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  29.07.2010   
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III. Wie könnte es mit dem westlichen Buddhismus weitergehen?

Wie könnte die (Fort-) Entwicklung des westlichen Buddhismus aussehen? Welche Richtschnur kann man als westlicher Buddhist verfolgen, wenn man sich nicht auf die traditionellen Vermittlungsformen einlassen kann oder will? Oder anders formuliert: welche Voraussetzungen müssten erfüllt sein, damit westliche Menschen leichter Zugang zum Buddhismus finden? Wie wir sehen werden, sind die im folgenden benannten Wegweiser keineswegs neu, sondern nur Benennungen von Entwicklungen, die sowieso schon im Gang sind. Wenn Sie die normative Formulierung als zu prätentiös empfinden, können Sie sie als rein deskriptive Formulierungen umdeuten. Der Prozess der Ansiedlung des Buddhismus im Westen ist natürlich von seinem Umfang her viel zu groß, als dass unsere kleine Homepage einen nennenswerten Beitrag leisten könnte. Die sich abzeichnende Entwicklung auch normativ umzudeuten rückt immerhin den einzelnen wieder in das Blickfeld: Er muss entscheiden, ob und wie er sich zu dem Heimischwerden des Buddhismus im Westen verhält, ob er es wohlwollend oder kritisch sieht und ob er dazu in Teilbereichen einen Beitrag leisten kann und will. Dass dieser Beitrag angesichts der historischen Dimension dieses Prozesses nicht maßgeblich von einem einzelnen Individuum gestützt werden kann, versteht sich von selbst.

Brückenbau über Naturwissenschaften

Der Anteil an Buddhisten unter Naturwissenschaftlern ist überproportional groß. Nur deshalb, weil der Dalai Lama und Co. den Wissenschaftlern als potenzielle Multiplikatoren besondere Aufmerksamkeit schenken? Wohl kaum. Die intellektuelle Affinität westlicher Gelehrter zum Buddhismus ist älter als die Bemühungen buddhistischer Religionsführer in Bezug auf die westlichen Wissenschaftler. Man lese nur Huxley, Heisenberg, Einstein. Indessen ist das Potenzial einer Verständigung zwischen westlichem wissenschaftlichem Weltbild und Buddhismus beileibe nicht ausgeschöpft. Ein gutes, wenn auch Dalai-Lama-devotes Beispiel findet sich in dem Artikel “Time in Mahyamika Buddhism and Modern Physics” von Victor Mansfield, The Pacific World – Journal of the Institute of Buddhist Studies, 1996, www.lightlink.com/vic/time.html . Wer vorher aussteigt, sollte wenigstens das “Summary and Conclusions” lesen: Anderenfalls entgeht ihm, wie der verstorbene Haushund des Autors, Leo, Kernbereiche des Buddhismus illustriert.

Brückenbau über Geisteswissenschaften

Wiewohl auch in den Disziplinen Psychologie, Pädagogik, (vergleichende) Religionswissenschaften seit langem Bezüge zum Buddhismus eingehend studiert werden, ist auch hier noch viel zu tun. Ein mindestens vergleichbares, aber noch weniger ausgeschöpftes Potenzial sehe ich in den Geisteswissenschaften, die sich mit Kunstformen jeder Art beschäftigen. Fast kommt es mir vor, dass Musik- und Literaturwissenschaftler sowie Kunstwissenschaftler mit einer buddhistischen oder ähnlichen Ausbildung viele Werke nicht nur von der Oberfläche her, sondern auch von ihrer “Rückseite” beleuchten könnten. Anders ausgedrückt: Viele aber sicher prozentual ein kleiner Teil der Kunstwerke arbeiten sich in eine Tiefe, die letztlich nichts anderes als Topoi der inneren Befreiung sind. Das wird von den Kulturvermittlern, dem Publikum und vielleicht sogar den Künstlern selber bestenfalls erahnt. Oder bilde ich mir das aufgrund meiner buddhistischen Brille nur ein? Meine Hypothese ist, dass ein überproportional großer Teil der als wegweisend empfundenen Kunst starke innere Bezüge zu einer Lehre der inneren Befreiung im weiteren Sinne (also nicht nur Buddhismus) aufweist. Test it.

Die Geschichte der Buddhismus-Rezeption beleuchten

Die Dauer und die Vielschichtigkeit der Buddhismus-Rezeption im Westen wird gemeinhin unterschätzt. Ab der portugiesischen Eroberung Asiens ist sie indessen ziemlich genau belegt. Es ist kaum möglich, den Buddhismus im westlichen Sinne wirklich neu zu sehen. Man gerät bei genauerer Betrachtung fast zwangsläufig in das Fahrwasser irgendwelcher Pioniere. Der Hauptzweck des Studiums der Buddhismus-Rezeption ist indessen, Interpretationsfehler der Vergangenheit zu vermeiden.

