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  29.07.2010   
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6. Leistet Buddhismus, was er verspricht?

6.1. Wenn man die Frage partout verneinen will, findet man sicher reichlich Stoff in äußeren Begebenheiten im Zusammenhang mit dem buddhistischen Lehrbetrieb (30):

In allen von mir besuchten buddhistischen Gemeinschaften habe ich selbst unter den Lehrern Phänomene persönlicher Eitelkeit beobachten können. Besitzergreifende Liebe und damit einhergehende Eifersucht machen auch vor diesen Gemeinschaften nicht halt. Schriftlich bekannt sind mir Zeugnisse von Ausnutzung des Lehrverhältnisses durch die Lehrer. Auch buddhistische Lehrer verzehren zum Teil gerne Fleisch und verschließen sich dem Argument, dass sie damit mittelbar die im Buddhismus verbotene Tötung von Tieren veranlassen. Der buddhistische Klerus zeigte sich in Japan (im Zweiten Weltkrieg) und in Sri Lanka (in den neunziger Jahren) als Kriegsbefürworter. In mehreren buddhistischen Gemeinschaften gibt es so massive Zwiste, dass es zu unguten publizistischen Begleiterscheinungen kam. So spalteten sich ein Gutteil der Zen-Zentren in mindestens einem europäischen Land unter Protest gegen eine angeblich, tatsächlich oder notwendigerweise? - autoritäre europäische Zen-Leitung ab. Innerhalb der tibetischen Gelugpa-Schule (der Herkunftsschule des Dalai Lama) gab es Presseberichten zufolge in den 90er Jahren Auseinandersetzungen, bei denen es auch zu Todesfällen gekommen ist (32). Was nach dem Tod des 14. Dalai Lama geschehen wird, ist wegen der Verhaftung des Panchen Lama, der traditionellen Nr. 2, offen. Man vermutet, dass das Oberhaupt der in Ost-Tibet stärkeren Kagyu-Schule, der 17. Karmapa, bis zur Inthronisierung des 15. Dalai Lama die (gesamt-tibetische) Regentschaft übernehmen soll. Doch welcher 17. Karmapa? Seit den 90er Jahren tobt ein Machtkampf um die Nachfolge des 1981 verstorbenen 16. Karmapa: Ein als 17. Karmapa titulierter Mensch hat die Unterstützung des Dalai Lama und einiger Würdenträger der Kagyu-Hierarchie, der andere Mensch mit diesem Titel die Unterstützung der traditionellen Nr. 2 in der Kagyu-Hierarchie und übrigens auch die Unterstützung des im deutschsprachigen Raum nach Thich Nhat Hanh und dem Dalai Lama wohl bekanntesten Gurus (= Lehrers), Lama Ole Nydahl (33).

Fazit: Die Beschäftigung mit Buddhismus ändert nicht in jedem Fall zur Gänze den charakterlichen Kern von Menschen (und deren Machtinteressen).

6.2. Aber das ist vielleicht auch nicht sein Anspruch. Erinnern wir uns eines Satzes vom Anfang dieses Textes: Buddhismus ist Kulturtechnik und Methode. Keine Kulturtechnik, keine Methode kann in jedem Fall hundertprozentige Wirkung entfalten. Das behaupten die Buddhisten auch nicht vom Buddhismus; sondern nur eine positive Wirkung buddhistischer Unterweisung im Regelfall und die Möglichkeit der Befreiung im - glücklichen - Einzelfall. Prüfen wir diese beiden Kriterien durch, kommen wir zu einem eindeutig positiven Befund:

-          Wenn man Veranstaltungen besucht, bei denen Buddhisten zusammentreffen, fällt sofort die ausgesprochene Herzlichkeit des Umgangs miteinander auf. Ich habe nirgendwo sonst eine derartige Ansammlung von wachen, präsenten, konzentrierten, warmherzigen, glücklichen (34) oder wenigstens ausgeglichenen, gelassenen, toleranten, offenen, verständnisvollen, also letztlich: innerlich schönen Menschen vorgefunden. Das Ausmaß dieser Eigenschaften nimmt tendenziell zu, je weiter man in den inneren Kreis der jeweiligen Gemeinschaft vordringt, also in Europa zum Beispiel an Seminaren teilnimmt, die länderübergreifend angeboten werden. Geht man davon aus, dass die dort sich aufhaltenden Menschen nicht per se charakterlich besser sind als andere, lässt sich die Wirkung buddhistischer Unterweisung in der Breite schlecht leugnen.

-          Spätestens ab dem Mittelbau der meist hierarchischen Lehrstrukturen begegnet man Menschen, die durch ihre Weisheit beeindrucken; die also ad hoc komplexe menschliche Zusammenhänge in außergewöhnlicher Weitsicht beleuchten können und, soweit mir ersichtlich, auch weitgehend konsequent gemäß ihrer Einsicht leben. Sind diese Menschen schon befreit bzw. erleuchtet? Elemente einer befreiten/erleuchteten Geisteshaltung lassen sich jedenfalls bei ihnen nicht leugnen (35).

