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11. Buddhismus und westliche Erkenntnis
Die mehr als hundertjährige Buddhismus-Rezeption
im Westen hat immer wieder dazu geführt, dass Menschen
enorme Überschneidungsbereiche zwischen westlichen
und buddhistischen Lehren entdeckten - und zwar von
höchst verschiedenen wissenschaftlichen Standpunkten
aus! Es gleicht ein bisschen der Parabel von dem Hasen
und dem Igel: Der Buddhismus war immer schon vorher
da, so sehr die westliche Wissenschaft auch fortschreitet.
Mittlerweile gibt es Stimmen, die vor einer Vereinnahmung
des Buddhismus als Beleg für diese oder jene Theorie
warnen. Sie haben in gewissem Umfang recht; denn der
Buddhismus hat ein ganz anderes Wissensleitbild (siehe
rechte Spalte). Dies führt regelmäßig zu Missverständnissen.
In gewissem Umfang liegt dem Hasen-und-Igel-Phänomen
jedoch auch etwas anderes zugrunde: Erstens ist der
Buddhismus nicht monolithisch, sondern in sehr verschiedene
Denkrichtungen zu unterteilen; deswegen lassen sich
zwar nicht für jede Aussage, aber doch für ein breites
Spektrum von Aussagen buddhistische Belegstellen finden.
Zweitens müssen wir uns vor Augen führen, dass im
buddhistischen Kulturraum 2500 Jahre darauf verwendet
worden sind, anhand der buddhistischen Überlieferung
Menschen in ihrer inneren Welt besser zu verstehen;
andere Betätigungsfelder wie die Erschließung der
äußeren Welt durch Wissenschaft oder Eroberung
wurden nicht beackert. Die ganze Energie der Buddhisten
floss also in die Erschließung der inneren Welt, während
im Westen - von einigen Intermezzi wie dem Frühchristentum
und dem Hochmittelalter abgesehen - der umgekehrte
Weg eingeschlagen wurde. Wenn man sich dies klar macht,
verwundert es nicht, dass Buddhisten in ihrem Gebiet
teilweise mehr empirisches Wissen angesammelt haben
als die westliche Kultur. Dieses eher intuitive Wissen
sucht nur eingeschränkt nach kausalen Erklärungsmustern
und erfüllt daher nicht unsere Kriterien für Wissenschaftlichkeit.
Langsam begibt sich selbst unsere Ersatzreligion Wissenschaft
genau auf die Spur dieses intuitiven Wissens, um es
zunächst statistisch und dann auch kausal-erklärend
zu erschließen. Es ist anzunehmen, dass diese Bewegung
auch immer weiter die Wissensbereiche erschließen
wird, die aus westlich-rationaler Sicht noch mit dem
bei uns abwertenden Attribut magisch belegt werden
(während übrigens aus der traditionellen buddhistischen
Sicht keine Unterscheidung zwischen dem von uns als
magisch bzw. intuitiv bezeichnetem und normalem Wissen
möglich bzw. sinnvoll ist). Ob und - falls ja: wann
- dieses Aufsaugen des intuitiven Wissens durch den
westlichen Wissenschaftsbetrieb abgeschlossen wird,
vermag ich nicht abzuschätzen. Gehen wir davon aus,
dass das buddhistische Erfahrungswissen (wie z.B.
derzeit auch das Naturwissen der Alpenbauern) die
Wissenschaft noch auf so manche spannende Fährte locken
wird!
Folgendes ist allerdings nachzutragen: Buddhistische
Lehrer weisen immer wieder darauf hin, dass dieses
für Menschen aus dem Westen besonders faszinierende
intuitive Wissen kein Selbstzweck ist und nicht der
Grund für die Beschäftigung mit Buddhismus sein sollte!
Buddhismus wird auch nicht als das richtige Instrument
gesehen, wenn man (nur) über die Meditation und die
Auflösung starrer Denkstrukturen eine Reaktivierung
derjenigen (möglicherweise existierenden) Sinne erreichen
will, die zu nutzen der Mensch in unserer Zivilisation
verlernt hat, wie z.B. den Magnetsinn. Buddhismus
möge also bitteschön nicht als Instrument für diese
Zwecke gesehen werden!
