6. Leistet Buddhismus, was er verspricht?
6.1. Wenn man die Frage partout verneinen will, findet
man sicher reichlich Stoff in äußeren Begebenheiten
im Zusammenhang mit dem buddhistischen Lehrbetrieb
(30):
In allen von mir besuchten buddhistischen Gemeinschaften
habe ich selbst unter den Lehrern Phänomene persönlicher
Eitelkeit beobachten können. Besitzergreifende Liebe
und damit einhergehende Eifersucht machen auch vor
diesen Gemeinschaften nicht halt. Schriftlich bekannt
sind mir Zeugnisse von Ausnutzung des Lehrverhältnisses
durch die Lehrer. Auch buddhistische Lehrer verzehren
zum Teil gerne Fleisch und verschließen sich dem Argument,
dass sie damit mittelbar die im Buddhismus verbotene
Tötung von Tieren veranlassen. Der buddhistische Klerus
zeigte sich in Japan (im Zweiten Weltkrieg) und in
Sri Lanka (in den neunziger Jahren) als Kriegsbefürworter.
In mehreren buddhistischen Gemeinschaften gibt es
so massive Zwiste, dass es zu unguten publizistischen
Begleiterscheinungen kam. So spalteten sich ein Gutteil
der Zen-Zentren in mindestens einem europäischen Land
unter Protest gegen eine angeblich, tatsächlich oder
notwendigerweise? - autoritäre europäische Zen-Leitung
ab. Innerhalb der tibetischen Gelugpa-Schule (der
Herkunftsschule des Dalai Lama) gab es Presseberichten
zufolge in den 90er Jahren Auseinandersetzungen, bei
denen es auch zu Todesfällen gekommen ist (32).
Was nach dem Tod des 14. Dalai Lama geschehen wird,
ist wegen der Verhaftung des Panchen Lama, der traditionellen
Nr. 2, offen. Man vermutet, dass das Oberhaupt der
in Ost-Tibet stärkeren Kagyu-Schule, der 17. Karmapa,
bis zur Inthronisierung des 15. Dalai Lama die (gesamt-tibetische)
Regentschaft übernehmen soll. Doch welcher 17. Karmapa?
Seit den 90er Jahren tobt ein Machtkampf um die Nachfolge
des 1981 verstorbenen 16. Karmapa: Ein als 17. Karmapa
titulierter Mensch hat die Unterstützung des Dalai
Lama und einiger Würdenträger der Kagyu-Hierarchie,
der andere Mensch mit diesem Titel die Unterstützung
der traditionellen Nr. 2 in der Kagyu-Hierarchie und
übrigens auch die Unterstützung des im deutschsprachigen
Raum nach Thich Nhat Hanh und dem Dalai Lama wohl
bekanntesten Gurus (= Lehrers), Lama Ole Nydahl (33).
Fazit: Die Beschäftigung mit Buddhismus ändert nicht
in jedem Fall zur Gänze den charakterlichen Kern von
Menschen (und deren Machtinteressen).
6.2. Aber das ist vielleicht auch nicht sein Anspruch.
Erinnern wir uns eines Satzes vom Anfang dieses Textes:
Buddhismus ist Kulturtechnik und Methode. Keine Kulturtechnik,
keine Methode kann in jedem Fall hundertprozentige
Wirkung entfalten. Das behaupten die Buddhisten auch
nicht vom Buddhismus; sondern nur eine positive Wirkung
buddhistischer Unterweisung im Regelfall und die Möglichkeit
der Befreiung im - glücklichen - Einzelfall.
Prüfen wir diese beiden Kriterien durch, kommen wir
zu einem eindeutig positiven Befund:
-
Wenn man Veranstaltungen besucht, bei denen Buddhisten
zusammentreffen, fällt sofort die ausgesprochene Herzlichkeit
des Umgangs miteinander auf. Ich habe nirgendwo sonst
eine derartige Ansammlung von wachen, präsenten, konzentrierten,
warmherzigen, glücklichen (34) oder wenigstens
ausgeglichenen, gelassenen, toleranten, offenen, verständnisvollen,
also letztlich: innerlich schönen Menschen vorgefunden.
Das Ausmaß dieser Eigenschaften nimmt tendenziell
zu, je weiter man in den inneren Kreis der jeweiligen
Gemeinschaft vordringt, also in Europa zum Beispiel
an Seminaren teilnimmt, die länderübergreifend angeboten
werden. Geht man davon aus, dass die dort sich aufhaltenden
Menschen nicht per se charakterlich besser sind als
andere, lässt sich die Wirkung buddhistischer Unterweisung
in der Breite schlecht leugnen.
-
Spätestens ab dem Mittelbau der meist hierarchischen
Lehrstrukturen begegnet man Menschen, die durch ihre
Weisheit beeindrucken; die also ad hoc komplexe menschliche
Zusammenhänge in außergewöhnlicher Weitsicht beleuchten
können und, soweit mir ersichtlich, auch weitgehend
konsequent gemäß ihrer Einsicht leben. Sind diese
Menschen schon befreit bzw. erleuchtet?
