Ethik
biographisch
Die allermeisten Menschen verändern ihre Ethik im
Laufe ihres Lebens mehrmals; dies freilich nicht selten
unbewusst. Die Anpassung hat regelmäßig auch einen
Sinn: Eine frühere ethische Position passt nicht immer
auf eine durch die Zeit veränderte Lebenssituation.
Einmal gemachte gute oder schlechte Erfahrungen, aber
auch Erkenntnisse schlagen sich im Wertekodex eines
Menschen nieder. Ein weiterer Veränderungsfaktor spielt
insbesondere auf der Ebene der Lebensziele: Erreichte
Ziele verlieren nicht selten ihre Faszination. Neue
Ziele werden an die Stelle der alten gesetzt und ethisch
begründet.
Was folgt daraus für Menschen, die ihre persönliche
Ethik suchen oder weiterentwickeln wollen? Nun, sie
tun meist gut daran, als ersten Schritt ihre früheren
ethischen Vorstellungen, deren Entwicklung und Einflussfaktoren
zu beleuchten. Im Idealfall erkennen sie dabei die
hinter der Entwicklung stehende Gesetzmäßigkeit. Besonders
hilfreich ist es, sich frühere Lebensziele in Erinnerung
zu rufen; denn sie bleiben besser im Gedächtnis als
abstrakte ethische Prinzipien.
Wie verändern sich Ethik und Lebensziele typischerweise?
Das ist Gegenstand der soziologischen Forschung, die
darzustellen den Rahmen hier sprengen würde. Nach
allgemeiner Meinung sind viele Menschen in ihrer Jugend
"idealistisch" und verlieren ihren Idealismus
im Laufe der Jahre zugunsten materieller Werte und/oder
der Betonung des Familienlebens. Andere Lebensziele
werden sukzessive zurückgeschraubt oder verflachen
nicht selten nach Eintritt in die Erwachsenenwelt.
Viele Beispiele in meinem und sicher auch Ihrem Bekanntenkreis
werden dies bestätigen. Gibt es aber nicht auch zahlreiche
Beispiele dafür, wie Menschen sich gegen diese typischerweise
eintretende Verengung des ethischen Horizonts wehren
oder in fortgeschrittenem Alter ein neues ethisches
Fundament legen? Ich glaube schon. Man denke nur an
das umfangreiche ehrenamtliche, für andere Menschen
nützliche Engagement, welches Menschen jeden Alters
und aller Gesellschaftsschichten gerade jenseits der
Lebensmitte an den Tag zu legen beginnen! Wenn Sie
einige Beispiele aus Ihrem Bekanntenkreis Revue passieren
lassen, werden Sie bei näherem Hinsehen vielleicht
auch die Ursachen für die Entwicklung zu der neuen
ethischen Position hin verstehen. Eine feste Typisierung
an dieser Stelle ist jedoch nicht möglich: Dazu sind
die Menschen und ihre individuellen Geschichten zu
unterschiedlich. Halten wir jedoch fest, dass viele
Menschen in ihrem Leben mehrere Anläufe unternehmen,
um sich ethisch neu zu positionieren und ihr Leben
auszurichten. Dies ist also völlig normal.
Ein gemeinsames Element lässt sich beim Vergleich
der Entwicklung ethischer Positionen feststellen:
nämlich der Zeithorizont, welcher den ethischen Vorstellungen
zugrunde liegt. In den allermeisten Fällen hat sich
der Zeithorizont der ethischen Positionen über die
Jahre hinweg verschoben. Kinder und Jugendliche planen
selten über die unmittelbare Zukunft hinaus; sie haben
von Natur aus nur eine Ethik für den gegenwärtigen
Moment. Als Teil ihrer Erziehung bringen die Erwachsenen
ihnen bei, auch darüber hinaus zu planen. Dann verlängert
sich der Zeithorizont im frühen Erwachsenenalter:
Die gesellschaftlichen sowie die eigenen Erwartungen
bzw. Wünsche an die Lebensplanung fördern dies. Lebenszeit
wird dabei anfänglich meist noch als unbeschränkt
verfügbar empfunden. Irgendwann im Erwachsenenalter
- nicht selten mit dem Auftreten der ersten körperlichen
Verfallserscheinungen - tritt der eigene Tod und damit
die Zeitlichkeit verstärkt ins Blickfeld. Folge davon
ist oft der Versuch einer ethischen Neuausrichtung.
