|
14. Praktische Fragen zur buddhistischen Ausbildung
Was kann man zur Vorbereitung einer buddhistischen
Ausbildung tun, wenn man noch keinen geeigneten Lehrer
/ keine geeignete Schule gefunden hat? - Zweierlei:
Zum einen kann man sich in den Buddhismus einlesen
und mit dem buddhistischen Gedankengut den Alltag
beleuchten (s.o.). Zum anderen kann man, um seinen
Geist formbar zu machen, eine einfache Atemmeditation
einüben. Außerdem kann man zu den nicht für optimal
gehaltenen, aber erreichbaren Zentren eine lose Verbindung
halten, in dem man gelegentlich einzelne Veranstaltungen
besucht. Das wird fast immer akzeptiert - Buddhisten
sind in der Regel offen und tolerant; es stößt freilich
manchmal auf Verwunderung, da nur wenige Leute länger
am buddhistischen Ball bleiben, ohne sich in eine
buddhistische Gemeinschaft zu integrieren. Aber es
ging schon immer, und es geht natürlich auch heute,
obwohl es schwerer ist.
Welche Bücher kann man westlichen Menschen als Einstieg
in die Beschäftigung mit Buddhismus empfehlen? - Verschiedene
Bücher von Thich Nhat Hanh und Chögyam Trungpa (70)
sowie Buddhismus für Ungläubige von Stephen
Batchelor (71); letzteres eine sehr gute Annäherung
gerade aus westlicher Perspektive, die Batchelor nach
jahrzehntelanger buddhistischer Ausbildung zurückgewonnen
hat. Als Ergänzung über die äußere Geschichte des
Buddhismus: Wer den Bogen beherrscht - Der Buddhismus
von Karl-Heinz Golzio (72).
Welches Buch führt am Besten in die tieferen Schichten
buddhistischer Philosophie? - Nagarjuna: Merkverse
der mittleren Lehre (73). Aber Achtung:
Die Verse stellen teilweise auch die Meinung der damaligen
Schulen und Antipoden Nagarjunas dar, die er
sodann (dialektisch) widerlegen will. Außerdem sind
sie extrem schwierig. Es ist umstritten, ob Nagarjuna
mit diesem Text die gängige buddhistische Metaphysik
wegen ihrer Oberflächlichkeit aushebeln und auf die
buddhistische Essenz hinführen oder ob er die tiefere
Wahrheits-/ Vermittlungsebene von Buddhas Lehre (nur)
als Ergänzung zu dem üblichen Verständnis hervorheben
wollte. In jedem Fall kann die Lektüre, selbst wenn
man nicht alles versteht, eine Ahnung davon vermitteln,
wohin die buddhistische Methode letztlich führen will;
sie begründet ein Meta-Verständnis für andere buddhistische
Unterweisungen. Freilich kann die Lektüre fast nie
die (meditative) Verinnerlichung und den langen Umweg
über leichter zugängliche Vermittlungsformen ersparen.
Welches Buch kann man als Begleitung für die fortgeschrittene
Meditationspraxis empfehlen? -
Wenn jemand schon mit einer bestimmten Tradition
Verbindung aufgenommen hat, sollte er zumindest anfangs
auch grundsätzlich die Meditationserläuterungen dieser
Tradition wählen; sonst droht (Begriffs-) Verwirrung.
Erst nach einiger Zeit kann es Sinn machen zu vergleichen
(74).
Ein Buch, welches gerade Menschen im Westen auf ihrem
buddhistischen Weg unbedingt des öfteren konsultieren
sollten, ist Spirituellen Materialismus durchschneiden
von Chögyam Trungpa (75). Es geht auf häufig
zu beobachtende Fehlentwicklungen ein und warnt u.a.
vor folgendem: Im Westen machen mehr Menschen als
andernorts aus den buddhistischen Lehren und den meditativen
Erfahrungen ein Ding, welches sie scheinbar besitzen.
Damit blähen sie völlig kontraproduktiv und gefährlich
das Ego auf, statt es zu entmachten.
|
Erläuterungen
(70) Diese Lehrer/Autoren zeichnet neben ihrer
Erfahrung mit westlichen Schülern aus, dass sie Elemente
mehrerer Grundströmungen anwenden und Neulinge daher
nicht festlegen.
(71) Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt
a.M. (verschiedene Auflagen)
(72) dtv, München 1997
(73) Beste Übersetzung und Kommentierung von
Guy Bugault: Stances du milieu par excellence,
Gallimard 2002, ISBN 2-07-076730-2;
Übersetzung ins Englische von Stephen Batchelor auf
www.martinebatchelor.org
(jetzt auch auf Deutsch erschienen).
Nagarjuna warf in diesem Buch jede Menge teilweise
als ketzerisch empfundene Fragen auf; darunter die:
Wer (oder was) ist (schon) der (historische) Buddha?
(74) Ein Buch der mir am besten vertrauten
Tradition, aber sicher nicht das einzige, welches
dazu geeignet ist: Mahamudra, schon im 16.
Jh. von dem 9. Karmapa geschrieben. Es war revolutionär,
weil praxisnah als Meditationsbegleitbuch geschrieben.
Wiewohl mein Horizont natürlich beschränkt ist, wage
ich die Aussage: Da steckt eigentlich alles drin.
Unbedingt nur Stück für Stück lesen - und - auch die
einzelnen Kapitel - nicht "vor der Zeit"!
(75) Theseus Verlag, Berlin; verschiedene
Auflagen
|