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  05.09.2010   
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4. Jungs erste Methode: Träume das Selbst vervollständigen lassen

Wenn wir hier von Jungs Methoden sprechen, dürfen wir nicht vergessen, dass Jung

  • erstens diese Methoden nicht als solche bezeichnet hat,
  • zweitens der eigentliche Prozess als vom Unbewussten gesteuert ansieht, man den Prozess also nur durch Offenheit unterstützen kann,
  • drittens den von ihm empfohlenen Weg immer als schwierig, risikoreich und eben keineswegs automatisch erfolgreich bezeichnet hat; er erwähnt verschiedentlich, dass er selbst als behandelnder Arzt oft ratlos war.

Der Begriff Methode ist also nicht im Sinne eines Patentrezeptes zu verstehen. Andererseits erleichtert es das Verständnis und macht das Potenzial Jungs deutlich, wenn man die zentralen Wirkungsprinzipien klar benennt.

Wie wir im letzten Abschnitt gesehen haben, sind bestimmte Traumserien in der Lage, das Bewusste mit dem Unbewussten zu ergänzen und so das ”Selbst” zu verwirklichen. Dies ist – zumal wenn von einem einschlägig geschulten Analytiker begleitet - die Hauptmethode Jungs. Leider erleben nicht alle Menschen eine Traumfolge, die dieses Potential hat. Diese Methode als die wichtigste zu erwähnen, kann also nur die Funktion haben, uns für den Fall zu sensibilisieren, dass sich solche Träume einstellen. Wenn Sie sich für diesen Weg konkret interessieren oder prüfen möchten, ob Sie Träume mit diesem Potential haben, sollten Sie den zweiten Teil von Traum und Traumdeutung lesen (1). In ihm finden Sie sehr konkrete Traumschilderungen und ihre Entschlüsselung.

Jungs Methode setzt keineswegs erst an, wenn die ersten Bilder der Ergänzung des Selbst in Erscheinung treten; vielmehr ist in der Praxis häufig das Leiden an Albträumen, Neurosen oder anderen psychischen Phänomenen der Ausgangspunkt. Auch das Auftreten von Albträumen kann laut Jung Anzeichen dafür sein, dass das Selbst ”ruft”.

Ich möchte an dieser Stelle jedoch davor warnen zu meinen, man könne ohne intensives Studium einen gut geschulten Analytiker ersetzen. Im Laufe einer hauptsächlich zur Fortbildung von Analytikern und Psychologen eingerichteten Vorlesungsreihe habe ich einerseits erleben dürfen, dass eine ungeheure praktische Erfahrung und eine tiefe mythologische Kenntnis erforderlich sind; und dass andererseits, wenn beides gegeben ist, tatsächlich eine ungeheure Plausibilität einzelner Traumdeutungen entsteht – weswegen die wenigen wirklich erfahrenen Analytiker dann auch fast immer übereinstimmend deuteten!

Und noch eine weiter gehende Warnung Jung: ”Die Analyse des Unbewussten ist etwas wie ein chirurgischer Eingriff, und es soll nur zum Messer gegriffen werden, wenn andere Mittel versagen. Wenn es sich nicht aufdrängt, so lässt man das Unbewusste am besten in Ruhe” (2). Diese Warnung ist freilich nicht so weit gehend, wie sie zunächst erscheint: Sehr oft stellen sich in dem Wandlungsprozess auch quälende Träume oder gar Visionen ein, bei denen andere Mittel nicht greifen. Auch schreibt Jung wenig später, er ”vermag den Vorteil der Vogelstraußpolitik” im Umgang mit dem eigenen Schatten nicht zu sehen (3): ”Es kann doch kein Ideal sein, dass die Menschen dauernd infantil bleiben, über sich selbst in Verblendung leben, alles in ihnen Unerwünschte dem Nachbarn andichten und diesen mit ihren Vorurteilen und Projektionen plagen. Wie viele Ehen gibt es, die jahrelang und manchmal auf immer unglücklich sind, weil er in seiner Frau die Mutter und sie in ihrem Mann den Vater sieht, ohne jemals die Wirklichkeit des anderen Menschen zu erkennen!” Somit bleibt es bei der Empfehlung: Beobachten Sie Ihre Träume, und wenn Sie Ihnen trächtig erscheinen, ist noch immer Zeit für eine Entscheidung für oder gegen diesen Weg. Und außerdem: beobachten Sie Ihre Projektionen!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(1) Traum und Traumdeutung 171 ff

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(2) Psychologie der Übertragung 29

 

 

(3) Psychologie der Übertragung 60

 


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Aktualisiert am: 16.07.2008
 
         
 

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