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Ethik soziologisch
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Ethik biographisch

 

  06.02.2012   
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Ethik biographisch

Die allermeisten Menschen verändern ihre Ethik im Laufe ihres Lebens mehrmals; dies freilich nicht selten unbewusst. Die Anpassung hat regelmäßig auch einen Sinn: Eine frühere ethische Position passt nicht immer auf eine durch die Zeit veränderte Lebenssituation. Einmal gemachte gute oder schlechte Erfahrungen, aber auch Erkenntnisse schlagen sich im Wertekodex eines Menschen nieder. Ein weiterer Veränderungsfaktor spielt insbesondere auf der Ebene der Lebensziele: Erreichte Ziele verlieren nicht selten ihre Faszination. Neue Ziele werden an die Stelle der alten gesetzt und ethisch begründet.

Was folgt daraus für Menschen, die ihre persönliche Ethik suchen oder weiterentwickeln wollen? Nun, sie tun meist gut daran, als ersten Schritt ihre früheren ethischen Vorstellungen, deren Entwicklung und Einflussfaktoren zu beleuchten. Im Idealfall erkennen sie dabei die hinter der Entwicklung stehende Gesetzmäßigkeit. Besonders hilfreich ist es, sich frühere Lebensziele in Erinnerung zu rufen; denn sie bleiben besser im Gedächtnis als abstrakte ethische Prinzipien.

Wie verändern sich Ethik und Lebensziele typischerweise? Das ist Gegenstand der soziologischen Forschung, die darzustellen den Rahmen hier sprengen würde. Nach allgemeiner Meinung sind viele Menschen in ihrer Jugend "idealistisch" und verlieren ihren Idealismus im Laufe der Jahre zugunsten materieller Werte und/oder der Betonung des Familienlebens. Andere Lebensziele werden sukzessive zurückgeschraubt oder verflachen nicht selten nach Eintritt in die Erwachsenenwelt. Viele Beispiele in meinem und sicher auch Ihrem Bekanntenkreis werden dies bestätigen. Gibt es aber nicht auch zahlreiche Beispiele dafür, wie Menschen sich gegen diese typischerweise eintretende Verengung des ethischen Horizonts wehren oder in fortgeschrittenem Alter ein neues ethisches Fundament legen? Ich glaube schon. Man denke nur an das umfangreiche ehrenamtliche, für andere Menschen nützliche Engagement, welches Menschen jeden Alters und aller Gesellschaftsschichten gerade jenseits der Lebensmitte an den Tag zu legen beginnen! Wenn Sie einige Beispiele aus Ihrem Bekanntenkreis Revue passieren lassen, werden Sie bei näherem Hinsehen vielleicht auch die Ursachen für die Entwicklung zu der neuen ethischen Position hin verstehen. Eine feste Typisierung an dieser Stelle ist jedoch nicht möglich: Dazu sind die Menschen und ihre individuellen Geschichten zu unterschiedlich. Halten wir jedoch fest, dass viele Menschen in ihrem Leben mehrere Anläufe unternehmen, um sich ethisch neu zu positionieren und ihr Leben auszurichten. Dies ist also völlig normal.

Ein gemeinsames Element lässt sich beim Vergleich der Entwicklung ethischer Positionen feststellen: nämlich der Zeithorizont, welcher den ethischen Vorstellungen zugrunde liegt. In den allermeisten Fällen hat sich der Zeithorizont der ethischen Positionen über die Jahre hinweg verschoben. Kinder und Jugendliche planen selten über die unmittelbare Zukunft hinaus; sie haben von Natur aus nur eine Ethik für den gegenwärtigen Moment. Als Teil ihrer Erziehung bringen die Erwachsenen ihnen bei, auch darüber hinaus zu planen. Dann verlängert sich der Zeithorizont im frühen Erwachsenenalter: Die gesellschaftlichen sowie die eigenen Erwartungen bzw. Wünsche an die Lebensplanung fördern dies. Lebenszeit wird dabei anfänglich meist noch als unbeschränkt verfügbar empfunden. Irgendwann im Erwachsenenalter - nicht selten mit dem Auftreten der ersten körperlichen Verfallserscheinungen - tritt der eigene Tod und damit die Zeitlichkeit verstärkt ins Blickfeld. Folge davon ist oft der Versuch einer ethischen Neuausrichtung. Diese soll der absehbaren Begrenzung der Lebenszeit besser als die bisherige Haltung Rechnung tragen. Bei dem Prozess der Neuausrichtung treten ab und an ältere, durch das Abstumpfen im Erwachsenenalter verschüttete Ziele, Werte und Positionen wieder hervor.