Buddhistische Pädagogik und die Anpassung des Buddhismus an unterschiedliche Kulturen studieren

Ein idealerweise nicht nur theoretisches Studium der kulturellen Anpassung hilft dabei, die letztlich rein methodische Essenz des Buddhismus zu erkennen. Zugleich weckt es tieferes Verständnis für die Möglichkeiten, Gefahren und Grenzen der kulturellen Anpassung, aber auch die buddhistische Pädagogik. Seit dem historischen Buddha zeichnet den Buddhismus eine bestimmte Pädagogik, Vermittlung aus. Siddhi B. Indr benennt z.B. in seinem zur Zeit im Internet-Orkus verschwundenen Artikel “The Buddha’s Methodological Approaches for Teaching and Learning” fünf Elemente: 1. “Gradual Approach”, also eine nach Schwierigkeit gestaffelte Vermittlung von Inhalten; 2. “Approach of Adaptation”: die Lehre dem kulturellen Hintergrund der Zuhörer anpassen, also z.B. schon bekannten Begriffen eine neue, buddhistische Bedeutung zu unterlegen; 3. “Illustrative Approach”: Ähnlichkeiten, Analogien, Parabeln und generell Bilder sind kennzeichnend; 4. “Analytical Approach”; 5. “Experimental Approach”: der Schüler möge (selbst vom Buddha) gehörtes nicht positiv oder negativ bewerten, sondern durch eigene Erfahrung überprüfen; diese Erfahrung gilt als Voraussetzung selbst für das Wissen von Befreiung; Analyse allein genügt nicht. Lesen übrigens auch nicht: Die Bedeutung von Texten erschließt sich teilweise erst mit dem Verständnis der praktischen Bedeutung von Texten in der traditionellen buddhistischen Ausbildung (vgl. Christian Coseru in “Sudden/Gradual Approaches to Enlightenment in Indian Mahayana Buddhism ...”).

Auf Ausgrenzungsversuche traditioneller Schulen nicht reagieren

Es gibt selbst im Spektrum buddhistischer Schulen immer wieder Versuche, andere Schulen und Meinungen trotz zum Teil nur minimaler Abweichung zu bekämpfen. Üblicher Vorwurf: Abkehr vom buddhistischen Weg zur Erleuchtung. Es hat in der Geschichte immer wieder Versuche gegeben, einen Kanon buddhistischer Lehren aufzustellen. Indessen führten diese Versuche nur zu Spaltungen und teilweise heftigen Auseinandersetzungen. Noch aus jüngster Zeit wird über solche selten sogar tödlich verlaufenden Auseinandersetzungen berichtet. Beispiele für Ausgrenzungsversuche finden sich selbst im Spektrum des westlichen Buddhismus, wie wir gesehen haben. Derartige Auseinandersetzungen sind indessen meistenteils müßig. Sie beruhen meistenteils auf Machtkämpfen und/oder theoretischen Fixierungen. Entscheidend ist im Buddhismus nicht die theoretische Untermauerung und noch weniger die ausgeübte Macht, sondern – insofern pragmatisch-utilitaristisch - die positive Wirkung in Richtung Befreiung/Erleuchtung.

Eine Ethik der Nicht-Missionierung kultivieren

Einer landläufigen Meinung zufolge zeichnet den Buddhismus im Vergleich zu anderen Religionen aus, dass er keine Missionierung betreibt. Zutreffend ist indessen nur, dass die buddhistischen Schulen tendenziell weniger aggressiv um Anhänger werben. Man sollte jedoch zur Kenntnis nehmen, dass einige hundert tibetische Lehrer gezielt auf ihren Einsatz im Westen vorbereitet und sodann hierher geschickt wurden. Innerhalb der westlichen Bevölkerungen werden gezielt Wissenschaftler und andere potenzielle Multiplikatoren angesprochen. Deshalb dürfte die landläufige Meinung nur dann zutreffen, wenn man unter Missionierung nur Bekehrung unter Einsatz von Gewalt versteht.

Umso wichtiger ist, dass Vertreter eines westlichen Buddhismus auf aggressive Praktiken verzichten. Die Grenze zu einem legitimen Hinweisen auf Lehrangebote ist im Einzelfall natürlich nicht leicht zu ziehen. Die Grenze ist jedenfalls dann überschritten, wenn andere geistige Angebote offen oder versteckt herabgewürdigt werden. Umgekehrt ist eine strategische Vorgehensweise als solche dann nicht zu verurteilen, wenn sie nur darauf zielt, das geistige Schulungsangebot ohne falsche Versprechungen und ohne Herabwürdigung anderer Strömungen bekannt zu machen. Spätestens bei der ersten Begegnung mit einem Interessenten sollte man auf Voraussetzungen, Grenzen sowie Risiken und Nebenwirkungen des geistigen Schulungsangebots hinweisen.

