2. Kernaussagen und –begriffe
2.1 Das Unbewußte
Das Bewusste taucht aus dem Unbewussten auf und verschwindet wieder darin (1). Das Bewusstsein ist ständigen Schwankungen, Stimmungen, Affekten, dem Vergessen ausgesetzt und unbeständig und verletzlich:
”Nur zu oft weiß die rechte Hand nicht, was die linke tut, und im Affekt vergisst man häufig, wer man ist, so dass die Leute von einem sagen: Ist denn der Teufel in ihn gefahren? Stimmungen ergreifen von uns Besitz und verändern uns, wir können plötzlich Vernunftgründen nicht mehr zugänglich sein, oder wichtige Fakten können spurlos aus unserem Gedächtnis schwinden.” (2). ”Das Ichbewusstsein ist vereinzelt, erkennt Einzelnes, indem es trennt und unterscheidet, und gesehen wird nur, was sich auf dieses Ich beziehen kann. Das Ichbewusstsein besteht aus lauter Einschränkungen, auch wenn es an die fernsten Sternenhimmel reicht.” (3)
Das Bewusstsein ”ist und bleibt der kleinere Kreis, enthalten im größeren des Unbewusste, die Insel, umschlossen vom Ozean” (4). Jung hält den größten Teil der menschlichen Psyche für noch unentdeckt: ”Diejenigen, welche die Existenz des Unbewussten bestreiten, sind sich nicht darüber im Klaren, dass sie in Wirklichkeit annehmen, dass unsere Kenntnis der Psyche vollständig ist und für künftige Entdeckungen kein Raum mehr bleibt. Es ist genau so, als würden sie unseren gegenwärtigen Wissensstand über die Natur zum Gipfel aller möglichen Erkenntnisse erklären” (5).
Für Jung ist das Bewusste eher eine Nebenfolge unserer Existenz. Das Bewusstsein stößt nicht nur nach unten an ein tieferes, sondern auch nach oben an ein höheres, weiseres Unbewusstes. Er schreibt dem Bewusstsein nur eine ”Mittellage” zu. (6)
Jung hält das Unbewusste weder für gut noch böse, sondern für ein neutrales natürliches Phänomen: ”Es umfasst alle Aspekte der menschlichen Natur, Licht und Dunkelheit, Schönes Hässliches, Gut und Böse, Tiefes und Törichtes” (7). Oder an anderer Stelle: ”Das Unbewusste ist kein dämonisches Ungeheuer, sondern ein moralisch, ästhetisch und intellektuell indifferentes Naturwesen, das nur dann wirklich gefährlich wird, wenn unsere bewusste Einstellung dazu hoffnungslos unrichtig ist” (8).
Das Unbewusste ist eine ”seit Urzeiten vererbte Funktionsbereitschaft” (9). Es agiert selbständig und nicht durch das Bewusstsein beeinflusst. Es hat sein eigenes Programm. Dies kann z.B. dadurch geschehen, dass es auf zukünftige Entwicklungen vorbereitet:”Träume bereiten auf bestimmte Situationen vor, kündigen sie an oder warnen vor ihnen, oft lange bevor sie wirkliche Tatsachen werden. Dies ist nicht unbedingt ein Wunder oder eine Vorahnung. Die meisten kritischen oder gefährlichen Situationen haben eine lange Inkubationszeit, nur das Bewusstsein weiß nichts davon” (10).