3. Was ist die "hidden agenda"?
Wir haben es in 2.2. schon angedeutet: Hinter dem
alternativen Weltbild steht auch der Versuch, uns
zu einem anderen Bild von unserem Leben, unserer Lebenszeit
und unserem Tod zu führen.
Gemeinsames Element aller buddhistischen Unterweisungen
scheint mir zu sein, dass einerseits der Tod vorbereitet
und über ihn hinweg getröstet wird, andererseits an
eine weit intensivere Wahrnehmung der Lebenszeit herangeführt
wird. Die Wege sind jedoch in den verschiedenen Lehrsystemen
etwas unterschiedlich, letztlich aber komplementär:
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Der Theravada-Buddhismus (ähnlich die Zen-Tradition)
setzt den Akzent mehr auf die Ausrichtung der Aufmerksamkeit
auf die Gegenwart (sog. Achtsamkeit), das Abschneiden
der Gedanken an Vergangenheit und Zukunft; dadurch
nimmt automatisch die Furcht vor dem Tod ab; es etabliert
sich mittelfristig auch ein anderes Zeitverständnis
und ein tieferes Verständnis von Nicht-Identität von
einem Moment zum nächsten. Über den "Trostpreis"
der Wiedergeburt (15) hinaus besteht
so die Chance, aus dem Kreislauf von Tod und Wiedergeburt
auszutreten und Befreiung zu erlangen.
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Im tibetischen Mahayana-Buddhismus geht der Weg eher
anders herum: Neben der meist auch hier bejahten Wiedergeburt
wird bewusst die Auseinandersetzung mit dem Tod gesucht.
Einen Einblick gibt das berühmte Totenbuch der Tibeter.
Doch die tibetisch-buddhistische Praxis geht noch
weiter: Während eines sogenannten Drei-Jahres-Retreats
werden die Dauermeditierenden teilweise eingemauert.
Als Fortgeschrittenen-Übung sollen Berichten zufolge
auch Besuche bei toten Menschen oder Tieren und Friedhofsaufenthalte
auf dem Ausbildungsprogramm stehen können. Auch im
Westen angeboten werden sogenannte Powa-Kurse, bei
denen die Erfahrung des Sterbens simuliert wird. Durch
die Auseinandersetzung mit Tod und Sterblichkeit soll
keineswegs nur das Sterben vorbereitet werden; durch
das Bewusstwerden der Vergänglichkeit wird auch gleichzeitig
die Wahrnehmung und Wertschätzung des Gegenwärtigen,
des Hier und Jetzt gesteigert. Ein Nyingma-Lehrer
rief dieser doppelten Intention folgend dazu auf,
sich stets zu sagen: "Dies ist meine letzte Handlung
in dieser Welt."
Halten wir fest: teilweise zielt der Buddhismus direkt
auf eine intensivere Wahrnehmung des Hier und Jetzt
und bereitet damit das Sterben vor; teilweise
bereitet er das Sterben durch Todessimulation vor
und bewirkt so indirekt eine intensivere Wahrnehmung
des Hier und Jetzt. Beide Wege sind möglich,
ergänzen sich und führen in einer Zangenbewegung letztlich
zum selben Ziel.
Der zweite Weg, der der Todessimulation, kann freilich
noch eine Nebenwirkung haben: Wie bei echten Nahtoderfahrungen
(vgl. z.B. www.nahtod.de "Literatur"/"Magister")
kann sich durch die Todessimulation eine besondere
Zärtlichkeit für die Welt und insbesondere die Mitmenschen
entwickeln. Hier besteht eine Verbindung zu dem Ziel
des Mitgefühls.
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Erläuterungen
(15) Gehört die Wiedergeburtslehre zur buddhistischen
Essenz? Ich glaube nicht. Sie ist vielmehr eine
der vielen alt-indischen Erbschaften des Buddhismus,
Trost spendend und auch Marketing-Instrument: Ohne
die Übernahme der Wiedergeburtslehre als Besitzstand
der alt-indischen Religionen hätte der Buddhismus
in Indien vermutlich nie Fuß fassen und damit auch
nicht zu dem werden können, was er heute ist.
Dass es aber auch ohne Wiedergeburtslehre geht, zeigte
der buddhistische Philosoph Nagarjuna (2. Jh.
nach Chr.). Er sagte lakonisch, dass Buddha recht
gehabt hat, sich nicht zur Frage der Wiedergeburt
zu äußern und nimmt das Konzept der Wiedergeburt
mitsamt seinen Voraussetzungen in seinen Merkversen
der mittleren Lehre auseinander. Dies ist angesichts
des von allen Buddhisten angenommenen ständigen Wandels
sowie der Vergänglichkeit und begrifflichen Leerheit
des Ichs mehr als konsequent. Ich hörte übrigens
selbst aus dem Munde eines tibetischen Lehrers einmal
sinngemäß den Satz, dass mit der Wiedergeburt
(hier: eines hohen Lehrers) keineswegs gemeint ist,
dass ein und derselbe Mensch wieder entsteht; vielmehr
gehe es um die Übertragung einer Funktion (hier: im
Lehrbetrieb, in der Tradition); und das Fortwirken
von Handlungen bzw. Tendenzen innerhalb des
Lebens, aber auch über den Tod hinaus (Lehre vom Karma).
Aber diese Einschätzung ist umstritten.
Kurz: Hat man die buddhistische Ich-Dekonstruktion
verinnerlicht, erübrigt sich die Frage der Wiedergeburt.
Hat man dies nicht, spendet die Aussicht auf Wiedergeburt
Trost. Sind die an der Wiedergeburtslehre festhaltenden
buddhistischen Lehrer in Wirklichkeit keine Dogmatiker,
sondern radikale Utilitaristen?
Ein Beispiel für die religiöse Auskleidung der (buddhistischen)
Befreiungslehre findet sich im tibetischen Buddhismus.
Er kennt noch eine "De luxe-Version" der
Wiedergeburt: Die Geburt in einem "reinen
Land", einer paradiesartigen Zwischen- und Ruhestation
auf dem Weg zu Erleuchtung. Das reine Land
erreicht man, kurz gesagt, wenn man kein negatives
Karma in seinem Leben entwickelt hat und sich redlich
als Buddhist bemüht hat. Ist die eine oder die andere
Bedingung nicht erfüllt, droht nach tibetischem Verständnis
eine Wiedergeburt als Tier oder als Mensch.
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