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  29.07.2010   
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2. Was ist das Ziel buddhistischer Unterweisung? Was soll er leisten?

2.1. Buddhismus (5) ist in erster Linie eine Kulturtechnik, eine Methode und nur in einigen seiner historischen Ausformungen eine halbwegs feststehende Philosophie oder Religion. Buddhismus soll - ganz pragmatisch - Menschen von ihrem Leiden erlösen (2.2.) und Menschen zu einer mitfühlenden Grundhaltung erziehen (2.3.) ; deshalb wird Buddhismus auch als "der Weg der Befreiung" bezeichnet.

2.2. Damit Buddhismus vom Leiden (6) oder auch nur Unwohlsein befreien kann, muss er dessen Ursachen beseitigen. Als Ursachen des Leidens sieht  Buddhismus u.a. folgende menschliche Verstrickungen:

- unsere Ängste,

- unsere Begierden (inkl. Hoffnungen), die wir immer wieder aufs Neue produzieren und denen wir Sisyphos gleich - nachjagen,

- unsere Identifikation mit dem eigenen Körper (bzw. dessen Macht über uns),

- die Annahme eines feststehenden Ichs,

- die Annahme von feststehenden Eigenschaften der Welt und ihrer Teile

- alle möglichen Kombinationen dieser Elemente (z.B. Eifersucht).

Um den Menschen zu ermöglichen, sich aus diesen Verstrickungen zu lösen, versucht Buddhismus, eine dem üblichen Weltbild entgegengesetzte Sichtweise der Welt zu vermitteln (7). Diese entgegengesetzte Sichtweise soll unsere normale, perspektivische und ich-fixierte Sichtweise nicht ersetzen, sondern ergänzen. Hier eine Annäherung, ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit:

-          Wir sehen, dass nichts statisch ist, sondern sich in einem wegen seiner Komplexität nur ansatzweise beschreibbaren Beziehungsgeflecht stetig verändert und sich auflöst.

-          Wir sehen den Raum, bevor wir die sich darin verändernden Objekte sehen (8).

-          Wir sehen den Raum zwischen den einzelnen Objekten und in ihnen (in der Physik gut nachvollziehbar: immer ist Raum zwischen den noch so kleinen Partikeln wie Quarks / Strings).

-          Raum wird dabei wie die Erscheinungen in ihm nicht als festes Substrat angesehen.

-          Wir verstehen, dass nichts eine feste Grenze hat, zur Not dadurch, dass wir den Maßstab immer weiter verkleinern: Gehört dieses Molekül noch zur Haut oder hat es sich schon gelöst? Gehört die Luft in der Pore noch zur Haut? Und die Luft in der Lunge?

-          Wir entlarven das Ich als Illusion / Konzept  (Wo ist es denn gerade? War es nicht gerade ein ganz anderes Ich, weil es sich geärgert hat? Oder weil es von einem Tagtraum davon getragen wurde?).

-          Wir entlarven insbesondere unsere Empfindungen und Gefühle als Illusion (Wo ist der Ärger denn genau? Ist da nicht noch unendlich viel Raum zwischen dem Schmerz in meiner Hand und meinem Ich? Was verbindet beide?).

-          Wir erkennen, dass wir gewöhnlich ständig irgendwelchen Zielen hinterherlaufen und von Ängsten getrieben werden; indem wir dies erkennen, machen wir uns frei davon und verweilen im Hier und Jetzt und handeln spontan, ohne irgendwelche Absichten zu verfolgen.

-          Wir sehen uns, alle anderen und alles andere als stets wechselseitig bedingt und nur in Abhängigkeit von einander entsteh­end, sich verändernd und vergehend.

-          Wir akzeptieren unser gegenwärtiges Sein und die Dinge so, wie sie sind; wir halten sie jedoch letztlich für leer (ohne gleichbleibend zu sein), durchscheinend und damit rein (ohne feststehende Merkmale, neutral) (9).

-          Wir hören folglich auch auf zu (be-) urteilen.

-          Wir sehen die Grenzen aller bildlichen und begrifflichen Konzeptionen (man könnte dies Dekonstruktion nennen).

