II. Anknüpfungspunkte des Buddhismus im Westen
Pragmatismus als Brücke?
Die Versuchung ist groß, sich Buddhismus als pragmatisch-utilitaristische Ethik zu verbildlichen. Denn es gibt viele Gemeinsamkeiten: Keine strikten ethischen Regeln (3, 9, 12), beide grenzen sich von stark kategorisierenden Philosophien ab, stützen sich auf Erfahrung, metaphysische Fragen werden nur teilweise einer Antwort für würdig gehalten. Entsprechende Literaturhinweise finden sich u.a. bei Siddhi B.Indr (“Pragmatical Significance of Buddhism”). Indessen warnt schon Meter Ames Mitte der 50er Jahre vor einer platten Gleichsetzung, dies am Beispiel “ Zen and Pragmatism” (Philosophy East and West, Vol. 3, No. 1. Ähnlich auch Scott David in seinem Artikel “Buddhist functionalism – instrumentality reaffirmed”, Asian Philosophy Vol. 5 No. 2, Oct. 1995, http://ccbs.ntu.edu.tw/FULLTEXT/JR-ADM/scott.htm. Wie auch Christian Coseru in “Sudden/Gradual Approaches to Enlightenment in Indian Mahayana Buddhism ...” meint David: Schon zu viele –ismen habe man mit dem Buddhismus gleichgesetzt – letztlich vergeblich und unzutreffend. Statt dessen empfiehlt David, Buddhismus funktional zu verstehen: Buddhismus tut und behauptet genau das (und nicht mehr), was der Befreiung der Menschen dient. Dies sei der Grund dafür, dass der Buddhismus sich der bildhaften Sprache bestimmter Kulturen bediene und auf metaphysische Fragen nicht antworte, wenn es für die Erleuchtung/Befreiung nicht notwendig ist. Ergänzend dazu sagt Coseru, dass Buddhismus-Exegeten sogar ein eigenes “soteriologisches” (auf Erleuchtung gerichtetes) Vokabular postulieren.
Der von David zutreffend beschriebene Buddhismus ließe sich als eine Variante des pragmatisch-utilitaristischen philosophischen Spektrums sehen, wenn man die buddhistische Befreiung als legitimes Ziel dieses Spektrums ansieht. Das Ziel des Buddhismus ist also eine Teilmenge der zulässigen Ziele. Genauso dürfte die Bedeutung des Wortes funktionalistisch nach David sich in den allermeisten Definitionen von pragmatisch wiederfinden. Buddhismus ist somit eine “mind culture” (Geistes-, Wahrnehmungs- und Selbsterfahrungskultur), die pragmatisch/funktional ein Ziel verfolgt, welches sich im utilitaristischen Spektrum wiederfindet. Umgekehrt ist natürlich nur ein kleiner Teil der pragmatisch-utilitaristischen Philosophien dem Buddhismus zuzurechnen.
Das ist aber erst die halbe Miete: Welche Elemente kommen denn hinzu, die den Buddhismus aus dem pragmatisch-utilitaristischen Spektrum herausheben? Auch darauf versucht David eine Antwort. Er sieht Bezüge zum Existenzialismus, vor allem aber zu jener Philosophie des Fließens und der Freiheit von feststehenden Definitionen und starren Theorien, wie sie im Osten von Nagarjuna und im Westen als Mindermeinung von Heraklit, Whitehead, Hartshorne und Dewey vertreten werden. Eine andere Antwort auf diese Frage deutet Mark Siderits in seinem Aufsatz “A note on early Buddhist theory of truth” (Philosophy East and West 29, no. 4, october 1979) an. Er sieht den frühen Buddhismus dem üblichen Stand der damaligen indischen Philosophie von einer einfachen Korrespondenztheorie geprägt, in den utilitaristische bzw. pragmatische Elemente einfließen. Nur die Fragen werden einer Erkenntnis für würdig angesehen, deren Beantwortung in gewissem Umfang nur zugelassen, was zugleich der Erleuchtung dient bzw. das Leiden mildert, meint Siderits; dies ist ein utilitaristisches Element. Auch sei der historische Buddha bestrebt gewesen, fruchtlosen Spekulationen aus dem Weg zu gehen; dies ist ein rein pragmatisches Element, welches ebenfalls auf das alleinige Ziel der der Erleuchtung und der Befreiung von Leid abzielt. Damit kommen wir der Sache, glaube ich, sehr nah: Buddhismus ist pragmatisches und utilitaristisches Denken genauso wie alles andere an sich egal. Er befleißigt sich jedoch dieses effizienten Denkens, um das für ihn allein gültige Ziel, Erleuchtung und Befreiung von Leid zu erreichen.
