2. Was ist das Ziel buddhistischer Unterweisung?
Was soll er leisten?
2.1. Buddhismus (5) ist in erster Linie eine
Kulturtechnik, eine Methode und nur in einigen seiner
historischen Ausformungen eine halbwegs feststehende
Philosophie oder Religion. Buddhismus soll - ganz
pragmatisch - Menschen von ihrem Leiden erlösen
(2.2.) und Menschen zu einer mitfühlenden Grundhaltung
erziehen (2.3.) ; deshalb wird Buddhismus auch als
"der Weg der Befreiung" bezeichnet.
2.2. Damit Buddhismus vom Leiden (6) oder
auch nur Unwohlsein befreien kann, muss er dessen
Ursachen beseitigen. Als Ursachen des Leidens
sieht Buddhismus u.a. folgende menschliche Verstrickungen:
- unsere Ängste,
- unsere Begierden (inkl. Hoffnungen), die
wir immer wieder aufs Neue produzieren und denen wir
Sisyphos gleich - nachjagen,
- unsere Identifikation mit dem eigenen Körper (bzw.
dessen Macht über uns),
- die Annahme eines feststehenden Ichs,
- die Annahme von feststehenden Eigenschaften der
Welt und ihrer Teile
- alle möglichen Kombinationen dieser Elemente (z.B.
Eifersucht).
Um den Menschen zu ermöglichen, sich aus diesen Verstrickungen
zu lösen, versucht Buddhismus, eine dem üblichen Weltbild
entgegengesetzte Sichtweise der Welt zu vermitteln
(7). Diese entgegengesetzte Sichtweise soll
unsere normale, perspektivische und ich-fixierte Sichtweise
nicht ersetzen, sondern ergänzen. Hier eine Annäherung,
ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit:
-
Wir sehen, dass nichts statisch ist, sondern sich
in einem wegen seiner Komplexität nur ansatzweise
beschreibbaren Beziehungsgeflecht stetig verändert
und sich auflöst.
-
Wir sehen den Raum, bevor wir die sich darin verändernden
Objekte sehen (8).
-
Wir sehen den Raum zwischen den einzelnen Objekten
und in ihnen (in der Physik gut nachvollziehbar: immer
ist Raum zwischen den noch so kleinen Partikeln wie
Quarks / Strings).
-
Raum wird dabei wie die Erscheinungen in ihm nicht
als festes Substrat angesehen.
-
Wir verstehen, dass nichts eine feste Grenze hat,
zur Not dadurch, dass wir den Maßstab immer weiter
verkleinern: Gehört dieses Molekül noch zur Haut oder
hat es sich schon gelöst? Gehört die Luft in der Pore
noch zur Haut? Und die Luft in der Lunge?
-
Wir entlarven das Ich als Illusion / Konzept (Wo
ist es denn gerade? War es nicht gerade ein ganz anderes
Ich, weil es sich geärgert hat? Oder weil es von einem
Tagtraum davon getragen wurde?).
-
Wir entlarven insbesondere unsere Empfindungen und
Gefühle als Illusion (Wo ist der Ärger denn genau?
Ist da nicht noch unendlich viel Raum zwischen dem
Schmerz in meiner Hand und meinem Ich? Was verbindet
beide?).
-
Wir erkennen, dass wir gewöhnlich ständig irgendwelchen
Zielen hinterherlaufen und von Ängsten getrieben werden;
indem wir dies erkennen, machen wir uns frei davon
und verweilen im Hier und Jetzt und handeln
spontan, ohne irgendwelche Absichten zu verfolgen.
-
Wir sehen uns, alle anderen und alles andere als stets
wechselseitig bedingt und nur in Abhängigkeit von
einander entstehend, sich verändernd und vergehend.
-
Wir akzeptieren unser gegenwärtiges Sein und die Dinge
so, wie sie sind; wir halten sie jedoch letztlich
für leer (ohne gleichbleibend zu sein), durchscheinend
und damit rein (ohne feststehende Merkmale,
neutral) (9).
-
Wir hören folglich auch auf zu (be-) urteilen.
-
Wir sehen die Grenzen aller bildlichen und begrifflichen
Konzeptionen (man könnte dies Dekonstruktion nennen).