6.3. Für die Wirksamkeit von Buddhismus spricht auch, dass seine Essenz zwar nicht von den verschiedenen Religionen als solchen, jedoch von den mystischen Traditionen in den Religionen zu einem erheblichen Teil geteilt wird.

6.4. Und schließlich ein letztes Element der Bewertung des Buddhismus, welches freilich eher die in 1. aufgeführten Bedenken entkräften als die Wirksamkeit des Buddhismus belegen kann: Keine der anderen als Weltreligionen bezeichneten Lehren hat sich so immun gegen die Versuchung gezeigt, sich mit psychischer oder physischer Gewalt Menschen aufzudrängen oder auch nur zu missionieren. Buddhismus wird auch heute gegenüber westlichen Menschen nur als Angebot verstanden, auf das die jeweilige buddhistische Gemeinschaft hinweist, für das jedoch meist nicht offensiv geworben wird. Das Erlösungspotential anderer Religionen wird von buddhistischen Lehrern fast immer anerkannt; so rät z.B. der Dalai Lama im Regelfall westlichen Christen von einem Übertritt zum Buddhismus ab - vor allem wegen der nur schwer abzustreifenden kulturellen Prägung der Religionen. Und trotz dieser eher defensiven Grundhaltung finden seit mehr als 2500 Jahren (36) immer wieder Menschen zum Buddhismus.

Es ist wichtig zu verstehen, dass dies mit der buddhistischen Lehre als solcher zu tun hat, und nicht damit, dass die Menschen im buddhistischen Kulturkreis per se besser wären! Ein in diesem Text mehrfach zitierter tibetischer Lama schreibt vielleicht etwas überpointiert: "If it were not for Buddhism's fundamental view of non-theism, the rule of the more narrow-minded lamas could be as tyrannical as that of the Taliban." (37)

Erläuterungen


(30)
Die links aufgeführten Beispiele für Fehlentwicklungen in buddhistischen Strukturen habe ich keineswegs gezielt recherchiert; sie kamen mir lediglich im Laufe der Jahre mehrfach zu Ohren bzw. unter die Augen.

Wie ich unten noch ausführen werde, bedeutet ein derartiger organisationsinterner Konflikt keineswegs, dass man den Kontakt mit dieser oder jener Schule partout meiden sollte; man sollte jedoch um den Konflikt wissen.




















(32)
vgl. www.martinebatchelor.org/daylight.html

















33)
Der Konflikt um die Nachfolge des 16. Karmapa hat eine politische Komponente: Der vom Dalai Lama unterstützte Kandidat war - jedenfalls vor seiner Flucht aus China - von der chinesischen Regierung anerkannt worden. Indien scheint zumindest nicht bereit zu sein, den anderen 17. Karmapa zu schwächen und aus dem indischen Regierungssitz des 16. Karmapa zu vertreiben. Der zuletzt genannte 17. Karmapa hat auch einflussreiche Förderer in Taiwan. In dem Konflikt um die Nachfolge des 16. Karmapa versteckt sich die Jahrhunderte alte Frage, ob der Dalai Lama nur politischer Sprecher der Tibeter und der tibetischen Schulen sowie geistiges Oberhaupt der Gelugpa-Schule oder auch geistiges Oberhaupt der drei anderen tibetischen Schulen (Nyingmapa, Kagyu und Saskyapa) ist. Die zweite Frage, die der Trennung von Staat und "Kirche", wird derzeit noch eher formalistisch angegangen: Das tibetische Exil-Parlament und der von ihm gewählte Ministerpräsident haben sich m.E. bisher nicht gerade durch Eigenständigkeit vom Dalai Lama emanzipiert.

(34) Welches Verhältnis hat Buddhismus eigentlich zu unserem Ziel oder Begriff des Glücks? Buddhismus unterscheidet:

- Das bedingte Glück, die Kehrseite des Leides, das man aufgrund irgendwelcher äußeren Umstände empfindet ("Ich bin glücklich, weil ..."). Dieses Glück zu verfolgen, lohnt nach buddhistischer Sicht nicht - es zerfällt immerfort.

- Das unbedingte, höchste Glück ist Ergebnis der Befreiung und hebt sowohl Leid als auch bedingtes Glück auf, ist also jenseits von beidem. In diesem Sinne will Buddhismus auch das menschliche Glück befördern und nicht nur Leiden mindern.

