseite ist eine bekannte Nebenfolge hochwertiger geistigen Schulungen: man kann ihnen schwer leidenschaftliche Gefühle entlocken, da es für leidenschaftliche Gefühle regelmäßig eines verselbstständigten Bildes bedarf. ”Liebe als Passion” (Niklas Luhmann) gibt es hier nicht mehr.

Und wie in den großen Religionen auch zielt die Aufhebung der Projektion auf die Überwindung des steifen Ichs; sei es durch die Integration all des anderen, des Du, in das Ich, also durch eine Aufblähung oder Inflation des Ich oder durch die analytische Auflösung (11). Wobei das der Schizophrenie ähnelnde Zwischenstadium des Auseinanderfallens des Ichbewusstseins, der inneren Auflösung und die Desorientierung zu den schwierigsten Übergängen gehört (12).

Was ich hier als selbständige Methode bezeichne, ist vermutlich für Jung nur ein Teil des Weges der Traumanalyse gewesen. Indessen meine ich aufgrund meiner Kenntnis von und Erfahrung mit parallelen buddhistischen Lehrmethoden behaupten zu können, dass diese zweite Methode

  • auch ohne Einbettung in eine Traumanalyse und
  • relativ gefahrlos ohne Anleitung angewandt werden kann,
  • eine hochwertige innere Ausbildung mindestens unterstützen kann,
  • wenn nicht sogar eine solche selbst schon darstellt.

Ob dieser Weg allerdings alleine schon ausreicht, die von diesen Ausbildungen letztlich angestrebten geistigen Zustände zu erreichen, lässt sich bestenfalls im Angesicht des jeweiligen Menschen prognostizieren. Für die meisten Menschen dürfte dies nicht der Fall sein. Zumindest begleitend ist die Methode jedoch für diejenigen Menschen geeignet, die sich selbst beobachten können.

 

 

 

 

 

(1) Psychologie der Übertragung 16

 

 

(2) Traum und Traumdeutung 116

 

 

 

 

(3) Traum und Traumdeutung 117

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(4) Traum und Traumdeutung 117

 

 

 

(5) Traum und Traumdeutung 123f

 

 

 

(6) Traum und Traumdeutung 123

(7) Traum und Traumdeutung 122f

(8)Traum und Traumdeutung 127

 

 

 

 

 

 

 

 

(9) Traum und Traumdeutung 125f

 

 

 

(10) Traum und Traumdeutung 126

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(11) Psychologie der Übertragung 101f

(12) Psychologie der Übertragung 104f

 


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Aktualisiert am: 16.07.2008
 
         
 

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