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Ethik soziologisch
Ethik im Kulturvergleich
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  06.02.2012   
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Ethik soziologisch

Die heutige Zeit birgt im westlichen Kulturkreis eine wohl noch nie da gewesene Wahlmöglichkeit hinsichtlich der Lebensziele und der ethischen Vorstellungen. Diese Feststellung ist banal, und doch wird im Alltag wie in der philosophischen Diskussion häufig so getan, als könne und dürfe es nur eine, die einzig wahre Ethik geben. Dabei gerät außer Acht, dass Werte und Ziele nur bezogen auf eine ganz bestimmte Situation Sinn machen können und nicht ausnahmslos richtig sind.

Ein anderer Teil unserer Zeitgenossen weiß sehr wohl um die Relativität der Werte und Ziele, fühlt sich von der Wahlmöglichkeit jedoch überfordert. Auch diesen Menschen könnte es helfen, Werte und Ziele als nur auf eine bestimmte Situation bezogen sinnvoll zu erachten. Denn sobald diese Erkenntnis verankert ist, analysiert man die eigenen ethischen Wurzeln; und man sucht unter Anknüpfung an diese Wurzeln nach einer sinnvollen zukünftigen Ethik.

Die Zahl der verschiedenen ethischen Profile ist sehr hoch. Sie ist desto höher, je genauer die Analyse betrieben wird. Feststehende Typen (wie früher Hedonist, Philantrop, Asket) kommen immer seltener vor: Immer wieder anders geprägte "Mischtypen" machen schon die Verwendung des Begriffs Typ fragwürdig. Genauso geht es den Soziologen, die die heutige Gesellschaft in Milieus zu klassifizieren suchen: Die Zahl ihrer Milieus nimmt tendenziell von Auflage zu Auflage ihrer Bücher zu.

Als Alternative für ein besseres Verständnis bietet es sich an, die hinter den Typen stehenden Kriterien bzw. ethischen Fragen einzeln zu betrachten und so die Bandbreiten möglicher menschlicher Zielsetzungen und Werte aufzuzeigen. Jedes Kriterium steht dabei grundsätzlich für sich; die Kriterien sind nur selten von einander abhängig. Kriterien sind z.B. die Haltung eines Menschen zu Geld, seinem sozialen Umfeld, zu Religion und Weltanschauung, zu Werten wie Bildung und Lebensbereichen wie Sport. Eine Auflistung von Fragen, welche die Kriterien herausarbeiten, findet sich am Ende des Streifzugs im Fragebogen zur Ethik. Wenn Sie die Liste der Fragen durchlesen, werden Sie sicher des öfteren an den einen oder anderen Menschen aus Ihrem Bekanntenkreis denken, der die eine oder andere Position zu diesen Fragen vertritt. Spannender ist dabei die Frage, warum er oder sie diese Position vertritt: Nicht selten werden Sie mithilfe einiger Nachfragen feststellen, dass es jeweils ganz persönliche Erfahrungen sind, die zu einer bestimmten Auffassung führen. In dem Maß, wie die persönliche Geschichte und die persönlichen Erfahrungen unterschiedlich sind, vertreten die Menschen auch unterschiedliche Auffassungen. Und das hat auch seinen Sinn: Die ethischen Auffassungen, Werte und Ziele sollen nämlich u.a. dafür sorgen, dass frühere Defizite nicht wieder auftreten. Für Menschen, die das Defizit nicht erfahren haben, sind die jeweiligen Werte und Ziele dann schwer nachvollziehbar.

Ein Beispiel: Viele vor dem Zweiten Weltkrieg geborene Menschen in Deutschland haben die Kriegs- und Nachkriegszeit als chaotisch erlebt. Für sehr viele von ihnen ist "Ordnung" der gesellschaftlichen Verhältnisse daher zum Wert geworden. Verständlicherweise haben gerade viele von Vertreibung betroffene Menschen dies zu einem wesentlichen Lebensziel erkoren. Für nachfolgende Generationen in der damals noch nicht wiedervereinigten Bundesrepublik war der Wert Ordnung nicht mehr nachvollziehbar. Auch das ist verständlich: Sie haben keinen Mangel an Ordnung erlebt und sich teilweise sogar durch die Nachkriegs-Ordnung eingeengt gefühlt. Für sie wurde Ordnung manchmal sogar zu einem Unwert.

Ethische Auffassungen, Werte und Ziele können jedoch auch umgekehrt die Funktion haben, positive frühere Erfahrungen zu bestätigen, zu konservieren und zu wiederholen. Wenn ich z.B. ein bestimmtes Familienmuster in meiner Kindheit als glücksbringend erfahren habe, will ich es in der von mir gegründeten Familie wiederholen.

 

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Aktualisiert am: 16.07.2008
 
         
 

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