2.4 Das Selbst
Betrachtet man anstelle eines einzelnen, kompensierenden Traumes eine ganze Reihe solcher Träume in ihrer zeitlichen Abfolge, kann man günstigstenfalls bemerken, dass es sich nicht mehr nur um das ”Ausbalancieren gestörter Gleichgewichtslagen” handelt; vielmehr ordnen sich die Kompensationsakte ”nach einer Art Plan an” (1). Der Plan zielt auf ”die Herstellung eines neuen Persönlichkeitszentrums” (2), den ”Individuationsprozess” (3), den Jung als den Weg zur Vervollständigung des Selbst ansieht (4). Das Selbst ist für Jung ”die Totalität des Psychischen überhaupt”; also nicht nur dessen Mittelpunkt, ”sondern auch jener Umfang, der Bewusstsein und Unbewusstes einschließt; es ist das Zentrum dieser Totalität, wie das Ich das Bewusstseinszentrum ist” (5). Wie im Buddhismus die ”Buddhanatur”, ist bei Jung das Selbst von Anfang an vorhanden, muss jedoch bewusst werden (6). Und ebenfalls ähnlich dem Buddhismus warnt Jung - Nietzsches Zarathustra zitierend – davor, dem angestrebten Zustand begriffliche Stempel aufzudrücken.
Weitere wichtige Hinweise zu Jungs Verständnis des Selbst finden sich in einer zentralen Passage (7): Anders als andere Ausrichtungen des Bewusstseins hat die Ausrichtung des Bewusstseins auf das Selbst ”kein erkennbares Ziel und keine ersichtliche Absicht”. Das Selbst ist unsichtbar und unbeschreiblich. Warum? Das Selbst ist die Ganzheit/Einheit, die natürlich in die Sphäre des – unterscheidenden – Bewusstseins ausstrahlt (8). Die Ganzheit kann aber nur in Teilen beschrieben werden. Sobald man sie beschreibt, ist sie nicht mehr ganz. Da wir es nicht im üblichen Sinne beschreiben (sondern nur erfahren) können, können wir auch nicht seine Grenzen bestimmen. Daher wäre es nach Jung unwissenschaftlich, das Selbst auf das einzelne Individuum zu beschränken. Wir können allenfalls die Grenzen des Bewussten bestimmen, jedoch nicht die Grenzen des Unbewussten.
Und noch eine wichtige Botschaft versucht uns Jung zu vermitteln: gehorchen wir nicht dem Ruf des Selbst, leiden wir (9). Umgekehrt verleiht die Verwirklichung des Selbst dem Leben sogar Sinn, wie Jung meint (10). Ich vermute, diese Erfahrung erklärt sich so: Man empfindet eine Art Bestimmung (den Ruf des Selbst), folgt dieser Bestimmung. Dann stellt sich ein höheres Maß an Harmonie oder wenigstens ein geringeres Maß an Zerrissenheit ein. Was dazu veranlasst, auf den nächsten Ruf des Selbst zu hören etc. Im Rückblick hat es dann Sinn gemacht, dem Ruf zu folgen. Weshalb man vermutet, dass auch der nächste Ruf wieder Sinn machen wird.
Teilweise versucht Jung, dieses Selbst nur als psychologische Tatsache darzustellen, nicht als metaphysische Gegebenheit (11). Teilweise klingt jedoch auch sehr stark durch, dass Jung an das Selbst als mehr als eine psychologische Tatsache glaubt (12). Es ist nicht klar, ob es in Jungs Leben schwankende Einschätzungen gegeben hat; oder ob er gelegentlich pragmatisch so argumentierte, dass auch unmetaphysisch denkende Menschen überzeugt werden.
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(1) Traum und Traumdeutung 141
(2) Traum und Traumdeutung 171
(3) Traum und Traumdeutung 141
(4) Traum und Traumdeutung 144 und der ganze zweite Teil des Buches ab 171; siehe auch in Abgrenzung von der Vollkommenheit = Perfektion: Antwort auf Hiob 41
(5) Traum und Traumdeutung 171, 50, 106ff; Beispiele: 78f
(6) Traum und Traumdeutung 193 Fn 43, Psychologie der Übertragung 27
(7) Traum und Traumdeutung 254
(8) Psychologie der Übertragung 148
(9) Traum und Traumdeutung 255
(10) Psychologie der Übertragung 42
(11) z.B. Traum und Traumdeutung 277, Psychologie der Übertragung 27 Fn 31, siehe auch Psychologie der Übertragung 34 Fn 44
(12) so z.B. in der schwierigen Schlüsselpassage Traum und Traumdeutung 254f |