Elemente einer befreiten/erleuchteten Geisteshaltung
lassen sich jedenfalls bei ihnen nicht leugnen
(35).
6.3. Für die Wirksamkeit von Buddhismus spricht auch,
dass seine Essenz zwar nicht von den verschiedenen
Religionen als solchen, jedoch von den mystischen
Traditionen in den Religionen zu einem erheblichen
Teil geteilt wird.
6.4. Und schließlich ein letztes Element der Bewertung
des Buddhismus, welches freilich eher die in 1. aufgeführten
Bedenken entkräften als die Wirksamkeit des Buddhismus
belegen kann: Keine der anderen als Weltreligionen
bezeichneten Lehren hat sich so immun gegen die Versuchung
gezeigt, sich mit psychischer oder physischer Gewalt
Menschen aufzudrängen oder auch nur zu missionieren.
Buddhismus wird auch heute gegenüber westlichen Menschen
nur als Angebot verstanden, auf das die jeweilige
buddhistische Gemeinschaft hinweist, für das jedoch
meist nicht offensiv geworben wird. Das Erlösungspotential
anderer Religionen wird von buddhistischen Lehrern
fast immer anerkannt; so rät z.B. der Dalai Lama im
Regelfall westlichen Christen von einem Übertritt
zum Buddhismus ab - vor allem wegen der nur schwer
abzustreifenden kulturellen Prägung der Religionen.
Und trotz dieser eher defensiven Grundhaltung finden
seit mehr als 2500 Jahren (36) immer wieder
Menschen zum Buddhismus.
Es ist wichtig zu verstehen, dass dies mit der buddhistischen
Lehre als solcher zu tun hat, und nicht damit, dass
die Menschen im buddhistischen Kulturkreis per se
besser wären! Ein in diesem Text mehrfach zitierter
tibetischer Lama schreibt vielleicht etwas überpointiert:
"If it were not for Buddhism's fundamental view
of non-theism, the rule of the more narrow-minded
lamas could be as tyrannical as that of the Taliban."
(37)
|
Erläuterungen
(30) Die links aufgeführten Beispiele für Fehlentwicklungen
in buddhistischen Strukturen habe ich keineswegs gezielt
recherchiert; sie kamen mir lediglich im Laufe der
Jahre mehrfach zu Ohren bzw. unter die Augen.
Wie ich unten noch ausführen werde, bedeutet ein
derartiger organisationsinterner Konflikt keineswegs,
dass man den Kontakt mit dieser oder jener Schule
partout meiden sollte; man sollte jedoch um den Konflikt
wissen.
(32) vgl. www.martinebatchelor.org/daylight.html
33) Der Konflikt um die Nachfolge des 16. Karmapa
hat eine politische Komponente: Der vom Dalai Lama
unterstützte Kandidat war - jedenfalls vor seiner
Flucht aus China - von der chinesischen Regierung
anerkannt worden. Indien scheint zumindest nicht bereit
zu sein, den anderen 17. Karmapa zu schwächen und
aus dem indischen Regierungssitz des 16. Karmapa zu
vertreiben. Der zuletzt genannte 17. Karmapa hat auch
einflussreiche Förderer in Taiwan. In dem Konflikt
um die Nachfolge des 16. Karmapa versteckt sich die
Jahrhunderte alte Frage, ob der Dalai Lama nur politischer
Sprecher der Tibeter und der tibetischen Schulen sowie
geistiges Oberhaupt der Gelugpa-Schule oder auch geistiges
Oberhaupt der drei anderen tibetischen Schulen (Nyingmapa,
Kagyu und Saskyapa) ist. Die zweite Frage, die der
Trennung von Staat und "Kirche", wird derzeit
noch eher formalistisch angegangen: Das tibetische
Exil-Parlament und der von ihm gewählte Ministerpräsident
haben sich m.E. bisher nicht gerade durch Eigenständigkeit
vom Dalai Lama emanzipiert.
(34) Welches Verhältnis hat Buddhismus eigentlich
zu unserem Ziel oder Begriff des Glücks? Buddhismus
unterscheidet:
- Das bedingte Glück, die Kehrseite des Leides,
das man aufgrund irgendwelcher äußeren Umstände empfindet
("Ich bin glücklich, weil ..."). Dieses
Glück zu verfolgen, lohnt nach buddhistischer Sicht
nicht - es zerfällt immerfort.
- Das unbedingte, höchste Glück
ist Ergebnis der Befreiung und hebt sowohl
Leid als auch bedingtes Glück auf, ist
also jenseits von beidem. In diesem Sinne will Buddhismus
auch das menschliche Glück befördern und nicht nur
Leiden mindern.
