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  06.02.2012   
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Eine Rezension zu:

“Göttinnen, Dakinis und ganz normale Frauen” von June Campbell

Auf den ersten Blick ist es ein Skandalbuch. Die Autorin und langjährige Übersetzerin eines höchst geachteten, mittlerweile verstorbenen Lehrers der Kagyü-Sekte wirft diesem vor, ihre Abhängigkeit von ihm ausgenutzt zu haben. Sie sei gedrängt worden, eine heimliche Konkubine des schon betagten Mönches zu werden. Derartige Geschichten seien keineswegs selten. Die Nöte der davon betroffenen Frauen seien extrem, zumal es um blanke, männlich bestimmte Sexualität gehe – keine Spur von der einstmals gleichberechtigten Energieaustausch der alten indischen Tantra-Lehre. Die betroffenen Frauen werden zur Geheimhaltung genötigt. Eine zweite, noch jüngere Konkubine sei mit zwanzig Jahren an Herzschlag gestorben.

Auf den zweiten Blick sieht man eine Frau, die ihre eigene leidvolle Geschichte aufarbeitet und nur nebenbei einen Blick hinter die Kulissen des vielfach bewunderten Systems des tibetischen Buddhismus einschließlich seiner gesellschaftlichen Verzweigungen gewährt. Auf den dritten Blick ist “Frauen, Dakinis und ganz normale Frauen” eine psychoanalytisch und feministische Religionsgeschichte um den Knoten tibetischer Buddhismus herum.

Warum ist der tibetische Buddhismus ein Knoten? Weil sehr viele religionsgeschichtliche Verzweigungen über die tibetische Vorläuferreligion Bön in die indische Missionierung Tibets eingeflossen sind, so wie auch heidnische Heilige und Gebräuche vom Christentum eingemeindet wurden. Entgegen der Meinung tibetischer Lamas belegt Campbell die schon von Mircea Eliade vertretene These, dass der tibetische Buddhismus vor-buddhistische Glaubenselemente enthält. Campbell verfolgt die Spuren der tibetischen Gottheiten und Buddha-Emanationen weit zurück. Dabei stellt sie fest, dass sie in der Mehrzahl Göttinen waren, also mit dem Entstehen des tibetischen Buddhismus einer Geschlechtsumwandlung unterzogen wurden. Die ursprünglichen, teilweise Jahrzehnte alten Göttinen verschwanden zugleich oder schlüpften in die Rolle der Gefährtinnen der neu geschaffenen männlichen Gottheiten. Diese Degradierung hatte System; diente sie doch der ideologischen Unterfütterung des Kampfes gegen Reste durch Frauen bestimmter Kultur, meint Campbell. Sie kommt zu dem Schluss: “Frauen, die hoffen, innerhalb dieses Systems” (des tibetischen Buddhismus, Anm. des Rezensenten) “Unterstützung bei ihrer Suche nach weiblicher Identität zu finden, möchte ich sagen, dass sie diese vergeblich suchen werden.”

Auch wer dies für feministische Überdrehtheit hält, möge das Buch der biederen Universitätsdozentin weiter lesen und gegenprüfen; selbst als Mann, denn Männer sind durch das vermittelte Weltbild und insbesondere die mit dem institutionalisierten Wiedergeburts-System verbundene Unterwerfungshaltung gegenüber den Lamas, die meist eben nicht nur als spirituelle Freunde gesehen werden, genauso betroffen. Und selbst die sich westlich gebenden Linien des Buddhismus laufen Gefahr, die Strukturen zu kopieren.