-
Kurz: wir sehen (auch) die Leinwand und nicht (nur)
traumartig den Film, der auf sie projiziert wird;
wir sehen die Welt in ihrem unendlich verschlungenen
Gesamtablauf und uns als unbedeutender, sich stets
neu konfigurierender Minipartikel, der keine gleichbleibende
Substanz hat, der ständig verändert wird und andere(s)
verändert.
Und dies alles sollen die Buddhisten nicht nur abstrakt
verstehen, sondern vor allem verinnerlichen, als Gegenrealität
nachempfinden können; um schließlich die übliche Realität
und die Gegenrealität hinter sich zu lassen (10).
Wobei neben der im folgenden beschriebenen mitfühlenden
Grundhaltung auch ein anderer Umgang mit Tod und (Lebens-)
Zeit charakteristische Elemente des alternativen Wirklichkeitszugangs
sind (siehe 3.).
2.3. Eine mitfühlende Grundhaltung, kurz Mitgefühl
genannt (11), das zweite Ziel buddhistischer
Unterweisung, ist nicht zu verwechseln mit auf (emotionalen)
Besitz zielenden (Liebes-) Gefühlen. Sie ist vielmehr
durch eine sehr starke altruistische Komponente gekennzeichnet.
Eine mitfühlende Grundhaltung können Menschen - von
einigen Naturtalenten abgesehen - nur nach oder während
des emotionalen Clearings erwerben, das Teil der
buddhistischen (oder einer vergleichbaren geistigen)
Ausbildung ist (12).
Das Ziel des Mitgefühls hängt nach dem buddhistischen
Verständnis mit der grundsätzlichen Gleichheit aller
Menschen zusammen: Alle Menschen tragen die Buddhanatur
in sich, sind daher in ihrem Kern gleich. Die Trennung
zwischen dem Ich und den anderen ist wegen
der Scheinhaftigkeit des Ichs eine Illusion,
weswegen man auch sich selbst mitfühlend begegnen
und sich annehmen soll.
Fassen wir zusammen: Buddhismus will uns zu einem
nur in der Gegenwart lebenden, geläuterten, glücklichen,
altruistischen und warmherzigen Menschen machen, der
sich nicht um materiellen wie emotionalen Besitz schert,
keinen Wünschen oder Zielen hinterherläuft und die
Inhaltslosigkeit von begrifflichen und anderen festen
Vorstellungen fortwährend durchschaut. Also fast zu
einem Heiligen?
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Erläuterungen
(5) Wenn ich das Wort Buddhismus ohne Artikel
verwende, meine ich sinngemäß die buddhistische Lehre
(Dharma / Dhamma) im Gegensatz zu dem buddhistischen
Lehrbetrieb. Jener zielt zwar auf die Vermittlung
von Buddhismus, vermittelt jedoch mithin zusätzliche
Elemente, die als Hilfsmittel auf dem Weg zu sehen
sind. Wenn ich das Wort Buddhismus mit Artikel verwende,
meine ich die buddhistische Lehre gleichermaßen wie
den buddhistischen Lehrbetrieb.
(6) Der buddhistische Begriff des Leidens
(Dukkha) dürfte sehr weit gefasst sein und auch Angst,
einfaches Unwohlsein oder Unzufriedenheit mit einschließen.
Wie wirkt Buddhismus auf Menschen, die in unserem
Sinne nicht konkret leiden? Nun, auch sie können sich
befreien und von den unmittelbaren Wirkungen
des Weges profitieren. Sie können z.B. lernen, sich
nicht ständig von ihren Wünschen an der Nase herumführen
zu lassen. Die als Hauptmittel eingesetzte Meditation
synchronisiert Körperfunktionen und führt so zu Wohlbefinden
wenn nicht sogar zu Glück. Soll Buddhismus nicht nur
von Leid befreien, sondern auch zum Glück führen?
Siehe dazu die Anmerkungen unter "Leistet Buddhismus,
was er verspricht?", ebenfalls rechte Spalte.
(7) In einer ersten Stufe der buddhistischen Ausbildung
soll die normale Sichtweise relativiert werden. In
einer zweiten soll man sich die alternative Sichtweise
aneignen. In einer dritten soll man beide gleichzeitig
sehen (sog. zwei Wahrheiten). In manchen Schulen des
Buddhismus soll man sodann weiterhin von beiden Sichtweisen
loslassen, sich also im Raum oder in dem Nichts zwischen
beiden Sichtweisen verlieren und - oh Wunder! - trotzdem
oder erst recht unbeschwert fortexistieren.
