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  06.02.2012   
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3. Was ist die "hidden agenda"?

Wir haben es in 2.2. schon angedeutet: Hinter dem alternativen Weltbild steht auch der Versuch, uns zu einem anderen Bild von unserem Leben, unserer Lebenszeit und unserem Tod zu führen.

Gemeinsames Element aller buddhistischen Unterweisungen scheint mir zu sein, dass einerseits der Tod vorbereitet und über ihn hinweg getröstet wird, andererseits an eine weit intensivere Wahrnehmung der Lebenszeit herangeführt wird. Die Wege sind jedoch in den verschiedenen Lehrsystemen etwas unterschiedlich, letztlich aber komplementär:

-          Der Theravada-Buddhismus (ähnlich die Zen-Tradition) setzt den Akzent mehr auf die Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf die Gegenwart (sog. Achtsamkeit), das Abschneiden der Gedanken an Vergangenheit und Zukunft; dadurch nimmt automatisch die Furcht vor dem Tod ab; es etabliert sich mittelfristig auch ein anderes Zeitverständnis und ein tieferes Verständnis von Nicht-Identität von einem Moment zum nächsten. Über den "Trostpreis" der Wiedergeburt (15) hinaus besteht so die Chance, aus dem Kreislauf von Tod und Wiedergeburt auszutreten und Befreiung zu erlangen.

-          Im tibetischen Mahayana-Buddhismus geht der Weg eher anders herum: Neben der meist auch hier bejahten Wiedergeburt wird bewusst die Auseinandersetzung mit dem Tod gesucht. Einen Einblick gibt das berühmte Totenbuch der Tibeter. Doch die tibetisch-buddhistische Praxis geht noch weiter: Während eines sogenannten Drei-Jahres-Retreats werden die Dauermeditierenden teilweise eingemauert. Als Fortgeschrittenen-Übung sollen Berichten zufolge auch Besuche bei toten Menschen oder Tieren und Friedhofsaufenthalte auf dem Ausbildungsprogramm stehen können. Auch im Westen angeboten werden sogenannte Powa-Kurse, bei denen die Erfahrung des Sterbens simuliert wird. Durch die Auseinandersetzung mit Tod und Sterblichkeit soll keineswegs nur das Sterben vorbereitet werden; durch das Bewusstwerden der Vergänglichkeit wird auch gleichzeitig die Wahrnehmung und Wertschätzung des Gegenwärtigen, des Hier und Jetzt gesteigert. Ein Nyingma-Lehrer rief dieser doppelten Intention folgend dazu auf, sich stets zu sagen: "Dies ist meine letzte Handlung in dieser Welt."

Halten wir fest: teilweise zielt der Buddhismus direkt auf eine intensivere Wahrnehmung des Hier und Jetzt und bereitet damit das Sterben vor; teilweise bereitet er das Sterben durch Todessimulation vor und bewirkt so indirekt eine intensivere Wahrnehmung des Hier und Jetzt. Beide Wege sind möglich, ergänzen sich und führen in einer Zangenbewegung letztlich zum selben Ziel.

Der zweite Weg, der der Todessimulation, kann freilich noch eine Nebenwirkung haben: Wie bei echten Nahtoderfahrungen (vgl. z.B. www.nahtod.de "Literatur"/"Magister") kann sich durch die Todessimulation eine besondere Zärtlichkeit für die Welt und insbesondere die Mitmenschen entwickeln. Hier besteht eine Verbindung zu dem Ziel des Mitgefühls.

Erläuterungen

















(15)
Gehört die Wiedergeburtslehre zur buddhistischen Essenz? Ich glaube nicht.  Sie ist vielmehr eine der vielen alt-indischen Erbschaften des Buddhismus, Trost spendend und auch Marketing-Instrument: Ohne die Übernahme der Wiedergeburtslehre als Besitzstand der alt-indischen Religionen hätte der Buddhismus in Indien vermutlich nie Fuß fassen und damit auch nicht zu dem werden können, was er heute ist.

Dass es aber auch ohne Wiedergeburtslehre geht, zeigte der buddhistische Philosoph Nagarjuna (2. Jh. nach Chr.). Er sagte lakonisch, dass Buddha recht gehabt hat, sich nicht zur Frage der Wiedergeburt zu äußern und nimmt das Konzept der Wiedergeburt mitsamt seinen Voraussetzungen in seinen Merkversen der mittleren Lehre auseinander. Dies ist angesichts des von allen Buddhisten angenommenen ständigen Wandels sowie der Vergänglichkeit und begrifflichen Leerheit des Ichs mehr als konsequent. Ich hörte übrigens selbst aus dem Munde eines tibetischen Lehrers einmal sinngemäß den Satz, dass mit der Wiedergeburt (hier: eines hohen Lehrers) keineswegs gemeint ist, dass ein und derselbe Mensch wieder entsteht; vielmehr gehe es um die Übertragung einer Funktion (hier: im Lehrbetrieb, in der Tradition); und das Fortwirken von Handlungen bzw. Tendenzen innerhalb des Lebens, aber auch über den Tod hinaus (Lehre vom Karma). Aber diese Einschätzung ist umstritten.

Kurz: Hat man die buddhistische Ich-Dekonstruktion verinnerlicht, erübrigt sich die Frage der Wiedergeburt. Hat man dies nicht, spendet die Aussicht auf Wiedergeburt Trost. Sind die an der Wiedergeburtslehre festhaltenden buddhistischen Lehrer in Wirklichkeit keine Dogmatiker, sondern radikale Utilitaristen?

Ein Beispiel für die religiöse Auskleidung der (buddhistischen) Befreiungslehre findet sich im tibetischen Buddhismus. Er kennt noch eine "De luxe-Version" der Wiedergeburt: Die Geburt in einem "reinen Land", einer paradies­artigen Zwischen- und Ruhestation auf dem Weg zu Erleuchtung. Das reine Land erreicht man, kurz gesagt, wenn man kein negatives Karma in seinem Leben entwickelt hat und sich redlich als Buddhist bemüht hat. Ist die eine oder die andere Bedingung nicht erfüllt, droht nach tibetischem Verständnis eine Wieder­geburt als Tier oder als Mensch.


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Aktualisiert am: 16.07.2008
 
         
 

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