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4. Meditation - der Mittelpunkt buddhistischer Methodik
Zunächst eine Arbeitsdefinition von Meditation (20):
Meditation ist die Ausrichtung des Geistes auf einen
bestimmten Inhalt oder eine Inhaltsfreiheit; sie ist
frei von dem üblichen diskursiven, begrifflichen Denken
(Zen: No-mind). Nicht jede Form der Meditation ist
buddhistisch; aber es gibt kein wirkungsvolleres Instrument
im Buddhismus als eben Meditation. Meditation ermöglicht
es, die intellektuell verstandenen Inhalte der buddhistischen
Sichtweise zu verinnerlichen. Nur durch sie lässt
sich, sagen ausnahmslos die Schulen, das letzte, aber
entscheidende Stück des Weges zwischen abstrakter
Erkenntnis und innerlich empfundener Befreiung
zurücklegen. Damit dies gelingt, soll man möglichst
früh mit Meditation beginnen (21). Regelmäßig
bedarf es mindestens mehrer Jahre, bis Meditation
an die Befreiung / Erleuchtung heranführt.
Einen Geschmack davon bekommt man freilich
schon auf dem Weg. Der Weg selbst ist insofern auch
schon das Ziel.
Es ist nicht möglich, in wenigen Zeilen das gesamte
Spektrum der möglichen Meditationserfahrungen aufzuzeigen.
Gehen Sie davon aus, dass buddhistische Meditation
eine eigene Welt ist, deren Reichhaltigkeit dem Spektrum
gewöhnlicher menschlicher Erfahrungen nicht nachsteht.
Möglich ist jedoch, ohne Anspruch auf Vollständigkeit
verschiedene Ausrichtungen und Instrumente der buddhistischen
Meditation zu benennen:
-
Atemmeditation: Der Meditierende konzentriert sich
auf den Atem als Ganzes oder seine Nase, unter/in
welcher der Atem vorbeizieht. Die Atemmeditation dient
häufig als grundlegende Schulung, auf die später mit
weiteren Ausrichtungen aufgebaut wird.
-
Meditative Beobachtung des Geistes: Der Meditierende
beobachtet, wie die Gedanken kommen und vorbeiziehen.
Er bewertet sie nicht, steigt nicht auf sie ein, erkennt
sie aber als das, was sie sind: flüchtige Gedanken.
Das Vorbeiziehen kann er erleichtern, indem er zu
einem Ankerpunkt, zum Beispiel dem Atem, zurückkehrt.
Mit fortgeschrittener Praxis werden die Phasen, in
denen der Geist frei von Gedanken ist, länger.
Es stellt sich eine tiefe innere Ruhe ein, begleitet
von einer auch bei anderen Meditationsausrichtungen
zu beobachtenden Synchronisierung der Körperfunktionen,
in der die Forschung die Ursache für ein umfassendes
Glücksgefühl sieht. Es gibt viele plastische Beschreibungen
für den Zustand, der sich einstellen soll: klar wie
ein Bergsee, ein Diamant, leuchtend usw..
-
Meditation auf ein vorgestelltes, d.h. visualisiertes
Bild: Ankerpunkt einer Meditation kann ein Bild
sein, im tibetischen Buddhismus üblicherweise ein
Mandala oder ein Himmel, in dem verschiedene Buddhas
und Bodhisattvas angeordnet sind. Es können jedoch
auch konkrete Bilder gewählt werden, wie zum Beispiel
eine Landschaft. Die Eigenschaften des Bildes oder
der abgebildeten Personen sollen dabei - allein durch
die Vorstellung im Kopf - auf den Meditierenden ausstrahlen.
-
Guru-Yoga (22): Der Meditierende stellt sich
einen Buddha oder Bodhisattva vor, der seine Kraft
auf ihn ausstrahlt und/oder ihn reinigt. In
höheren Stufen des Guru-Yogas ist die - vorgestellte
- Identifikation mit dem Guru (Lehrer) gestattet,
der in manchen Schulen auch eine noch lebende Person
sein kann.
-
Chakrenaktivierung: Wie fast alle anderen Meditationstechniken
hat der Buddhismus vom Hinduismus die Technik der
Chakrenaktivierung übernommen. Chakren sind bestimmte
Zonen vom Scheitel abwärts entlang der Mittellinie
des Vorderkörpers, auf die sich relativ leicht - mit
körperlicher und emotionaler Reaktion - die gedankliche
Aufmerksamkeit richten lässt.