-          Kurz: wir sehen (auch) die Leinwand und nicht (nur) traumartig den Film, der auf sie projiziert wird; wir sehen die Welt in ihrem unendlich verschlungenen Gesamtablauf und uns als unbedeutender, sich stets neu konfigurierender Minipartikel, der keine gleichbleibende Substanz hat, der ständig verändert wird und andere(s) verändert.

Und dies alles sollen die Buddhisten nicht nur abstrakt verstehen, sondern vor allem verinnerlichen, als Gegenrealität nachempfinden können; um schließlich die übliche Realität und die Gegenrealität hinter sich zu lassen (10). Wobei neben der im folgenden beschriebenen mitfühlenden Grundhaltung auch ein anderer Umgang mit Tod und (Lebens-) Zeit charakteristische Elemente des alternativen Wirklichkeitszugangs sind (siehe 3.).

2.3. Eine mitfühlende Grundhaltung, kurz Mitgefühl genannt (11), das zweite Ziel buddhistischer Unterweisung, ist nicht zu verwechseln mit auf (emotionalen) Besitz zielenden (Liebes-) Gefühlen. Sie ist vielmehr durch eine sehr starke altruistische Kompo­nente gekennzeichnet. Eine mitfühlende Grundhaltung können Menschen - von einigen Naturtalenten abgesehen - nur nach oder während des emotionalen Clearings erwer­ben, das Teil der buddhistischen (oder einer vergleichbaren geistigen) Ausbildung ist (12).

Das Ziel des Mitgefühls hängt nach dem buddhistischen Verständnis mit der grundsätzlichen Gleichheit aller Menschen zusammen: Alle Menschen tragen die Buddhanatur in sich, sind daher in ihrem Kern gleich. Die Trennung zwischen dem Ich und den anderen ist wegen der Scheinhaftigkeit des Ichs eine Illusion, weswegen man auch sich selbst mitfühlend begegnen und sich annehmen soll.

Fassen wir zusammen: Buddhismus will uns zu einem nur in der Gegenwart lebenden, geläuterten, glücklichen, altruistischen und warmherzigen Menschen machen, der sich nicht um materiellen wie emotionalen Besitz schert, keinen Wünschen oder Zielen hinterherläuft und die Inhaltslosigkeit von begrifflichen und anderen festen Vorstellungen fortwährend durchschaut. Also fast zu einem Heiligen?

Erläuterungen




(5)
Wenn ich das Wort Buddhismus ohne Artikel verwende, meine ich sinngemäß die buddhistische Lehre (Dharma / Dhamma) im Gegensatz zu dem buddhistischen Lehrbetrieb. Jener zielt zwar auf die Vermittlung von Buddhismus, vermittelt jedoch mithin zusätzliche Elemente, die als Hilfsmittel auf dem Weg zu sehen sind. Wenn ich das Wort Buddhismus mit Artikel verwende, meine ich die buddhistische Lehre gleichermaßen wie den buddhistischen Lehrbetrieb.

(6) Der buddhistische Begriff des Leidens (Dukkha) dürfte sehr weit gefasst sein und auch Angst, einfaches Unwohlsein oder Unzufriedenheit mit einschließen. Wie wirkt Buddhismus auf Menschen, die in unserem Sinne nicht konkret leiden? Nun, auch sie können sich befreien und von den unmittelbaren Wirkungen des Weges profitieren. Sie können z.B. lernen, sich nicht ständig von ihren Wünschen an der Nase herumführen zu lassen. Die als Hauptmittel eingesetzte Meditation synchronisiert Körperfunktionen und führt so zu Wohlbefinden wenn nicht sogar zu Glück. Soll Buddhismus nicht nur von Leid befreien, sondern auch zum Glück führen? Siehe dazu die Anmerkungen unter "Leistet Buddhismus, was er verspricht?", ebenfalls rechte Spalte.





(7)
In einer ersten Stufe der buddhistischen Ausbildung soll die normale Sichtweise relativiert werden. In einer zweiten soll man sich die alternative Sichtweise aneignen. In einer dritten soll man beide gleichzeitig sehen (sog. zwei Wahrheiten). In manchen Schulen des Buddhismus soll man sodann weiterhin von beiden Sichtweisen loslassen, sich also im Raum oder in dem Nichts zwischen beiden Sichtweisen verlieren und - oh Wunder! - trotzdem oder erst recht unbeschwert fortexistieren.