Diese soll der absehbaren Begrenzung der Lebenszeit
besser als die bisherige Haltung Rechnung tragen.
Bei dem Prozess der Neuausrichtung treten ab und an
ältere, durch das Abstumpfen im Erwachsenenalter verschüttete
Ziele, Werte und Positionen wieder hervor.
Wie kann eine solche ethische Neuausrichtung oder
auch nur Fortentwicklung praktisch erfolgen? Neben
der Analyse der eigenen ethischen Entwicklung (siehe
oben) hilft wohl nur das Erproben von Möglichkeiten
nach dem Trial-and-error-Prinzip: Man versucht zu
erfahren, wie man sich bei der Umsetzung eines bestimmten
Zieles, einer bestimmten ethischen Konzeption fühlt
und ob bewusste oder unbewusste Wünsche durch die
Umsetzung in Erfüllung gehen. Beseitigt die Umsetzung
das Gefühl eines Defizits, knüpft es erfolgreich an
frühere gute Erfahrungen an oder geht damit ein bewusster
oder unbewusster Wunsch in Erfüllung, wird man einen
bestimmten Weg weiter verfolgen. Leistet die Umsetzung
das nicht, sucht man einen anderen Weg. Dies tun viele
Menschen, freilich oft unbewusst und mit dem Gefühl
tiefer Unsicherheit. Dabei handelt es sich um einen
ganz normalen und natürlichen Vorgang, den man verstärken
kann, indem man sich ihn bewusst macht.
Die vorangegangene Analyse der eigenen ethischen
Entwicklung erleichtert regelmäßig die Suche nach
guten Fortentwicklungsoptionen. Sie erhöht in der
Regel die Wahrscheinlichkeit dafür, dass eine angestrebte
Fortentwicklung eine Basis hat, Wurzeln schlagen kann
und daher positiv wirkt. Sie hilft dabei, das Spektrum
möglicher Fortentwicklungen einzugrenzen.
Die Analyse der eigenen ethischen Entwicklung erlaubt
manchmal auch eine Prognose zu der Frage, wie die
Ethik aussehen wird, die ein Mensch zu einem späteren
Zeitpunkt haben wird. Sofern dies möglich ist, sollte
es auch getan werden. Denn was nutzt es uns, wenn
wir jetzt eine Ethik entwickeln und leben, die wir
zu einem späteren Zeitpunkt und womöglich im Angesicht
des Todes für völlig verfehlt halten? Sicher hat unsere
gegenwärtige Ethik eine Berechtigung. Aber wäre es
nicht doch besser ein Leben zu führen, welches nach
der jetzigen und unserer zukünftigen Ethik Bestand
hätte? Wir sollten daher möglichst unsere mutmaßliche
zukünftigen Ethik mitberücksichtigen. Das versucht
in Ansätzen der Fragebogen zur Ethik zu fördern,
wiewohl er es sicher nicht abstrakt ohne tiefe individuelle
Überlegungen erreichen kann.
Der Faktor Zeit muss also in mindestens zweifacher
Hinsicht berücksichtigt werden: Einmal in Bezug auf
die Entwicklung unserer Ethik in der Vergangenheit,
ein anderes Mal in Bezug auf unsere zukünftige ethische
Entwicklung. Daneben gibt es einen dritten, noch schwierigeren
Aspekt der (Lebens-) Zeit: Zeit ist die wichtigste
Ressource, mit Hilfe derer wir unsere Werte und Ziele
umsetzen. Möglicherweise beinhaltet erlebte Lebenszeit
für uns - dies wäre der vierte Aspekt - einen Wert
an sich. Diese beiden letzten Aspekte werden immerhin
in Ansätzen im Ethik-Check-Fragebogen beleuchtet.
Vor allem aber sind sie Gegenstand des ausführlichsten
Teils dieser Website, nämlich www.yourlife.info/zeitleben.