-
Meditation zur Gefühlsumwandlung: Der Meditierende
analysiert ein bestimmtes (vom Buddhismus als negativ
beurteiltes) Gefühl und versucht, es in ein anderes
(positiv beurteiltes) umzuwandeln. Dies kann mithilfe
von Guru-Yoga, der Chakrenaktivierung oder auch eines
Bildes geschehen.
-
Meditation über einen abstrakten Inhalt: Ausgehend
von einem Zustand innerer Ruhe (der z.B. durch die
Atemmeditation hervorgerufen wurde) versenkt sich
der Meditierende in einen bestimmten abstrakten Inhalt
(z.B. einen Kóan des Zen (23) oder einen Merkvers
von Nagarjuna) und lässt diesen abstrakten
Inhalt auf ihn abfärben, freilich ohne begrifflich-diskursiv
darüber nachzudenken.
-
Mantra-Meditation: Der Meditierende wiederholt laut
oder in Gedanken sprechend eine oder mehrere Silben,
die Kraft ihres Klanges und/oder ihres semantischen
Gehaltes den Geist prägen. Bekanntestes Mantra
ist die Silbe Om / Aum.
-
Gehmeditation: Der Meditierende konzentriert sich
auf jeden einzelnen (langsamen) Schritt, benutzt also
den Schritt als Ankerpunkt. Die Gehmeditation kann
wie die Mantra-Meditation sehr nützlich dafür sein,
die meditative innere Haltung in das Alltagsleben
zu integrieren; was eigentlich das Ziel ist: Alles
soll (wie) Meditation werden.
-
Verschiedene Sonderformen (24).
Da der Alltag (wie) Meditation werden soll, haben
sich in den buddhistischen Kulturen verschiedene Traditionen
gebildet, die meditative Handlungen zum Gegenstand
haben: Mandalas malen, Blumen stecken (Ikebana), den
Steingarten rechen, eine bestimmte Essenszeremonie
(Oryoki) usw.. Auch die im folgenden Kapitel besprochenen
weiteren buddhistischen Methoden könnte man überwiegend
als meditative Handlungen bezeichnen.
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Erläuterungen
(20) Einen guten Überblick über die verschiedenen
buddhistischen und nicht-buddhistischen Meditationsformen
enthält das Kursbuch Meditation von David Fontana
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M., (verschiedene
Auflagen).
Für ein vertieftes Wissen über Meditation: Die
verborgene Blüte: Über die psychologischen Hintergründe
der Spiritualität von Han de Wit; Verlag Via Nova
1998; sowohl aus der Innen- als auch aus der wissenschaftlichen
Perspektive geschrieben.
(21) Meditation bedarf natürlich der Übung.
Es ist ein bisschen wie Fahrrad fahren lernen. Anfangs
macht man häufig schnelle Lenkbewegungen, um irgendwie
auf Kurs zu bleiben bzw. um sich nicht von natürlicherweise
aufkommenden Gedanken davon tragen zu lassen. Mit
längerer Praxis werden die Lenkbewegungen seltener,
weniger heftig und werden irgendwann sogar unbewusst
ausgeübt. Es handelt sich bei Meditation also um eine
kybernetische Selbststeuerung auf das Meditationsziel
hin. Die Steuerung darf nicht etwa brutal sein, sondern
soll dem Spielen eines Instruments ähneln: nicht zu
locker und nicht zu fest. Das gilt nicht nur hinsichtlich
dessen, worauf die Aufmerksamkeit zu richten ist,
sondern auch hinsichtlich der inneren Anspannung und
der Körperhaltung. Die Steuerung kann, so der pädagogische
Rat eines hohen Lehrers, dadurch verbessert werden,
dass man sich vorstellt: Das eine Auge meditiert und
schafft Mindfulness, das andere beobachtet
die Meditation und schafft Awareness. Aber
diese wie andere Ratschläge muss man vermutlich -
entsprechend der buddhistischen Methode - hinter sich
lassen, sobald sie ihre Funktion erfüllt haben.
Falls Sie eine einfache Meditation
ausprobieren wollen:
- Setzen Sie sich an einen ruhigen Ort aufrecht hin,
z.B. auf einen geraden Stuhl, im Schneidersitz oder
- besser - im halben Lotus-Sitz, also mit einem Fuß
auf dem Schenkel; im Schneidersitz aufrecht zu sitzen
wird durch ein hohes Sitzkissen oder einen niedrigen
Schemel erleichtert. Wenn es Ihrem Rücken die Arbeit
erleichtert: lehnen Sie sich an. Ihr Kopf ist entspannt
aber gerade, so als hätte man ihn an seiner höchsten
Stelle nach oben gezogen. Beobachten Sie Ihren Atem,
bis dieser ganz ruhig geworden ist.
