12. Jung und die Zeit
Einige Jahre, nachdem ich ZeitLeben verfasst hatte, stieß ich auf Jungs Verständnis von Zeit. In seiner Gesamtausgabe ist es ziemlich verstreut, allerdings mit einem gewissen Schwerpunkt in Jungs Autobiographie, die zugleich als Einstieg in Jungs Welt empfohlen werden kann: C.G. Jung: Erinnerungen, Träume, Gedanken, Walter Verlag Zürich, Sonderausgabe 13. Auflage 2003, ISBN 3-530-40734-8.
Vor allem aber verbindet Jung die Erfahrung der Relativität von Zeit der mystischen Überlieferungen mit dem Relativitätsverständnis der Physik des 20. Jahrhunderts. Auch hier wieder schlägt er eine monumentale Brücke, vgl. die Abfolge der folgenden drei Zitate, von der Beschreibung der rein äußeren Welt hin zur inneren Erfahrungswelt:
(1) ”Unsere Begriffe von Raum und Zeit haben eine nur annähernde Geltung und lassen daher ein weites Feld relativer und absoluter Abweichungen offen” (aaO 303).
(2) ”... und wir müssen die Tatsache ins Auge fassen, dass unsere Welt mit Zeit, Raum und Kausalität sich auf eine dahinter oder darunter liegende andere Ordnung der Dinge bezieht, in welcher weder "Hier und Dort”, noch ”Früher und Später” wesentlich sind. Ich sehe keine Möglichkeit zu bestreiten, dass wenigstens ein Teil unserer psychischen Existenz durch eine Relativität von Raum und Zeit charakterisiert ist. Mit zunehmender Bewusstseinsferne scheint sie sich bis zu einer absoluten Raum- und Zeitlosigkeit zu steigern” (aaO 308).
(3) ”Man scheut sich vor dem Ausdruck ”ewig”, aber ich kann das Erleben nur als Seligkeit eines nicht-zeitlichen Zustandes umschreiben, in welchem Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft eines sind. Alles, was in der Zeit geschieht, war dort in eine objektive Ganzheit zusammengefasst. Nichts war mehr in der Zeit auseinandergelegt oder konnte nach zeitlichen Begriffen gemessen werden” (aaO 299).
Jung übt zugleich massive Kulturkritik: Europäer wittern schon, dass sie vom Zeitgott gejagt werden (aaO 243). Sie tauschen Vollständigkeit gegen Suche nach nebelhaften Zielen mit progressiver Beschleunigung ein (aaO 244). Und natürlich gibt es auch für die in ZeitLeben behauptete Überschätzung materieller Werte einen Beleg in Jungs Autobiographie: ”Ich habe oft gesehen, dass Menschen neurotisch werden, wenn sie sich mit ungenügenden oder falschen Antworten auf die Fragen des Lebens begnügen. Sie suchen Stellung, Ehe, Reputation und äußeren Erfolg und Geld und bleiben unglücklich und neurotisch, auch wenn sie erlangt haben, was sie suchten. Solche Menschen stecken meist in einer zu großen geistigen Enge. Ihr Leben hat keinen genügenden Inhalt, keinen Sinn. Wenn sie sich zu einer umfassenderen Persönlichkeit entwickeln können, hört meist auch die Neurose auf. Darum war für mich von Anfang an der Entwicklungsgedanke von höchster Bedeutung” (145). Damit sind wir auch in dem Unterkapitel Jung wieder bei dem Thema von yourlife.info angelangt. Die kreisförmigen Bewegungen schließen sich.
Bibliographischer Hinweis:
Alle Seitenangaben zu den zitierten Originalschriften mit Ausnahme der Autobiographie beziehen sich auf die von Lorenz Jung herausgegebenen, im dtv erschienene ”C.G.Jung-Taschenbuchausgabe in elf Bänden”, 7. Auflage, München 2003, ISBN 3-423-59049-1; um eine selbständige Überprüfung zu erleichtern, werden hauptsächlich Belegstellen aus drei der auch einzeln erhältlichen Bände zitiert.