Wenn man dies verstanden hat, vermeidet man eine ganze Reihe von Missverständnissen im Dialog mit dem Buddhismus. Man versteht, dass es Buddhismus nicht um Erkenntnis an sich gehen kann. Es kann im strengen Sinne daher auch keine buddhistische Philosophie geben, denn jeder Erkenntnisprozess ist von vornherein zweckgeleitet. Kann es vor diesem Hintergrund einen echten Dialog westlicher Wissenschaft mit dem Buddhismus geben?
Westliche Wissenschaft und (tibetischer) Buddhismus
Es gibt eine Reihe im Internet publizierter Tagungsergebnisse zum Dialog zwischen Buddhismus und westlicher Wissenschaft, insbesondere Physik und Neurologie. Der Dalai Lama nimmt in diesem Dialog eine zentrale Rolle ein (siehe www.mindandlife.org und www.investigatingthemind.org ). Einen seiner westlichen Schüler, und vermutlich nicht nur diesen, hat er nach abgebrochener wissenschaftlicher Ausbildung und abgeschlossener buddhistischen Ausbildung mit dem Ziel zurück in den Westen geschickt, den Dialog zu fördern. Aber ist es denn ein Dialog? Oder fungieren die Wissenschaftler einseitig als Multiplikatoren für den Buddhismus? (Hier wie anderenortes geht es natürlich nicht um eine moralische Bewertung, sondern Aufklärung von Zusammenhängen.)
Je mehr ich über entsprechende Seminare und Tagungen lese, desto stärker wird mein Eindruck: Es gibt keinen echten Dialog der westlichen Wissenschaft mit dem tibetischen Buddhismus. Der Buddhismus ist im Kern nicht an einem Dialog interessiert, der über den Austausch von Informationen hinaus geht. Er ist nicht bereit, seine Essenz in Frage zu stellen; es geht ihm nicht abstrakt um deskriptives Wissen, sondern pragmatisch/funktional und damit normativ um Befreiung und Erleuchtung. Allerdings verzichten gelegentlich buddhistische Lehrer unter dem Eindruck wissenschaftlicher Erkenntnisse auf Verbildlichungen, die mit diesen Erkenntnissen nicht zu vereinbaren sind (ganz extrem: die Erde als Scheibe). Sehr wohl aber werden westliche Erkenntnisse als Bestätigung alter buddhistischer Thesen herangezogen.
Wird das auch so von anderen Autoren gesehen? Teils teils. Nehmen wir ein Beispiel: Victor Mansfield aaO lobt den Dalai Lama für seine erklärte Bereitschaft, die Wiedergeburtslehre aufzugeben, wenn (und nur wenn) definitiv bewiesen ist, dass es keine Wiedergeburt gibt. Aber kann es einen solchen definitiven Beweis überhaupt geben? Und dieser Beweis soll auch gleich das ganze Spektrum der Wiedergeburtslehren inklusive derjenigen widerlegen, die nur “fortwirkende Tendenzen” behaupten? Die Welt, in der dies geschieht, müssen wir uns vermutlich noch erfinden. Und erinnern wir uns daran, was der ebenfalls schon erwähnte Scott David schreibt: “Buddhism has thus allowed an open frontier between its own Dharma and animistic beliefs, this frontier has always been firmly controlled from the Buddhist side.” Was lässt uns im Westen glauben, dass der traditionelle Buddhismus mit den westlichen kulturellen Gegebenheiten anders verfahren will? Und warum sollte er es denn auch? Sein historischer Erfolg lässt jeden Gedanken an einen echten Austausch unter Gleichen vermessen erscheinen. Das sollte man den buddhistischen Religionsführern nicht aus westlichem Stolz verübeln, sondern einfach nur zur Kenntnis nehmen. Gerade, wenn man sich an dem Dialog beteiligt. Andere Autoren sehen den Dialog denn auch nüchterner.