Campbell fügt ein Puzzle zusammen, was nur so und nicht anders zusammen passt und ein Erklärungsmuster für anders nicht zu erklärende Besonderheiten des tibetischen religiös-gesellschaftlichen Systems liefert – und zugleich als Spiegel zur Beurteilung anderer buddhistischer Schulen dienen kann (denn der tibetische Buddhismus ist natürlich nicht der einzige, dessen Inhalt und Macht von Männern kontrolliert wird). Was kennzeichnet das tibetisch-buddhistischen System der Wiedergeburt von sogenannten Tulkus? Dass es im Gegensatz zu subtileren Wiedergeburtslehren, mögen sie die Wiedergeburt als Fortwirken von Tendenzen und Handlungen oder auch tatsächlich als das erneute In-die-Welt-Kommen derselben Personen sehen, der Festigung von geistiger und weltlicher Macht dient; und dass Frauen darin so gut wie nicht vorkommen. Warum müssen die Kleinkinder, die als hohe Wiedergeburten angesehen werden, von ihrem Müttern und Schwestern getrennt werden? Weil anderenfalls eine “Verunreinigung” der spirituellen Ausbildung droht. Welche Auswirkungen hat diese Trennung auf die jungen Tulkus? Traumatische, wie sie an Gedichten von Chögyam Trungpa (dem Begründer der Shambhala-Linie) zeigt. Wie äußern sich die Traumata später? In einem unnatürlichen und gespaltenen Zugang zu Frauen: einerseits als Unreine und Hindernis, andererseits als unumgängliches Instrument (!) zur Erlangung der höchsten spirituellen Stufen (im Tantra). Wozu dient das Ganze? Dem Machterhalt männlicher Lamas. Warum ist der Lamaismus im Westen so attraktiv? Weil er die von dem Wegfall des christlichen Vaters und die Entthronung des Patriarchen verursachte Lücke füllt. Vor allem aber stellt Campbell die Frage: Woran liegt es, dass im tibetischen Buddhismus anders als in anderen Linien seit mehreren Hundert Jahren so gut wie keine berühmten weiblichen Lamas aufgetaucht sind und keine weiblichen Übertragungslinien existieren? Diese von ihr auch für die Zukunft skeptisch beantwortete Frage sollte eigentlich nicht sie, sondern tibetisch-buddhistische Lamas uns beantworten. Sie dürften es ausnahmsweise schwer haben, einen unbefangenen Zuhörer zu überzeugen; und vielen sonstigen buddhistischen Lehrern ginge es ähnlich.

Campbell entwirft ein filigranes Netz kultureller, gesellschaftlicher und psychischer Bezüge. Sie analysiert die Situation des tibetischen Buddhismus gemessen an ihrem persönlichen Leid maßvoll und weise, blickt allerdings eher skeptisch in die Zukunft: Entweder der tibetische Buddhismus schafft eine Öffnung, lässt das Tulku-System hinter sich sowie geschlechtsspezifische Differenz zu und überwindet seine Männerherrschaft sowie die Frauen benachteiligende Metaphorik; oder aber er rutscht – gerade in der Diaspora – in ein Randgruppendasein; denn auf Dauer wird die westliche Gesellschaft sich nicht nur vom tibetischen Buddhismus als Vater- und Kirchenersatz faszinieren lassen, sondern diesen auch hinterfragen. Bis dass sich der tibetische Buddhismus im Westen entscheidet, sollten hiesige Frauen und Männer, gerade wenn sie wie der Rezensent die einmalig reiche geistige Tradition des tibetischen Buddhismus schätzen, über dessen Rückseite Bescheid wissen. Nur so können sie negative Nebenwirkungen herausfiltern und zugleich vielleicht sogar den Weg für eine “kulturkritische Rezeption des tantrischen Buddhismus heute im Westen” bereiten; für die übrigens das besprochene Buch auch nach Auffassung von Silvia Wetzel, der Leitfigur für die Aufarbeitung frauenspezifischer Aspekte im deutschsprachigen Raum, “ein Meilenstein” ist.

 

“Göttinnen, Dakinis und ganz normale Frauen”

von June Campbell

Theseus Verlag, Berlin 1997, ISBN 3-89620-117-4

Die englische Originalausgabe erschien unter dem Titel “Traveller in Space” bei The Athlone Press, London.

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Aktualisiert am: 16.07.2008
 
         
 

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