Ob die übliche Sichtweise
oder die entgegengesetzte Sichtweise die am besten
die Welt repräsentierende ist, ist eigentlich egal
oder zumindest nachrangig: Die Aufweichung der normalen
Sichtweise durch die entgegengesetzte ist das Entscheidende.
Durch diese Aufweichung und den darauf im Idealfall
folgenden Schwebezustand zwischen den beiden Sichtweisen
setzt die Befreiung von Fixierungen ein. Es
entsteht eine innere Offenheit, ein Schwebezustand,
der einen anderen Wahrnehmungsmodus und zugleich eine
Konzentration auf das Hier und Jetzt ermöglicht.
(8) Die hier gewählte
Annäherung über den Raum ist angelehnt an: Tarthang
Tulku, Time, Space, and Knowledge sowie Knowledge
of Time, and Space, Dharma Publishing, Berkeley
1977 bzw. 1990; dort natürlich ausführlicher und pädagogisch
aufgebaut. Auf Deutsch: Raum, Zeit und Erkenntnis,
O.W.Barth-Verlag, Bern 1983.
(9) Der Begriff der Leerheit ist ein Schlüssel
zu dem buddhistischen Weltbild. Er bezeichnet einerseits
die Aussage, dass nichts eine feststehende Eigennatur
hat und daher nichts "wirklich ist". Andererseits
bedeutet er nicht, dass nichts existiere. Die Welt
und die Phänomene in ihr gibt es auf der ersten Wahrheitsebene;
man möge sich also bitte nicht von einer Schlange
beißen lassen, weil man sie für eine Illusion hält.
Jedoch sind alle Phänomene in dem Sinne eine Illusion,
insofern wir ihnen bestimmte gleich bleibende Eigenschaften
zumessen, also bewerten. Was macht einen Menschen
zum Feind bzw. Freund? Unsere Bewertung.
(10) Um die Phänomene nicht zu feststehenden Dingen
zu machen, hinterfragt sie die buddhistische Lehre.
Letztlich geht das Hinterfragen auf Meta-Ebene weiter:
Auch das so gewonnene, tiefere Verständnis wird seinerseits
hinterfragt und soll uns so in eine noch umfassendere
konzeptuelle Freiheit führen. Das Hinterfragen macht
in manchen Schulen auch nicht vor buddhistischen Schlüsselbegriffen
wie Leerheit, die buddhistische Lehre (Dharma/Dhamma)
bzw. Bezeichnungen wie Buddha halt. Stephen Batchelor
bezeichnet in einem Interview Buddhismus als ongoing
inquiry Buddhismus ist eben primär Methode.
(11) Dieses Ziel
wird stärker von dem sogenannten Mahayana-Buddhismus
betont, der vor allem im nördlichen Indien, Nepal,
Bhutan, Tibet, China, Korea und Japan praktiziert
wird, ist aber entgegen anderslautender Meinung auch
im Theravada-Buddhismus präsent. Nach dem im Mahayana-Buddhismus
herrschenden Leitbild der Boddhicittá soll der Bodhisattva
(@ Buddhist auf dem Weg zur Erleuchtung / Befreiung)
die anderen Wesen mitnehmen. Teilweise wird sogar
gesagt: Der eigentliche Grund dafür, dass wir die
wahre (nämlich leere) Natur des eigenen Geistes
durchschauen wollen, ist, dass wir die Befreiung
anderer Menschen wollen. Prägnant Stephen Batchelor
in einem Interview: "I am not so much interested
what Buddhism is about. I am more interested in finding
out what Buddhism can do for the people." Hier
wird drastisch der pragmatisch-utilitaristische Ansatz
des Buddhismus benannt, dem selbst die Erkenntnis
als solche untergeordnet wird (siehe unter "11.
Buddhismus und westliche Erkenntnis").
(12) Dass das -
von Ego-Anhaftungen gereinigte - Mitgefühl
nicht wie andere Gefühle auch dekonstruiert werden
soll, lässt sich m.E. nur pragmatisch erklären: Es
geht einem selbst und der Umwelt besser, wenn man
mitfühlend ist. Auch soll das Mitgefühl
die Motivation dafür schaffen, sich und andere zu
befreien.
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