Aber was, wenn die Vertreter des Buddhismus mit ihrer Überlegenheit suggerierenden Haltung letztlich Recht hätten? Es mag ja sein, dass es unseren Stolz verletzt, wenn die buddhistischen Religionsführer den Dialog mit Wissenschaftlern nur für ein Mittel zur Verbreitung des Buddhismus halten. Aber können wir ausschließen, dass wir mit jeder Verfeinerung unserer wissenschaftlichen (dabei insbesondere physikalischen und neurowissenschaftlichen und dabei insbesondere Bewusstseins-) Theorien einen weiteren Schritt eines infiniten Regresses vollziehen, der früher oder später zu der Einsicht führt, dass es keinen getrennten Beobachter und daher auch keine wissenschaftliche Erkenntnis gibt? Dass uns jedes Wissen zwischen den Beobachtungsebenen zerrinnt? Dass wir uns also letztlich dem buddhistischen Weltbild infinitesimal annähern? Dass Wissenschaft wie jedes andere Beobachten Shunyata (Leere) ist (vgl. Ames aaO)? Dass zwischen westlicher Wissenschaft und dem Buddhismus ein Hase-und-Igel-Spiel stattfindet? Und gütig lächelt der Dalai Lama ...
Wer trotzdem noch nicht den Glauben verloren hat: Eine nette, wenn auch nicht immer ernst zu nehmende Link-Sammlung zum Thema Physik und Buddhismus findet sich unter: http://www.drmenlo.com/abuddha/physics.html. Außerdem empfehlenswert: http://www.shin-ibs.edu/pdfs/pwj3-4/01PN4.pdf sowie http://ccbs.ntu.edu.tw/FULLTEXT/cf_eng.htm und http://www.purifymind.com/BS.htm mit sehr guten weiterführenden Texten/Links ; eine echte Fundgrube.
Westliche Erkenntnistheorie und Buddhismus
Etwas weniger skeptisch kann man das Verhältnis von Buddhismus zu westlicher Erkenntnistheorie sehen. Hier gibt es neuerdings doch eine Reihe von Bezügen: Es schwant – vielleicht parallel zu den Fortschritten der Gehirnforschung - immer mehr Erkenntnistheoretikern: Es kann kein neutrales Beobachten geben. Vielmehr ist das Beobachten immer Teil des zu beobachtenden Geschehens. Erkenntnis ist also ein selbstreferenzieller, auch autopoietisch genannter Prozess. Ein Editorial von David Lidov in der Semiotic Review of Books erwähnt in diesem Zusammenhang H. Maturana, Francisco Varela und Richard Rorty. Letzterer sehe in der Annahme, dass der Geist ein Spiegel der Natur ist, den Hauptgrund für das Scheitern der Philosophie seit der Renaissance. Daran lässt sich westlicherseits anknüpfen. Woher aber soll das Interesse seitens des Buddhismus kommen? Nun, wie wir oben gesehen haben, waren die Anfänge des Buddhismus von einer quasi-empirischen Spiegeltheorie gekennzeichnet. Hinweise auf deren Ungenügen finden sich nur in bildhaften Vergleichen. Erst Nagarjuna setzte im 2. Jhdt. einen erkenntniskritischen Markstein. Nagarjuna wurde jedoch nur unvollständig in die buddhistischen Hauptlinien aufgenommen; wenn überhaupt. Daraus ergibt sich bis heute ein gewisses Defizit an erkenntniskritischem Bewusstsein. Nicht, dass die buddhistischen Lehrer darin einen Selbstzweck sehen würden. Es käme Teilen von ihnen jedoch vielleicht zupass, wenn ihnen die westliche Erkenntnistheorie Belege dafür liefern würde, dass ein fest stehendes Weltbild einfach nicht aufgebaut werden kann. Dass es also nur um einen fortgesetzten Prozess der Dekonstruktion von Grundannahmen gehen kann. Was der Kern der Lehren Nagarjunas ist. Und eine solche auf teilweise deckungsgleichen Interessen basierende Verständigung wäre ja schon einmal etwas.
