Ethik
soziologisch
Die heutige Zeit birgt im westlichen Kulturkreis
eine wohl noch nie da gewesene Wahlmöglichkeit hinsichtlich
der Lebensziele und der ethischen Vorstellungen. Diese
Feststellung ist banal, und doch wird im Alltag wie
in der philosophischen Diskussion häufig so getan,
als könne und dürfe es nur eine, die einzig wahre
Ethik geben. Dabei gerät außer Acht, dass Werte und
Ziele nur bezogen auf eine ganz bestimmte Situation
Sinn machen können und nicht ausnahmslos richtig
sind.
Ein anderer Teil unserer Zeitgenossen weiß sehr wohl
um die Relativität der Werte und Ziele, fühlt sich
von der Wahlmöglichkeit jedoch überfordert. Auch diesen
Menschen könnte es helfen, Werte und Ziele als nur
auf eine bestimmte Situation bezogen sinnvoll zu erachten.
Denn sobald diese Erkenntnis verankert ist, analysiert
man die eigenen ethischen Wurzeln; und man sucht unter
Anknüpfung an diese Wurzeln nach einer sinnvollen
zukünftigen Ethik.
Die Zahl der verschiedenen ethischen Profile ist
sehr hoch. Sie ist desto höher, je genauer die Analyse
betrieben wird. Feststehende Typen (wie früher
Hedonist, Philantrop, Asket) kommen immer seltener
vor: Immer wieder anders geprägte "Mischtypen"
machen schon die Verwendung des Begriffs Typ
fragwürdig. Genauso geht es den Soziologen, die die
heutige Gesellschaft in Milieus zu klassifizieren
suchen: Die Zahl ihrer Milieus nimmt tendenziell von
Auflage zu Auflage ihrer Bücher zu.
Als Alternative für ein besseres Verständnis bietet
es sich an, die hinter den Typen stehenden Kriterien
bzw. ethischen Fragen einzeln zu betrachten und so
die Bandbreiten möglicher menschlicher Zielsetzungen
und Werte aufzuzeigen. Jedes Kriterium steht dabei
grundsätzlich für sich; die Kriterien sind nur selten
von einander abhängig. Kriterien sind z.B. die Haltung
eines Menschen zu Geld, seinem sozialen Umfeld, zu
Religion und Weltanschauung, zu Werten wie Bildung
und Lebensbereichen wie Sport. Eine Auflistung von
Fragen, welche die Kriterien herausarbeiten, findet
sich am Ende des Streifzugs im Fragebogen zur Ethik.
Wenn Sie die Liste der Fragen durchlesen, werden Sie
sicher des öfteren an den einen oder anderen Menschen
aus Ihrem Bekanntenkreis denken, der die eine oder
andere Position zu diesen Fragen vertritt. Spannender
ist dabei die Frage, warum er oder sie diese
Position vertritt: Nicht selten werden Sie mithilfe
einiger Nachfragen feststellen, dass es jeweils ganz
persönliche Erfahrungen sind, die zu einer bestimmten
Auffassung führen. In dem Maß, wie die persönliche
Geschichte und die persönlichen Erfahrungen unterschiedlich
sind, vertreten die Menschen auch unterschiedliche
Auffassungen. Und das hat auch seinen Sinn: Die ethischen
Auffassungen, Werte und Ziele sollen nämlich u.a.
dafür sorgen, dass frühere Defizite nicht wieder auftreten.
Für Menschen, die das Defizit nicht erfahren haben,
sind die jeweiligen Werte und Ziele dann schwer nachvollziehbar.
Ein Beispiel: Viele vor dem Zweiten Weltkrieg
geborene Menschen in Deutschland haben die Kriegs-
und Nachkriegszeit als chaotisch erlebt. Für sehr
viele von ihnen ist "Ordnung" der gesellschaftlichen
Verhältnisse daher zum Wert geworden. Verständlicherweise
haben gerade viele von Vertreibung betroffene Menschen
dies zu einem wesentlichen Lebensziel erkoren. Für
nachfolgende Generationen in der damals noch nicht
wiedervereinigten Bundesrepublik war der Wert Ordnung
nicht mehr nachvollziehbar. Auch das ist verständlich:
Sie haben keinen Mangel an Ordnung erlebt und sich
teilweise sogar durch die Nachkriegs-Ordnung eingeengt
gefühlt. Für sie wurde Ordnung manchmal sogar zu einem
Unwert.
Ethische Auffassungen, Werte und Ziele können jedoch
auch umgekehrt die Funktion haben, positive frühere
Erfahrungen zu bestätigen, zu konservieren und zu
wiederholen. Wenn ich z.B. ein bestimmtes Familienmuster
in meiner Kindheit als glücksbringend erfahren habe,
will ich es in der von mir gegründeten Familie wiederholen.