Wie kann eine solche ethische Neuausrichtung oder auch nur Fortentwicklung praktisch erfolgen? Neben der Analyse der eigenen ethischen Entwicklung (siehe oben) hilft wohl nur das Erproben von Möglichkeiten nach dem Trial-and-error-Prinzip: Man versucht zu erfahren, wie man sich bei der Umsetzung eines bestimmten Zieles, einer bestimmten ethischen Konzeption fühlt und ob bewusste oder unbewusste Wünsche durch die Umsetzung in Erfüllung gehen. Beseitigt die Umsetzung das Gefühl eines Defizits, knüpft es erfolgreich an frühere gute Erfahrungen an oder geht damit ein bewusster oder unbewusster Wunsch in Erfüllung, wird man einen bestimmten Weg weiter verfolgen. Leistet die Umsetzung das nicht, sucht man einen anderen Weg. Dies tun viele Menschen, freilich oft unbewusst und mit dem Gefühl tiefer Unsicherheit. Dabei handelt es sich um einen ganz normalen und natürlichen Vorgang, den man verstärken kann, indem man sich ihn bewusst macht.

Die vorangegangene Analyse der eigenen ethischen Entwicklung erleichtert regelmäßig die Suche nach guten Fortentwicklungsoptionen. Sie erhöht in der Regel die Wahrscheinlichkeit dafür, dass eine angestrebte Fortentwicklung eine Basis hat, Wurzeln schlagen kann und daher positiv wirkt. Sie hilft dabei, das Spektrum möglicher Fortentwicklungen einzugrenzen.

Die Analyse der eigenen ethischen Entwicklung erlaubt manchmal auch eine Prognose zu der Frage, wie die Ethik aussehen wird, die ein Mensch zu einem späteren Zeitpunkt haben wird. Sofern dies möglich ist, sollte es auch getan werden. Denn was nutzt es uns, wenn wir jetzt eine Ethik entwickeln und leben, die wir zu einem späteren Zeitpunkt und womöglich im Angesicht des Todes für völlig verfehlt halten? Sicher hat unsere gegenwärtige Ethik eine Berechtigung. Aber wäre es nicht doch besser ein Leben zu führen, welches nach der jetzigen und unserer zukünftigen Ethik Bestand hätte? Wir sollten daher möglichst unsere mutmaßliche zukünftigen Ethik mitberücksichtigen. Das versucht in Ansätzen der Fragebogen zur Ethik zu fördern, wiewohl er es sicher nicht abstrakt ohne tiefe individuelle Überlegungen erreichen kann.

Der Faktor Zeit muss also in mindestens zweifacher Hinsicht berücksichtigt werden: Einmal in Bezug auf die Entwicklung unserer Ethik in der Vergangenheit, ein anderes Mal in Bezug auf unsere zukünftige ethische Entwicklung. Daneben gibt es einen dritten, noch schwierigeren Aspekt der (Lebens-) Zeit: Zeit ist die wichtigste Ressource, mit Hilfe derer wir unsere Werte und Ziele umsetzen. Möglicherweise beinhaltet erlebte Lebenszeit für uns - dies wäre der vierte Aspekt - einen Wert an sich. Diese beiden letzten Aspekte werden immerhin in Ansätzen im Ethik-Check-Fragebogen beleuchtet. Vor allem aber sind sie Gegenstand des ausführlichsten Teils dieser Website, nämlich www.yourlife.info/zeitleben.


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Aktualisiert am: 16.07.2008
 
         
 

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