Vom westlichen Standpunkt ausgesehen lässt sich die
Kategorie des bedingten Glücks leicht nachvollziehen:
Es ist das Glück unseres Alltags, welches wir empfinden,
wenn unsere Wünsche in Erfüllung gehen (z.B. weil
wir eine gute Arbeitsstelle bekommen haben) oder wir
angenehme Zustände erleben (z.B. weil wir im Kreise
von uns geliebter Personen sind). Der Zustand selbst
und/oder die Freude darüber verfallen meist nach einiger
Zeit. Dann trauern wir oder suchen neue Ziele, hegen
neue Wünsche oder suchen anderenorts glücklich machende
Zustände, bewegen uns also horizontal.
Schwerer ist es, das unbedingte Glück zu verstehen.
Es scheint mir:
-
konstant, da nicht von Besitz, Vergangenheit und Zukunft,
Wünschen und Zielen beeinflusst,
-
in der Ruhe der Gegenwart liegend;
-
aus dem Inneren selbständig wachsend: Lehren, äußere
Ruhe, Bilder, Klänge etc. können es fördern, aber
nicht allein verursachen;
-
also vertikal.
(35) Was ist Erleuchtung/Befreiung?
Ich fühle mich nicht berufen, den zahllosen versuchten
Beschreibungen dieses Zustands eine weitere hinzuzufügen.
Erleuchtung / Befreiung dürfte ein teilweise
durch äußere Einsicht herbeigeführter innerer Zustand
sein, der vielleicht bald eher über äußere Begleitsymptome
wie Hirnströme charakterisiert als von seinem Erlebniswert
her beschrieben werden kann. Der historische Buddha
gab nur eine negative Definition (das Ende allen Leides),
womit er sicherstellt, dass aus dem Ziel nicht kontraproduktiv
ein Ding gemacht wird.
Jedenfalls gibt es zwar einen vollständig erleuchteten
/ befreiten Zustand; aber es ist auch ein Mehr oder
Weniger an Erleuchtung / Befreiung bei
den Menschen auf dem buddhistischen Weg möglich. Hierfür
spricht nicht nur die tibetische Lehre von den zehn
Bodhisattva-Stufen (ein Bodhisattva ist ein Mensch
auf dem Weg zur Buddhaschaft / Befreiung).
Verschiedene Lehrer warnen vor einer zu starken Fixierung
der Schüler auf Erleuchtung/Befreiung
als Ziel. So sagte ein Lehrer, der zu diesem Thema
sprach: "Don't rush!" Es wird Dich niemand
feierlich begrüßen und Du gewinnst auch keinen Preis,
wenn Du Erleuchtung erlangst. Man möge auch
den Weg als solchen genießen. Und: Auch nach der Erleuchtung
sei noch viel (für andere Menschen) zu tun: "There
is no Buddha unemployment." - Etwas tiefer: Das
zu Beginn des Weges entwickelte Verständnis von Erleuchtung/Befreiung
darf nicht zum anzueignenden Ziel/Objekt werden, sondern
muss sich, um die Befreiung nicht zu gefährden,
auf dem Weg mit auflösen. Denn Erleuchtung/Befreiung
hat ebenso wenig wie alles andere eine feststehende
Eigennatur, die man erlangen und besitzen könnte.
Dazu pointiert der Nagarjuna-Übersetzer und
-Kommentator Guy Bugault: Es gehe darum, von der Idee
des Erlöschens zum Erlöschen der Idee zu kommen.
(36) Bei genauerer Betrachtung ist nicht der
buddhistische Lehrbetrieb, aber Buddhismus auf Meta-Ebene
als Lehre von der Befreiung noch älter als 2500 Jahre:
Es gibt kaum einen buddhistischen Inhalt, der nicht
schon vorher im alt-indischen Spektrum angelegt war
- weswegen Hindus bisweilen die Abgrenzung des Buddhismus
schwer fällt; insbesondere gilt dies für das Ziel
und die Methoden der Befreiung. Allerdings
war der alt-indische Lehrbetrieb zur Zeit des historischen
Buddha deutlichen Verkrustungs- und Abschweifungserscheinungen
ausgesetzt. So gesehen war der Buddhismus eine Reformbewegung
des alten Hinduismus, die jenseits der barocken Verbildlichungen
auf die eigentliche Essenz alt-indischer Befreiungslehre
zurückführen sollte. Die Lehre des schon erwähnten
Philosophen Nagarjuna (2. Jh. nC), der Mahayana-Buddhismus
insgesamt sowie verschiedene spätere Reformbewegungen
innerhalb der Hauptlinien versuchten ebenfalls, kulturelle
Verkrustungen und von der Essenz ablenkende Ausgestaltungen
abzulegen und die Lehre lebendig zu erhalten; bloß
diesmal innerhalb des buddhistischen Spektrums. Der
Prozess ist im Prinzip der gleiche. Buddhismus muss,
da er eben eine sich gegen jegliche Fixierungen wendende,
permanent hinterfragende Methode ist, selbst in gewissen
Abständen erneuert werden: Er muss, um lebendig zu
bleiben, sich stetig häuten. Stehen wir kurz vor der
nächsten Häutung des Buddhismus diesmal in Anpassung
an die hiesigen kulturellen Gegebenheiten?
(37) vgl. www.siddharthasintent.org/
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