Vom westlichen Standpunkt ausgesehen lässt sich die Kategorie des bedingten Glücks leicht nachvollziehen: Es ist das Glück unseres Alltags, welches wir empfinden, wenn unsere Wünsche in Erfüllung gehen (z.B. weil wir eine gute Arbeitsstelle bekommen haben) oder wir angenehme Zustände erleben (z.B. weil wir im Kreise von uns geliebter Personen sind). Der Zustand selbst und/oder die Freude darüber verfallen meist nach einiger Zeit. Dann trauern wir oder suchen neue Ziele, hegen neue Wünsche oder suchen anderenorts glücklich machende Zustände, bewegen uns also horizontal.

Schwerer ist es, das unbedingte Glück zu verstehen. Es scheint mir:

-          konstant, da nicht von Besitz, Vergangenheit und Zukunft, Wünschen und Zielen beeinflusst,

-          in der Ruhe der Gegenwart liegend;

-          aus dem Inneren selbständig wachsend: Lehren, äußere Ruhe, Bilder, Klänge etc. können es fördern, aber nicht allein verursachen;

-          also vertikal.

(35) Was ist Erleuchtung/Befreiung? Ich fühle mich nicht berufen, den zahllosen versuchten Beschreibungen dieses Zustands eine weitere hinzuzufügen.  Erleuchtung / Befreiung dürfte ein teilweise durch äußere Einsicht herbeigeführter innerer Zustand sein, der vielleicht bald eher über äußere Begleitsymptome wie Hirnströme charakterisiert als von seinem Erlebniswert her beschrieben werden kann. Der historische Buddha gab nur eine negative Definition (das Ende allen Leides), womit er sicherstellt, dass aus dem Ziel nicht kontraproduktiv ein Ding gemacht wird.

Jedenfalls gibt es zwar einen vollständig erleuchteten / befreiten Zustand; aber es ist auch ein Mehr oder Weniger an Erleuchtung / Befreiung bei den Menschen auf dem buddhistischen Weg möglich. Hierfür spricht nicht nur die tibetische Lehre von den zehn Bodhisattva-Stufen (ein Bodhisattva ist ein Mensch auf dem Weg zur Buddhaschaft / Befreiung).

Verschiedene Lehrer warnen vor einer zu starken Fixierung der Schüler auf Erleuchtung/Befreiung als Ziel. So sagte ein Lehrer, der zu diesem Thema sprach: "Don't rush!" Es wird Dich niemand feierlich begrüßen und Du gewinnst auch keinen Preis, wenn Du Erleuchtung erlangst. Man möge auch den Weg als solchen genießen. Und: Auch nach der Erleuchtung sei noch viel (für andere Menschen) zu tun: "There is no Buddha unemployment." - Etwas tiefer: Das zu Beginn des Weges entwickelte Verständnis von Erleuchtung/Befreiung darf nicht zum anzueignenden Ziel/Objekt werden, sondern muss sich, um die Befreiung nicht zu gefährden, auf dem Weg mit auflösen. Denn Erleuchtung/Befreiung hat ebenso wenig wie alles andere eine feststehende Eigennatur, die man erlangen und besitzen könnte. Dazu pointiert der Nagarjuna-Übersetzer und -Kommentator Guy Bugault: Es gehe darum, von der Idee des Erlöschens zum Erlöschen der Idee zu kommen.

(36) Bei genauerer Betrachtung ist nicht der buddhistische Lehrbetrieb, aber Buddhismus auf Meta-Ebene als Lehre von der Befreiung noch älter als 2500 Jahre: Es gibt kaum einen buddhistischen Inhalt, der nicht schon vorher im alt-indischen Spektrum angelegt war - weswegen Hindus bisweilen die Abgrenzung des Buddhismus schwer fällt; insbesondere gilt dies für das Ziel und die Methoden der Befreiung. Allerdings war der alt-indische Lehrbetrieb zur Zeit des historischen Buddha deutlichen Verkrustungs- und Abschweifungserscheinungen ausgesetzt. So gesehen war der Buddhismus eine Reformbewegung des alten Hinduismus, die jenseits der barocken Verbildlichungen auf die eigentliche Essenz alt-indischer Befreiungslehre zurückführen sollte. Die Lehre des schon erwähnten Philosophen Nagarjuna (2. Jh. nC), der Mahayana-Buddhismus insgesamt sowie verschiedene spätere Reformbewegungen innerhalb der Hauptlinien versuchten ebenfalls, kulturelle Verkrustungen und von der Essenz ablenkende Ausgestaltungen abzulegen und die Lehre lebendig zu erhalten; bloß diesmal innerhalb des buddhistischen Spektrums. Der Prozess ist im Prinzip der gleiche. Buddhismus muss, da er eben eine sich gegen jegliche Fixierungen wendende, permanent hinterfragende Methode ist, selbst in gewissen Abständen erneuert werden: Er muss, um lebendig zu bleiben, sich stetig häuten. Stehen wir kurz vor der nächsten Häutung des Buddhismus diesmal in Anpassung an die hiesigen kulturellen Gegebenheiten?

(37) vgl. www.siddharthasintent.org/


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Aktualisiert am: 16.07.2008
 
         
 

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