10. Unterschiede zu anderen psychoanalytischen Schulen
Kann man in Ermangelung eines breiten Jung’schen Angebots nicht auf Analytiker anderer Schulen ausweichen? Sicher in Hinblick auf Therapieziele, jedoch sicher nicht in Hinblick auf das hier behandelte Thema der Lebensausrichtung. Zumindest die Klassiker unter ihnen, die eigene Schulen nach sich gezogen haben, sind dafür zu unvollständig.
Anders als Freud sieht Jung Sexualität nur als ein Motiv unter vielen an: für Jung steht Sexualität noch hinter Hunger, Machttrieb, Ehrgeiz, Fanatismus, Neid, Rache oder ”der verzehrenden Leidenschaft des schöpferischen Impulses und des religiösen Geistes” (1). Dieses breite Spektrum unterscheidet Jung auch von Adler, für den der Begriff der Macht im Zentrum steht. Daneben gibt es natürlich noch viele andere Unterschiede, allen voran das oben dargestellte Konzept von dem zu vervollständigenden ”Selbst”, welches Jung unter Rückgriff auf die Geistesgeschichte als zentral manifestiert. Das damit einhergehende Leitbild rückt Jung (und daneben vielleicht gerade noch Roberto Assagioli) in die Nähe geistiger Schulungen östlicher oder westlicher Herkunft; und versetzt ihn als einziges in die Lage, uns ein Leitbild anzubieten, welches über die Abwesenheit von psychischem Leid hinaus geht.