1. Warum dieser Text?
Der Text hat zwei Ziele:
-
Zum einen soll er in einer für westliche Menschen
leicht verständlichen Sprache aufzeigen, worauf buddhistische
Ausbildung zielt und die Elemente der buddhistischen
Ausbildung als solche beschreiben. Der Leser soll
wissen: Was erwartet mich, wenn ich mich einer buddhistischen
Ausbildung unterziehe? Und er soll leichter beurteilen
können, ob der buddhistische Weg für ihn überhaupt
geeignet ist.
-
Zum zweiten will er den Blick dafür schärfen, was
kulturübergreifende buddhistische Essenz und was eine
zwecks leichterer Vermittlung angenommene äußere Form
des Buddhismus ist (1, 2). An Buddhismus interessierte
westliche Menschen, die beides nicht trennen, laufen
eine doppelte Gefahr: Sie lassen sich einerseits leicht
von dem kulturellen Beiwerk der jeweiligen Übermittlungslinie
ablenken oder abschrecken. Sie verpassen andererseits
den unmittelbaren Zugang zu der buddhistischen Essenz,
gehen also den Umweg über eine fremde Kultur mit ihren
jeweiligen Glaubenssätzen und Traditionen.
Vermag man die buddhistische Essenz von dem kulturellen
Beiwerk zu unterscheiden, kann man sich in Buddhismus
unterweisen lassen, ohne seine eigene kulturelle Tradition
austauschen zu müssen. Dies ist ein Weg, der von einem
kleinen, aber wachsenden Kreis von Menschen gegangen
wird. Es stellt eine Art dritter Weg neben der Ablehnung
der traditionellen buddhistischen Lehrstrukturen und
der bedingungslosen, zu Kritiklosigkeit führenden
Eingliederung in eine ihrer Traditionslinien dar;
und vielleicht ist es zumindest für rational geprägte
westliche Menschen gar nicht der schlechteste (3).
|
Erläuterungen
Dieser Text verzichtet so weit wie möglich auf die
übliche buddhistische Terminologie, um das Verständnis
zu erleichtern. Wo Begriffe in einem Sinne verwendet
werden, der nicht ganz unserer üblichen Bedeutung
entspricht, sind sie kursiv gesetzt.
(1) Wie andere Religionen und geistige Unterweisungssysteme
auch passte sich der Buddhismus immer wieder äußeren
Gegebenheiten und Bedürfnissen an, ohne seinen Kern
(oder seine Essenz) dadurch zu gefährden. Eine Anpassung
buddhistischer Traditionslinien an das westliche kulturelle
Umfeld wurde seit dem 19. Jh. versucht, ist aber letztlich
noch nicht sehr weit fortgeschritten.
(2) Die buddhistischen Traditionslinien sehen
für westliche Menschen einen guten Zugang zu buddhistischen
Lehren. Sie senden seit einigen Jahrzehnten in großem
Stil - zum Teil hochrangige - Lehrer in den Westen.
Zurecht: Der durchschnittlich hohe Bildungsgrad westlicher
Menschen und die analytische Denktradition können
die buddhistische Ausbildung beschleunigen. Siehe
auch der Abschnitt "Buddhismus und westliche
Erkenntnis".
(3) Der buddhistische Gelehrte Chandrakírti
(8. Jh.) empfiehlt diese Haltung sogar für den Umgang
mit der buddhistischen Lehre selbst: Der Weise "akzeptiert
keine buddhistische Lehre und lehnt auch keine buddhistische
Lehre ab. Sein Denken gleicht dem Raum."
|