Ob die übliche Sichtweise oder die entgegengesetzte Sichtweise die am besten die Welt repräsentierende ist, ist eigentlich egal oder zumindest nachrangig: Die Aufweichung der normalen Sichtweise durch die entgegengesetzte ist das Entscheidende. Durch diese Aufweichung und den darauf im Idealfall folgenden Schwebezustand zwischen den beiden Sichtweisen setzt die Befreiung von Fixierungen ein. Es entsteht eine innere Offenheit, ein Schwebezustand, der einen anderen Wahrnehmungsmodus und zugleich eine Konzentration auf das Hier und Jetzt ermöglicht.

(8) Die hier gewählte Annäherung über den Raum ist angelehnt an: Tarthang Tulku, Time, Space, and Knowledge sowie Knowledge of Time, and Space, Dharma Publishing, Berkeley 1977 bzw. 1990; dort natürlich ausführlicher und pädagogisch aufgebaut. Auf Deutsch: Raum, Zeit und Erkenntnis, O.W.Barth-Verlag, Bern 1983.




























(9)
Der Begriff der Leerheit ist ein Schlüssel zu dem buddhistischen Weltbild. Er bezeichnet einerseits die Aussage, dass nichts eine feststehende Eigennatur hat und daher nichts "wirklich ist". Andererseits bedeutet er nicht, dass nichts existiere. Die Welt und die Phänomene in ihr gibt es auf der ersten Wahrheitsebene; man möge sich also bitte nicht von einer Schlange beißen lassen, weil man sie für eine Illusion hält. Jedoch sind alle Phänomene in dem Sinne eine Illusion, insofern wir ihnen bestimmte gleich bleibende Eigenschaften zumessen, also bewerten. Was macht einen Menschen zum Feind bzw. Freund? Unsere Bewertung.








(10)
Um die Phänomene nicht zu feststehenden Dingen zu machen, hinterfragt sie die buddhistische Lehre. Letztlich geht das Hinterfragen auf Meta-Ebene weiter: Auch das so gewonnene, tiefere Verständnis wird seinerseits hinterfragt und soll uns so in eine noch umfassendere konzeptuelle Freiheit führen. Das Hinterfragen macht in manchen Schulen auch nicht vor buddhistischen Schlüsselbegriffen wie Leerheit, die buddhistische Lehre (Dharma/Dhamma) bzw. Bezeichnungen wie Buddha halt. Stephen Batchelor bezeichnet in einem Interview Buddhismus als ongoing inquiry Buddhismus ist eben primär Methode.

(11) Dieses Ziel wird stärker von dem sogenannten Mahayana-Buddhismus betont, der vor allem im nördlichen Indien, Nepal, Bhutan, Tibet, China, Korea und Japan praktiziert wird, ist aber entgegen anderslautender Meinung auch im Theravada-Buddhismus präsent. Nach dem im Mahayana-Buddhismus herrschenden Leitbild der Boddhicittá soll  der Bodhisattva (@ Buddhist auf dem Weg zur Erleuchtung / Befreiung) die anderen Wesen mitnehmen. Teilweise wird sogar gesagt: Der eigentliche Grund dafür, dass wir die wahre (nämlich leere) Natur des eigenen Geistes durchschauen wollen, ist, dass wir die Befreiung anderer Menschen wollen. Prägnant Stephen Batchelor in einem Interview: "I am not so much interested what Buddhism is about. I am more interested in finding out what Buddhism can do for the people." Hier wird drastisch der pragmatisch-utilitaristische Ansatz des Buddhismus benannt, dem selbst die Erkenntnis als solche untergeordnet wird (siehe unter "11. Buddhismus und westliche Erkenntnis").

(12) Dass das - von Ego-Anhaftungen gereinigte - Mitgefühl nicht wie andere Gefühle auch dekonstruiert werden soll, lässt sich m.E. nur pragmatisch erklären: Es geht einem selbst und der Umwelt besser, wenn man mitfühlend ist. Auch soll das Mitgefühl die Motivation dafür schaffen, sich und andere zu befreien.


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Aktualisiert am: 16.07.2008
 
         
 

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