- Stellen Sie sich vor, in der Mitte Ihres Kopfes
ist eine Lichtkugel, die etwa die Größe eines Tischtennisballs
hat. Bei jedem Einatmen wird die Kugel etwas kleiner.
Bei jedem Ausatmen wird sie größer und sendet Licht
in alle Richtungen aus. Lassen Sie dabei evt. aufkommende
Gedanken einfach vorbeiziehen und kehren Sie zu der
Lichtkugel zurück. Nach 20 Atemzügen sollten Sie eine
kurze Pause einlegen. Wenn die Gedanken Sie gelegentlich
zu weit von Ihrem Atem entfernen, so dass Sie "den
Faden verloren haben", fangen Sie einfach wieder
bei 0 an. Machen Sie diese Übung mehrmals täglich,
bis Sie sich einige Minuten ununterbrochen darauf
konzentrieren können.
- Variieren Sie nach einigen Tagen die Übung, in dem
Sie im Anschluss an die Visualisierung von der Lichtkugel
die Lichtkugel verblassen lassen, bis sie verschwunden
ist. Lassen Sie Ihren Geist bewegungslos und
frei in sich selbst ruhen, solange dies ohne Verkrampfung
möglich ist.
- Stellen Sie sich nach wiederum einigen Tagen zusätzlich
vor, dass die Kugel in einer geraden Linie nach oben
aus ihrem Kopf hinaustritt und später wieder in ihrem
Kopf versinkt, bevor Sie die Lichtkugel verblassen
lassen. (N.B.: Wo war die Kugel, als sie Ihren Kopf
verlassen hatte? Wo Ihr Ich?)
(22) Die Schulen sagen: Es ist immer besser,
mit einem Lehrer Meditation zu lernen, da die Gefahr
der Fehlentwicklung oder auch nur der Verkrampfung
geringer ist. Freilich kann auch ein Lehrer nicht
garantieren, dass der Weg der Meditation richtig und
gut verläuft.
Wenn man partout keinen geeigneten Lehrer findet:
Die ersten beiden und die letzten drei Meditationsformen
der Liste links scheinen mir noch am relativ ungefährlichsten.
Am gefährlichsten sind die (tantrischen) Meditationen
in der Mitte der Liste, wenn man sie ohne Anleitung
ausübt: Guru-Yoga, Chakrenaktivierung und Gefühlsumwandlung.
Und da selbst unter klösterlicher Kontrolle lebende
Mönche oft genug infolge ihrer tantrischen Ausbildung
"ausrasten" und sich typischerweise für
Buddha halten, sollte man im Zweifel nicht ohne Anleitung
meditieren!
(23) Zu der Kóan-Meditation, siehe Koan. Der
Sprung ins Grenzenlose von D.T. Suzuki; O.W.Barth-Verlag,
Bern 1988; leider wie viele andere Kóan-Bücher zeitweise
nicht im Buchhandel erhältlich. Derzeit verfügbar:
Die Zen Koan Box von Timothy Freke, Diederichs,
München 2002.
(24) Die wie gesagt nicht abschließende Auflistung
der linken Spalte ließe sich z.B. um folgende Sonderformen
erweitern, die sich wegen ihres Gefährdungspotentials
allesamt einem Selbststudium verbieten:
-
Buddhistisches Yoga (also tatsächlich mit körperlichen
Übungen!);
-
Sexuelle tantrische Praktiken (entgegen der Volksmeinung
nur ein Teil des Tantrismus);
-
Hitzeyoga (Erwärmung des ganzen Körpers, zunächst
durch Konzentration auf einen Punkt im unteren Becken,
sodann aufsteigend);
-
andere Formen der Steuerung bzw. des Beobachtens "innerer
Energie";
-
Traumyoga (meditative Prägung des Schlafes oder zumindest
Halbschlafes).
Die Liste der verschiedenen Ausrichtungen und Instrumente
der Meditation ist der Einfachheit halber unsystematisch.
Eigentlich wäre die Darstellung in einer Matrix, in
der mindestens Ausrichtung/Zweck mit den Instrumenten
gekreuzt werden, eher angemessen. Es gibt jedenfalls
viele Kombinationen, Mischformen und fließende Übergänge.
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