Fixierung der buddhistischen Lehre vermeiden

Manchmal führen Abgrenzung und Machtkämpfe zu einer Verfestigung oder sogar Erstarrung einer geistigen Lehre. Manchmal jedoch auch andere Faktoren. Wenn buddhistische Linien sich dogmatisch verfestigen, verstoßen sie zugleich gegen die letztlich nur methodische Essenz des Buddhismus. Scott David (aaO, S. 11 der Druckversion) schreibt als Konkretisierung des allenthalben zu findenden Gebots, die buddhistische Lehre (Dharma / Dhamma) nicht mit Begriffen und Zeichen zum Gegenstand von Anhaftung zu machen: “However, it should be remembered that the absolute of the truth was not static “correspondence”, absolute ontological objects or levels, but rather was the operation, or process, of emptiness.” Das ist es, was wir in dem Ratgeber als “Dekonstruktion” bezeichnet haben. In gleicher Weise lässt sich über ethische Gebote des buddhistischen Spektrums reden (s. aaO S. 3, 9, 12).

Toleranz gegenüber mystischen Weltbildern wahren

Auch wenn man sich um einen westlichen, aufgeklärten, wissenschaftlichen und unmystischen Zugang zum Buddhismus bemüht, sollte man andere Weltbilder anerkennen. D.h. anerkennen, dass sie für bestimmte Menschen wahrscheinlich besser sind. Mystischen Weltbilder haben ja auch größtenteils eine in bestimmten Bereichen größere “Erklärungsmächtigkeit”: Sie können beobachtete oder vermutete Elemente erklären, die in einem westlichen, wissenschaftlichen, aufgeklärten Weltbild keine Basis haben. Häufig werden durch mystische Parabeln beschriebene Phänomene zunächst von dem aufgeklärten Weltbild negiert, sodann langsam zur Kenntnis genommen, sukzessive erforscht und dann in das aufgeklärte Weltbild integriert. Diese Entwicklung ist auch in Bezug auf den Buddhismus und parallele Befreiungslehren nicht abgeschlossen. Hochmut ist daher nicht angebracht.

Unterschiede zu New-Age-Angeboten entspannt benennen

Viele esoterische Angebote der New-Age-Bewegung speisen sich aus Hinduismus und Buddhismus. Bei näherer Betrachtung gibt es jedoch immer drei Arten von Abweichungen:

  • Unvollständigkeit: im Buddhismus mit behandelte Aspekte der menschlichen Existenz werden von dem New-Age-Angebot nicht abgedeckt.
  • Hinzufügen weiterer Elemente: oft werden metaphysische Annahmen gemacht, die aus dem breiten buddhistischen Spektrum fallen.
  • Überbewertung und dogmatische Fixierung einzelner Elemente: Während in buddhistischen Schulungen immer mehrere Elemente ineinander greifen und weitere Elemente anderer Schulen als nützlich angesehen werden, beschränken sich viele New-Age-Angebote auf einen inhaltlichen oder methodischen Aspekt (wie z.B. “Lichtarbeit”). Dieser Aspekt soll dann allein zu einem Ziel führen, welches meist ein Teilziel des buddhistischen Weges ist.

Auch hier wieder sollte man auch die Berechtigung solcher Angebote anerkennen. Nicht jeder kann sich Zugang zu dem umfassenden Umbildungsprogramm Buddhismus verschaffen und besitzt die für diesen Weg meist erforderliche Langatmigkeit. Andererseits sollte man ruhig auf die Vorteile einer breiteren Verankerung der Schulung im Buddhismus hinweisen. Diese befördert eine tiefere und dauerhaftere Verinnerlichung. Ohne dabei ein einziges Element dogmatisch zu überhöhen.

Personenkult vermeiden

“Wenn Du auf Buddha triffst, überwinde ihn!”, sagte der Begründer des Buddhismus in China und mittelbar in Japan sowie Korea, Boddhidharma. Der Satz ist Jahre alt. Er spiegelt auf das Klarste einige Äußerungen des historischen Buddha selbst wieder. Und dessen Lebensgeschichte: Schließlich hat der historische Buddha vor seiner “Erleuchtung” mehrere Jahre lang die besten Lehrer seiner an Religionsführern reichen Zeit persönlich aufgesucht, um sie letztlich zu überwinden. Überwinden sollte dabei nicht aggressiv als “besser wissen als” oder gar “besiegen” verstanden werden. Es reicht und trifft es viel besser, den jeweiligen Lehrer nicht mehr zu brauchen (und sich durchaus dankbar an ihn zu erinnern). Bis man einen Lehrer überwunden hat, braucht es meist sehr lange. In dieser Zeit bestehen zwei Gefahren: dass man ihn zu sehr verehrt, also einen Personenkult entwickelt; und dass man umgekehrt seine geistige Überlegenheit nicht anerkennt, also seinen Fingerzeigen nicht folgt, wiewohl man es besser täte.