Buddhismus und New Age im Westen
Es gibt natürlich viele Bücher zu dem Thema. Im Internet lohnt die Lektüre eines sehr präzisen, allerdings nicht ganz neutralen Artikels zum Verhältnis von (westlichem) Buddhismus und New Age, nämlich “Buddhism and the New Age” von Vishvapani, http://www.westernbuddhistreview.com/vol1/new_age.html . Die Verbreitung des Buddhismus und des New Age im Westen wird als doppelte Hinterlassenschaft der Theosophie gesehen. Der Artikel analysiert das historisch komplexe Wirkungsgeflecht zwischen beiden, die Ähnlichkeiten, vor allem aber die Unterschiede. Hauptunterschiede bestehen danach:
- in der Annahme eines feststehenden Selbst/Ich (“self”), teilweise auch eines “höheren Selbst” im New Age und dessen Verneinung im Buddhismus (S. 7 der Printversion);
- in der Tendenz zum Mystizismus im New Age (S. 6 f);
- in der Betonung der Selbsterfahrung und des Subjektivismus im New Age (S. 6 f);
- in der strikten und von der New Age-Bewegung nicht durchgängig geteilten Ablehnung jeden feststehenden Seins (Eternalismus; S. 7);
- in der Anerkennung der Gleichwertigkeit verschiedenster spiritueller Erfahrungen durch die New Age-Bewegung.
Der dem Publikationsort entsprechend dem FWBO zuzurechnende Autor erkennt an, dass vielleicht nicht alle buddhistischen Strömungen diese Unterscheidungen derart scharf einhalten, wenn er auf S. 8 Dzogchen, Tantra und Zen erwähnt. Seine Abgrenzung ist vielleicht normativ sinnvoll, aber empirisch nicht durchgängig belegbar. Und damit sind wir letztlich schon fast bei dem Problem, was auf dem indischen Subkontinent seit Entstehen des Buddhismus herrscht: Während Anhänger hinduistischer Strömungen den Buddhismus als überwiegend zu ihrem Spektrum gehörend ansehen, verteidigen sich die Buddhisten gegen diese Vereinnahmung. Dies ist etwas schwierig, seitdem sich Teile des Mahayana-Buddhismus mit der Betonung der Wiedergeburtslehre an alt-indische Vorstellungen angenähert haben (siehe dazu und weiteren dogmatischen Trennlinien hier). Es ist nun mal nicht ganz leicht zu vermitteln, dass jedes Wesen eines jeden anderen Vorfahre war, jeder Mensch die gleiche (oder gar die selbe?) Buddha-Natur innehat und zugleich jedoch nicht ein feststehendes “All”, “Ganzes”, “Höheres, überpersönliches Selbst” etc. angenommen werden darf. Und hat nicht auch der historische Buddha behauptet, Brahma zu verstehen? Und hat er höchstselbst nicht in der Mahaparinirvana-Sutra das Wort Atman als Substitut für Tathagatagarbha verwendet?
Wie also ist der erwähnte Artikel zu sehen? Die behaupteten Gegensätze zwischen (westlichem) Buddhismus und New Age lassen sich als ungefähre Richtschnur für die Einordnung von Lehrern und Autoren durchaus sinnvoll verwenden, wenn auch die Grenze im Einzelfall übertreten wird. Vor allem aber lassen sich die Gegensätze als normativer Versuch verstehen, sich von New Age abzugrenzen und sich gegen den “Missbrauch” buddhistischer Lehren zu verwahren. Wie gesehen befindet sich der Autor in bester Tradition. Seine Position knüpft an die Abgrenzung des Buddhismus von hinduistischen Religionen und an die Richtungsstreite zwischen verschiedenen, mehr oder weniger strengen buddhistischen Strömungen an. Ich halte es für wichtig, dies zu erkennen. Denn es ist nicht ausgeschlossen, dass die schon begonnene Entwicklung eines westlichen Buddhismus letztlich nur ein Spiegelbild dieser alten Auseinandersetzungen ist. Wobei ironischerweise den Apologeten eines westlichen Buddhismus à la Sangarakshita und Batchelor die Rolle der buddhistischen Puristen zukommen würde! Oder übertreiben wir hier? Sollten wir uns nicht von den Beispielen der Vergangenheit warnen lassen, in denen sich westliche Buddhisten selbst zu den Oberwächtern kürten? Naja, letztlich wird es erst eine in ferner Zukunft zu schreibende Geschichte des Buddhismus im Westen zeigen. Fragen wir also zuletzt: Wie geht’s mit dem westlichen Buddhismus weiter?