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  05.09.2010   
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3. Jungs Ziel: Persönlichkeit

Jung verwendet das Wort ”Persönlichkeit” zur Beschreibung des Zielzustandes eines vom Selbst geprägten Lebens. Diese gilt es zu entwickeln. Die ”laue Mittellage” eines gewöhnlichen Lebens, bürgerliche Stellung und Familie reichen nicht (1).

Persönlichkeit zu entwickeln ist den Erwachsenen vorbehalten. Persönlichkeit ist die bestmögliche Entfaltung des Ganzen und dessen Integration und Ergebnis einer Lebensleistung (2). Die völlige Verwirklichung der Ganzheit ist allerdings ein unerreichbares Ideal.

Im üblichen Sprachgebrauch ist Persönlichkeit etwas ganz individuelles. Nicht so bei Jung. Nicht die Persönlichkeit ist einmalig und einzigartig, sondern nur die Individualität (3). Allerdings kann es gar nicht anders sein, als dass sich die Persönlichkeit individuell in das jeweilige Leben einfügt, denn das Leben ist nun einmal individuell. Persönlichkeit muss sich also ”individuieren” (aaO).

Persönlichkeit ist Ganzheit im Sinne von Vollständigkeit, nicht Vollkommenheit. Die Vollständigkeit muss einerseits in Bezug auf verdrängte negative Aspekte erarbeitet werden. Andererseits geht es um die Einbeziehung des ”Du”, des anderen in eine größere Einheit: ”Die Ganzheit besteht aus der Zusammensetzung von Ich und Du” (4), verstanden nicht ”als Synthese zweier Individuen, sondern … die bewusste Verbindung des Ich mit all dem, was sich als Projektion im ”Du” birgt. Das heißt also, dass die Herstellung der Ganzheit ein innerpsychischer Vorgang ist, welcher essentiell vom Bezogensein des Individuums auf einen anderen Menschen abhängt. Das Bezogensein ist an sich eine Vorstufe und Möglichkeit der Individuation, beweist aber kein Vorhandensein der Ganzheit” (5).

Die Persönlichkeit ist zunächst konservativ und setzt sich nur durch innere Not in Bewegung (6). Meist wird der Weg zur Persönlichkeit unbewusst begangen (7). Wenn der Prozess jedoch bewusst gemacht wird, muss ein Ausgleich zwischen Bewusstsein und Unbewusstem erfolgen (aaO). Dies sei logisch nur vermittels Symbole möglich, welche ”vom Unbewussten spontan hervorgebracht und vom Bewusstsein amplifiziert” werden (aaO). Der Unterschied zwischen einem unbewussten und einem bewussten Weg sei ”gewaltig” (8). Bei letzterem komme einerseits ”so viel Dunkles ans Licht, dass einerseits die Persönlichkeit durchleuchtet wird, andererseits das Bewusstsein unvermeidlich an Umfang und Einsicht gewinnt” (aaO). Es handelt sich hier also um einen wechselseitigen Prozess, der nur gelingen kann, wenn keine Seite unterliegt. Jung spricht von einer ”Wechselwirkung zwischen zwei relativ autonomen Faktoren, welche uns zwingt, in der Beschreibung und Erklärung der Vorgänge bald den einen, bald den anderen Faktor als handelndes Subjekt auftreten zu lassen“(9).

Jung empfiehlt, die innere Bestimmung bewusst zu bejahen (10). Die innere Stimme konfrontiert den einzelnen mit dem allgemein Bösen in individueller Form. Das Ich kann daran untergehen oder sich der Erkenntnischance verschließen (11). Beides gilt es also nach Jung zu vermeiden. Stattdessen: ”Unterliegt das Ich aber nur zum Teil und kann es sich vor dem gänzlichen Verschlungenwerden durch Selbstbehauptung retten, dann kann es die Stimme assimilieren, und dann stellt es sich heraus, dass das Böse nur ein böser Schein war, in Wirklichkeit aber ein Bringer des Heils und der Erleuchtung” (aaO). Dies sei im mythologischen Sinn die Heldengeburt bzw. die Erleuchtung.

Jung empfiehlt auch, trotz aller ”heimlicher Fanggruben und Fußangeln” (12) sich auf den ”unentdeckten Weg in uns” einzulassen. Diesen setzt er mit dem Tao der chinesischen Philosophie bzw. einem Wasserlauf gleich (13): ”Im Tao sein, bedeutet Vollendung, Ganzheit, erfüllte Bestimmung, Anfang und Ziel und völlige Verwirklichung des den Dingen eingeborenen Daseinssinnes. Persönlichkeit ist Tao.” ”So wie die große Persönlichkeit sozial lösend, erlösend, umgestaltend und heilend wirkt, so hat auch die Geburt der eigenen Persönlichkeit heilende Wirkung auf das Individuum” (14).

Obwohl die Entwicklung zum Selbst immer auch über andere Menschen und die Anerkennung der Gleichheit der Individuen läuft (15), führt der Weg über Absonderung von der Masse und sogar Vereinsamung; denn Kern ist die ”Treue zum eigenen Gesetz” und das Vertrauen darin (16), mit dem der Mainstream nichts zu tun hat. Jung stellt fest, dass ”die erdrückende Mehrzahl der Menschen nicht den eigenen Weg, sondern die Konvention wählt und infolgedessen nicht sich selbst entwickelt, sondern eine Methode, und damit ein collectivum auf Kosten der eigenen Ganzheit.” Es ist Inhalt der ”Bestimmung”, sich gegen kollektive Bedürfnisse abgrenzen (17). ”Aber in der Regel ist der verbildete Kulturmensch ganz unfähig, die doktrinär nicht gewährleistete Stimme wahrzunehmen” (18). Und noch härter wenige Zeilen später: ”In dem Maße, als man, dem eigenen Gesetz untreu, nicht zur Persönlichkeit wird, hat man den Sinn seines Lebens verpasst.”

 

 

(1) Wirklichkeit der Seele 25, 86

 

 

(2) Wirklichkeit der Seele 100f

 

 

(3) Wirklichkeit der Seele 108

 

 

 

 

 

(4) Psychologie der Übertragung 84

 

 

 

(5) Psychologie der Übertragung 84 Fn 19

(6) Wirklichkeit der Seele 102

(7) Antwort auf Hiob 111

 

 

(8) Antwort auf Hiob 112

 

 

 

 

(9) Antwort auf Hiob 113

(10) Wirklichkeit der Seele 108

(11) Wirklichkeit der Seele 113

 

 

 

 

 

(12) Wirklichkeit der Seele 114

(13) Wirklichkeit der Seele 115

 

 

(14) Wirklichkeit der Seele 112f

 

(15) Psychologie der Übertragung 74

(16) Wirklichkeit der Seele 103

 

 

(17) Wirklichkeit der Seele 105

(18) Wirklichkeit der Seele 112


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Aktualisiert am: 16.07.2008
 
         
 

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