Starre Organisationsstrukturen vermeiden

In geistig arbeitenden Organisationen besteht folgendes Grundproblem: Einerseits unterscheiden sich die Menschen hinsichtlich des Grades ihrer Einsicht, ihres Verständnisses von geistigen Phänomenen. Andererseits führt ein auf dieser Erkenntnis basierendes Machtgefüge oft zu einer extrem starken Machtkonzentration auf eine oder einige wenige Personen. Das kann zu Machtmissbrauch und auch sub-optimalem Management führen. In so geführten Organisationen habe ich beobachtet: In der Anhängerschaft abrufbereites Wissen wird nicht genutzt, ja ist nicht einmal bekannt. Die Organisationen dümpeln eher im Verborgenen vor sich hin. Ihre Mitglieder und manchmal auch die geistigen Führer fragen sich, warum sie so wenig Aufmerksamkeit erzielen, obschon sie doch so viel an Inhalten zu bieten haben. Andere, teilweise auch traditionelle Organisationen trennen hingegen mit großem Erfolg geistige und organisatorische Funktionen und weisen diese verschiedenen Personen zu – je nach Fähigkeit versteht sich. Ob das Splitting durch Delegation “von oben” oder durch demokratische Prozesse “von unten” oder durch eine Mischform geschieht, ist für den Erfolg nach meiner Beobachtung eher zweitrangig. Wobei die Zuweisung von Funktionen “von unten nach oben” einerseits mehr Aufwand bedeutet, andererseits der heutigen westlichen Zivilgesellschaft entgegen kommen würde. Ob das eine oder andere für den einen oder anderen Bereich günstiger ist, kann man letztlich nur in Anbetracht der konkreten Verhältnisse in der Organisation sowie der dort zu Engagement bereiten Personen beurteilen. Da sich Verhältnisse und Personen ständig wandeln, sollte man organisatorische Starrheit vermeiden.

Traditionelle buddhistische Ausbildungen durchlaufen

Je mehr Menschen aus dem Westen traditionelle buddhistische Ausbildungen durchlaufen, desto mehr Menschen werden in Kenntnis traditioneller Ausbildungen die Notwendigkeit der Entwicklung eines den hiesigen kulturellen Gegebenheiten angepassten Buddhismus verstehen und gleichzeitig die Voraussetzungen für eine Unterstützung dieser Entwicklung mitbringen und insbesondere erkennen, wo der buddhistische Weg verlassen wird – eine erhebliche Gefahr! Wenn Menschen dabei ihr Bedürfnis nach einem westlich geprägten Buddhismus verlieren und mit traditionellen Lehrangeboten glücklich werden, um so besser; westlicher Buddhismus ist ja schließlich kein Selbstzweck. Aber ohne die Entwicklung eines “westlichen” Buddhismus bleibt Buddhismus als nicht einzige, aber wichtige Lehre zur Befreiung von Leid eben für weit weniger Menschen erreichbar als mit. Darum geht es. Um nicht mehr und nicht weniger. Arbeiten Sie an dieser Baustelle mit!

P.S.: Ich weiß, diese schriftlich ausgedrückte Gedanken zur Fortentwicklung des Buddhismus in einem neuen kulturellen Umfeld sind für diejenigen Leser ein Tabu-Bruch, die nur eine bestimmte Ausprägung des Buddhismus kennen und diese absolut setzen. Die mit dem Text für diese Leser einhergehende Verletzung ihrer religiösen Gefühle bedauere ich, nehme sie jedoch in Kauf. Es ist aber wichtig zu erkennen, dass Buddhismus sich wie schon oft in der Geschichte in einem notwendigen und offenen Anpassungsprozess befindet, dessen Ausgang noch nicht ausgemacht ist (siehe dazu z.B. erneut Stephen Batchelor, “The Lessons of History”). Und der zwar einerseits über uns rollte, dessen Teil wir jedoch auch sind und den wir also auch in bescheidenem Umfang mit gestalten. Ich vermute und hoffe, diese doppelte Erkenntnis hätte dem historischen Buddha gefallen.

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Aktualisiert am: 16.07.2008
 
         
 

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