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Zur Vertiefung
War Buddha Philosoph? Dem historischen Buddha war
nicht an Erkenntnis gelegen, sondern an Erlösung
bzw. Befreiung. Indologen gilt er denn auch
eher als "Erlösungspragmatiker" und nicht
als Philosoph, schreibt Hans Gruber in seiner Einführung
in den reformierten Theravada-Buddhismus: Kursbuch
Vipassana, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt
a.M. (verschiedene Auflagen), S. 17.
Etwas vereinfacht gesprochen: Das westliche Denken
entwickelt fortwährend Modelle zur Abbildung der als
außenstehend gedachten Wirklichkeit; es überprüft
und verwirft sie bei funktionaleren Alternativen wieder.
Ziel ist die bessere Orientierung mithilfe der Modelle
- sei es in Alltagsfragen, sei es in Fragen des Wissenschaftsbetriebs.
Dieses westliche Wissensleitbild franst dort etwas
aus, wo ein Beobachten ohne Einwirken auf den zu beobachtenden
Prozess nicht möglich ist. Diese Interaktion sprengt
seit einigen Jahrzehnten das westliche Wissenschaftsdenken.
Genau dort setzt die buddhistische Wissensphilosophie
an (wobei westliche Erkenntnisse freilich stets interessiert
zur Kenntnis genommen werden). Es gebe kein Subjekt,
das von dem vom zu beobachtenden Objekt getrennt ist
(insofern noch ähnlich: Kant und der Idealismus).
Man ist immer selber (als scheinbarer Beobachter)
letztlich Teil des sich so oder so von selber entspinnenden
Weltgeschehens; und die eigene Perspektive ist notgedrungen
sehr begrenzt. Feststehende Aussagen - selbst die
auf einer Meta-Ebene! - sind daher zu hinterfragen.
Allenfalls sinnvoll ist es, sich meditativ als Teil
des Ganzen in das Ganze hineinzufühlen. Die Frage
nach der Wahrheit einer Aussage oder einer
ganzen Philosophie verliert ihren Sinn, zumal wenn
ihre Beantwortung per se für unmöglich gehalten wird.
Ein Teil des Buddhismus geht radikal-pragmatisch
weiter, da wir nun einmal kein absolutes Wissen erwerben
können: Was hindert uns daran, ein Weltbild zu entwickeln,
welches positiv auf uns wirkt, weil es uns Halt vermittelt,
tröstet oder innerlich stärkt? Warum soll nicht das
Weltbild als Mittel zur Beförderung der Befreiung
eingesetzt werden? Eine Anekdote zur Illustration:
Der 16. Karmapa, ein dem Dalai Lama vergleichbarer
Lehrer, war auf einer seiner ersten Reisen in den
Westen versucht, in einem öffentlichen Vortrag die
Erde als Scheibe darzustellen und derart mit Mond
und Sternen in Verbindung zu setzen. So sehr wir darüber
schmunzeln: Es ging dem 16. Karmapa vermutlich um
die Vermittlung eines Bildes von der Welt, welches,
wenn wir es in unserem Geist hervorrufen, eine
positive, mindestens beruhigende Wirkung auslöst.
Pragmatisch gesehen hatte er also recht, auch wenn
wir das aus unserer Sicht vor-ptolomäische Bild von
der Erde als Scheibe vielleicht nicht der NASA empfehlen
wollen.
Ein weiterer Unterschied war lange Zeit folgender:
Während die westliche Wissenschaft tendenziell auf
Unterschiede und Abgrenzungen Wert gelegt hat, betonte
der Buddhismus die inneren Verbindungen der Dinge.
Durch ersteres entsteht ein aufgefächert-analytisches,
durch letzteres ein eher konzentriert-synthetisches
Weltbild.
Halten wir fest: Der westliche Wahrheits- und Wissenschaftsbegriff
macht aus buddhistischer Sicht nur eingeschränkt Sinn.
Ein Teil des Buddhismus setzt Weltbilder als Mittel
zur Befreiung ein. Dessen ungeachtet gibt es
durchaus Bereiche, in denen auch Aufklärung in unserem
Sinne durch buddhistisches Erfahrungswissen befördert
wird, wie z.B. im Bereich der Psychologie. Das buddhistische
Wissen um die Funktionsweise des menschlichen Geistes
ist denn auch ein starker Anziehungsfaktor selbst
für Menschen, die keine Befreiung oder ähnliches suchen,
sondern sich oder andere Menschen einfach nur besser
verstehen wollen; zurecht, wie ich meine.
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