2.3 Träume als Kompensation
Wird das Unbewusste nicht ernst genommen oder unterdrückt und nieder gekämpft, entsteht Leid und Krankheit:
”In dem Maße, wie wir verdrängen, steigt die Gefährlichkeit des Unbewussten. In dem Momente aber, wo der Patient beginnt, seine unbewusst gewesenen Inhalte zu assimilieren, vermindert sich auch die Gefährlichkeit des Unbewussten. Die Persönlichkeitsdissoziation, de ängstliche Trennung von Tag- und Nachtseite hört mit fortschreitender Assimilation auf. Was mein Kritiker fürchtet, nämlich die Überwältigung des Bewusstseins durch das Unbewusste, tritt eben gerade dann am ehesten ein, wenn das Unbewusste am Mitleben durch Verdrängung, durch falsche Deutung und Entwertung gehindert wird” (1).
Der westliche Mensch hat mit der Vertreibung aus der Vorstellungswelt der Kinder den Zugang zu seinem eigenen Unbewussten und damit seiner eigenen Quelle verloren (2). Er leidet letztlich auch daran, dass das unsere herrschende Kultur die Dinge ihres Geheimnisses (ihrer ”Numinosität”) entkleidet hat (3): wie ungleich emotionslos und arm ist doch die Vorstellung einer ”physischen Materie” im Vergleich zu der kulturübergreifend zu beobachtenden Vorstellung einer ”Großen Mutter”. Die Dinge ”sprechen” nicht mehr zu uns (3). Diesen Verlust suchen Träume durch Symbole zu kompensieren – leider in einer uns nicht immer verständlichen Sprache (3). Von den Bedeutung tragenden Träumen unterscheidet Jung den ”Reaktionstraum”, also einen lediglich auf äußere Ereignisse reagierenden Trauminhalt (4).
Träume kompensieren und ergänzen oft das Bewusstsein: der Traum zeigt auf das, was vom Bewusstsein nicht wahrgenommen oder realisiert wird (5). Daneben bilden Träume ein Gegengewicht gegen ein sich selbst überhöhendes Ich: Es wird nicht selten entblößt und so ein Ausgleich für die Selbstüberschätzung geschaffen (6). Letztlich ist dies ein Sonderfall der Kompensation. Selbst das Verhältnis von Bewusst und Unbewusst sei durch die ”Kompensationslehre” bestimmt. So schreibt Jung: zur Kompensation:
”Für alle exzessiven Vorgänge treten sofort und zwangsläufig Kompensationen ein, ohne sie gäbe es weder einen normalen Stoffwechsel, noch eine normale Psyche.” (7)