Ethik
im Kulturvergleich
Welche gemeinsamen Elemente lassen sich in Ethiken
verschiedener Kulturen finden? Zunächst gibt es formale,
logische Gemeinsamkeiten. Ethische Systeme arbeiten
mit Verboten und Geboten, die nicht selten durch Ausnahmen
abgemildert und differenziert werden. Ethische Systeme
arbeiten teilweise auch mit Abwägungen sowie mit der
Bewertung von Folgen einer bestimmten Verhaltensweise.
Ganz extrem tut das der Handlungsutilitarismus. Diese
Bewertungen der Nützlichkeit bzw. der Folgen menschlichen
Handelns sind manchmal - und dabei insbesondere beim
Utilitarismus - explizit; meistens sind sie jedoch
nur der versteckte Maßstab für die Aufstellung von
Geboten und Verboten. Das zu erkennen, hilft beim
Verständnis ethischer Systeme. Ein Verbot oder Gebot
entsteht selten aus sich heraus, sondern hat einen
Zweck, nämlich die Auswirkungen menschlichen Verhaltens
auf sich und auf andere zu verbessern. Hat man diesen
Zusammenhang erkannt, kann man leichter die notwendigen
Grenzen bzw. Ausnahmen von Geboten oder Verboten erkennen.
Eine weitere Gemeinsamkeit der übermittelten ethischen
Systeme ist deren Gegenstand. Sie betreffen regelmäßig:
-
das Verhalten gegenüber sich selbst (z.B.
Verbot der Selbstschädigung);
-
das Verhalten gegenüber anderen (Verbot zu
schädigen, meistens auch Gebot zu helfen, wobei dieses
Gebot sich teilweise nur auf die unmittelbare Umgebung
oder Gemeinschaft bezieht);
-
die Gewichtung von Eigen-, Fremd- und Gemeinschaftsinteressen
(weites Spektrum vom absoluten Vorrang der Gemeinschaftsinteressen
bis hin zum Vorrang der Eigeninteressen; meist: Ausgleich
zwischen beidem oder Vorrang der Fremd- und Gemeinschaftsinteressen
als Korrektiv zu dem natürlichen Egoismus);
-
die äußere Lebensführung / der Lebensstil
(sehr unterschiedlich, jedoch mit der gemeinsamen
Empfehlung, Wohlstand nicht überzubewerten; diese
Ge- und Verbote zielen jedoch meist darauf, günstige
Bedingungen für die Einhaltung anderer Ge- und Verbote
zu schaffen, sind also kein Selbstzweck);
-
die innere Lebensführung: Worauf soll ich
meine geistige Aktivität lenken und welche mentalen
Techniken anwenden? Wie soll ich mir mein Leben bewusst
machen? Wie stark soll ich in der Gegenwart leben,
wie stark mich mit der Zukunft oder der Vergangenheit
beschäftigen?
-
Religion und Weltanschauung (weites Spektrum;
z.B. Gebot religiöser Handlungen oder Gebot, sich
in die kosmische Ordnung (Logos / Tao) einzufügen;
teilweise jedoch auch Gebot, sich einer weltanschaulichen
Positionierung zu enthalten).
Wozu kann diese kursorische Auflistung dienen? Zum
einen kann sie dabei helfen, sich eine umfassende
Ethik zu entwickeln, die alle wesentlichen Bereiche
menschlicher Existenz abdeckt. Zum anderen beinhalten
die den Ethiken gemeinsamen Inhalte auch eine Empfehlung:
Sie scheinen sich kulturübergreifend "bewährt"
zu haben. So ist das Gebot zu helfen in fast allen
Ethiken an zentraler Stelle, keineswegs nur in der
christlichen Ethik. Eine tibetisch/buddhistische Weisheit
besagt z.B. sinngemäß: Wenn du unglücklich sein willst,
kümmere dich um dich selbst; wenn du glücklich sein
willst, kümmere dich um andere. Ein zweiter gemeinsamer
Inhalt ist die absolute oder relative Geringschätzung
materieller Güter: Sie lenken von Wesentlicherem ab
und sind wenig dauerhaft. Ein dritter gemeinsamer
Inhalt ist das Gebot, sich seines Lebens und dessen
Vergänglichkeit bewusst zu sein und es deshalb bewusst
zu gestalten.