2.2 Archetypen
Das Unbewusste tendiert kulturübergreifend dazu, die selben Urbilder, von Jung “Archetypen” genannt, zur Vermittlung seiner Inhalte im Traum zu benutzen (1). Jung bezeichnet den Archetypus u.a. als Bilder mit ”einer Tendenz, Vorstellungen zu erzeugen, die sehr variabel sind, ohne ihr Grundmuster zu verlieren” (2). An anderer Stelle bezeichnet Jung Archetypen als mit überpersönlich wirksamer psychischer Energie (”Numinosität”) aufgeladene Bilder (3) oder auch ”lebendige Reaktions- und Bereitschaftssysteme” (4). Archetypen sind für Jung ”lebendige Wesenheiten, die einen Großteil der menschlichen Psyche ausmachen” (5).
Beispiele sind: der Held (6), Mutter (7), Trinität und Quaternität (8), Sonne (9), Phallus (10), Pferd (11), Engel und Schlange (12), Geister und Dämonen (13), der Teufel (14), das Paradies (15), mandala-artige Bilder (16), die Vereinigung der Gegensätze (17). Neben diesen vielen bekannten Archetypen benennt Jung auch mindestens zwei von ihm wiederentdeckte: ”Anima” als weibliches, gefühlsbetontes Gegenprinzip des Mannes und ”Animus” als männliches, planend-gestaltendes bei der Frau. Es gibt jedoch essentielle Unterschiede zwischen beiden. Nach Jung spiegelt die Anima sich oft in einem konkreten Bild einer bestimmten, regelmäßig die im Mann unterdrückten Gefühle verkörpernde Frau in dessen Psyche wider; der Mann scheint sie aus der Vergangenheit zu kennen. Hingegen ist der Animus nicht mit einem konkreten Bild von Mann verbunden; er steht für das Nachdenken und die Erörterung einer zu gestaltenden Zukunft (18).
Anima und Animus sind den meisten Menschen unbewusst. Wenn sie nicht ausnahmsweise selber verkörpert werden, werden sie unbewusst in Menschen des anderen Geschlechts gesucht bzw. in sie hineinprojiziert, was zu unzähligen Komplikationen Anlass gibt. Oft wähnt man in dem anderen eine bei sich selbst vermisste Eigenschaft; der andere hat sie jedoch gar nicht. Das hört erst auf, wenn der Mann die Anima bzw. die Frau den Animus in sich integriert hat und so eine höhere Synthese geworden ist. Mit der Integration löst sich die sich oft sexuell ausdrückende Faszination der Idee auf, sich einem anderen mit komplementären Eigenschaften zu überantworten (19):
”Wer es also nicht vorzieht, von seinen eigenen Illusionen zum Narren gehalten zu werden, wird aus der sorgfältigen Analyse jeder Faszination als Quintessenz ein Stück der eigenen Persönlichkeit herausziehen und langsam erkennen, dass wir in tausend Verkleidungen uns selber auf dem Pfade des Lebens immer wieder begegnen”. Ohne diese Integration kann keine innere Entwicklung erfolgen.
Zurück zu den Archetypen allgemein: Es ist für Jung unerheblich, ob es die Archetypen ”tatsächlich”, also in der ”Wirklichkeit” gibt. Allein durch ihr – anhand von Traumprotokollen nachweisbares - Auftauchen in der Psyche wirken sie. Er lässt die metaphysische Frage nach ihrer Existenz meistens dahingestellt und offen, dürfte ihnen letztlich jedoch eine tatsächliche Existenz zumessen, wie sich aus einer Gesamtschau aller Äußerungen schließen lässt.